14.07.1954

KLÖSTERMitgift der heiligen Töchter

Der Arbeitsgerichtsrat Gottfried Engshuber aus Passau muß die Ordensregeln der Töchter vom Allerheiligsten Herzen Jesu studieren. Das idyllische Kloster dieses Ordens liegt oberhalb Obernzell, 20 Kilometer donauabwärts von Passau, kurz bevor der Fluß die Bundesrepublik in Richtung Linz verläßt. In Obernzell wohnt auch Frau Maria Kraml, 39, die vor dem Passauer Arbeitsgericht den Lohn für 480 Arbeitstage von je vier Mark gegen den Orden einklagt.
Daß die Ordensregeln und nicht Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung bei der Klärung dieses Falles zu Hilfe genommen werden müssen, hängt mit der Tatsache zusammen, daß Maria Kraml ursprünglich diese Arbeit gar nicht bezahlt haben wollte. Vielmehr sollte ihre Arbeitskraft und Arbeitsleistung lediglich wettmachen, was ihre Schwester Therese Fesl, die dem Orden beigetreten war, an Einbringegut nicht zu bieten hatte.
Dieses Einbringegut spielt beim Eintritt ins Kloster keine geringe Rolle. So sind bei den Orden Bauerntöchter gern gesehen, die dem Kloster Landbesitz (Acker oder Wald) oder zumindest - vom Holzeinschlag - Bargeld einbringen.
Wie wichtig solcherlei Mitgift ist, zeigt ein Erbhofurteil, an dem Bayerns Ministerpräsident Hans Ehard vor Jahren als Erbhofrichter mitgewirkt hat. Da hatte der Orden eine Bauerntochter, die ins Kloster eingetreten war, veranlaßt, gegen ihren Bruder auf Herausgabe des Pflichtteils zu klagen. Die Erbhofrichter wiesen damals die Klage ab. Begründung: Die Klägerin könne erst dann auf den strittigen Grund
und Boden Anspruch erheben, wenn sie zur "natürlichen Bestimmung der deutschen Frau" zurückgefunden habe.
Nun hatte die Theres, die Schwester der Maria Kraml, dem Kloster aber weder Land noch Geld eingebracht. Sie war 25 Jahre alt, als sie 1947 in Obernzell bei den Töchtern vom Allerheiligsten Herzen Jesu eintrat, und zwar zunächst als Magd.
Der Orden hatte in Landwirtschaft, Wald und Stallungen vielfältige Arbeiten für sie, und dort arbeitete für den Orden auch die Schwester der Theres, die Frau Maria Kraml, für einen Lohn von vier Mark. Das war der bare Gegenwert für einen Arbeitstag, der gewöhnlich von 6 Uhr früh bis 7 Uhr abends dauerte, nicht selten aber auch bis 10 Uhr nachts.
Nun hat es die Maria Kraml an der Galle, sie mußte in den vergangenen Jahren einige Male operiert werden und war nach den Operationen jeweils noch für kurze Zeit daheim in ärztlicher Behandlung. Dort sagte ihr eines Tages der Arzt - nicht lange, nachdem die Theres als Magd ins Kloster gekommen war - , daß die Theres nun in den Orden eingetreten sei. Er habe sie zu diesem Zweck schon untersucht. Die Theres sei kerngesund.
Therese Fesl hieß jetzt Schwester Helene. Wenn nun ihrer Schwester Maria Kraml auch nichts anderes übrigblieb, als den Willen der Theres zu respektieren, so wurde sie in den folgenden Wochen dieses Wandels doch nicht recht froh. Denn so oft sie in der darauffolgenden Zeit ihrer Arbeit auf dem Kloster nachging, erzählt sie heute, habe sie von den Klosterschwestern der Theres versteckte Vorwürfe gehört, die darauf hinausliefen, daß die neue Schwester Helene nichts mitgebracht und sich "eingeschlichen" habe.
So entschloß sich die Frau Maria Kraml schließlich, durch unbezahlte Arbeit für das Kloster ihrer Schwester etwas zu schaffen, das vor den Augen der übrigen
Ordensschwestern als Einbringegut bestehen konnte und das also geeignet war, den offenbaren Makel der Armut von ihr zu nehmen.
Als Maria Kraml nun nach langer Zeit wieder einmal mit der Oberin Bonaventura ins Gespräch kam, um zu klären, wie das Kloster über die Verrechnung ihrer Arbeitsleistung denke, wies die Provinzialoberin Bonaventura Schmidt zwar milde darauf hin, daß solche unentgeltlichen Leistungen anzunehmen, doch nicht zu den Gepflogenheiten des Klosters gehöre. In der Praxis blieb es jedoch Jahre hindurch so, daß die Frau Kraml arbeitete, ohne ein Entgelt vom Orden zu bekommen.
Das fand Maria Kraml damals auch ganz in Ordnung, denn sie wollte nicht, daß die Mitschwestern weiterhin von der Theres sagen konnten, die "Neue" habe nichts mitgebracht.
Mittlerweile war die "Neue" aber schon einige Jahre im Kloster und hatte vier zeitliche Gelübde*), wie vorgeschrieben, abgelegt. Außerdem hatte sie - wie früher als Magd - schwer gearbeitet und dabei schon als Novizin drei Unfälle erlitten. Später kam noch ein schweres Ischias-Leiden hinzu, das ihr im Laufe der Zeit einen deformierten Fuß einbrachte.
Im Oktober 1953 nun - erzählt Maria Kraml - kam ihre Schwester von den Exerzitien herunter ins Dorf und berichtete ihr, daß sie zum ewigen Gelübde nicht zugelassen werde.
Diese Entscheidung ist schon allein deshalb ungewöhnlich, weil die Klöster heute um jeden Zuwachs froh sind. So stehen in der Passauer Bistumszeitung nicht selten Anzeigen, in denen die weiblichen Orden, auch unter Hinweis auf ihre schmucke Tracht, neue Anwärterinnen für ihre entsagungsvolle Bestimmung werben.
Maria Kraml hatte denn auch, ebenso wie ihre Schwester, über diese Weigerung des Ordens ihre eigenen Gedanken, die der Passauer Rechtsanwalt Dr. Hans Maul, nebst einer Schilderung der weiteren Entwicklung, dem Arbeitsgericht übersandte.
Schwester Helene, schrieb Anwalt Maul, sei nur deshalb nicht zum ewigen Gelübde zugelassen worden, weil das Kloster nicht die Arztkosten für ihre Behandlung zahlen wollte. Seine Exzellenz, der Bischof von Passau, habe der Schwester bei einer Audienz bestätigt, daß sie wegen ihrer Krankheit nicht aus dem Kloster entlassen werden könne und daß die Krankheit auch kein Grund sei, sie nicht zum ewigen Gelübde zuzulassen. Die Frau Oberin des Klosters Obernzell habe jedoch dagegen eingewendet: "Der Herr Bischof kann sagen, was er will, wir machen aber, was wir wollen!"
Schließlich habe Schwester Helene mit ihm, dem unterfertigten Rechtsanwalt, über ihren Fall gesprochen. Das habe die Oberin des Klosters erfahren, und als Schwester Helene nun nach Obernzell zurückgekehrt sei, habe man die Klausur vor ihr versperrt.
An diesem Tage, da die Theres im Kloster abgewiesen wurde, war nun die Geduld der Maria Kraml am Ende, so daß sie der "ehrwürdigen Frau Oberin des Provinzhaus-Klosters Obernzell" brieflich davon Kenntnis gab, "daß ich meine Schwester (Schwester Helene) bei mir in Unterkunft und Verpflegung aufgenommen habe, nachdem man ihr das Betreten der Klausur verboten hat, wegen angeblicher Mißachtung der Klosterregeln, da sie mit mir
zum Rechtsanwalt nach Passau gefahren ist.
"Es ist dem Kloster bekannt, daß sich meine Schwester im Krankenstand befindet. Ich werde für die Zeitdauer der Aufnahme meiner Schwester dem Kloster für Unterkunft und Verpflegung einen täglichen Satz von 5 Mark in Anrechnung bringen und diesen Betrag als Forderung beim Gericht einklagen."
Sie verlangt jetzt den Lohn für 480 Arbeitstage zu acht Stunden und vier Mark: insgesamt also 1920 Mark.
Die Ordensregeln braucht nun der Arbeitsgerichtsrat Gottfried Enghuber, um festzustellen, ob die Rückerstattung von Einbringegut verlangt werden kann, wenn das Ausscheiden unter solchen Umständen erfolgt wie bei der Therese Fesl.

ÜBERZÄHLIGES HEERESGUT
der britischen Besatzungstruppen wurde am Donnerstag letzter Woche in Hannover vor über tausend Händlern und Privatkäufern meistbietend versteigert. Einen Eindruck von dem vielseitigen Depot-Sortiment des britischen Militärs vermittelte die Tatsache, daß sich unter den Heeresgütern auch zwei etwas ramponierte Särge befanden. Der Käufer zahlte für beide Särge zusammen drei Mark.
*) Zeitlich begrenzte Verpflichtung, die nach Ablauf der Frist jeweils erneuert werden muß bis zur endgültigen Aufnahme in den Orden (ewiges Gelübde).

DER SPIEGEL 29/1954
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