02.06.1954

HUNDE / ZUCHTSie morden die Seele

Der Zollbeamte tritt an den Wagenschlag. An der Leine führt er einen kleinen, schwarzweiß gescheckten Hund. Er legt die Hand an die Mütze. "Ich muß den Wagen durchsuchen", sagt er. "Wenn Sie erlauben, daß ich den Hund in den Laderaum lasse, geht es schneller."
Die meisten Autofahrer, die in Bildchen bei Aachen die deutsch-belgische Grenze passieren, weigern sich nicht, weil sie sonst Gefahr laufen, daß die Zollbeamten den Wagen auseinandermontieren. So springt der Zollsuchhund "Wacker" in den Laderaum des Fahrzeugs, um für die Grenzer nach Schmuggelgut zu schnuppern.
Das Tier, das erst im vergangenen Herbst von der holländischen Grenze bei Nordhorn nach Aachen "versetzt" wurde, ist ein hochqualifizierter Spezialist: ein "Feinsuchhund". Unter den insgesamt zehn gleichartigen Such- oder Stöberhunden, die neuerdings zur Mithilfe bei der Bekämpfung des Schmuggels in bundesdeutschen Zolldiensten stehen, gilt "Wacker" als Star, obwohl er erst knapp zwei Jahre alt ist.
Er ist der bekannteste Eleve aus der Schule des Zoologen Kurt Friedrich König in Rotenburg-Hannover, der sich seit zwei Jahren als einziger Tierlehrer Deutschlands auch auf die Ausbildung von "Feinsuchhunden" für den Zoll spezialisiert hat. Der Geruchssinn der bei König geschulten Hunde-Spezialisten ist - im Gegensatz zum Geruchsregister normaler Zoll-"Kaffeehunde", die nur Kaffee aufspüren - auf das gesamte Hauptschmuggelgut ausgerichtet: Roh-, Röstkaffee, Tee und Zigaretten. Züchter Kurt Friedrich König behauptet, daß es ihm gelungen sei, die Nase eines Versuchshundes sogar auf 16 verschiedene Düfte einzustellen. Der Vorteil, daß seine feinnasigen Hunde außerordentlich zu differenzieren vermochten, brachte auch manche Schwierigkeiten. Beispielsweise nimmt eine Hundenase schon den Geruch von 0,002 Gramm Rindfleisch wahr*).
Daß Hunde auf Kaffee ansprechen, war der Hundeforschung aus Duft-Testversuchen seit Jahrzehnten bekannt. Bei den an der Aachener Grenze eingesetzten Zollhunden wurde das wiederentdeckt. In den Nachkriegsjahren der Schmuggelkonjunktur machte sich der Zoll daran, einzelne Hunde (zum Aufspüren der von Schmugglern versteckten Kaffeesäcke) auf Kaffee abzurichten. Die wenigen Rottweiler, die im Zolldienst eingesetzt sind, erwiesen sich als zu schwerfällig. Der Boxer hatte sich als Diensthund nicht durchgesetzt, da er wegen seines dünnen Fells im Winter friert. Aber einige Riesenschnauzer, Dobermänner und Airedale-Terrier konnten tatsächlich als "Kaffeehunde" verwendet werden. Mit einem einfachen Trick wurden die Tiere auf Kaffee scharf gemacht - man ließ sie bei der Ausbildung einfach ein "Bringsel" in Gestalt eines Säckchens Kaffee apportieren. Erst heute weiß man, daß man sie damit zugleich kaffeesüchtig gemacht hat: Es ist schwer, sie davon abzuhalten, den aufgespürten Kaffee zu fressen.
Die beste Sucharbeit leistete der als Diensthund beliebteste Schäferhund. Einer der erfolgreichsten Kaffeehunde, die Schäferhündin "Citta", spürte an der Aachener Grenze einmal in einer einzigen Nacht fünf 60-Pfund-Säcke Röstkaffee auf.
Die Kaffeehunde genügten solange, wie im Westen hauptsächlich zu Fuß geschmuggelt wurde. Als aber etwa von 1950 an der motorisierte Schmuggel immer mehr zunahm, mußten zunächst kleinere Tiere gefunden werden, die in die Verstecke der Fahrzeuge kriechen konnten. Diese Hunde sollten, wenn sie schon einmal im Lastraum eines Fahrzeugs umherschnupperten, auch noch andere Schmuggelgüter finden können.
Versuche mit Jagd-Terriern schlugen nicht ein, und die Zöllner überlegten schon, ob nicht Hunde von idealer Größe neu gezüchtet werden müßten. Da entdeckte der damalige Vorsteher des Hauptzollamtes Nordhorn, Regierungsrat Albert Becker, der gleichzeitig die Zollhundeschule in Quakenbrück**) betreute, im Jahre 1951 bei dem Zuchtforscher König eine kleine Rasse, die nach einem eigenen Verfahren speziell als "Rucksackdiensthund" herausgezüchtet war und wie "nach Maß" gemacht schien.
König nannte die Tiere "Heimwarte". Er hatte sie aus Stammesresten kleiner, hängeohriger Hunde, sogenannter "Wachtelspitze" herausgezüchtet. Die Wachtelspitze waren von den Fuhrleuten im Harz, aber auch von Belgien bis Oberitalien wegen ihrer Anhänglichkeit früher viel gehalten worden. Als den Urahn der Wachtelspitze und damit auch der Heimwarte bezeichnet König den Schakal.
König baute die Entwicklung seiner Suchhunde nicht auf willkürlicher Zucht und folgender Zwangserziehung (Dressur) auf, sondern züchtete systematisch auf die erwünschten Triebstärken und Neigungen. Er entwickelte ein Ausbildungsverfahren, das den Hund nicht zwingt, sondern ihm "erlaubt", das zu tun, was er nach seiner speziellen Veranlagung gern tut. "Meine Hunde folgen also nicht dem äußeren Zwang, sondern einem inneren." Königs Lehrmethode macht sich die ursprünglichen Schakaleigenschaften der Tiere zunutze.
Der Schakal hängt sich gern an eine fremde, auch menschliche Fährte, weil er hofft, auf diese Weise zu Beute zu kommen. König überlegte, daß er dem schakalstämmigen Heimwart nur eine Beute gleichsam zu versprechen brauchte, um die Suchleidenschaft anzustacheln.
Bei dieser Ausbildung wird die Beute durch einen "Fetisch" dargestellt. Das ist ein etwa 15 Zentimeter langer, mit einem Lappen umwickelter Metallstab mit Ringenden. Der Hund bekommt den Fetisch schon im frühen Alter zum Spielen, so daß er mit ihm aufwächst. Schließlich ist ihm das kleine Metallding das Liebste, was es gibt. Das Tier würde eher das Leben lassen, als auf seinen Fetisch verzichten.
Wenn der Hund nun, worauf der Tierlehrer zu achten hat, den Fetisch immer nur an Stellen findet, wo es nach Kaffee, Tee oder Zigaretten duftet, müssen sich naturgemäß diese Gerüche mit dem Fetisch assoziieren. Der Hund wird dann immer diese Duftbereiche aufzuspüren versuchen, weil er weiß, daß er dort auch den Fetisch findet. (Darum muß dem Hund auch im Einsatz, sobald er Schmuggelware gefunden hat, der Fetisch gegeben werden.) König beobachtete an einem "fetischfesten" Hund, der zwei Jahre keinen Kaffeeduft mehr in die Nase bekommen hatte, daß er das Gedächtnis für diesen Duft dennoch nicht verloren hatte.
Eine Zeitlang "markierten" die in Südbaden an der schweizerischen Grenze eingesetzten Heimwarte auch kleine Kaffeemengen bis zu einem Kilo, die beim Grenzübertritt nicht beanstandet werden.
In diesem Falle brauchte der Suchhundführer nur ein paar Sonder-Übungen einzulegen, um den Hund an ein größeres Duftvolumen zu gewöhnen: Er bekam einfach den Fetisch nur bei größeren Mengen. Auf dieselbe Weise konnte König die Suchhunde auch rasch von Röstkaffee auf Rohkaffee "umgewöhnen", als die Schmuggler, um die Hunde zu täuschen, nur noch Rohkaffee über die Grenze brachten.
Die Zuchterfahrungen, die dazu nötig waren, eine Rasse wie die Heimwarte herauszubringen, hat der Zoologe Kurt Friedrich König im Umgang mit Mäusen gewonnen. Er züchtet sie seit seiner Quintaner-Zeit, und heute haben sie die Stärke eines Regiments. Was wichtig ist: Sie sind aus einem einzigen Stamm (über 90 Generationen). König meint stolz darauf sein zu dürfen, wahrscheinlich die vielseitigste einstämmige Mäusezucht zu besitzen, die es auf Erden gibt.
Die Mäuse sind Königs Modell-Material. Er spricht von einem "Mäuse-Klavier", das heißt: Wenn er Hunde züchtet, schlägt er den gewünschten "Ton" zuerst auf dem Mäuse-Klavier an ("Was ich mit der Maus machen kann, geht auch beim Hund"). In derselben Zeit, in der er eine Generation Hunde züchtet, vermehren sich die Mäuse um vier Generationen. (Eine Maus trägt drei Wochen, nach sechs Wochen ist sie zuchtfähig.)
Insgesamt hat König aus drei Paaren eines Mäusestammes bisher 48 verschiedene Rassen in rund 250 verschiedenen Farbnuancen herausgeholt. Dabei gelang es ihm beispielsweise, der Maus den Fluchttrieb praktisch wegzuzüchten.
Nach dem Mäuse-Modell züchtete König drei Hunderassen: die Kobolde, Hovawarte und Heimwarte. Die Kobolde sind kleine Zwerghündchen, die sich rasch vermehren. Zur Römerzeit gab es sie auf verschiedenen Mittelmeerinseln, heute sind sie eigentlich nur noch auf den Kanarischen Inseln zu finden*). Die pudelartigen Tierchen sind ebenso wie die Mäuse für König "Informationsgut". Hovawarte und Heimwarte hingegen sind bereits praktische Ergebnisse der Königschen Etüden auf dem Mäuse-Klavier.
"Was sind Rassen?", fragt König. "Formen, die sich ununterbrochen wandeln und von denen es gelingt, vorübergehend einige festzuhalten oder Kreuzungsprodukte, die sich solange halten, wie man darauf achtet." Durch Beobachtungen der Gesetzmäßigkeiten innerhalb ganzer Tierstämme ist ihm möglich, was sonst nur
der Zufall vermag: Unter gewissen Voraussetzungen vergangene Rassen zu rekonstruieren.
Produkte des Zufalls waren beispielsweise die Tiere, die auf einer "Schau der rasselosen Hunde", die der Tierparkdirektor Heinz Heck im September 1948 in München veranstaltete, ausgestellt wurden. Aus dem rasselosen "Mischmaterial" hatten sich, wie Fachleute überrascht feststellten, längst vergangene Rassen neu zu entwickeln begonnen*).
Eine Rottweiler-Bernhardiner-Zufallskreuzung sah zum Beispiel aus wie eine Hatzbracke aus der Duodezfürstenzeit.
Andererseits wurden Ansätze zu noch gar nicht geschaffenen Rassen beobachtet. Ein Spanielbastard etwa war kurzhaarig geworden, was noch niemals beobachtet worden war.
Mit der Kenntnis einiger Mäuse-erprobter Gesetze war es Züchter König gelungen, mit seinem Hovawart eine Hunderasse zu rekonstruieren, die es im 13. Jahrhundert gegeben hat und seitdem nicht mehr. Die Hovawarte**) waren damals Schutzhunde
fränkischer Waldbauern. Daß eine ähnliche Form schon weit früher bestanden hat, fand König durch den "Torfhund" des Oldenburger Museums bestätigt. Die Nachbildung dieses in Torfablagerungen im Oldenburger Moor gefundenen Tieres ist ein fast naturgetreues Ebenbild der Hündin "Ludis", die heute in der Eifel Zolldienst versieht. Das Alter ihres Ebenbildes aus dem Moor wird auf 5000 bis 7000 Jahre geschätzt.
Grob definiert, gab es schon vor Tausenden von Jahren deutlich verschieden gebaute Hunderassen:
* Ursprüngliche, wildhundnahe Rassen, wie Spitze, Eskimohunde und echte Wolfshunde (Schlittenhunde);
* kräftige Sprung- und Laufformen, wie Pinscher, Laufhunde und Bracken;
* leichte hochbeinige Schnelligkeitsformen, wie Windspiele, Rennhunde und die großen Windhunde;
* gedrungene ("geballte") Kampfhundformen, wie Möpse, Bullenbeißer und die großen Kampfhunde der Assyrer oder die Mastiffs Englands;
* zotthaarige, pudelartige, wie die Kleinpudel (Kobolde), Mittelpudel und großen zotthaarigen Hirtenpudel.
Die Spezialisierung der Hunde, von der die späteren Rasseformen mit ihren ausgeprägten Eigenschaften ausgingen, beschränkte sich im wesentlichen auf Bewachung des Eigentums, Fährtensuche und Wildhetze.
Durch Leistung kam es zum "Typ"; gewisse körperliche Leistungsmerkmale galten als Voraussetzung. Beispielsweise, daß die Nase einer Dogge zurückgesetzt ist und die Zähne im Unterkiefer vorragen, damit das Tier atmen kann, wenn es die Beute festhält.
Vor Beginn der heutigen "Sportzucht" wurden die Wesenseigenschaften des Hundes aus den gleichen Zweckmäßigkeitsgründen gefördert. Und die Züchter von Jagdhunden halten auch bis heute an dem Prinzip "Leistung vor Schönheit" fest, nachdem bereits in den Jagdbüchern des 18. Jahrhunderts Schärfe und Betragen eines Hundes über sein Aussehen gestellt worden waren.
Um so empörter wenden sich "Leistungszüchter" wie Kurt Friedrich König gegen die rassische "Schnurrbartpflege", wie sie nach ihrer Meinung die heutige "Sportzucht" betreibt. Durch Züchtung lediglich auf willkürlich festgelegte Äußerlichkeiten, die dann als "Schönheit" herausgestellt würden, hemme man die Aufwärtsentwicklung der Hunde (deren Gehirnsubstanz sogar gefördert werden kann). In anderen Worten: Der auf "schön" gezüchtete Hund werde verdummt.
Die ausgesprochene "Schönheitszucht" begann im vergangenen Jahrhundert, zur gleichen Zeit wie die sogenannte "Reinzucht", die sich auf drei Gebiete erstreckte:
* Veredelung bereits vorhandener Schläge (Deutscher Schäferhund, Collie. Neufundländer, Spitz, Pinscher).
* Kreuzung zu neuen Rassen (Dobermann, Leonberger, Airedale, Sealyham- und andere Terrier) und später die
* Einfuhr exotischer Rassen (Pekinese, Chow-Chow, Afghanischer Windhund).
Die Engländer begannen als erste, in der Hundezucht eine sportliche Angelegenheit zu sehen. Mit der gleichen hartnäckigen Spleenigkeit, mit der sie Goldfische oder Perlhühner gezüchtet hatten, machten sie sich vor über einhundert Jahren über die Hunde her. Das Objekt bot sich an: Hetzjagden (Parforcejagden) mußten aufhören. Eine Parlamentsakte verbot die öffentlichen Bullen- oder Bärenbeißen mit Hunden (den "bulldogs" = Bullenhunden), die noch bis weit ins 19. Jahrhundert beliebte Volksspektakel in England gewesen waren.
Im Jahre 1859 wurden in Newcastle - on - Tyne zum erstenmal Hunde zusammen mit Geflügel öffentlich ausgestellt (die erste deutsche Hundeausstellung fand vier Jahre später in Hamburg statt). Es waren 60 Tiere, hauptsächlich Jagdhunde (27 Setter und 23 Pointer), Organisator war ein Büchsenmacher. Die Preise: Jagdgewehre aus eigener Werkstatt. Alles in allem war es eine schmutzige, unappetitliche Angelegenheit, und das Publikum weigerte sich, Eintrittsgeld zu zahlen.
Aus den ersten trübselig stimmenden Hundeausstellungen entwickelte sich bald die erste Organisation, der "Kennel-Club" (Zwingerclub). 1870 gegründet, registrierte er anfangs 40 Hunderassen. Heute gibt es Tausende von Hunde-Clubs mit ungefähr 200 Rassen. Ein verzücktes Publikum strömt jedes Jahr in Hunderte von Hundeschauen, um die Chow - Chow - Hündin "Wolkenfee vom Gaurisankar" oder den Dobermannrüden "Pattachon vom Treppengeländer" zu beklatschen, wenn ihnen das CACIB verliehen wird*).
Kein Tier hat sich der menschlichen Experimentierlust williger gefügt als der Hund. Beinahe jedem züchterischen Wunsch hat er entsprochen. Es gibt Hunde im Handtaschenformat und in Shetland-Pony-Größe. Sogar Mißbildungen wurden gezüchtet, wie zum Beispiel der Dackel (Teckel): Seine Krummbeinigkeit beruht auf einer anfänglich abnormen Früh-Verknöcherung. Die krummen kurzen Beinstummel wurden züchterisch nicht ausgemerzt, da man glaubte, daß das Tier so schneller und leichter in ein Fuchs- oder Dachsloch "schliefen" könne.
Züchter König hat vor dem Kriege Versuche miterlebt, durch die von der staatlichen
Zuchtanstalt eine Art "Überhund" nach theoretischem Rezept hergestellt werden sollte ("Kurmärker"). Man wollte nehmen: von der Dogge den straffen Rücken, den starken Fang, vom Schäferhund die Lern- und Erholungsfähigkeit, vom Chow die kleinen Ohren. Was bei den Zuchtversuchen herauskam, war allerdings nichts anderes als ein Haufen Straßenköter.
Die Engländer gingen bei ihren Zuchtversuchen vorwiegend auf Größe und bizarre Ungeschlachtheit oder auf kleine Pikanterien aus. Den ohnehin schon kalbsgroßen Bernhardiner der St.-Bernhards-Mönche kreuzten sie so lange mit Mastiff-Blut, bis er so schwer geworden war (über 200 Pfund), daß er im Schnee stecken blieb. Sein Ruhm als Retter aus Lawinennot ist längst dahin. Die Schweizer verwenden heute Deutsche Schäferhunde und Grönland-Schlittenhunde.
Aus China brachten die Engländer das glotzäugige, plattgesichtige, aber in seiner Erscheinung noble chinesische Palasthündchen mit, den Pekinesen (Pekingnesen). Das Tier ist inzwischen so weit überzüchtet worden, daß es, weil seine weit vorquellenden Augen nicht mehr geschützt sind, Augenentzündungen bekommt, wenn es nur durch hohes Gras trippelt.
Auf der anderen Seite gelang es englischer Züchterkunst, aus dem deutschen "Mistbeller" einen eleganten Salonhund zu machen. Der Ausdruck "Mistbeller", der aus dem Landstreicherjargon stammt, bezeichnet den Spitz, der, zu seiner eigenen Sicherheit gewöhnlich auf dem Mist postiert, in niederdeutschen Bauerngehöften die Bettler und Umherstreicher ankläfft. Der Name wurde, vermutlich in
Unkenntnis seiner Bedeutung, in "Mistbella" latinisiert*).
Die aus dem Mistbeller erzüchteten englischen Zwergspitze zählen heute, besonders wenn sie eine üppige "Halskrause" haben, zu den teuersten Luxushunden. In der Bundesrepublik kosten sie bis zu 500 Mark.
Aus dem rohen Material ihrer einheimischen Hunde haben die Engländer außerdem die frech-schneidigen Terrier (von lateinisch "terra" = Erde) herausgezüchtet. Teilweise wurden sie mit Bulldoggblut gekreuzt, um sie schärfer zu machen. Einige von ihnen sind Luxushunde geworden, wie der lämmchen-ähnliche Bedlington-Terrier und der kurzbeinige Scotch-Terrier. In den dreißiger Jahren stand der "Scottie" zahlenmäßig an der Spitze der in Deutschland gehaltenen Hunde, vor dem Schäferhund und dem Dackel.
An Beliebtheit wird er heute mehr und mehr vom Sealyham-Terrier (Züchter: Captain John Edwardes of Sealyham), einem wilden Dachsgräber und Rattenfänger, und dem Kerry-Blue-Terrier verdrängt. Immer häufiger stolzieren sie an den Hundeleinen der eleganten Welt. Der "Kerry Blue", aus der irischen Grafschaft Kerry, wird in seiner Heimat vor der Flinte als Apporteur verwendet. Als Luxushund sticht er durch seine elegante blauseidene "Jacke" hervor.
Doch mögen auch Terrier und Pudel zur Zeit die beliebtesten Luxushunde sein: Das Geschehen in der westdeutschen Hundewelt diktiert der allmächtige "Verein für deutsche Schäferhunde" in Augsburg (über 40 000 Mitglieder, mehr als alle anderen deutschen Rassehunde-Vereine zusammen). 850 000 Schäferhunde sind seit Gründung im Stammbuch des Vereins verzeichnet. Der Exportpreis steht heute bei 500 bis 700 Mark pro Hund.
Da der Schäferhund aus Prestigegründen um jeden Preis in seiner traditionellen Form gehalten werden müsse, sei er - so behauptet Hundeforscher König - in Gefahr, als Typ zu entarten und im Wesen zu erstarren. Nur dadurch, daß man ihn straff auf Leistung züchte, könne er vor der Degeneration bewahrt werden.
Degenerationserscheinungen als Folgen der "Züchtung auf Dusseligkeit" (so nennen die "Leistungszüchter" die "Sportzucht") sind heute bei einer ganzen Reihe von Hunderassen unverkennbar.
Ein Hund, der degeneriert, wird zum "Angstbeißer". Ursprünglich war Angstbeißertum am häufigsten vom Dobermann-Pinscher bekannt, bei dem es nie ratsam war, ihm bei Nacht auf die Pfote zu treten. Mittlerweile sind aber auch Boxer und Deutsche Doggen Angstbeißer geworden. Beide sind nervös reizbar: Besitzer von Boxern berichten, daß ihre Tiere einen schwachen Magen haben und Autofahren nicht vertragen.
Die Deutsche Dogge, ein alter Wach- und Schutzhund ("Zwei Doggen frei im Hof bessern die Ehrlichkeit mehr als des Pastors Predigt", sagten die märkischen Gutsbesitzer), ist kurzlebig geworden. Viele Doggen vertragen keine Dressur mehr. Auf längeren Märschen macht der Nachfahre mittelalterlicher Hatzhunde, die man in Barchentpanzern zur Bärenjagd schickte, leicht schlapp.
Tierpsychologen behaupten, daß auch die scheinbar übermütige Lebhaftigkeit des drahthaarigen Foxterriers nichts weiter als Nervosität sei. Ebenso habe der Scotchterrier, der früher Katzen auf Bäume verfolgte, durch Entartung viel von seinem Draufgängertum eingebüßt.
Typisch für die rassische Knochenerweichung ist das Schicksal des Chow-Chow (Kennzeichen die heidelbeerblaue Zunge). Als sie in den zwanziger Jahren von China nach Deutschland kamen, waren es noch wildformnahe, natürliche Hunde, "vom Atem der Wildnis angehaucht", wie entzückte Hundekenner sich ausdrückten. Die auf bloße Äußerlichkeiten gehende "Sportzucht" hat aus diesem Asiaten, dessen Vorfahren in den nordindischen Urwäldern in Meuten von 30 und mehr wütend Hirsche, Wölfe und sogar Raubkatzen jagten, einen pomadigen Teddy gemacht, der nur noch eine einzige Leidenschaft hat: Schafe hetzen.
Unter den mittelgroßen modernen Modehunden (Collie, Dalmatiner, Königspudel) sind Degenerationserscheinungen am deutlichsten beim Collie erkennbar, der ursprünglich ein scharfer Schutz- und Hütehund war.
Auch bei den großformatigen Hunden (Leonberger, Neufundländer, Afghanische Windhunde) sind Degenerationserscheinungen deutlich sichtbar. Der Neufundländer (er wurde aus Europa nach Neufundland gebracht und kam von dort über England als "Neufundländer" wieder zurück) konnte im 18. Jahrhundert noch wie ein Seehund schwimmen und tauchen. Heute schwimmt er noch gern, aber nicht besser als andere Hunde. Seit beide - Neufundländer und Collie - als Modehunde ihre ursprünglichen Eigenschaften nicht mehr verwerten können und die "Sportzucht" Rutenlänge und Haarqualität, also äußere Eigenschaften, höher schätzt als innere, sind beide träge, phlegmatische Paschas geworden, gerade gut genug, sich auf der Matte vor dem Kamin zu räkeln.
Die Diktatur des sogenannten Standards (der vorzugsweisen Bewertung des Erscheinungsbildes eines Hundes) begann, als es ein Hobby des Städters wurde, sich einen Hund zu halten oder sogar (in kleinem Rahmen) Hunde zu züchten. Fachleute verspotten den städtischen Hundehalter als "Teppichtiergärtner". Aber er brachte nach und nach das gesamte Hunde-Ausstellungswesen unter seine Kontrolle. Die Hundezüchter haben heute seine
Wünsche zu respektieren, wenn sie bestehen wollen.
Durch den Standard wird bestimmt, wie ein Hund auszusehen hat. Es ist die von der Mode abhängige, ästhetische Vorstellung von einem Idealhund. In pinseligen Vorschriften bestimmt er die Normen der Äußerlichkeiten: Format, Proportionen, Knochenstärke, Muskellage, Kopfform, Ohrhaltung, Augenfarbe, Gliedmaßenwinkelung, Bewegungsart, vielfach sogar die Frisur.
Von Modewelle zu Modewelle verändert sich der Standard nach jenen wahrscheinlich nie zu ergründenden Gesetzen, nach denen Damenröcke gekürzt oder verlängert oder bestimmte Farben oder Frisuren getragen werden. "Darüber morden sie die Seele des Hundes", empören sich die "Leistungszüchter" wie Kurt Friedrich König, die diesen "Unfug" nicht mitmachen. So schreibt beispielsweise der Standard aus modisch-ästhetischen Gründen vor, daß
* der Pudel einen schmalen, langen Kopf (wie der Collie) und
* der Boxer kleine Vorderzähne haben muß, damit die Zähne bei dem kurzen Fang nicht "blitzen".
Damit werde, sagt König, dem Pudel "die Gehirnentwicklung verwehrt" und dem Boxer, der als Schutzhund ein "Zupacker" sein soll, gerade seine wichtigste, gefürchtete Waffe geraubt
Zur gleichen Zeit, in der Königs Zoll-Suchhund "Wacker" in Bildchen bei Aachen in den Laderäumen deutscher Laster herumschnuppert, spaziert "der blonde Flori" neben Albert Cronberger in Frankfurt über die Zeil. Der Unterschied zwischen beiden Tieren, dem "Werktätigen" und dem "Snob", und zwischen den Auffassungen ihrer Züchter drückt die Problematik der heutigen deutschen Hundezucht und Hundehaltung aus.
Flori ist ein vierjähriger Pudel-Rüde. Er gilt als Stammvater der deutschen Pudel-Blondzucht, die sein Besitzer erstmalig in Bundesdeutschland eingeführt hat (bis dahin wurden nur schwarze, braune und weiße Pudel gezüchtet). Flori kommt frisch vom Friseur. "Frauchen" Cronberger als anerkannte
Pudelfriseuse besorgt das selbst. In ihrem Pudel-Frisier-Salon in der Arnsburger Straße 40 fertigt sie täglich fünf bis sechs Pudel ab.
Floris langer, schlanker Hals ist ein Zeichen von Adel. Den genau nach Standard schmalen, langen Kopf schmückt eine Tolle, die "Krone". Nach dem modischen Karakul-Schnitt hat der blonde Flori "Hosen" an.
Seine Taillenweite beträgt genau 36 Zentimeter.
Für Pudelbesitzer Cronberger existiert keine Zuchtproblematik. Für ihn hat ein Hund nichts weiter zu sein als der "Sonnenschein der Familie".
*) Sitz des Riechvermögens des Hundes ist die Riech-(Nasen-)Schleimhaut. Ihre Dicke beträgt 0,1 Millimeter gegenüber nur 0,006 Millimeter beim Menschen. Das menschliche Riechfeld erstreckt sich auf fünf Quadratmeter; das ungleich differenziertere Riechfeld eines Schäferhundes beträgt 15 bis 16 Quadratmeter.
**) Die Schule befindet sich heute bei Diepholz.
*) "Kanarische Inseln" bedeutet "Inseln der Hunde". Der Name kommt vom lateinischen canis = Hund.
*) Von gängigen Hunderassen jüngerer Zeit ist z. B. die Form des schwarz-weiß gefleckten Neufundländers seit einiger Zeit spurlos verschwunden.
**) Der Name bedeutet "Schützer des Hofes", nach dem mittelhochdeutschen Wort hova = Hof.
*) Das CACIB (Certificat d''Aptitude au Championat de Beauté = Anwartschaftsbescheinigung für das Schönheits-Championat) ist die höchste internationale Auszeichnung, die ein Hund erhalten kann. Das CACIB muß viermal unter drei verschiedenen Richtern in drei verschiedenen Ländern erworben werden. Dann gilt der Hund als "Champion" Die internationalen Schönheitskonkurrenzen für Hunde liegen vorwiegend in französischen Händen.
*) In England und Amerika wird der Spitz "Pomeranian" ("Pom") genannt, da seine Stammheimat Pommern sein soll.

DER SPIEGEL 23/1954
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