12.05.1954

COHN & SCHINEMcCarthys Lotsenfische

Niemals zuvor in der Geschichte der (regelmäßigen) Pressekonferenzen des Präsidenten gab es eine solche Szene", meinte der Korrespondent der "New York Herald Tribune". Das Gesicht Dwight D. Eisenhowers lief rot an. Sein Kinn zitterte. Er ballte die Fäuste, bis die Knöchel weiß wurden. Die Sprache versagte ihm für einen Augenblick, und seine Augen schimmerten feucht.
Er habe nie von diesem Soldaten gehört, preßte er endlich hervor, nein, nie von ihm gehört. Die versammelten Journalisten brachen in Gelächter aus. Es war purer Hohn. der dem ersten Manne des mächtigsten Landes der Geschichte entgegenschlug. Eisenhowers Gesicht wechselte die Farbe. Er wolle von der "Sache" nicht sprechen, würgte er mit erstickter Stimme hervor, er hoffe nur, daß sie bald erledigt sei. Dann drehte er sich auf dem Absatz herum und verließ den Raum.
Die ganze Welt hörte von dem Soldaten, über den sein oberster Befehlshaber nichts wissen wollte. Es handelt sich um Gerard David Schine, den ersten Gemeinen aller toten und lebenden Armeen, der interkontinentale Berühmtheit nicht in der Literatur, sondern in der Wirklichkeit erlangte.
Die "Sache", die Eisenhower erröten ließ, ist der Streit um den Soldaten Schine, ein krauser Skandal, der seit zwei Wochen
auf Millionen Fernsehschirmen durch Amerika dröhnt und flimmert und - wie der Londoner "Daily Mirror" glaubt - "diese Nation zum Affen macht - , zu einem schändlichen Affen obendrein".
Schwitzende Männer im grell erleuchteten marmor-getäfelten Versammlungsraum des Washingtoner Kapitols kläffen sich an, hauen auf die Tische und zeihen einander des Betruges, um im nächsten Augenblick in wiehernde Heiterkeit auszubrechen.
Da hockt Joseph McCarthy, geduckt, lauernd, an einem Ende eines langen Tisches voller Mikrophone und Papiere. Er springt auf, protestiert, schneidet Grimassen. Aber ihm gegenüber kauert kein zagendes Opfer seines unermüdlichen Verdachts, kein kommunistisch infizierter Dentist und keine verseuchte Amtskantinen-Kellnerin. Dort sitzen die Vertreter der U.S. Armee: der Armee-Minister Robert Stevens und seine Mitarbeiter, darunter der versteinert vor sich starrende General und Armee-Stabschef Matthew Bunker Ridgway.
McCarthy, der Inquisitor, ist angeklagt. Er lernt jetzt seine eigene daseinsfüllende Beschäftigung, das Verhören, von der passiven Seite her kennen. Er wird von der Armee beschuldigt, erpresserischen Druck auf die Armeeführung ausgeübt zu haben, um eine Sonderbehandlung für seinen Assistenten Schine zu erzwingen. McCarthy dagegen hat der Armee vorgeworfen, den Rekruten Schine "als Geisel" benutzt zu haben, um ihn von der Fahndung nach kommunistischer Infiltration in der Armee abzuhalten. Beide haben die Beschuldigungen gegen sich unter Eid als "Lüge" verdammt.
Jetzt untersucht McCarthys eigener Parlaments-Ausschuß - von dem er für die Dauer des Verfahrens zurücktreten mußte - , "wo die Wahrheit in dieser ungeheuerlichen Kontroverse liegt", wie es der extra eingesetzte juristische Berater des Ausschusses. Ray Jenkins, ausdrückte.
In den vergangenen beiden Wochen kam in lärmenden Verhören die Wahrheit des Streites um den Soldaten Schine langsam zum Vorschein. Als ihr Clou stellte sich ein kleiner, gedrungener Bursche mit schwarzem Pomadehaar und scheinbar schläfrig herabhängenden Augenlidern heraus, der unruhig neben McCarthy sitzt und dem Senator ins Ohr flüstert.
Es ist der 27jährige Roy Cohn, der Freund des Soldaten Schine. Er entpuppt sich als der Mann hinter McCarthy, als das unansehnliche Genie einer ganz besonderen Art von Macht - der Macht nämlich, die man gewinnt, wenn man
Herr über die Instinkte, die Neigungen und die Triebe eines Mannes wird, der seinerseits ein echtes politisches Phänomen ist.
McCarthy ist ein solches Phänomen, und Cohn wurde Herr über ihn. McCarthy ist als politische Erscheinung der Ausdruck und die Personifikation der Angst Amerikas vor dem Kommunismus und vor anderen weltweiten Bedrohungen.
Die heiße Flamme der Angst war in die Amerikaner gefahren. als Fernost-Asien an den Kommunismus verlorenging, als die Sowjet-Union das Geheimnis der A-und H-Bombe eroberte und als eine Kette von Spionageaffären zeigte, daß weder die Aktenschränke der amerikanischen Regierung noch die der Atomforschung vor dem Zugriff kommunistischer Spione sicher sind.
Amerika stürzte aus dem Himmel des Selbstvertrauens in den Abgrund der Angst. Es verschrieb sich dem Teufelsbeschwörer McCarthy.
So schlug die Stunde des kleinen Cohn. Im Innersten unangerührt von der Hysterie der Angst, auf der anderen Seite unverfroren genug, um die Nutzbarkeit der Angst erkennen zu können, ging er bei dem letzten Endes tumben Hai McCarthy als witterndes und steuerndes Lotsenfischchen in den Dienst. Für eine eigene politische Rolle als Persönlichkeit viel zu unscheinbar, brachte er für den Job des Einflüsterers alle Voraussetzungen mit. Er ist dreist, bedenkenlos und scharfsinnig - ein heller Großstadtjunge, begabt mit einer Portion Frechheit und Grips.
Die "New York Times" meinte - bezugnehmend auf Cohn und seinen Freund Schine - , zwei Schnösel hätten Amerika "am Ohr aufgehängt", und tatsächlich hat die Geschichte, wie der kleine Cohn sich auf die ganz Amerika erschütternde Welle des McCarthyismus schwingen konnte, etwas von entlarvender Komik an sich. Die Geschichte ist so aufschlußreich und so burlesk wie die des Hauptmannes von Köpenick und sagt über die amerikanische Krankheit genau so viel aus, wie einst die Köpenickiade über die "Wilhelminerei" des ausgehenden Preußentums mitzuteilen hatte.
Roy Marcus Cohn ist - genau wie sein blonder Schine - ein enthemmter Auswuchs der amerikanischen Kindererziehung, die darin besteht, den lieben Kleinen das Gängelband schießen zu lassen, damit sie sich in völliger Ungezwungenheit zu possierlichen Familientyrannen und später unter Umständen zu verdrängungsfreien, aufrechten Gliedern der Gesellschaft entwickeln können.
"Roy hat schon als Kind Prügel verdient", sagt ein Bekannter der Familie Cohn, "aber ich bezweifle, ob er jemals welche bekommen hat." Der helle Pennäler Cohn konnte schon von seinem Vater, einem Amtsrichter und demokratischen Parteifunktionär in New York, lernen, welche Strippen man ziehen muß, damit die politischen Puppen tanzen. Der Knabe Roy pflegte bei seinen Klassenkameraden Eindruck zu schinden, indem er den damaligen New Yorker Bürgermeister William O'Dwyer antelephonierte und mit "Bill" anquasselte.
Der frühreife Jüngling machte 20jährig das juristische Examen. Er mußte ungeduldig seine Mündigkeit abwarten und sicherte sich dann 1948 einen Posten als Anwaltsassistent bei der Bundesjustiz in New York. Instinktsicher erspürte er die Zukunftsaussichten der gerade einsetzenden Kommunistenverfolgung, spezialisierte sich auf dieses weite Feld und wirkte emsig bei den Vorbereitungen der Prozesse gegen das Atomspionen-Ehepaar Rosenberg und die führenden KP-Funktionäre New Yorks mit.
Irving Saypol, der Chef Cohns, war verblüfft über den rücksichtslosen Eifer und das Tonband-Gedächtnis des schnellsprechenden jungen Mannes und ernannte ihn, den 23jährigen, zu seinem Privatassistenten. Jetzt erfuhr Cohn genug, um einen Kreis einflußreicher, ultraradikaler Journalisten - unter ihnen den Sensations-Alchimisten Walter Winchell - mit zündenden Tips zu versorgen, damit sie zum Dank etwas für die Förderung Roy Cohns täten. Sie taten es, und eines Tages konnte Cohn nach Washington gehen, um sich als Beamter im Truman-Justizministerium einstellen zu lassen. Er befaßte sich mit der Jagd auf angeblich kommunisten-hörige amerikanische Uno-Angestellte und erklärte einem Kongreß-Ausschuß, seine Vorgesetzten versuchten, ihn bei seiner patriotischen Pirsch zu behindern.
Seine Vorgesetzten getrauten sich nicht, das rebellische Fahndungsgenie hinauszuwerfen. Sie ahnten schon, daß er eine Meute rotsehender Abgeordneter auf sie hetzen würde. Aber sie weigerten sich, ihn auch noch zu befördern, und so trieb es Cohn zu dem einzigen Mann, der seinem karrierefrohen Verfolgungswahn freien Lauf lassen würde: McCarthy. Im Januar 1953 heuerte ihn der Senator als Haupt-Rechtsberater für seinen "Ständigen Senats - Untersuchungsausschuß" an. Salär: 11 700 Dollar (rund 47 000 Mark) im Jahr.
Bald war Joe McCarthy überzeugt, in Cohn "den brillantesten jungen Burschen, den ich je getroffen habe", entdeckt zu haben und meinte sogar: "Er ist unentbehrlich - so unentbehrlich wie ich selbst." McCarthy brauchte einige Zeit, bis er merkte, was für eine ominöse Doppelbedeutung der Begriff der Unentbehrlichkeit annehmen kann.
Auch Roy Cohn war ahnungslos, als ihm sein alter Boß und Gönner Irving Saypol sagte, daß ein netter junger Mann namens Schine begierig sei, ihn kennenzulernen. Gerard David Schine, der Sproß von J. Myer Schine, dem Besitzer einer Reihe von Luxushotels, ist groß, breit, blond, hat gefühlvolle hellblaue Augen - ein Adonis in Miami-Beach-Ausgabe, aber durch intensive Verwöhnung innerlich so luxuriös matschig wie eine Sacher-Torte mit Schlagobers.
Dennoch regte sich in dem Harvard-Studenten Schine der lobenswerte Wunsch, in diesen unruhigen Zeiten sein Leben einem ideelleren Zwecke zu weihen als dem Geldzählen in der väterlichen Firma und dem Bebrüten der Barhocker von Manhattan. Die kommunistische Frage hatte ihn so aufgewühlt, daß er sich nicht enthalten konnte, eine Schrift unter dem Titel "Definition des Kommunismus" zu verfassen. Sein stolzer Papa ließ das Werk drucken und in jedem Schine-Hotelzimmer neben die obligate Bibel legen, zur Erbauung aller derer, die das Glück haben, in diesen "besten Hotels unter der Sonne" zu Gast zu sein.
Im Nu verfielen Schine und Cohn in ein undelikates Idyll gegenseitiger Vergötterung. Bei Cohn, dem kleinen, schwarzen, bildete sich eine Art Hitler-Komplex gegenüber dem germanischen Hünen Schine. Der dagegen, phlegmatisch und bei nichtkommunistischen Definitionen etwas begriffsstutzig, war fasziniert von dem unentwegt aggressiv schnurrenden Dynamo Cohn.
Roy Cohn überredete McCarthy, Schine als "Berater für psychologische Kriegführung" in den Stab seines Ausschusses aufzunehmen. Wegen der angespannten Etatlage des Ausschusses fand sich Schine bereit, ohne Bezahlung zu arbeiten
- was McCarthy ihm hätte pro Jahr bieten können, brachte der Millionärssohn ohnehin an ein paar Wochenenden in New York durch.
Mit sportlicher Unverschämtheit schleppte das Freundespaar seine Netze durch das Washingtoner Regierungsaquarium, und immer, wenn die beiden einen roten Hering für McCarthy gefangen hatten, teilte Roy Cohn die Anerkennung frohgemut mit Schine, obwohl der kaum mehr tat, als stumm und photogen dabeizusitzen. In der Woche wohnten die beiden unzertrennlich in nebeneinanderliegenden Zimmern im Washingtoner Hotel Statler. Übers Wochenende flogen sie nach New York und kariolten im Bewußtsein freudig erfüllter Pflicht durch die teuersten Nachtklubs am Broadway.
Doch der lange Arm des Barras schob sich drohend über den Honigmond Cohns und Schines. Im Juli 1953 mußten sie erkennen, daß Dave Schine bald den neuen Bestimmungen der Wehrdienstpflicht anheimfallen würde. Beide waren der Meinung, daß es für sie nicht der passende Ausdruck ihrer vaterländischen Leidenschaft wäre, den Karabiner zu schultern und in Korea womöglich einem echten Kommunisten zu begegnen, der sich noch dazu wehren kann.
Roy Cohn hatte für sich selbst längst die entsprechenden Vorkehrungen getroffen. Er hatte das Rekrutierungsbüro zunächst dadurch hingehalten, daß er sich für die Offiziersakademie West Point meldete, obwohl er genau wußte, daß er niemals angenommen werden würde, weil er körperlich ungeeignet ist. Nachdem er so Zeit gewonnen hatte, trat er der biergemütlichen lokalen Bürgerwehr (Nationalgarde) bei und sicherte sich durch gute Beziehungen den Rang eines Oberleutnants. Er war gerettet.
Nicht so Schine. Am 3. November wurde er eingezogen. Aber an den nächsten Wochenenden konnte man Schine wieder im Stork Club sitzen sehen, zusammen mit Cohn und umgeben von maunzenden Mitternachts-Maiden, für die er sich nicht interessiert. Nach und nach erfuhr die Presse, daß Rekrut Schine mit Sicherheit
die wonnigste Grundausbildung seit Erfindung der Kniebeuge genoß.
Wie er sich nach den letzten Enthüllungen darstellt, verlief der Tag des Schützen Schine folgendermaßen: Bettenbau, Gewehrreinigen und das Putzen seiner Stiefel besorgten sein Gruppenführer und einige Kameraden abwechselnd für ihn, während er seine Hände allmorgendlich mit Toilette-Wasser pflegte. Der Korporal tat das gern für ihn, denn er zeigte sich mit generösen Trinkgeldern erkenntlich. Schine war tabu.
Einem Feldwebel, der sich beschwerte, weil sein an Heeresdienst-Vorschriften geschultes Weltbild an Schine zu zerbrechen drohte, mußte sich vom Kompaniechef sagen lassen: "Stecken Sie Ihre Nase da nicht hinein." Nur die erschütterten Offiziere im Rekrutenlager Fort Dix wußten, daß Schines Sonderbehandlung vom Armee-Minister Robert Stevens persönlich befohlen worden war.
Was steckte dahinter? Im hitzigen Hin und Her der Untersuchung kam es ans Licht: Der ungeheuerliche, doch fast gelungene Versuch Cohns und McCarthys, sich die U.S. Army um Schines willen zu unterwerfen und ihre geheiligten Gesetze auf den Kopf zu stellen.
Es begann am 8. Juli 1953, lange vor der Einberufung Schines, als McCarthy sich mit Generalmajor Miles Reber, dem damaligen und inzwischen nach Deutschland versetzten Kongreß-Verbindungsoffizier der Armee, traf und ein Offizierspatent für David Schine forderte, weil zu befürchten sei, daß er bald eingezogen werde. Während des Gesprächs schneite Cohn in den Raum und bemerkte lebhaft: "Es muß schnell gehandelt werden!"
Drei Kommandierende Generale der Armee wälzten sämtliche Verordnungen, aber keine ließ sich so auslegen, daß sie die Verleihung eines Offizierspatentes an den ungedienten Schine gestattet hätte. Die Absage Rebers faßte Roy Cohn als persönliche Herausforderung auf (die beiden Schnüffler waren bei ihrer letztjährigen Deutschland-Tour mit General
Rebers Bruder Samuel kollidiert, der damals als stellvertretender Hochkommissar fungierte). Cohn begann auf die Einflußknöpfe zu drücken, und das politische Kraftwerk des McCarthyismus summte langsam auf volle Touren.
Cohn läutete den stellvertretenden Außenminister und General Bedell Smith an (der noch vor dem Untersuchungsausschuß aussagen mußte, ehe er nach Genf fliegen konnte, um den Platz von Dulles am Fernost-Verhandlungstisch einzunehmen). Smith fragte Cohn, weshalb er sich mit seinen Sorgen um Schine gerade an ihn wende. "Die Armee ist nicht kooperativ", versetzte Cohn, "und Sie kennen die ranghöchsten Offiziere im Pentagon." Bedell Smith wollte nicht unkooperativ erscheinen und versprach, mit General Hull, dem stellvertretenden Stabschef, zu telephonieren, um sich nach einer Patent-Lösung für Schine zu erkundigen.
Hull aber ließ Cohn durch Smith ausrichten, daß sich David Schine wie jeder gewöhnliche Rekrut an einem Offizierslehrgang beteiligen müsse, wenn er avancieren wolle. Ob der militärische Geheimdienst nicht auf schmerzlose Art ein Patent beschaffen könne, fragte McCarthys brillanter Bursche. Bedell Smith, der einstige Geheimdienst-Chef, erbot sich, bei der CIA (Hauptamt Nachrichtendienst) anzufragen. "Nicht nötig", sagte Cohn, "die CIA ist ein zu saftiges Objekt für zukünftige Untersuchungen. Es wäre nicht richtig, sie erst um ein Patent zu bitten und sie dann umzukrempeln."
Nach weiteren vergeblichen Versuchen hatte Roy Cohn einen seiner unentbehrlichen Einfälle: Die Armee muß untersucht werden, damit sie endlich lernt, wer in Washington der Boß ist.
Cohn alarmierte sein privates Spitzelnetz und bekam von einem befreundeten Reporter der McCarthy-treuen "Chicago Tribune" den Tip, daß im Armee-Radarlaboratorium in Fort Monmouth seit längerer Zeit eine Sicherheitsüberprüfung im Gange sei.
Jetzt erwies sich, wer in Wirklichkeit die Regie der McCarthy - Schau führt. Cohn pfiff McCarthy aus seinen Flitterwochen zurück, voller Genugtuung, denn McCarthy hatte über seinen Protest hinweg geheiratet. McCarthy seinerseits pfiff die willenlosen anderen Senatoren seines Ausschusses zusammen und eröffnete der Armee, daß er in New York geheime Verhöre im Fall Monmouth zu veranstalten gedenke.
Am 2. Oktober empfing Armee - Minister Stevens den Cohn und einen weiteren Berater McCarthys namens Francis Carr, einen dikken, schweigsamen ehemaligen Beamten des Bundesfahndungsdienstes. Man besprach die bevorstehenden Monmouth-Verhöre, dann die Zukunft David Schines, der inzwischen seinen Gestellungsbefehl erhalten hatte. Cohn bedeutete Stevens, dem Schine in New York einen Sonderposten zu verschaffen und ihm die
Grundausbildung zu ersparen. Er sehe keine Möglichkeit, Schine eine Sonderbehandlung angedeihen zu lassen, bedauerte Stevens. "Ich hoffe, es wird Ihnen doch noch etwas einfallen", knurrte Cohn.
Stevens, der friedliche Textil-Millionär, dem Eisenhower die Leitung der U.S. Armee übertragen hatte, bekam Angst, von McCarthy durch die Schlagzeilen zu Tode geschleift zu werden. Er heuerte einen juristischen Bekannten Cohns namens John Adams für den Zweck, den McCarthy-Ausschuß zu becircen und daran zu hindern, ihn - Stevens - "zu ruinieren".
Der verschüchterte Stevens und sein Schutzpatron Adams machten verblüffende Entdeckungen, als sie sich in McCarthys Wunderland vorantasteten. Adams aß Mitte Oktober mit dem Ehepaar McCarthy zu Abend, und rasch kam die Rede auf Schine. Joe McCarthy biß sich wütend auf die Lippen.
"Dieser Schine", knurrte er, "ist nachgerade eine Pest. Er steht dem Ausschuß nur im Wege und ist lediglich daran interessiert, Photographen anzulocken und sein Bild in der Zeitung zu sehen ... Ich hoffe nur, daß er endlich eingezogen und zünftig geschliffen wird." Bei seinem nächsten Treffen - ohne seine Frau - mit Stevens und Adams murmelte McCarthy die selbstentblößende Pointe seines Zornausbruches: "Sagen Sie Cohn nichts von meiner Ansicht über Schine."
Am 19. Oktober gaben sich die Eltern Schines die Ehre, den Armee-Minister zum Abendessen zu bitten. Bob Stevens, vorsichtig, damit er Cohn, dessen Einfluß er zu ahnen begann, nicht verletze (indem er die Eltern Schine verärgerte), nahm die Einladung an.
Es entspann sich ein Gespräch, das Stevens später bei der Untersuchung der Affäre unter Eid folgendermaßen schilderte: "Er (Schine) sagte, daß ich beim Aussieben der Kommunisten allerhand leiste und es auf diesem Gebiet noch weit
bringen könne. Und daß er mir gerne helfen würde. Er meinte, es sei viel logischer, wenn er mein Sonderassistent würde ... statt in die Armee eingezogen zu werden."
Stevens erwiderte väterlich, daß seine Soldatenzeit die schönste Erinnerung seines Lebens sei, und daß es Schine ebenso ergehen werde, wenn er nur Mut fasse. Der Trost kam bei Schine nicht an. Dem Cohn gar schlug er auf die Galle.
Als ihm am nächsten Tag bei einer Besichtigung von Fort Monmouth der Zutritt zu geheimen Anlagen verweigert wurde, drehte die seelische Kompensationspumpe des kleinen Cohn durch: "Das bedeutet Krieg", schnaubte er.
Obwohl der McCarthy-Ausschuß bis dahin noch keinen einzigen Roten in Fort Monmouth hatte ausgraben können, begannen die Nerven der Armee-Leitung bei dem Gedanken zu vibrieren, Roy Cohn könnte weiterwühlen. Denn 21 Angestellte des Radar-Labors waren von der Armee selbst als mögliche "Risiken" für die Sicherheit bezeichnet worden, weil sie "kommunistisch verdächtige" Verwandte hätten. Die 21 waren aber noch nicht entlassen worden.
Den General Lawton, den Kommandanten von Fort Monmouth, quälte der Gedanke an die nicht entlassenen "Risiken", als Cohn sich näher schlich.
Minister Stevens reagierte anders. Er glaubte, daß man absolut stillhalten müsse, in der Hoffnung, daß der böse Wolf Cohn die Witterung verliere und sich trolle. Wenn man die angeblichen "Risiken" suspendiere, meinte er, stürze die McCarthy-Meute erst recht mit Gebrüll auf die Armee, so daß "eine Panik" in der Armee ausbräche (die Minister Stevens bestimmt nicht überleben würde).
Bob Stevens entschloß sich also, die lauernde Bestie mit Zucker zu füttern, und damit begann die Tragikomödie der Armee, die jetzt vor die Fernseh-Kameras führte und die es den Amerikanern schwer macht, zu erkennen, wo in dem Konflikt das Recht ist. Aus purer Furcht verwickelte sich die Armee in eine Serie von Beschwichtigungs-Versuchen, die allzu leicht als der Beweis eines schlechten Gewissens mißdeutet werden kann.
Am 27. Oktober gestand Stevens dem Cohn zu, daß Schine seinen Dienst erst vierzehn Tage später anzutreten brauche, damit er "wichtige Ausschuß-Angelegenheiten" in New York abwickeln könne, und daß er im Rekrutenlager Fort Dix Erholung und alle Annehmlichkeiten genießen solle.
McCarthy selbst fand an den Cohnschen Kabalen keinen Geschmack mehr. Am 7. November höhnte er im Gespräch mit Stevens am Telephon gekränkt: "Roy meint, daß Dave als General im Hauptquartier im Waldorf-Astoria-Hotel fungieren müßte." McCarthy protestierte gegen den 14-Tage-Urlaub, glaubte aber, daß man Schine ein paarmal Wochenend-Urlaub geben sollte, "damit er sich seinen Freundinnen widmen kann".
Stevens aber hatte längst gemerkt, daß es weiser sei, auf Cohn zu hören, und so erging Order des Armee-Ministers an den Kommandanten von Fort Dix, den Schützen Schine in Windeln zu wickeln. Nicht genug damit: Stevens flog zusammen mit Cohn und seinem Rechtsberater Adams am 17. November nach Fort Dix, um sich persönlich vom Wohlergehen des Rekruten am Tage seines Eintritts ins Soldatenleben zu überzeugen. Stevens, Schine und ein Oberst ließen sich - einander mühsam angrinsend - gemeinsam knipsen.
Nach Angaben McCarthys soll John Adams damals versprochen haben, Stevens werde "alles auf Gottes Erde" tun, damit Cohn und Schine glücklich und die Monmouth - Untersuchungen eingestellt werden. Stevens und Adams hätten Cohn vorgeschlagen, statt dessen der Luftwaffe und der Marine aufs Dach zu steigen. (Erwiderte Stevens unter Eid: "Eine unzweideutige Lüge!")
Cohn jedenfalls (und unter seinem Zwang auch der widerwillige McCarthy) ließ sich damals nicht mehr beschwichtigen. Beide setzten ihre Verhöre fort.
Am 11. Dezember wurde dann den Korporalen des Soldaten Schine der Glaube an die Ordnung der Welt wiedergeschenkt. Dem Schützen wurden fast alle Privilegien
entzogen. General Ryan, der Kommandant von Fort Dix, hatte seine Kameraden im Pentagon mit dem Schreckensschrei aufgerüttelt, ob sie mitansehen wollten, wie die Armee zur Narrenpritsche zweier Lümmel degeneriere. Die Generalität, voran Stabschef Ridgway, hatte den desperaten Stevens bestürmt, Cohn und Schine endlich die Zähne zu zeigen.
Cohn fletschte zurück. Die Armee habe ihn "hereingelegt", schnauzte er Adams, den Vertrauten des Armee-Ministers, noch am Nachmittag des 11. Dezember in mehreren Ferngesprächen an. Adams, dessen sich eine gewisse Verzweiflung bemächtigte, flehte McCarthy an, die Behandlung Schines gutzuheißen. Tatsächlich schrieb der Senator in einem freundlichen Brief vom 22. Dezember 1953 an Stevens ("Dear Bob ..."), daß sein Ausschuß keinerlei Interesse mehr an dem Schützen Schine habe; er hoffe, daß er genau so behandelt werde wie alle anderen Soldaten.
Cohn erfuhr davon und drohte Adams: "Ich werde dir Burschen zeigen, was es heißt, über meinen Kopf hinweg zu schummeln." Der Konflikt spitzte sich mörderisch zu, als Schine im Januar zur Ausbildung als Militärpolizist ins Lager Gordon im fernen Staate Georgia versetzt wurde. Cohn wurde vollends hysterisch, als Adams plötzlich hart wurde und ihm kaltschnäuzig eröffnete, daß Schine am Ende seiner Ausbildung vermutlich wie die meisten anderen Soldaten nach Übersee verschickt würde - es sei denn, Cohn gebe seine Absicht auf, die Sicherheitsbehörde der Armee (die für die späte "Entdeckung" der angeblichen Monmouth-"Risiken" verantwortlich war) vor dem McCarthy-Ausschuß auf deren eigene Sicherheit zu überprüfen (McCarthy und Cohn wollen diesen Vorgang beschwören. Armee-Minister Stevens konnte sich nicht genau erinnern). "Ich werde die Armee abwracken", tobte Cohn, "ich werde dafür sorgen, daß Stevens zum Rücktritt gezwungen wird!"
John Adams ging noch härter ins Zeug. Er werde die Schine-Affäre durch einen öffentlichen Bericht zum Platzen bringen und Cohn unmöglich machen, wenn Cohn nicht entweder die Untersuchung gegen die Armee einstelle oder aber ihm, Adams, eine 25 000-Dollar-Partnerschaft bei einer New Yorker Anwaltsfirma vermittle, damit er beruhigt aus seinem heißen Armee-Posten aussteigen könne.
Außer sich vor Wut bleute Cohn seinem Senator den Entschluß ein, der Armee den dritten Grad zu verpassen, obwohl McCarthy bitter klagte, die bis dahin erzielte Schlagzeilen-Ausbeute der Untersuchungen (sie mußten wegen des Mangels an "echten" Fällen geheim bleiben) sei so gering gewesen, daß er sich furchtbar gelangweilt fühle. Aber Cohn machte ihn mit der Drohung von Adams scharf.
"Die Armee hält Schine als Geisel, um mich zu zwingen, klein beizugeben", sagte McCarthy vor seinem Ausschuß den Cohnschen Vers auf. Von der Armee forderte er, ihm die Mitglieder der Armee-Sicherheitsbehörde zum Verhör zur Verfügung zu stellen, aber am 22. Januar ließ er wieder
seinen Überdruß an Schine durchblicken. Warum zum Teufel man Schine denn nicht nach New York versetze, damit Cohn stillhalte und man den Quatsch endlich vergessen könne, meinte er im Beisein seiner Frau zu Adams, dem Berater von Stevens.
Cohns Spitzel im Pentagon funktionierten. Sie besorgten die Akten des Heeresdentisten Peress, der auf Grund einer bürokratischen Panne zum Major befördert und dann in Ehren entlassen worden war, obwohl er sich geweigert hatte zu sagen, ob er Kommunist war oder nicht. Am 30. Januar leierte der Ausschuß den Dentisten durch den Wolf. Der verweigerte die Aussage - und Armee-Minister Stevens brach aus einer vorher eingenommenen Helden-Attitüde erbärmlich in die Knie (SPIEGEL 11/1954).
Reuig schrieb er an McCarthy, er sehe ein, daß die Armee sich im Fall Peress schlimmer Verfehlungen schuldig gemacht habe, gelobte Besserung und bat inständig, die Verantwortlichen nicht am Marterpfahl zu rösten. Gnadenlos triumphierend taten McCarthy und Cohn genau das. McCarthy zerrte General Zwicker den Chef des Peress, "am Genick" herbei und erklärte ihm, er sei "unwürdig", die Uniform zu tragen.
Das Pentagon kochte über, und der Konflikt brodelte zum erstenmal in die Öffentlichkeit. Von der tobenden Generalität getrieben, verlangte Stevens von McCarthy das Versprechen, die Offiziere nicht mehr zu "drangsalieren". McCarthy ließ ihn schmählich abblitzen. Stevens schluchzte im Nervenfieber. Doch Eisenhower spielte Golf, während McCarthys Meute seine Regierung in Stücke riß.
Am 11. März sprengte die Armee mit schwindenden Sinnen die Affäre Cohn und Schine in die Luft. In einem detaillierten Bericht exponierte sie Cohns drohendes Drängen auf Sanatoriumspflege für den Rekruten Schine. Das Land erbebte.
Die bis kurz vorher ahnungslos gewesenen Senatoren des Ausschusses - McCarthy war gerade über Land - steckten ihre heißen Köpfe zusammen. "Cohn sofort hinauswerfen", forderte Senator Potter. Die anderen Republikaner mahnten zur Vorsicht, obwohl McCarthy und sein Verschwörer
vor der ganzen Nation bis zu den Ohren von ihrem früheren Dreck verschüttet worden waren, blamiert wie nie zuvor. Es schien das Ende zu sein.
Die Senatskollegen McCarthys forderten mit Nachdruck eine Untersuchung des Streites mit der Armee. McCarthy sträubte sich nach Kräften, mußte aber schließlich nachgeben. Das Blatt begann sich zu wenden. Jetzt war McCarthy der Angeklagte.
Doch McCarthy erinnerte sich an den Kernsatz seiner Boxer-Erfahrungen: "Sobald du in die Verteidigung gehst, bist du verloren." Hastig schaufelten er und Cohn sich frei und gaben rücksichtslos zurück ("Die Armee benutzte Schine als Geisel, um uns zur Aufgabe der Untersuchungen zu zwingen").
Sie bespritzten den stellvertretenden Verteidigungs-Minister Struve Hensel, der für die Veröffentlichung des Schine-Rapports verantwortlich war, mit der Behauptung, er habe in seiner Privatfirma Steuern hinterzogen und Regierungsaufträge erschwindelt. Hensel habe den Bericht über den Fall Schine nur herausgegeben, um ein Verfahren gegen sich abzuwehren.
Die Untersuchung begann. Emsig versuchte die Armee, ihre moralische Makellosigkeit zu erweisen. Stevens und seine Berater bewiesen, daß Cohn das Photo vom Besuch des Armee-Ministers beim Rekruten Schine in Fort Dix, das Stevens, Schine und einen Oberst einträchtig nebeneinander zeigt, dem Untersuchungsführer Jenkins in verfälschter Form vorgelegt hatte. Der flinke Cohn hatte den Oberst abschneiden lassen, um mit der zufälligen Gruppenaufnahme den Eindruck zu erwecken,
der Minister habe sich in freundschaftlicher Intimität aus freien Stücken um den Rekruten bemüht.
Die Armee-Vertreter hatten einen weiteren Erfolg, als sie Stenogramme von Telephongesprächen vorwiesen, in denen Cohn und McCarthy Vergünstigungen für Schine forderten. (McCarthy: "Das Gemeinste, was ich je erlebt habe, Gespräche mitzustenographieren.")
Doch jetzt zeigte sich das Verderbliche der monatelang von der Armee-Leitung verfolgten Beschwichtigungs-Taktik. Der hünenhafte Untersuchungsleiter Ray Jenkins kam schnell dahinter,
* daß die Armee sich McCarthy gebeugt hatte bis zu einem Punkt, wo Stevens Entscheidungen von der Zustimmung des Senators abhängig machte,
* daß sie monatelang schmeichelnd vor Cohn, Schine und McCarthy herumgekrochen war,
* daß sie erst aufmuckte, als McCarthy und Cohn den General Zwicker lynchten und nach dem Skalp des Armee-Ministers schnappten.
Untersuchungsführer Jenkins tastete sich unbeirrt vom Lärm beider Parteien zum innersten Knoten des Streites um den Schützen Schine vor: Die U.S. Armee hatte tatsächlich versucht, McCarthy von seinen Nachforschungen abzulenken. Aber nicht, weil sie Kommunisten decken wollte (wie McCarthy behauptet), sondern weil sie unvernünftige Angst hatte.
Das grotesk Erschreckende ist, daß die Armee von der Furcht vor der verleumderischen Gewalt der McCarthys und vor der hexengläubigen Hysterie des amerikanischen Volkes so befangen war, daß sie glaubte, McCarthy werde sie öffentlich "ruinieren" können wegen der 21 Angestellten in Fort Monmouth, die "verdächtige" Verwandte haben und Arbeiten verrichten, die sie mit Geheimnissen überhaupt nicht in Berührung bringen.
Aber es liegt Logik selbst in der Absurdität des Streites um den Schützen Schine (der inzwischen ein strammer Soldat geworden ist). Die Torheit der A rmee und das hilflos zähneknirschende Stillhalten sind zwar nicht ihr moralisches, möglicherweise aber ihr historisches Verdienst. Denn so haben sie McCarthy
und seine Schnüffler vom Wein des Sieges kosten lassen, der sie eilig trunken machte und bewirkte, daß sie aberwitzig in die Dolche ihrer eigenen politischen Piraterie stolperten.
"Wir werden das Beweismaterial der Untersuchung an das Justizministerium übergeben", kündigte der Senator Potter an. "Es ist sehr wahrscheinlich, daß es Meineids-Prozesse geben wird."

DER SPIEGEL 20/1954
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