19.05.1954

BHE

Schütze Kraft

Beziehungsreich spielte die Musikkapelle im Bielefelder Ausflugslokal "Zur schönen Aussicht" Flotows volkstümliche Arie "Martha, Martha, Du entschwandest ...", als die letzten Delegierten des Gesamtdeutschen Blocks/BHE am 9. Mai die wildbewegte Szene ihres Parteitages verließen.

Dieser Abgesang traf die tragikomische Situation, in die der BHE in Bielefeld geraten ist, und zwar "hauptsächlich wegen der schwerblütigen ostdeutschen Natur" seines in Bielefeld trotz Mehrheitsvotums*) abgedankten Gründers und bisherigen Vorsitzenden Waldemar Kraft, 56. So deutet jedenfalls Krafts Nachfolger, Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer, den Eklat, der Kraft veranlaßte, noch vor Abschluß des Parteitages abzureisen. Kraft habe sich nie leicht anschließen können. Auch enge Mitarbeiter hätten immer wieder geklagt, daß der vierschrötige Westpreuße zwar höflich und nett sei, aber niemals das Gefühl eines warmen Kontakts aufkommen lasse, sagt man in Oberländers Hauptquartier.

Der einzige Mensch, mit dem Kraft wirklich völlig harmonierte, dem er vertraute und vor dem er keine Geheimnisse hatte, war seine Pressereferentin und engste Mitarbeiterin Eva Gräfin Finck von Finckenstein.

Krafts Bekanntschaft mit ihr reicht zurück in die Zeit seiner politischen Bastelarbeit in Schleswig-Holstein, wo er sich zunächst um Anschluß bei den bürgerlichen Parteien bemühte. Da er dort schlecht landen konnte, gründete er den "Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten" als Interessenpartei neuen Typs mit einem Jedermann-Programm, das auch die damals in recht ärmlichen Verhältnissen lebende Gräfin Finck von Finckenstein aufrüttelte.

Eine Ärztin machte die intelligente Frau, die vor Jahren Redakteurin der "Vossischen Zeitung" in Berlin gewesen war, mit

dem hölzernen breitschultrigen Posener Flüchtling Waldemar Kraft bekannt. Die Gräfin, Tochter des Berliner Hochschulprofessors Schubring, geschiedene Tendulkar, hatte sich nur unter Lebensgefahr mit ihren sieben Kindern und zwei Dienstmädchen von Westpreußen nach Schleswig-Holstein durchschlagen können, wo sie ihren Gatten - den Romanschriftsteller Ottfried Graf Finck von Finckenstein - endlich wiederfand.

Die abenteuerliche Geschichte ihrer Flucht veröffentlichte sie später in einer BHE-Wochenzeitung in dem volkstümlichen Stil, den auch ihr Gatte schreibt. Das liest sich dann so: "Der Entschluß (zur Flucht) ist einfach gräßlich. Ich selbst bin immer noch keine zehn Meter gegangen... Aber unsere Kinder und Konradchen, diese strahlende, lebensfrohe Frucht unserer reifen, vollendeten Liebe?... Es bleibt eben nichts anderes übrig..."

Doch so schön wie in des Grafen Erfolgsroman "Die Mutter" konnte das Familienidyll nach dem Kriege in der Enge der Behelfsunterkunft nicht gedeihen. Für die Titelfigur dieses 1937 erschienenen Romans hatte offensichtlich die kinderreiche Gräfin dem Autor-Gatten Modell gestanden. Er verherrlichte sie als kluge Hüterin der Familie mit ausgeprägtem Persönlichkeitswert: "Das ist eine Frau von Format, die auch in der großen Welt eine Rolle spielen könnte."

Anscheinend waren auch dem BHE-Gründer Kraft ähnliche Gedanken gekommen, als er sie 1950 kennengelernt hatte. Der Junggeselle, der sein ganzes Leben lang ein Hagestolz gewesen war, holte sie als persönliche Referentin ins Ministerium, nachdem er in Kiel Finanzminister geworden war. Später übernahm sie auch noch das Frauenreferat. Diese Berufung gefiel schon damals manchem BHE-Funktionär nicht, weil die Gräfin in die Vergütungsgruppe

III der Tarifordnung für Angestellte des öffentlichen Dienstes - mit rund 800 Mark monatlich - eingestuft wurde, obwohl für diese Gehaltsklasse eine abgeschlossene akademische Vorbildung erforderlich ist. Weitere Vergünstigungen folgten.

Als dann die Gräfin auf einer der ersten Zusammenkünfte des Landesfrauenrats einen Vortrag über das Thema "Die Würde der Armut" hielt, rümpften einige BHE-Frauen die Nase.

Bald darauf machte Kraft die resolute Gräfin auch zu seiner Partei-Adjutantin, die nun an allen internen Sitzungen des BHE-Landesvorstandes und der BHE-Landtagsfraktion teilnehmen durfte. Schon 1951 gab es eine peinliche Auseinandersetzung, als einige BHE-Fraktionsmitglieder verlangten, daß die Gräfin während eines internen Gespräches den Raum verlassen solle. Auch damals drohte Kraft: "Wenn die Gräfin geht, gehe ich mit."

Schließlich tolerierten die Funktionäre doch immer wieder die Sonderstellung der Kraft-Beraterin, weil ihr Partei-Chef sie etwa so verteidigte: "Ich benötige diese Frau, sie hat mir treu zur Seite gestanden und mir manches geben können, ihre gewisse Klugheit..."

Als der BHE dann nach der zweiten Bundestagswahl in die neue Regierungskoalition einschwenkte, siedelte auch die Gräfin Finckenstein - MdB und Pressereferentin des Bundesvorstandes des BHE - nach Bonn über. Sie etablierte sich später mit ganzer Familie - einschließlich des zum Eutiner Dichterkreis um Hans Friedrich Blunck gehörenden Grafen Ottfried - in der Wohnung des Landesbeauftragten für Schleswig-Holstein bei der Bundesregierung, Am Berghang 12.

Im Bundeshauptquartier ging ihre souveräne Art, dem gesundheitlich stark mitgenommenen BHE-Chef kleinliche Dinge fernzuhalten, manchem Abgeordneten gegen den Strich. Als die Gräfin dann im November vergangenen Jahres beim offiziellen Bundespresseball im geschmackvollen Abendkleid erschien und am Arm ihres Chefs das Fest verließ, hatten die bösen BHE-Zungen erneut Gesprächsstoff. Sie wisperten um so mehr, als die Gräfin am nächsten Tag auch noch in der Tageszeitung "Die Welt" begeistert über die teuren Ballgarderoben berichtete. Ihre echt weibliche Freude an blaugoldenen Brokatkleidern und raschelndem Taft legten sture Armuts-Ideologen als parteischädigende Überheblichkeit aus. So häufte sich die Verstimmung, die dann in Bielefeld am 9. Mai zur offenen Gehorsamsverweigerung führte.

Gerade weil Waldemar Kraft ausdrücklich in vorausgegangenen internen Sitzungen darum gebeten hatte, die Gräfin als Mutter des BHE wieder in den erweiterten Bundesvorstand zu wählen, versagten ihr die meisten Delegierten ihre Stimme. Prominente Flüchtlingspolitiker hatten sich vorher schon in sachlichen Diskussionen mit dem Vater des BHE gerieben.

Es war den aufgeweckten Gefolgsleuten nicht entgangen, daß die Flüchtlingspartei durch Krafts persönlichen Ehrgeiz, unbedingt in Bonn aktiv beteiligt zu sein, noch schneller auf ein totes Gleis geraten ist, als es schon im vergangenen Jahr vorauszusehen war. Nach dem Einschwenken in die Regierungskoalition hat die konzeptionslose Interessenpartei erst recht ihr Gesicht verloren. Von Kraft - auch im übertragenen Sinne - und Mut zur Opposition war nicht mehr die Rede. Der BHE-Initiator muckte nur einmal auf, als ihm - dem im Tierkreiszeichen des Wassermanns geborenen Sonderminister - angeboten wurde, die

Neuordnung der bundesdeutschen Wasserwirtschaft verantwortlich zu übernehmen.

Er fühlte sich aber gleich wieder geschmeichelt, als ihn der Bundeskanzler persönlich damit beauftragte, eine Denkschrift über die besonderen Probleme im Zonengrenzgebiet auszuarbeiten. Krafts Parteifreunde hatten jedoch mehr von der neuen Position des BHE erwartet.

Die massivste Kritik übte Niedersachsens BHE-Chef und Landwirtschaftsminister Friedrich von Kessel, der in Hannover sehr gut mit seinen SPD-Koalitionspartnern in der Landesregierung zusammenarbeitet und damit die andere Möglichkeit der BHE-Orientierung demonstriert.

Der ehemalige schlesische Gutsbesitzer von Kessel rügte vor allem Krafts rückhaltloses Einschwenken auf die Adenauer-Linie in der Saarfrage, die Kraft mit dem Hinweis: "Wer hat denn das Saargebiet? Wir nicht!" zu bagatellisieren versuchte. Darauf von Kessel: "Wir dürfen nicht sagen, wir besitzen die Saar nicht, denn wir besitzen auch die Sowjetzone und das deutsche Gebiet hinter der Oder-Neiße-Linie nicht." Und weiter: "Wäre es nicht erforderlich, von Deutschland aus eine Alternative zur EVG zu suchen? Wir sollten unverzüglich an die Arbeit gehen."

Auch Bundesvertriebenen-Minister Oberländer raunzte sympathieheischend über den lahmen Kurs der Regierungsmehrheit in der gesamtdeutschen Frage: "Das Reden von der Wiedervereinigung ist allmählich nur noch Reden, weil die Taten fehlen."

Im Laufe der weiteren Debatten tauchten noch weitere peinliche Vertrauensfragen über die Assimilation des BHE auf. So fragte zum Beispiel der Delegierte Dr. von Wendorff: "Worin unterscheidet sich eigentlich unsere Außenpolitik von der der CDU?"

Bei dieser unbeantwortet gebliebenen Frage merkte der amerikanische Beobachter im Parteitagslokal "Zur schönen Aussicht", Generalkonsul Steffens, sichtlich auf. Zur Beruhigung der Gemüter ließ der neugewählte Vorsitzende Theodor

Oberländer später die Parole verbreiten: "Es gibt keinen neuen BHE-Kurs."

Ein Arrangement mit der SPD - so verlautete dann noch aus Oberländers näherer Umgebung - sei schon deshalb unmöglich, weil die SPD den robusten, ewig geladenen Stoßtruppführer des BHE so häufig persönlich angegriffen habe. So hatte der SPD-Pressedienst denn auch nach der Bielefelder Affäre geschrieben: "Bedauerlich ist nur, daß diese falsche Auffassung von der These des Menschen im Mittelpunkt der Politik politische Folgen haben wird. Die Wahl von Bundesminister Oberländer zum neuen BHE-Vorsitzenden war die erste, weitere - negative, wie wir fürchten - werden sich einstellen."

Die Folgen für Kraft sind bereits offensichtlich. Er ist heute ein gebrochener Mann. Freunde aus anderen Parteien sagen: "Er ist nur noch eine viertel Kraft. An den Zwistigkeiten in der eigenen Partei hat er sich aufgerieben." Der massige Mann leidet seit langem an Kreislaufstörungen mit schweren Lähmungserscheinungen an einer Seite des Körpers, so daß er zeitweise einen Arm nicht mehr bewegen konnte.

Seit seinem Bielefelder Auszug flüchtete er ganz in seine Ministeraufgaben. Er setzte sich in seinen Bonner Dienst-Mercedes und besuchte erst einmal sein politisches Startland Schleswig-Holstein. Vereinsamt und fahrerlos, aber mit Minister-Stander parkte sein Wagen am Mittwoch vergangener Woche vor der Privat-Residenz seines ehemaligen Regierungs-Chefs Friedrich-Wilhelm Lübke in Kiel.

Am Freitag fuhr Kraft dann ins Zonengrenzgebiet, um Material für seine Denkschrift zu sammeln*). Abends gab er im Konferenzsaal des Kieler Regierungsgebäudes eine Pressekonferenz. Zunächst als Bundesminister mit Sonderauftrag des Kanzlers, anschließend als BHE-Mann. Den Übergang zwischen beiden Teilen der Konferenz bildete folgende Floskel:

Ein Journalist sprach Kraft nach Beendigung der Minister-Thematik noch mit Herr Bundesminister an. Daraufhin Kraft: "Als Bundesminister spreche ich nicht mehr." Der Journalist verdatterte, da er Kraft auch nicht mehr mit Herr Bundesvorsitzender anreden konnte und fragte: "Als was denn?"

Kraft: "Ganz schlicht als Schütze Kraft."

*) Kraft konnte von 131 Stimmen 90 für sich verbuchen.

DER SPIEGEL 21/1954
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