31.03.1954

THÄLMANNMit kernigem Silberblick

Ein aus dem Fenster herabrasselnder Kohleneimer trifft auf ein Maschinengewehr, und drei deutsche Soldaten bleiben tot liegen. Diese blutige Filmszene löst Heiterkeit und hellen Jubel im Parkett aus. Denn der Eimer, von proletarischer Hand geschleudert, gehört zum Hamburger Kommunistenaufstand vom Oktober 1923, der, in Agfacolor heroischgenießerisch ausgemalt, einen guten Teil des Thälmann-Films der ostzonalen Defa einnimmt. Samt ziemlich aller übrigen Ost-Prominenz kamen auch Ulbricht, Pieck und Grotewohl zur Uraufführung von "Ernst Thälmann, Sohn seiner Klasse" in den Ostberliner Friedrichstadt-Palast geströmt.
Daß die Revolte von damals im Sande verlief, übertönt der Film mit beachtenswerter Propaganda-Wucht. Der Hamburger KP-Führer, von dem sächsischen Bühnenschauspieler Günther Simon mit kahlgeschorenem Schädel, kernigem Silberblick und fast durchweg geballter Faust verkörpert, stampft trotz des historischen Mißerfolgs von Triumph zu Triumph. Der Soldat Thälmann beendet zunächst mit einem entschlossenen "Schluß" den ersten Weltkrieg, indem er seinem Hauptmann die Schulterstücke vom grauen Rock reißt. Später geht Thälmann über die Hamburger Werft, und alle Genossen lassen die Arbeit ruhen, um ihm zuzuhören.
Thälmann liest Nächte hindurch (getreu der heutigen FDJ-Parole: "Lernt und studiert, wie Ernst Thälmann gelernt und studiert hat"), vernichtet die weniger radikalen Genossen mit wenigen Worten und macht als ehemaliger Transportarbeiter eben mal vor, wie man Mehlsäcke schultert. Der geniale Stratege des Bürgerkriegs Thälmann beugt sich erfolgreich über Stadtpläne und entwaffnet mit einem Scherzwort jenen Reichswehroffizier, der ihm, Pistole im Anschlag, unerwartet gegenübersteht.
Trotz solcher Pracht läßt sich eine verfahrene Revolte nicht zur großen Revolution umdichten. Aber auch der Rückzug Thälmanns ist auf seine Art hervorragend, verlustlos und geordnet.
Die Vorgeschichte und den parteipolitischen Hintergrund des Aufstands hält der Film in mißmutigem Nebel. Man versteht sehr wohl warum, wenn man die US-amtliche "Neue Zeitung" vom 12. März liest. "Die Historiker des Kommunismus", schreibt der anonyme NZ-Kommentator, "sind sich alle darüber einig, daß dieser Aufstand gegen den Willen der Partei erfolgte und daß sein Ursprung dem Bereich des Tragikomischen angehört. In der damaligen Periode der Weimarer Republik ... sollte eine von den Kommunisten beherrschte Konferenz der Betriebsräte in Chemnitz das Signal zum Aufstand geben.
Im Gegensatz aber zu den Erwartungen der KP war die Mehrheit der Teilnehmer nicht bereit, zur Revolution aufzurufen. Infolgedessen beschränkte sich die Konferenz auf Proteste.
"Bevor aber die Debatten zum Abschluß kamen und mit einer negativen Entscheidung in bezug auf den Aufstand endeten, fuhr der für Hamburg eingesetzte Kurier mit dem Aufstandsbefehl ab, da er als selbstverständlich annahm, die Konferenz werde einen Revolutionsbeschluß fassen. Der Versuch, ihn zurückzuholen bzw. eine Gegenorder zu geben, mißlang. Infolge dieser seltsamen Groteske brach der Aufstand in Hamburg am 23. Oktober los.
"Der erste Sekretär der damaligen Hamburger KP, Hugo Urbahns, der später vom Reichsgericht verurteilt wurde, konnte erst in der Nacht vom 22. zum 23. Oktober Hamburg erreichen. Er versuchte sofort, in Ausführung der Parteibeschlüsse, den Kampf zum Stillstand zu bringen. Da der größte Teil der Hamburger Arbeiterschaft dem KP-Unternehmen teilnahmslos gegenüberstand, brach der Aufstand nach wenigen Stunden ... zusammen. Dies sind die Tatsachen, über die sich auch die Initiatoren des Thälmann-Films klar sind."
Die sowjetamtliche "Tägliche Rundschau" widerspricht der US-amtlichen "Neuen Zeitung" da gar nicht so strikt, wie es zunächst den Anschein hat. Die Fakten, die beide Blätter anführen, gleichen einander beinahe, nur die Beleuchtung wechselt. Auch W. Stiebitz in der "Täglichen Rundschau" berichtet von jenem Urbahns, der die Revolte abgeschaltet habe, nennt aber seine Direktiven "verräterisch" und trägt nach, Urbahns sei später als "Parteifeind" aus der KPD verstoßen worden.
Schwammig, töricht und verächtlich wirkt das Gros der SPD-Führer im Thälmann-Film, diabolisch-kriminell hingegen wüten Freikorps-Führer und Reichswehroffiziere. Die Offiziere geben sich nach Berliner Nachkriegsbegriffen wie die Russen. Emsig vergewaltigen sie Arbeitermädchen und -frauen. Eine brave Proletarierin rettet nur der tödliche Sprung aus dem Fenster vor gierigen Hauptmannshänden.
Als stumme, ziemlich hilflose Statisten stehen um Lenin in einer Kreml-Szene herum: Pieck, Ulbricht und Stalin. Der deutsche Reichspräsident Ebert, Vater des gegenwärtigen Oberbürgermeisters von Ostberlin, erscheint als halbwegs menschlicher Waschlappen, der sich, immerhin mit zartem Widerstreben, von Amerikanern und rechtsradikalen Deutschen benutzen läßt.
Das "literarische Szenarium" des Thälmann-Films, an dem die Autoren Willi Bredel und Michael Tschesno-Hell drei Jahre lang geknetet haben, ist ein ungemein primitives und zähes Lesestück. Das fertige Mammut-Filmwerk aber, dessen Kosten auf 6,3 Millionen Ostmark geschätzt werden, hat der Vorlage manches an Raffinesse voraus: Die optische Begabung des Regisseurs und "Nationalpreisträgers" Dr. Kurt Maetzig, sein Sinn für boshafte Details machen die gigantische Haß- und Feiermaschinerie stellenweise erträglich.
Die filmischen Mittel dieser Maschinerie wurden in einem Presseheft des Progreß-Verleihs einigermaßen offenherzig ausgebreitet. Einer der Kameraleute erzählte, man habe vorher beschlossen, "grundsätzlich die grüne Farbe nicht bei positiven Gestalten" und Ereignissen zu benutzen und natürlich die rote Farbe niemals bei negativen. Die Nicht-Kommunisten habe man jeweils "etwas höher als in Augenhöhe" aufgenommen, Thälmann hingegen möglichst von unten, um "durch den tieferen Kamera-Standpunkt das gesprochene Wort zu unterstützen".
Willi Bredel habe sich monatelang standhaft geweigert, das Drehbuch für diesen
Film zu verfassen, berichtet die "Neue Zeitung". Schließlich sei er von der SED dazu gezwungen worden und habe sogar bis zur Vollendung der Arbeit eine Art Hausarrest verschrieben bekommen. Dies alles darum, nimmt die "Neue Zeitung" an, weil Walter Ulbricht für die Ermordung Ernst Thälmanns im NS-KZ mitverantwortlich sei. Ulbricht, behauptet das Blatt, habe sowohl die stille Freilassung Thälmanns abgelehnt - "Teddy soll die Sache des Kommunismus vor Gericht verteidigen" - als auch einen gewaltsamen, schon durchgeplanten Befreiungsversuch seitens der KP von Paris aus verboten.
Ulbricht seinerseits preist in einem Vorwort zu Bredels Thälmann-Biographie das Ausharren "Teddys" als dessen eigene Charakterstärke: "Während Paul Löbe und Severing vor Göring kapitulierten und für ihr Verhalten Pension bezogen, blieb Thälmann standhaft." Diese Problematik
muß aber erst Teil II des Films verkraften, der "Ernst Thälmann, Held seiner Klasse" heißen soll.
Vorerst gilt es, die "DDR"-Bewohner mit Teil I bekannt zu machen Schon wenige Tage nach der Premiere wurden aus allen Teilen des Landes ergreifende Besucherzahlen gemeldet.
Von einer Reise durch die Ostzone, die "einer Triumphfahrt gleichkam", erzählte Regisseur Maetzig der "Täglichen Rundschau": "Ein junges Mädchen sagte zu mir: 'Als ich nach Hause ging, fühlte ich mich so froh und so kräftig.' Das ist ja das Ziel, das wir mit diesem Film erreichen wollen. In verschiedenen Dörfern hörten wir mit großem Erstaunen, daß viele Bauern besondere Produktionsverpflichtungen zu Ehren dieses Films übernommen haben. Auch viele Junge Pioniere haben Verpflichtungen übernommen, besser zu lernen, Altstoffsammlungen durchzuführen und anderes."

DER SPIEGEL 14/1954
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