03.03.1954

SCHACH / INTERNATIONALESBronstein oder Bordell?

Seit über einem halben Jahrhundert veranstaltet jeweils nach Neujahr der Schachklub von Hastings (wo Normannenherzog Wilhelm 1066 die Angelsachsen schlug) ein internationales Turnier für zehn Teilnehmer, das allmählich zum wichtigsten Schachereignis des Britischen Reiches geworden ist.
In Vorbereitung des Turniers von 1954 hatte P. J. Morren, Vorsitzender des Klubs, bei 25 führenden Spielern der Welt vorgefühlt. Einer alten Tradition entsprechend, fragte er auch bei den Russen an. Sie waren 1934 zum letztenmal in Hastings erschienen. Für 1946, als die anglo-russische Waffenbrüderschaft noch frisch war, hatten sie zwar zugesagt, waren aber nie erschienen und hatten sich auch nicht entschuldigt. Den Ausfall machte damals bis zu einem gewissen Grade ein gleichzeitig mit den Russen eingeladenes Wunderkind aus Spanien, der 14jährige Arturito Pomar, wett. Die gesamte Schachwelt bestaunte ihn damals.
Auch jetzt ließen sich die Russen eine klare Antwort schwer abringen. Neujahr rückte nahe. Morren beauftragte daher den neuen Manager seines Klubs, Frank Rhoden, dem katalanischen Meister Roman Bordell ein festes Angebot zu machen. Man offerierte ihm - im Schach geht es bescheiden zu - ein Honorar von zehn Pfund (117,50 Mark) und freien Aufenthalt. Die Fahrt, so hofften die Engländer, würde ihm der spanische Schachverband bezahlen.
Zwei Tage später blitzte es in Hastings. Der Klub wurde plötzlich von der Sowjetbotschaft verständigt, daß zwei russische Großmeister, Bronstein und Toljusch, kommen wollten. Das Angebot, das Hastings ihnen gemacht hatte - kein Honorar, aber freie Fahrt ab Eisernem Vorhang und zurück - sei ihnen recht.
Hastings tobte vor Begeisterung. Der Klub selbst konnte seine Turniere nie allein finanzieren. Er erhält Zuschüsse der Stadtverwaltung, die über den Etat für Fremdenverkehrswerbung verbucht werden.
Die Zusage russischer Schachmeister von Weltformat war in England eine Sensation. Aber wenn der Spanier Bordell das Angebot ebenfalls annahm, hätte Hastings elf Spieler gehabt, statt der vorgeschriebenen zehn. Auf die Russen jedoch wollte man um keinen Preis verzichten. Klub-Vorsitzender Morren beauftragte darum den Manager Rhoden, das zwei Tage vorher brieflich abgegangene Angebot an den Spanier telegraphisch zu stornieren. Das geschah.
Die Hoffnungen, die Hastings auf die Russen gesetzt hatte, erfüllten sich. Das Erscheinen von Bronstein und Toljusch wurde nicht nur als Schachsensation gewertet, sondern auch als Politikum, als Zeichen tauenden Eises auf der Moskwa.
Also rollten die Fernsehkameras in Hastings an. BBC brachte Reportagen. Die Tageszeitungen, die Sonntagsblätter, die Wochenmagazine und Illustrierten veröffentlichten lange Berichte. Die Presse in der ganzen Welt sprach von Hastings - die Publizität, die die Russen dem Ort verschafften, war schlechthin überwältigend. "Unser größtes Ereignis seit 1066", freute man sich im Fremdenverkehrsverein.
Als besondere Sensation zog der Spieler Charles O'Donnell Alexander - ein Ire, der im Foreign Office Geheimkodes zu dechiffrieren hat - mit Bronstein, dem Anwärter auf die Weltmeisterschaft, gleich. Sie belegten zusammen den ersten Platz und überschütteten sich gegenseitig mit ausgesuchten Komplimenten. Englischer Löwe und russischer Bär schienen Arm in Arm zu wandeln. Beim Abschied überreichte Bronstein der Turnierleitung sogar einen ansehnlichen Scheck. Es habe ihm so
gut gefallen, sagte er. Und er wolle doch bei der Deckung der Unkosten helfen.
Dann schlugen jedoch zwei weitere Blitze ein, einer in Moskau, der andere in Madrid:
* In Moskau veröffentlichte die "Literaturnaja Gaseta" einen Brandangriff auf den 29jährigen Bronstein. Er sei "selbstgefällig und eingebildet", bereite sich nicht ernst auf die internationalen Turniere vor und kehre daher nicht als Sieger heim.
* In Madrid gab die Federación de Ajedrez, der spanische Schachverband, bekannt, sie habe bis auf weiteres die Beziehungen zur englischen Bruderorganisation abgebrochen, weil sie den spanischen Meister Bordell vom Turnier ausgeschlossen habe, um politischen Wünschen der Russen nachzukommen.
Die Moskauer Attacke ließ Hastings ungerührt, weil man dort nichts von ihr erfuhr. Der Abbruch der Schach-Beziehungen mit Spanien aber bestürzte und verblüffte am Kanal. "Bei der Stornierung unseres Angebots habe ich doch kein Wort von den Russen gesagt", beteuerte Morren dem englischen Schachverband und den Spaniern.
Madrid beharrte auf seiner Version und schickte zum Beweis einen Originalbrief nach Hastings zurück, den Manager Rhoden ohne Wissen seines Vorsitzenden an die Federación geschickt hatte. Darin erklärte er, er habe die Einladung an Bordell zurücknehmen müssen, weil die Russen sich weigerten, zusammen mit Franco-Spaniern an einem Turnier teilzunehmen.
"Von diesem Brief", sagte Klub-Vorsitzender Morren, "habe ich nichts geahnt. Rhoden macht ja bei seiner Korrespondenz nie Durchschläge! Erstens stimmt es nicht,
was Rhoden da behauptet. Und zweitens war es jedenfalls überflüssig, so etwas zu schreiben! Das Telegramm hätte genügt."
Manager Rhoden berief sich darauf, der neuseeländische Schachmeister R. G. Wade habe ihm erzählt, 1950 sei auf dem internationalen Schachkongreß in Kopenhagen der russische Großmeister Alexander Kotow an ihn herangetreten und habe ihn gefragt: "Warum haben Sie denn (1946) den kleinen Pomar unseren russischen Großmeistern vorgezogen?" Darum, gab Wade zu, habe er Rhoden den Rat erteilt, nicht zu versuchen, Spanier und Russen an einem Schachbrett zusammenzubringen.
Rhoden überlegte nicht, ob für die Russen 1954 noch galt, was sie 1950 geäußert hatten. Obwohl die Russen jetzt überhaupt keine Bedingungen gestellt hatten, schrieb er den ehrversessenen Spaniern seinen insultierenden Brief. Rhoden wollte die unangenehme telegraphische Stornierung damit erklären. Aber wie es mit so vielen "Erklärungen" geht, machte sie die Sache nur schlimmer.
In London war man über die Angelegenheit betreten. Englands Schachspieler werden das unangenehme Gefühl nicht los, sich gegenüber den Spaniern nicht sehr gentlemanlike betragen zu haben. P. S. Milner-Barry, ein englischer Schachmeister, schrieb an die "Times", er habe mit niemand in England gesprochen, der die ganze Angelegenheit nicht bedaure.
Der Streit um Gibraltar wird noch lange schwelen. Der Schach-Zank zwischen den beiden Ländern wird aber nach englischer Auffassung bald beigelegt sein, denn die Spanier haben doppelte Satisfaktion erhalten:
Morren hat der Federación bereits zwei Briefe geschrieben, in denen es von Ausdrücken der Entschuldigung und des Bedauerns nur so wimmelt. Der englische Schachverband hat darauf hingewiesen, daß er keinerlei Einfluß auf das Turnier von Hastings ausübt und daher an der Angelegenheit unbeteiligt war.
Auf dem Umweg über den argentinischen Schachverband haben die Russen die Federación wissen lassen, sie hätten nichts gegen die Spanier als Schachgegner einzuwenden und würden sich freuen, sich bei einer anderen Gelegenheit mit ihnen in olympischem Geiste messen zu dürfen.

DER SPIEGEL 10/1954
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