21.07.1954

WELTMEISTERSCHAFTEin Schnellschuß

Mach'' dich nicht wahnsinnig", sagte die blonde Frau des Berlin-Wannseer Verlegers Lothar Blanvalet am Montagmorgen nach dem deutschen Fußballsieg von Bern. "Vierzehn Bücher im Herbst, der ganze Untertassenrummel*), und dann noch ein Weltmeisterbuch!"
Neun Tage später, am Mittwoch, dem 14. Juli, um 5 Uhr nachmittags durchblätterte Verleger Blanvalet die ersten rasengrün broschierten Exemplare seines "Sport-Taschenbuchs": "Wie wir Weltmeister wurden." Anfangsauflage: 100 000 Stück. Bis zum September soll es eine Million sein. Am Sonntag, dem 18. Juli, anläßlich der offiziellen Weltmeister-Ehrung im Olympia-Stadion, begann der Verkauf. "Blanvalet schießt schnell" - er sagt es selbst.
Der fußballbegeisterte Verleger jagte wild umher, um sein Fußballer-Buch im Rekordtempo aus dem Boden zu stampfen**).
Ehe er am Dienstag, dem 6. Juli, nach München zu den Fußball-Siegesfeiern flog, verhandelte er noch am Berlin-Tempelhofer Flugplatz mit dem Sportjournalisten Hans Jarke. Verleger Blanvalet: "Wir sprachen fünf Minuten, das Buch stand, Ziel: Wir müssen einen großen fußballfachlich-historischen Querschnitt von den Weltmeisterschaften bringen."
Am Dienstagabend, im Trubel des großen Empfangs beim bayrischen Ministerpräsidenten Ehard, konnte Blanvalet mit Herberger nur wenige Worte wechseln, Doch setzte er ihm unermüdlich nach, und am Mittwochmittag bekam er ihn in der Sportschule München-Grünwald kurz zu fassen. Herberger sagte ein Vorwort zu.
Zwischendurch telephonierte Blanvalet nach den übrigen Beiträgen umher. Heribert Meisel hatte seine "heitere schlachtenbummelei" (Meisel schreibt nur mit kleinen Buchstaben) schon Donnerstag früh zu Papier gebracht. (Blanvalet: "Das werden sogar vielleicht nicht alle von den vielen einfachen Fußball-Anhängern verstehen können.") Die Rundfunkreporter Herbert Zimmermann (Hamburg), Gerd Krämer (Stuttgart) und Kurt Brumme (Köln) lieferten alle bis Sonnabend früh nach Berlin.
Nur Josef Kirmaier, der Bayer, hinkte nach. Als seine Reportage - wie die seiner Kollegen nach der Bandaufnahme geschrieben - am Sonntagnachmittag aus dem Postsack herausgefischt wurde, war man bei Blanvalets schon im Finish.
Jarke, der Chefredakteur des Unternehmens, und Hanne Sobek als Bildredakteur hatten noch zwanzig Seiten nachdichten müssen. Denn das eilig im Blanvalet-Verlag entwickelte neue Rotationsverfahren erlaubt es nicht, leergebliebene Bogen einfach herauszunehmen. Blanvalet: "Wir hätten noch gern Anzeigen gehabt, aber es war keiner da, der so schnell schalten konnte."
Der 43jährige, kleine, rundliche und rauh berlinernde Verleger Blanvalet war schon immer eine verwegene Unternehmernatur. Als 14jähriger gründete er einen "Verein für Kinderbelustigung" und spielte in einem Berliner Vorort unter eigener Regie "Das tapfere Schneiderlein". 1948 inszenierte er auf dem Rudolf-Wilde-Platz in Berlin-Schöneberg die erste antikommunistische Massenkundgebung, mit Künstlern und Intellektuellen als Agitatoren.
Auf Seite 180 seines ersten Rotationsproduktes erzählt Blanvalet: "Als ich vor zwanzig Jahren als junger Dachs meinen Verlag gründete, galt das erste verlegte Buch dem Fußball." Blanvalet mündlich: "Ich sagte mir: Dem Fußball rennen Millionen hinterher. Zufällig war Hanne Sobek, unser populärster Berliner Fußballer, ein sehr intelligenter Mann." "Hinein!" hieß Sobeks Werk, mit dem der Blanvalet-Verlag startete.
Sportlich-wendig war auch der Stil, in dem sich Blanvalet mit seinem neuen Fußballer-Buch aus allerhand möglichen Affären zog. Weil der Verlag Burda in Offenburg telegraphisch und brieflich auf sein Alleinrecht an den Weltmeisterschaftsphotos pochte, soweit sie nicht in Zeitungen, Zeitschriften und dergleichen erscheinen, machte Blanvalet sein Buch, das viele dieser Photos im Tiefdruck mitführt, noch vorsorglich zum Periodikum: "Wie wir Weltmeister wurden" ist die erste Veröffentlichung der "Blanvalet-Sport-Taschenbücher". Sie sollen von nun an regelmäßig erscheinen.
*) "Der Weltraum rückt uns näher", das bei Blanvalet auf Deutsch erschienene Buch des amerikanischen Majors Donald E. Keyhoe (SPIEGEL 17/1954) entwickelt sich trotzdem ungewöhnlich schwacher Vorbestellung zu einem Bestseller des Verlages. 50 000 Exemplare wurden in den ersten acht Wochen nach dem Erscheinen abgesetzt.
**) In ähnlicher Weise forcierte der Münchner Schrotthändler Hans Schubert, der eigens zu diesem Zweck mit dem Berliner Filmverleiher Karl Heinz Pepper eine "Sportfilm GmbH" gegründet hatte, die Herstellung eines Filmes von den Spielen um die Fußballweltmeisterschaft. Der Film war schon dreieinhalb Tage nach dem Endspiel fertig und lief mit 100 Kopien (normal 35) in Deutschland, Holland, Belgien, Luxemburg, Uruguay und in der Schweiz an.

DER SPIEGEL 30/1954
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