02.06.1954

ÖSTERREICH / INTERNATIONALESDas Anschlußgespenst

Georges Gaston Delor ist ein kleiner, quicker Mann und Korrespondent der französischen Sozialisten-Zeitung "Le Populaire" in Wien. Schon seit langem jedoch gilt den Österreichern als ausgemacht, daß Delor nicht nur ein journalistischer "Irgendwer" ist.
Er selbst weiß diesen Ruf zu fördern, indem er seine hauptberuflichen Vorsprachen bei österreichischen Stellen gern mit der Durchführung offiziöser Aufträge des vollbärtigen und etwas einsiedlerischen französischen Hochkommissars Jean Payart verbindet.
Diese, seine zwielichtige Stellung zwischen Journalismus und Diplomatie hat nun Gaston Delor - höchstwahrscheinlich zu Unrecht - in den Geruch eines hochpolitischen Intriganten gebracht und die französische Europa-Politik in den Verdacht des Doppelspiels.
Am 17. Mai bestellte der sowjetische Hochkommissar Iwan I. Iljitschow den Bundeskanzler Julius Raab und den Vizekanzler Adolf Schärf zu sich. Er hielt den beiden Österreichern eine Philippika, in der er sie geheimer "Anschluß"-Gedanken bezichtigte. Als Beweis diente ihm vor allem die Neigung österreichischer Weltkrieg-I- und Weltkrieg-II-Veteranen, sich bei Bier-Abenden und sonstigem fröhlichem Tschingdara zusammenzufinden.
Just an eben diesem 17. Mai erschien im Pariser "Le Populaire" ein Aufsatz des Georges Gaston Delor, und das Unglück wollte es, daß dessen roter Faden haargenau so aussah, als ob er von dem Knäuel des Iwan Iljitschow abgehaspelt sei. Delor beunruhigte sich darin über "gewisse lärmende Treffen ehemaliger Helden der Hitler-Armee".
Die aus gemeinsamer Sprache und gemeinsamem Unglück sich ergebenden
österreichisch-deutschen Sympathien sind den Franzosen ein Ärgernis, und dieses Ärgernis ist den Sowjets neben den vielen anderen Reflexen der notorischen französischen Deutschland-Neurose ein billiges Mittel, den Franzosen weitere Angst vor den Deutschen zu machen.
"Das Schreckgespenst des Anschlusses" (Bundeskanzler Raab) gehört in das Gruselkabinett der europäischen Geschichte, das die französische Marianne immer wieder anzieht und dessen Figuren heute von Moskau aus bedient werden.
Etwa so lautet dann auch der Vers, den man sich im Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz auf die neuerliche sowjetische Anti-Anschluß-Kampagne gemacht hat. Amerikas Außenminister John Foster Dulles schickte auf die Nachricht von Iljitschows Philippika ein dramatisches Telegramm an seinen Vertreter im alliierten Kontrollrat Österreichs, in dem er meinte, die Sowjets wollten "ihre Kontrolle in ihrer Besatzungszone verschärfen und ausweiten".
Eben das, so glaubt man in Wien, sei nicht die Absicht des Kreml. Ihm komme es vielmehr nur darauf an, die französischen Ängste vor Deutschland mobil zu machen. Gaston Delors Artikel in "Le Populaire" schien in diesem Zusammenhang - Absicht oder Zufall - die Richtigkeit der sowjetischen Diagnose zu erweisen.

DER SPIEGEL 23/1954
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