23.06.1954

CDU/CSUProtestanten geschwächt

Seriöse bayerische Romfahrer haben in ihre Heimat eine Nachricht mitgebracht, die zeigt, wie sehr die fortgesetzten konfessionellen Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten in der Christlich-Demokratischen Union und ihrem bayerischen Pendant, der Christlich-Sozialen Union, selbst außerhalb Deutschlands zum Nachdenken angeregt haben. Die Reisenden haben zuverlässig mitgeteilt, im Vatikan werde die Konzeption favorisiert, die CDU/CSU in je eine katholische und eine protestantische Partei aufzuteilen, die in ihrer Spitze wieder vereinigt sein sollen.
Daß diese Konzeption gerade von bayerischen CSU-Politikern wach registriert worden ist, liegt an den besonders in Bayern immer wieder zutage tretenden konfessionellen Spannungen in der CSU, die erst jetzt wieder im Austritt eines protestantischen Politikers aus der Partei ihren Ausdruck fanden.
Der protestantische Theologieprofessor Dr. Hermann Strathmann aus Erlangen, der einige Jahre Vorsitzender des CSU-Kreisverbandes Erlangen war und als evangelischer Politiker der verfassunggebenden Landesversammlung in Bayern und dem ersten bayerischen Landtag - in der Weimarer Zeit sogar dem Reichstag - angehört hatte, begründete seinen Austritt
aus der CSU mit der "unbefriedigenden Zusammenarbeit innerhalb des Kreisverbandes Erlangen".
Die Deutsche Presse-Agentur erfuhr aus "eingeweihten Kreisen", daß "mit weiteren Austritten evangelischer Mitglieder aus der CSU in Mittelfranken zu rechnen" sei. Damit wurde der Parteiaustritt des Professors Strathmann, der eigentlich mehr lokalen Differenzen entspringt, in den Zusammenhang jener Auseinandersetzungen gestellt, die in der CSU im Gange sind, seit der Fürther Wirtschaftsprüfer Karl Sigmund Mayr, früher stellvertretender Landesvorsitzender der CSU und Leiter des Bezirksverbandes Mittelfranken, zudem Protestant, von seiner Münchner Parteispitze daran gehindert wurde, das ihm vom Kanzler angetragene Amt des Bundespostministers zu übernehmen (SPIEGEL 44, 45/1953).
Für diese Hinderung war die Tatsache mit ausschlaggebend, daß Karl Sigmund Mayr Protestant ist; Bundesfinanzminister Fritz Schäffer hat das dem erfolglosen Ministerkandidaten jedenfalls mit reizvoller Offenheit erklärt. Karl Sigmund Mayr hat denn auch aus diesen Erfahrungen die Konsequenzen gezogen und Anfang Februar seine Parteiämter innerhalb der CSU niedergelegt.
Nun werden die aktiven protestantischen Kräfte, die in Bayern bisher für die CSU und die Einheit der Union wirkten, aber nicht nur durch solche Austritte und Amtsniederlegungen prominenter Protestanten geschwächt. Es kommt hinzu, daß der Leiter der evangelischen Arbeitsgemeinschaft in der CSU, der frühere Dinkelsbühler Pfarrer Kreußl, der jetzt an
der Lehrerbildungsanstalt München-Pasing als Religionslehrer wirkt, seine politische Tätigkeit aufgeben muß, und mit ihm alle protestantischen Geistlichen in Bayern, da die Kirchenordnung der evangelischen Landeskirche in Bayern eine aktive politische Betätigung von Geistlichen nicht gestattet.
Auf der Wuppertaler Arbeitstagung der evangelischen Arbeitsgemeinschaft der CDU wurde denn am vorletzten Sonntag auch lebhaftes Bedauern darüber laut, daß mit dem Ausscheiden der Geistlichen aus der politischen Arbeit in Bayern die evangelischen Kräfte besonders in Franken entscheidend geschwächt würden.
Der Bundesminister für Sonderaufgaben Franz-Josef Strauß, CSU, hat in der vorletzten Woche einen wenig beachteten 48-Stunden-Besuch in Rom gemacht. Unter den Themen, die er mit maßgeblichen Vertretern des Vatikans und der beiden deutschen Botschaften erörterte, war die Frage des Verhältnisses der beiden Konfessionen innerhalb der CDU/CSU.

DIE OPFER DES 17. JUNI
waren letzte Woche bei Staatsakten, Feiern und Kundgebungen in Westberlin und Westdeutschland Anlaß, rhetorische Bekenntnisse abzulegen und die Ziele westlicher Politik zu proklamieren. In Ostberlin und Mitteldeutschland wurden in der gleichen Woche neue Zuchthausurteile gegen Teilnehmer des Aufstandes verkündet und propagandistisch ausgeschlachtet.
- In Berlin-Wedding standen die Hinterbliebenen von Toten des 17. Juni an den Gräbern (links). In Berlin-Schöneberg wurden einige Jugendliche zusammengeschlagen, als es während der Feier vor dem Schöneberger Rathaus zu Störungen der Festrede des Vizekanzlers Blücher gekommen war. Sie wurden in Schutzhaft genommen (rechts).

DER SPIEGEL 26/1954
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