14.07.1954

SEUCHEN / KANINCHENViren kamen mit der Post

Medizin-Professor Paul-Armand Delille, der im schönen Eure-Tal das beschauliche Leben eines französischen Landedelmannes führte, vermochte nicht einzusehen, daß den wilden Kaninchen nicht beizukommen sein sollte, die auf seinem 300-Hektar-Besitz Maillebois die Kulturen durchwühlten und benagten.
Als die landläufigen Bekämpfungsmittel versagten, erinnerte sich der eigensinnige Professor an die sensationelle Methode, mit der die Australier ihre Kaninchenplage gemeistert hatten. Australische Regierungsbeamte hatten die Tiere mit Viren der Myxomatose (Kaninchenpest) geimpft. 900 Millionen australische Wildkaninchen waren eingegangen, nur 100 Millionen überlebten.
Mit der Post ließ sich Professor Delille eine Sendung Myxomatose-Viren in sein Landhaus schicken, griff sich einige auf seinem Anwesen herumhoppelnde Kaninchen, stieß ihnen eine Spritze mit Viren unter das Fell und ließ sie wieder laufen. Das war 1952.
Vergangene Woche stand er im Gerichtssaal des normannischen Städtchens Dreux. Eine Vereinigung von Industriellen, Jagd- und Lebensmittel-Verbänden verlangt die Zahlung einer ungeheuren Schadenersatz-Summe: 60 Milliarden Franc - rund 720 Millionen Mark.
Denn damals waren nicht nur die Kaninchen auf Professor Delilles Besitz an der Pest eingegangen - im ganzen Departement Eure-et-Loire machte sich kein einziges Wildkaninchen mehr bemerkbar. Vermutlich hatten Insekten die Seuche von Delilles Kaninchen auf Kaninchen außerhalb der Gutsmauern übertragen. Mit der Geschwindigkeit eines Steppenbrandes breitete sich die Seuche weiter aus.
Zunächst waren die Bauern über das unerwartete Kaninchensterben erfreut. Sie kamen aus den abgelegensten Ecken Frankreichs in das Eure-Tal, erwarben sterbende Kaninchen und setzten sie auf ihren heimatlichen Feldern wieder aus. Ein regelrechter Schwarzmarkt für verseuchte Kaninchen etablierte sich. 1500 bis 2000 Franc (18 bis 24 Mark) wurden für jedes erkrankte Tier geboten.
So kam es, daß die Myxomatose plötzlich vierhundert Kilometer weiter südlich in den Departements Hérault und Aude ausbrach. Im Frühjahr dieses Jahres grassierte sie schon in dreißig Departements. Über Belgien und Luxemburg ist sie nach Westdeutschland vorgedrungen, hat die Pyrenäen nach Spanien überschritten und den Kanal nach England überquert.
Überall, wo die Seuche sich ausbreitet, bietet sich das gleiche Bild: tote und sterbende Kaninchen in den Wäldern, auf den Feldern und Landstraßen. Nach einer kurzen Inkubationszeit werden die Augenlider der infizierten Tiere von einer eitrigen Entzündung befallen. Der Kopf schwillt an und bekommt ein gespenstisches Aussehen. Dann greift die Krankheit auf die Geschlechtsteile über. Nach zwei weiteren Tagen bilden sich an den Beinen und am ganzen Körper Ödeme, die aus einem schleimig-gelatinösen Gewebe bestehen. Die Tiere erblinden, werden taub und verlieren die Witterung. Nach 10 bis 14 qualvollen Tagen gehen sie ein.
Als Leopold Swiners-Gibau, Mitglied einer französischen Handelskammer, mit der "Association de défense contre les épidémies et la myxomatose" im vergangenen Jahr eine Vereinigung der Geschädigten gründete, schien es auf einmal, als hätten ganze Bevölkerungsgruppen von den Kaninchen
gelebt: Jagdvereinigungen, Jagdhüter, Waffen- und Munitionsfabrikanten, Hut- und Filzindustrielle, Lebensmittelgeschäftsverbände, Gastwirte und Hoteliers schlossen sich ihm an und machten eine recht umfangreiche Rechnung auf. So etwa: 180 Millionen Kilo Kaninchenfleisch werden jährlich in französischen Pfannen verbraten, rund 650 Tonnen Kaninchenfelle werden exportiert, 12 Millionen Felle gegerbt und der Pelzverarbeitung zugeführt. Hutmacher und Webereien verbrauchen jährlich Kaninchenhaare von 25 Millionen Fellen, und die Gemeinden kassieren Gebühren für 1 800 000 Jagdscheine von Kaninchen-Schützen.
Professor Delilles Myxomatose-Spritze hat diese Rechnungen durcheinandergebracht. Allein eine Patronenfabrik mußte - angeblich - über 700 Arbeiter wegen Absatzstockungen entlassen. Den Gesamtschaden beziffert Kaninchen-Präsident Swiners auf 60 Milliarden Francs (rund 720 Millionen Mark).
Nachdem sich die Leidtragenden - von den Sonntagsjägern bis zu den Hutfabrikanten - in der Schutzgemeinschaft zusammengeschlossen hatten, machten ihre Rechtsberater ihnen klar, daß eine Klage auf Schadenersatz kaum Aussichten hätte. Die französische Kaninchenjagd wird nämlich dadurch legitimiert, daß die Kaninchen von Amts wegen als "schädliche Tiere" gelten. Darüber hinaus sind Frankreichs Wildkaninchen - wie das andere Wild - juristisch "res nullius": sie gehören niemand
und jedem. Wer einen Jagdschein besitzt, kann sie - außerhalb direkt verpachteter Gebiete - nach Belieben abschießen.
Doch da tauchte zum Glück Madame Girard auf, eine Nachbarin des Professors, Alle ihre Stallhasen waren eingegangen, und zwar, so behauptet sie, an der Myxomatose. Die "Vereinigung" stachelte die Bäuerin auf, eine Schadenersatzklage auf 200 000 Franc (rund 2400 Mark) gegen den Professor einzureichen. Die "Vereinigung" trat gleichzeitig als Nebenkläger auf, mit dem Ziel, einen symbolischen Franc als Ersatz für erlittenen Schaden zu erhalten.
Sollte die Forderung nach dem einen symbolischen Franc vom Gericht anerkannt werden, so wäre ein Präzedenzfall geschaffen. Jeder, der sich durch den Kaninchenmord irgendwie indirekt geschädigt fühlt, könnte Regreßansprüche anmelden. Der Industrielle Loriot hat sich bereits als dritter Kläger dem Verfahren angeschlossen. Er verlangt von Delille 1 Million Franc (rund 12 000 Mark) für 700 Kaninchen, die seiner Jagdflinte entgangen seien.
Vor Gericht verteidigte sich Professor Delille mit dem Argument: "Ich habe Millionen Hektar Wald und Kulturen gerettet ... die Vernichtung der Wildkaninchen ist ein Segen für die Landwirtschaft, sie erlaubt endlich die Wiederaufforstung."
Der Anwalt der Gegenpartei, René Floriot, sprach jedoch beziehungsvoll von Wissenschaftlern, deren geistige Fähigkeiten von frühzeitiger Senilität beeinträchtigt worden seien. Später wurde er deutlicher: "Delille hat sich benommen wie jemand, der zur Beseitigung eines Maulwurfs die Wasserstoffbombe einsetzt."
Delilles Verteidiger Garçon stellte dem Sonntagsvergnügen der Jäger die Missetaten der Kaninchen gegenüber: "Vergessen Sie nicht, daß 20 Kaninchen so viel fressen wie eine Kuh." Die volkswirtschaftliche Schadensrechnung, behauptete er, übersteige bei weitem die Gewinnrechnung der Kaninchen-Interessenten.
"Erwarten Sie von mir weder ein Plädoyer für das Kaninchen noch eine Verurteilung dieses Nagers", erklärte der als Interessenvertreter des Staates anwesende Staatsanwalt Poirot verwirrt und schob damit dem Gericht alle Verantwortung für den Urteilsspruch zu.
Der Termin der Urteilsverkündung ist noch nicht bekanntgegeben worden.

DER SPIEGEL 29/1954
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