23.06.1954

RELIGION / BILLY GRAHAMZwölf Ernten im Jahr

Aus der Masse der 120 000, die das riesige Oval des Fußballstadions von Wembley füllt, lösen sich einzelne Menschen. Während sie die Stufen hinabgehen, summt ein tausendstimmiger gemischter Chor eine geistliche Melodie im Dreivierteltakt. Es ist immer wieder dieselbe.
In dem leise herniederrieselnden Regen bewegen sich die Kommenden auf die in grellen Farben leuchtende Tribüne zu, die vor den überdachten Sitzreihen errichtet ist. Oben erwartet sie - schweigend, das Kinn in die rechte Hand gestützt und von Scheinwerfern angestrahlt - Billy Graham, der Evangelist aus Amerika.
Die Menschen, die aus den überfüllten Rängen auf die Rasenfläche der Arena sickern, weil sie ihre "Entscheidung für Christus" getroffen haben, kommen einzeln, jeder für sich und in sich versunken. Manche sind vor Verlegenheit rot im Gesicht. Nur ganz selten schluchzt eine Frau auf.
Abend für Abend - drei Monate lang - füllte der Ruf des Evangelisten Riesenarenen, Fußballfelder, Kirchen und Marktplätze. Eine Erweckungs-Bewegung ging über Großbritannien hinweg.
Über zwei Millionen Engländer sahen Billy Graham predigen, weitere Millionen waren im Fernsehfunk, im Radio und in Parallelversammlungen Zeugen seiner Massenkundgebungen des Glaubens. An die 40 000 "entschieden sich für Christus".
In dieser Woche spricht Billy Graham in Deutschland, einmal in Frankfurt vor Angehörigen der amerikanischen Besatzungstruppe, dann in der Düsseldorfer Eislaufarena und schließlich im 100 000 Menschen fassenden Olympia-Stadion von Berlin.
Das Überraschende an Billy Grahams religiöser Schau ist, daß es bei ihr keine Massenhysterie, kein Zungenreden, keinen Paroxysmus des Glaubens, höchstens hin und wieder ein paar ohnmächtig gewordene Frauen gibt. Was nach seiner Rede bleibt, ist ein undeutliches, die Arena füllendes Gefühl, sich "entscheiden" zu müssen. Ein englischer Reporter beschrieb es als eine "Verlegenheit", ähnlich der, die jemand empfindet, der einen sympathischen Staubsauger-Vertreter zur Vorführung eingelassen hat und bestellen soll, ohne recht zu wollen.
Billy Graham ist - als Redner - kein Exhibitionist. Er ist nicht einmal ein kühler Techniker der Massenpsychologie. Er ist ganz einfach ein Mann, der glaubt und dessen Glaube einfach ist. Er predigt nicht für Fortgeschrittene im christlichen Glauben, sondern für die Klippschüler, er predigt das Abc des Christentums, religiöse Konfektionsware, bestimmt für den Massenkonsum, und er predigt mit der hypnotischen Wirkung dessen, der auch nicht den Schimmer eines Zweifels zuläßt.
Adam hat - laut Bibel - über 900 Jahre gelebt, und für Billy Graham ist das eine historische Wahrheit. "Der Himmel", sagt Billy, "ist ein richtiger ''Ort''; die Christen kommen dorthin, wenn sie gestorben sind, und es werden dort wundervolle Begegnungen sein, wenn alle, die sich lieben, sich dort wiedererkennen. Welch ein herrlicher Ort dort oben! Straßen von Gold und Perlen, und die Bäume tragen jeden Monat eine andere Frucht. Denkt einmal, ihr Bauern, zwölf Ernten im Jahr!"
Und: "Ich glaube, daß es wirklich in der Hölle Feuer gibt, aber wenn - wörtlich genommen - kein Feuer da ist, dann meint die Bibel mit den ''Flammen der Hölle'' etwas noch weit Schrecklicheres. Was es auch sein mag, es wird so schrecklich sein, daß man es in der Sprache der Menschen nicht ausdrücken kann."
Was Billy Graham predigt, ist in der Substanz immer wieder dasselbe: Verdammnis des Menschen zur Sünde und die Chance der Erlösung durch den Glauben an den leibhaftig auferstandenen Christus.
Der Aufbau seiner Predigten ist simpel wie der irgendeiner Sonntagsrede. Nach dem Gebet beginnt Graham, indem er ein paar Geschichten erzählt - etwa die von dem Bauernburschen, der sich trauen lassen wollte und den Pastor fragte, wieviel das wohl koste. Die Antwort war: "So viel, wie dir deine Braut wert ist." Der Bursche zahlte einen Dollar. Als aber das Paar getraut war, hob der Pastor den Schleier der Braut, sah sie, holte seine Börse vor und gab dem Burschen 50 Cents zurück.
Graham durchschreitet diese gefällige Phase seiner Predigt schnell. Bald kommt er zu wesentlicheren Punkten, wird aggressiv. Den Übergang bildet - zuweilen - wieder eine Anekdote: Ein Pastor lud
die Männer seiner Gemeinde zur Totenfeier eines Unbekannten ein. Den Namen wolle er nicht nennen, die Männer könnten nach der Predigt die Leiche besichtigen. Eine Stunde lang schilderte der Pastor den Toten als einen Ausbund der Schlechtigkeit. Als die Männer nach der Predigt in den Sarg schauten, sahen sie dort ihr jeweiliges Bild im Spiegel.
An einer solchen Stelle etwa wirft Graham seine lange, schlaksige Figur über das Geländer der Tribüne und schleudert wie einen Speer seinen Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger hinterher. Er zielt in die Menge: "Gottes Zorn wächst und wächst und wächst, wenn du dich weigerst, die Bibel zu lesen, nicht zur Kirche gehst und Jesus leugnest - bis er vor Zorn explodiert!"
Graham spricht nicht überall in der gleichen Weise. Amerikanische Reporter nannten ihn das "Maschinengewehr Gottes", weil seine Reden in den Staaten einem pausenlosen Beschuß glichen, und ein koreanischer Pastor stöhnte nach einer Rede Grahams vor Soldaten der 8. Armee: "Dr. Graham hat eine solche Löwenstimme, so viel Gewalt, und er spricht so schnell, daß ich meine Gedanken nicht einen Augenblick wandern lassen konnte."
In England gebärdete Graham sich anders - möglicherweise ein Beweis dafür, wie tüchtig die psychologische Vorbereitung seiner Feldzüge des Glaubens ist, möglicherweise aber auch dafür, daß Graham ein Medium der Masse ist, vor der er spricht.
England ist das Land der Wohlanständigkeit, der Mäßigung in Gestik und verbalem Ausdruck. Graham legte in England die grellfarbigen Krawatten und das kokette Kavaliertaschentuch in der Brusttasche ab. Er verzichtete auf allzu vehemente Angriffe gegen den "teuflischen" Kommunismus und auf den Hokuspokus einer Parade bekehrter Cowboys zu Pferde. Die Eleganz seiner Anzüge (und der Kleider seiner Frau), der Zirkusstil seiner Veranstaltungen, die Saloppheit und gegebenenfalls die Geräumigkeit seiner Bewegungen wurden zurückgeschnitten auf ein Maß, das in England eben noch als "dezent" hingeht.
Ein Reporter errechnete, daß Graham bei einer amerikanischen Predigt auf der Tribüne rund drei Kilometer Weg zurücklegte. Auch auf den Tribünen Englands ist Graham gelaufen, aber bei weitem nicht so viel, höchstens (laut einer Zuhörerschätzung) pro Predigt 600 Meter - also 20 Prozent seiner amerikanischen Leistung. Damit ist das Maß der Zurückhaltung, das sich Graham in England auferlegte, passend beschrieben.
Manche Engländer, darunter viele Geistliche, die ihm durchaus nicht wohlwollten, waren geradezu enttäuscht. Der Erzbischof von Canterbury, Dr. Geoffrey Fisher, hielt sich drei Monate lang von dem Feldzug Grahams fern. Am letzten Tag erschien er im Wembley-Stadion - in Kniehosen und einem schwarzen Zylinder mit Bändchen daran auf dem Haupt.
Und die aus einem Pastorenhause stammende Schriftstellerin Ursula Bloom schrieb: "Ich ging (zu Graham) in der Hoffnung, beeindruckt zu werden. Aber sein Predigen war enttäuschend. Es hatte keine richtige Begeisterung, und hinterher konnte ich mich weder eines einzigen Satzes erinnern noch irgendeines Punktes, den er hervorgehoben hätte... Ich fand, daß er kein sehr dynamischer Prediger ist; für einen amerikanischen Evangelisten jedenfalls fand ich ihn äußerst zurückhaltend."
Graham war in England kein "Maschinengewehr Gottes", und trotzdem war der Erfolg, den er auf der Insel errang,
weitaus größer als der in den Staaten. Grahams amerikanischer Rekord ist eine 75 000-Menschen-Versammlung in Dallas (Texas). In London füllte er dagegen die 120 000 Sitze des Wembley-Stadions und mußte in letzter Minute am gleichen Tage noch eine weitere Veranstaltung mit 65 000 Menschen im White City Sportpalast vorwegschicken. Er sprach also an einem Tage vor 185 000 Menschen.
Der Erfolg Grahams in England war für die Engländer selbst eine große Überraschung - auf jeden Fall für die tonangebende Londoner Presse. Als Graham Ende Februar mit seinem Team von dreißig wie Baseballspieler aussehenden Helfern - Managern, Solosängern, Trompetern, Beleuchtern usw. - auf dem Londoner Flugplatz Croydon landete, erwarteten die Reporter, "heißes Evangelium" zu hören.
Die englische Presse rubrizierte Graham unter der Marke "Amerikanischer Evangelist" und dachte dabei unter anderem an die skandalöse Aimée McPherson der zwanziger Jahre. Deren Haupt-Attraktion war, mit einem Motorrad in den Gottesdienst ihres Angelus-Tempels in Los Angeles zu brausen, um dort plötzlich zu stoppen und - nach einem wüsten Pfeifkonzert - zu schreien: "Halt, ihr fahrt alle in die Hölle!"
Als Billy Graham anläßlich einer Freiluftveranstaltung im Londoner Hydepark zwei Reklameflugzeuge in die Luft schickte, um ein Nebel-Kreuz an den Himmel zu malen, fand die Presse sich in ihrer Voreingenommenheit bestätigt. Auch die Reklame, die sein Manager machte, zwang zu keiner Korrektur. An den Wänden der Londoner Omnibusse erschienen riesige Plakate: "Hört Billy Graham! Einmalige Chance! Erbebt bei der Musik von Todd Smith und Paul Mickelson!"
Aber dann kamen die ersten Leserbriefe von Leuten, die in der Harringay Arena - einer überdachten Halle mit über 11 000 Plätzen - gewesen waren. "Daily Express" schickte an einem Abend gleich drei seiner
besten Reporter nach Harringay. Doch auch die konnten sich nicht von ihrer vorgefaßten Intellektuellen-Meinung trennen.
Auslandskorrespondent Rene MacColl schrieb: "Ich habe viele Tausende Billy Grahams in Amerika gesehen. Billy Graham - oder war es sein Zwillingsbruder? - verkaufte mir vor drei Jahren in Washington ein Auto. Billy war auch der junge Mann in dem flotten Anzug gewesen, der mir in New York beinahe einen
Fernseh-Empfänger angedreht hätte... Und gestern abend war er wieder da - in der Harringay. Er hatte nichts von seiner Wendigkeit verloren und nichts von seinem Selbstvertrauen."
Wirtschaftskorrespondent Trevor Evans fand nur die "efficiency" - die Tüchtigkeit - der Organisation bemerkenswert, und die Frauen-Journalistin Eve Perrick meinte etwas Ähnliches, als sie schrieb: "Die Technik war genau die eines Varieté-Theaters."
Aber Eve Perrick enthüllte - unbewußt - die Fehlerquellen aller journalistischen Forschung nach dem Erfolg Grahams. Sie schrieb: "So etwas habe ich schon oft erlebt: das Gefühl in einem großen Auditorium zu sitzen, umgeben von Leuten, die von der Stimme eines Mannes auf der Bühne verzaubert sind - einer Stimme, die mich absolut kalt läßt."
Es dauerte lange, bis man in Londons Zeitungsviertel um die Fleet Street begriff, daß Intellektuelle keine Maßstäbe für die Reaktion der Masse geben. Selbst das Blatt, das in England am besten weiß, "was zieht", die Boulevard-Zeitung "Daily Mirror", brauchte dafür mehr als zwei Monate. Sie schickte schließlich ihren Star-Kolumnisten "Cassandra" nach vorn, um die weiße Flagge zu hissen.
Cassandra beichtete, daß er Billy Graham den "gerissensten, glattesten, gelecktesten und schönsten Gegner der Bosheit" und eine "Hollywood-Version von Johannes dem Täufer" genannt habe. Dann habe er sich - sinnigerweise - mit Graham in der Kneipe "Zum Haupte des Täufers" getroffen. Nach dieser Besprechung mußte Cassandra gestehen, daß Graham "in unserem Vaterland - einem Land, das wie keine siegreiche Nation zuvor vom Schicksal geschlagen und herabgedrückt wurde - mit einer Überschwenglichkeit empfangen worden ist, die uns hinter unserer geliebten angelsächsischen Reserviertheit fast erröten läßt".
Die simple Rücksichtslosigkeit, mit der Graham von Buße, Sünde, Tod und Teufel
spricht, ist - wie sich ein kaltschnäuziger Reporter ausdrückte - "heute gefragt".
Allerdings fiel den Massen-Psychologen der englischen Presse auch etwas anderes, beinahe Gegensätzliches auf: das Klima absoluter Normalität, in dem Graham seine Botschaft verkündet.
Trotz seines Aufrufs zur Buße verlangt er keine Askese, keine Besonderheiten in Haltung, Gebärde oder Kleidung, keine exzentrischen Handlungen oder Gefühle. Was die beiden von "News Chronicle" nach Harringay entsandten Reporter Paul Dehn und Elizabeth Frank frappierte, war die Tatsache, daß er seine Zuhörer nicht "entrückt", sie niemals "mit sich fortreißt", weil er "sich selbst nicht fortreißt".
Graham unterstreicht den Eindruck des Normalen schon durch sein Erscheinungsbild. Sein maßgeschneiderter Anzug, seine saloppe - aber niemals obszöne oder auch nur vulgäre Sprache, sein gesundes und glückliches Familienleben - er hat eine Frau und vier Kinder - , seine Vorliebe für Sport weisen ihn als einen Mann "wie du und ich" aus.
Der Höhepunkt jeder Billy-Graham-Kundgebung ist die Aufforderung, "sich für Christus zu entscheiden". Das ist der Augenblick, den auch der Kartoffelschälmesser-Verkäufer an der Ecke und der Zeremonienmeister einer Waschmaschinen-Vorführung kennt und fürchtet, weil er über den Erfolg des Tages entscheidet. Keiner der Zuhörer will jetzt der erste sein.
Billy Graham hilft sich dabei mit einem in der Reklame-Praxis geläufigen Trick: Einer seiner Helfer macht den Anfang. Bei einer der ersten Harringay-Veranstaltungen wollte es das Unglück, daß an dem Sitz dieses Helfers ein Schild angebracht war "Sitz für Helfer". Ein "Daily Express"-Reporter entdeckte es da.
Auch bei der sogenannten "Nacharbeit" wird nach Möglichkeit das Klima des Normalen gewahrt. Diejenigen, die sich für Christus entschieden haben - in Harringay
waren es Abend für Abend zwischen 300 und 500 - , werden in bestimmte Räume geleitet, wo sie von den "Beratern" Grahams in Empfang genommen werden. Die Berater sind nach Möglichkeit so ausgewählt, daß der Bekehrte innerhalb seiner sozialen und Altersklasse bleibt. Ein Arbeiter begegnet hier einem Arbeiter, ein junges Mädchen nach Möglichkeit einer Altersgenossin des gleichen Standes.
Die Berater füllen für die Bekehrten gelbe Karteikarten aus, auf denen sie Name, Stand und Adresse eintragen. Der Bekehrte selbst darf ankreuzen, was ihn zu seiner Entscheidung bewegte:
* Anerkennung Christi als Erlöser und Herr,
* Zuversicht, erlöst zu werden,
* Lebensweihe,
* Anderes.
Die Kirchengemeinde des Bekehrten wird notiert. Graham will keine eigene Sekte gründen - ein Verzicht, der dazu beigetragen hat, ihm die Unterstützung der Kirchen zu sichern.
Gleichwohl sorgt er auch für außerkirchliche Nacharbeit. Die basiert auf dem sogenannten "Lotsen-System", einer Methode christlicher Erwachsenen-Erziehung und -Führung, die sich auf eine angelsächsische Laien-Bewegung "Die Lotsen" stützt. Das System der Piloten beschrieb die Londoner Weekly Review so:
"Der Plan sieht vor, den neu bekehrten Christen Berater zu attachieren. Jeder Bekehrte oder Suchende wird aktenmäßig erfaßt, von Fachleuten auf seinem Weg beobachtet und in die Kirchen geleitet.
"Die Nacharbeit enthält Briefkurse, die den Bekehrten oder Suchenden mit biblischem Material vertraut machen.
"Die Methode geht, was Unnachgiebigkeit und ständiges Training in der Kenntnis der Texte angeht, weit über das hinaus, was die Kommunisten tun. Der Bekehrte wird durchtränkt mit Tatsachen und hat so viel an christlicher Lehre auswendig zu lernen, daß man annimmt, er könne gegebenenfalls - etwa durch Krieg oder Gefangenschaft - von der Kirche abgeschnitten werden, könne ohne Bibel oder Gebetbuch sein und würde dann doch einen so großen Vorrat an auswendig gelerntem Bibelwissen besitzen, daß nichts ihn in seinem festen Glauben erschüttern würde."
Besorgt fragte "Weekly Review", ob die englische Kirche in der Lage sein werde, eine solche Erweckungsbewegung aufzufangen. Man meint wohl, Billy Grahams simplifizierende, mit Tod, Teufel und Sündhaftigkeit operierende Predigten hätten eine seit langem latente Welle religiösen Empfindens ausgelöst, die ihre tiefste und letzte Ursache in einer apokalyptischen Grundstimmung der Massen habe.
Man bemerkte noch etwas anderes, nämlich das wiedererwachende Gemeinschaftsbedürfnis in Europa. Während der Zeit zwischen 1914 und 1945 hatten Nationalismus und Sozialismus die natürlichen Neigungen der Menschen in Europa zu Massen-Erlebnissen bis auf den Boden geplündert und verheizt. Man zog sich auf die engste Sphäre des Individuellen, die Familie, das Haus, den Beruf zurück und bezog seinen Bedarf an Emotion aus Marilyn-Monroe-Filmen und Fußball-Veranstaltungen. Es hatte sich etwas eingestellt, was die Psychologen die "Kontaktarmut" der Menschen von heute nennen.
Billy Grahams Erfolge in Europa - und auch die in den Vereinigten Staaten - signalisieren nun das Wieder-Auftreten des Wunsches nach Fühlung mit dem Mitmenschen - freilich weniger auf der Ebene des Politischen als auf der des persönlichen Erlebens - in der Gemeinsamkeit des religiösen Bedürfnisses, in dem Schutz-Verlangen, das eine von Grund auf veränderte und erschütterte Welt auslöste. Billy Graham nennt als einen der wichtigsten Gründe seines Erfolges "den Hunger der Massen nach Gott".
Eben eine solche Grundstimmung macht der Organisator des Billy-Graham-Feldzuges in Deutschland, Wilhelm Brauer, auch für Grahams erste amerikanische Erfolge verantwortlich. Der Vorsitzende der Deutschen Evangelisten-Konferenz schreibt in dem Vorwort zu der eben erschienenen Broschüre "Billy Graham - Ein Evangelist der Neuen Welt"*) unter anderem: "Der Fortschrittsoptimimus Amerikas hat durch
die beiden Weltkriege einen empfindlichen Schlag erlitten. Man glaubt nicht mehr an einen ungebrochenen geradlinigen Fortschritt und Aufstieg der Menschheit zu lichten Höhen... Man hat insbesondere an der Erfindung der Atombombe begriffen, daß ein ungesteuerter Fortschritt auf dem Gebiet der Technik ins Verderben führt."
Tatsächlich fällt der Beginn von Billy Grahams Aufstieg zum berühmtesten Evangelisten Amerikas im Jahre 1949 mit den demütigendsten Niederlagen der Vereinigten Staaten zusammen - mit der Eroberung Chinas durch den Kommunismus, mit der Berliner Blockade und mit der Nachricht von der russischen Atombombe. Bis zum Jahre 1949 war Billy Graham ein unbekannter Baptisten-Pastor.
Billy Grahams Weg zur "Evangelisation" hat nichts Außergewöhnliches an sich. Die christliche Überlieferung, in der er aufgezogen worden war, und erster Liebeskummer ließen in ihm den Entschluß reifen, Pastor zu werden. Die Sündhaftigkeit seiner Jugend, die Graham gern in seinen Predigten erwähnt, scheint sich auf innere Erlebnisse beschränkt zu haben. Schließlich kam ein letzter Anstoß.
Graham erzählt, daß er in jenen Jahren häufig bei Dämmerung in die Einsamkeit einer zypressenbestandenen Sumpfgegend hinauszugehen pflegte. Er predigte dort - wie einst der Heilige Franziskus - vor Molchen und Vögeln. "Eines Abends nun", so berichtet Graham, "bat ich Gott, er möge mir doch zu einem Pult in einer Versammlung von Menschen verhelfen. Und siehe da, gerade im Augenblick kam ein Mann des Weges, sah und hörte mich predigen und fragte, ob ich nicht bei einer Versammlung in der Nähe aushelfen wollte. Der Prediger sei ausgeblieben. Da wußte ich, daß Gott mein Gebet erhört hatte. An jenem Abend rettete ich zwölf Seelen."
Im Jahre 1936 - Billy war damals 18 Jahre alt - wurde er Schüler der Bob Jones University in Cleveland (Tennessee), eines baptistischen Elementar-College. Drei Jahre später wurde er als Baptistenpastor ordiniert. Es folgten weiteres Studium, Heirat, die Erlangung des akademischen Titels eines "Bachelor of Arts" und Funktionen in der christlichen Jugendbewegung. Im Jahre 1946 wurde Graham Vizepräsident der internationalen Bewegung "Jugend für Christus".
Im Herbst 1949 eröffnete Graham in Los Angeles seinen ersten großen "Feldzug des Glaubens". Acht Wochen lang predigte er in einem Zelt. 350 000 Menschen hörten ihn. Er verzeichnete 6000 "Entscheidungen für Christus". Nun folgten schnell aufeinander Feldzüge in Boston, Süd-Karolina und Neu-England. Er gründete die "Billy Graham Evangelistic Association Inc.", die heute - von besonderen Kreuzzügen abgesehen - eine Jahresbilanz von etwa acht Millionen Mark aufweist und Graham ein Jahresgehalt von über 60 000 Mark zahlt.
Das Geld stammt zum größten Teil aus Spenden, zum geringeren Teil aus Kollekten, die während der Glaubenskundgebungen veranstaltet werden. Der Hauptfinanzier und Schatzmeister von Billys britischem Feldzug war der Millionär und Hauptbesitzer von dreißig Firmen des Maschinenbaus, Alfred Owen.
Kreuzzüge - der englische kostete 1,6 Millionen Mark - werden separat finanziert. Mit Geld wird dabei nicht gespart, weder für die Reklame noch für die Bequemlichkeit der Feldzugsteilnehmer. Als Graham am Montag der letzten Woche in Stockholm eintraf, bezog er dort mit seinen sechs Mitarbeitern im ersten Haus am Platze, dem Grand Hotel, zehn Zimmer. Die Stockholmer Tageszeitung "Expressen" konstatierte trocken: "Standesgemäß!" und vermerkte im übrigen, daß Billy offenbar Liebhaber von Kaugummi sei.
In den Vereinigten Staaten hat Billy Graham vor etwa acht Millionen Menschen
gepredigt, nicht gezählt diejenigen, die er durch seine regelmäßigen Rundfunk-, Fernseh- und Zeitungspredigten anspricht. Die Kartei seiner Organisation verzeichnet, daß von den in den USA Bekehrten bisher lediglich fünf Prozent wieder abtrünnig geworden sind.
Über die Dauerwirkung Grahams in England und in Europa kann aber nach Ansicht der britischen Presse erst nach Jahren entschieden werden. "Manchester Guardian" schrieb, daß Grahams Kreuzzug
letzten Endes doch für viele Christen "abstoßend" sei. Sie betrachteten sein Predigen, "so aufrichtig es persönlich sein mag, als einen Sack voll psychologischer Tricks, die clever entworfen sind, um mit den Schuld- und Furchtgefühlen Empfänglicher zu spielen und diese so weit zu hypnotisieren, daß sie schließlich eine Handlung begehen, die ihnen Erleichterung verschafft. Religiöser Geist, wie er von vielen Leuten verstanden wird, hat damit nichts zu tun."
Die Besorgnisse der englischen Kirchen, daß angesichts des Phänomens "Graham" die Gemeinde-Struktur gesprengt, der Glauben simplifiziert und die Verkündung werbemäßig verflacht werden, waren auch die Befürchtungen der evangelischen Kirchen Deutschlands, Hollands und Skandinaviens. Den Bann brach Dr. Geoffrey Fisher, Erzbischof von Canterbury, als er auf der letzten Veranstaltung Grahams in England das Schlußgebet sprach und anschließend in seinem Diözesan-Blatt eine selbstkritische Bilanz zog:
"Die Kirchen müssen (aus dem Kreuzzug Grahams) eine Lehre für sich selbst ziehen. Sie beginnen so oft nicht nahe genug am Anfang. Sie erwarten, daß die Leute ganze Sätze des Kirchenlebens und des Dogmas begreifen, bevor man ihnen die Buchstaben des christlichen Alphabets und die einsilbigen Worte beigebracht hat... Dr. Graham hat uns alle gelehrt, bei der Predigt des Evangeliums mit dem Anfang anzufangen."
Graham simplifiziert den Glauben derart, daß er - nach Möglichkeit - selbst mit dem Katholizismus nicht in dogmatischen Konflikt kommt. Auf die Frage, ob das denn möglich sei, seufzte er allerdings: "Es ist schwer." Immerhin war es der angesehenen katholischen Zeitschrift "The Pilot" möglich, Grahams Feldzug in Boston mit der Schlagzeile zu begrüßen: "Bravo Billy!" Die deutsche Katholische Kirche hält sich - angesichts des Auftretens Billys in Düsseldorf und Berlin - mit Meinungsäußerungen zurück. Weder in Berlin noch in Düsseldorf wurden - soweit bekannt - die Gläubigen vor dem Besuch der Graham-Veranstaltungen gewarnt.
Die evangelischen Kirchen Deutschlands verschafften sich auch eigene Eindrücke
von dem Predigen Billy Grahams. So entsandte der Landesbischof von Bayern und leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, D. Hans Meiser, seinen Sekretär, den Pastor P. Hagen Katterfeld, nach London. Was der nach seiner Rückkehr zu berichten wußte, war positiv:
"Jetzt kommt Billy Graham und rührt die Trommel für eine Sache, die ''es in sich hat'', und die deshalb nicht schlechter ist, und nun füllen die verlangenden Menschen die Halle. Vielleicht ist es im Vordergründigen die Sensation, die Neugierde, die Suggestion; aber darf man behaupten, daß im Hintergrund nicht die große Möglichkeit Gottes sie dorthin gehen heißt?"
Hannovers Landesbischof D. Dr. Hanns Lilje meinte: "Ich würde mich nicht scheuen zu bekunden, daß Billy Graham in der heutigen Christenheit einen Auftrag hat." Lilje sieht diesen Auftrag auch darin, daß Graham einen "majestätischen" Gott predigt, einen Gott, "dem man nicht kameradschaftlich auf die Schulter klopfen kann und der nicht bloß ein Reflex unseres Wünschens ist".
Zu der Aufmachung Billy Grahams gibt der Bischof seine Meinung so kund: "Warum sollen Leute, die Gott predigen, nicht anständige Kleider tragen?"
Auch den Einwand, daß Grahams Feldzug die Struktur der Kirche sprengen könnte, will Lilje nicht gelten lassen: "Gewiß gibt es auch in Deutschland Leute,
die solche Befürchtungen haben. Ich glaube aber, daß wir das lernen müssen. Es bereiten sich ohnehin geistige Entscheidungen vor, die uns zwingen, organisatorisch biegsam zu werden."
Offensichtlich ist, daß Billy Graham die deutschen Pastoren aufgescheucht hat. Die ersten Besprechungen über Grahams Berliner Besuch fanden im Februar statt. Es erschien Grahams ständiger Pariser Vertreter, Mr. Evans. Er setzte sich mit Berlins Missions-Inspektor Walter Golze und dem Direktor der Berliner Inneren Mission, Kirchenrat D. Dr. Theodor Wenzel, zusammen und wischte deren 18 000 Mark-Kostenvoranschlag für eine Veranstaltung in der Waldbühne des Olympia-Stadions unter den Tisch.
Ende April kam Evans mit Grahams Hauptmanager Jerry Beavan wieder: "Wir mieten das Olympia-Stadion. Man muß Gott etwas zutrauen. Wenn es sein Wille ist, werden dort 100 000 Menschen die Christus-Botschaft hören." Letzte Woche kamen aus Berlin Nachrichten, daß das Olympia-Stadion für die Nachfrage nach den (kostenlosen) Eintrittskarten zu klein sein werde. Es war die Rede von zwei Stadion-Veranstaltungen oder einer Kundgebung auf dem Maifeld.
Für die Berliner brachte Evans in Gestalt eines Billy-Zitats einen besonderen Werbe-Slogan mit: "In Berlin schlägt das Herz der Welt."
Das mag eine Phrase sein, könnte aber auch mehr bedeuten. Berlin ist für die Amerikaner eine Kampfbahn, wo sie unter verhältnismäßig freien Verhältnissen ihre geistigen Kräfte mit denen des Kommunismus messen können. Und der Anti-Kommunismus - der Wunsch, ihm es gleich zu tun an Massen-Begeisterung und Massenführung - ist zweifellos einer der stärksten Impulse Billy Grahams. "Der Kommunismus", sagt Graham, "greift wie ein Tintenfisch mit seinen Fangarmen nach jedem Gebiet der westlichen Welt, und wenn nicht Gott ein Wiedererwachen des Heiligen Geistes schickt, werden wir vor dem Kommunismus kapitulieren. Unsere einzige Hoffnung ist ein geistiges Wiedererwachen."
Der Evangelist Graham begreift sich selbst als Instrument und als ein Zeugnis eben dieses Erwachens.
*) Wilhelm Brauer: "Billy Graham. Ein Evangelist der Neuen Welt"; Brunnen-Verlag, Gießen und Basel; 64 Seiten, 2,00 Mark.

DER SPIEGEL 26/1954
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