05.05.1954

KIRCHENSTEUER

Wir treten aus

Die Bauern des 100-Seelen-Dorfes Predöhl im niedersächsischen Zonengrenzgebiet haben es mit ihrer Dickschädeligkeit bewiesen: Die Kirche läßt mit sich handeln und nimmt auch einen Prestigeverlust hin, wenn es darum geht, vom Wege abgeirrte Gläubige wieder in den Schoß der Gemeinde zurückzuführen.

Bis zum 14. Juli 1950 wußten die Predöhler nur vom Hörensagen aus den Nachbardörfern, daß der Segen der hannoverschen Landeskirche mit der Verpflichtung gekoppelt ist, neben der allgemein üblichen (Landes-) Kirchensteuer auch noch Ortskirchensteuer zu zahlen*). Selbst die Ältesten des Dorfes können sich nicht mehr daran erinnern, daß von den Predöhlern jemals Ortskirchensteuern verlangt, geschweige denn gezahlt worden waren.

Trotzdem waren sie alle Glieder der evangelisch-lutherischen Gemeinde und fanden sich regelmäßig mit ihrem Gesangbuch zum Gottesdienst in der Predöhler Dorfkirche ein. Warum das so billig ging, wußte niemand. Die Predöhler Bauern machten sich auch keine Gedanken darüber.

Sie schrieben diesen steuerfreien Umstand ihrem "guten Stern" zu, "dem wir es auch verdanken, daß keiner unserer Väter und Söhne im Kriege gefallen ist oder auch nur verwundet wurde". Der Glaube an Predöhls guten Stern wurde

erst an jenem 14. Juli 1950 erschüttert, als Dorfgeistlicher Pastor Ludewig seine Bauern aus heiterem Himmel mit einem Kirchensteuerbescheid überraschte: zehn vom Hundert der Grundsteuer-Meßbeträge und drei Mark festes Kirchgeld pro Steuerjahr.

Solch unerwartete Forderung des Predöhler Kirchenvorstandes wurde im Dorfkrug von den Bauern heftig diskutiert, und Gemeindedirektor Ludwig Lipp verkündete schließlich das Ergebnis der Beratungen: "Von uns kriegen die nichts!"

Mit Direktiven der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers ausgerüstet, versuchte Pastor Ludewig nun von der Kanzel herunter, den Bauern klarzumachen, daß ihre Weigerung, Ortskirchensteuer zu zahlen, unchristlich sei. Er erreichte damit, daß Predöhls Bauern unter Anführung des Gemeindedirektors Ludwig Lipp und des Bürgermeisters Hermann Schulz nach der Feldarbeit intensiv Heimatforschung betrieben, um herauszubekommen, warum sie eigentlich seit undenklichen Zeiten keine Ortskirchensteuern zahlten.

Tatsächlich fand Ludwig Lipp in den seit Jahrzehnten unberührten verstaubten Gemeindeakten ein vergilbtes Schriftstück aus dem Jahre 1764. In kaum noch lesbarer Schrift wurde damals den Predöhler Bauern durch das Amtsgericht Lüchow die Befreiung von kirchlichen Lasten zugebilligt.

Dafür hatten sie einst des Predigers und des Küsters Kühe kostenlos auf der Gemeindewiese weiden lassen und darüber hinaus die Verpflichtung übernommen, für die "leibliche Ernährung" des Pastors und die bauliche Unterhaltung von Kirche und Pfarrhaus zu sorgen.

Solche Art Aufrechnung der gegenseitigen Forderungen wollte aber Pastor Ludewig

jetzt nicht mehr gelten lassen. Denn weder schickte er seine Kühe auf die Gemeindeweide, noch lieferten ihm die Bauern Korn oder andere Naturalien. Daß die Kirche aber nach wie vor verhältnismäßig hohe Naturalrechte gegen die kleine Gemeinde geltend machte und die Predöhler Bauern beispielsweise immer noch Kirche und Pfarrhaus instand zu halten hatten, das bedachte Pastor Ludewig nicht.

Gemeindedirektor Ludwig Lipp beharrte: "Wenn die Bibel, die ja viel älter ist als die Vereinbarung von 1764, heute noch Gültigkeit besitzt, dann besteht auch unsere Befreiung von kirchlichen Lasten noch zu Recht. Die glauben an die Bibel und wir an unser Schriftstück von 1764."

Um juristische Klarheit zu schaffen, beauftragten die Predöhler Bauern Rechtsanwalt Hermann Krebs in Lüchow, gegen die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers Klage zu erheben. Sie fühlten sich in ihren Rechten bedroht.

Nach gründlichem Studium der Unterlagen kam Anwalt Hermann Krebs nun zu der Erkenntnis, daß die Vereinbarung von 1764 kein ewig gültiges Gesetz darstellte, sondern auf einer gerichtlichen Entscheidung beruhte, die nicht die Befreiung von einer Abgabepflicht an die Kirche für alle Zeiten zum Gegenstand hatte.

Vielmehr war am 24. Juli 1764 zwischen den Kirchenjuraten zu Predöhl und den Eingesessenen zu Predöhl nur die strittige Frage zum Austrag gebracht worden, ob die Gemeinde Predöhl berechtigt war, "Weidegeld für des Predigers und des Küsters Vieh" zu verlangen.

Rechtsanwalt Hermann Krebs ließ also die Bauern wissen, daß alle bisherigen Befreiungen von kirchlichen Abgaben durch die "Notverordnung betreffend Einführung einer Landeskirchensteuer" der Evangelisch - Lutherischen Landeskirche vom 1. Februar 1949 aufgehoben worden seien.

Als dann auch noch die Landeskirche Hannovers gutachtete: "Es kann dahingestellt bleiben, ob die Nichtheranziehung (zur Ortskirchensteuer) bisher mit Recht geschehen ist oder ob sie auf einem Rechtsirrtum beruht hat", teilte Anwalt Krebs den Bauern mit, daß die Klage, die schon von siebzehn Predöhlern unterzeichnet war, etwa 1000 Mark an Gebühren kosten werde.

Diese runde Summe schreckte die Bauern und drohte die bäuerliche Einheitsfront gegen die Ortskirchensteuer zu sprengen. Da kam Gemeindedirektor Ludwig Lipp der rettende Einfall, wie er auf billigere Art die Rechtslage zu seinen und der Predöhler Bauern Gunsten klären könnte: "Wir treten aus der Kirche aus."

Einen Tag vor Weihnachten 1951 verluden denn auch acht Predöhler Bauern ihre Familien auf Pferdefuhrwerke und knatternde Bulldozer und zogen in geschlossener Kolonne über die vierzehn Kilometer Kopfsteinpflaster nach Lüchow vor das Amtsgericht, um ihren Austritt zu erklären. So kam es, daß die hannoversche Landeskirche nicht nur weiterhin auf die Ortskirchensteuer der Predöhler, sondern nunmehr auch auf die von jenen acht Bauern bis zu diesem Zeitpunkt pünktlich entrichtete Landeskirchensteuer verzichten mußte.

Am Heiligen Abend konnte Pastor Ludewig nur vor den in Predöhl ansässigen Flüchtlingen predigen. Bürgermeister Schulz kochte derweil Sirup, und auch die anderen Bauern waren zu Hause geblieben.

Daß er fortan auf verlorenem Posten stand, merkte Pastor Ludewig noch deutlicher, als er die Gemeinde um eine Fuhre Sand für den Spielkasten seiner Kinder bat. Tags darauf kutschierten die Predöhler

Bauern vierzig Fuhren Sand unter Ludewigs Fenster vorbei. Der Pastor jedoch bekam keine.

Der Konflikt wuchs sich zur offenen Fehde aus, als Pastor Ludewig den Bürgermeister Schulz wegen Sirupkochens von der Kanzel herunter zurechtwies und Hermann Schulz daraufhin als Gegenmaßnahme dem Pastor das Betreten seines Hauses verbot.

Von nun an gingen die Predöhler Aufsässigen grußlos an ihrem Seelsorger vorbei. Ludwig Lipp: "Wohin er auch blickte, er sah keine Gläubigen mehr." Diesem Widerstand war Pastor Ludewig nicht gewachsen. Er ließ sich versetzen. Seitdem steht das Pfarrhaus in Predöhl leer: "Wir haben ihn aus dem Dorf geekelt."

Bis Anfang 1954 hatten die Bauern Ruhe. Dann kam Pastor Otto aus Lüchow herübergeradelt, um den Predöhler Bauern ins Gewissen zu reden. Es sei immer eine Dummheit, aus der Kirche auszutreten, meinte Pastor Otto, der eine glücklichere Hand hatte, mit den querköpfigen Predöhlern umzugehen, als Pastor Ludewig. Den Argumenten Ottos zeigten sich die Bauern aufgeschlossen; als er aber das Gespräch vorsichtig auf die Kirchensteuern lenkte, winkten sie ab: "Davon wollen wir nichts wissen."

Pastor Otto blieb hartnäckig. Mit pastoralem Geschick handelte er buchstäblich um jede Seele. Von der Landeskirche "angeregt, eine Brücke zu schlagen", machte er den Predöhlern für den Wiedereintritt in die Kirche das Angebot, daß ihnen für die Dauer von fünf Jahren die Hälfte der Ortskirchensteuer erlassen werde.

Als Ludwig Lipp dann nach zweistündiger Debatte wiederum den vergilbten Schrieb aus dem Jahre 1764 hervorkramte und einen Anlauf nahm, um die vermeintlichen Rechte der Bauern durchzusetzen, war auch Pastor Otto am Ende seiner Kraft. Er gestand den Predöhlern zehn Jahre mit 50prozentiger Ortskirchensteuer-Ermäßigung zu.

Nun sind sie alle wieder in die Kirche eingetreten.

*) Persönliche Steuer, die im Bereich der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers "nach Maßgabe des Grundbesitzes oder der Grundsteuer-Meßbeträge oder einem sonstigen von der Größe oder dem Wert des Grundbesitzes abhängigen Maßstab ..." von Grundbesitzern erhoben wird.

DER SPIEGEL 19/1954
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