11.08.1954

TENNISUns schickt der Präsident

Schleichende Langeweile verbreitet sich gewöhnlich im Publikum, wenn bei großen Tennis-Turnieren ein Damen-Doppel über den Lautsprecher angesagt wird. Die Zuschauer erinnern sich der Erfrischungszelte, und die Tribünen lichten sich.
Bei den "Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland 1954" am Hamburger Rothenbaum gab es indes eine verblüffende Ausnahme von der alten Centre-Court-Regel. Als zwei Tenniskücken aus Argentinien, die 14 und 17 Jahre alten Schwestern Buding, ihre Gegnerinnen mit erstaunlich aggressiven Bällen in die Flucht schlugen, standen die Zuschauer hinter vollbesetzten Bänken Kopf an Kopf in Dreierreihen. Zaungäste kletterten auf das Dach eines nahegelegenen Hauses.
Nach den Spielen hängte sich regelmäßig ein Schwarm von Autogrammjägern an die Mädchen, wenn sie sich, mit einem Handtuch über den Schultern, den Weg zu ihren Garderoben bahnten. Die Sympathie des deutschen Publikums für die frischen, noch keineswegs routinierten Schwestern aus Argentinien schlug beim Einzelspiel der älteren Edda Buding gegen die dreifache deutsche Meisterin Inge Pohmann in spontane Parteinahme um, als ein von der Grundlinie abgerutschter Ball zugunsten der Pohmann gewertet wurde. Empörte Stimmen forderten die Ablösung des Linienrichters, und es vergingen Minuten, bis sich die Unruhe auf den Tribünen gelegt hatte.
Kaum jemand unter den Zuschauern wußte indessen, daß die beiden flachsblonden Schwestern Edda und Ilse Buding aus Buenos Aires gebürtige Rumäniendeutsche sind und erst knapp zwei Wochen vor ihrem Abflug nach Europa naturalisiert wurden, um als offizielle Vertreterinnen Argentiniens auftreten zu können.
Während die vier Spitzen-Nachwuchsspielerinnen zwischen achtzehn und zwanzig Jahren, die Deutschland aufgestellt hatte, bereits nach der ersten Runde ausschieden, demonstrierten die Buding-Mädchen in Hamburg unverdrossen ihr klassisches Schultennis.
Weich und kindlich, mit einer weißen Schleife im straff zurückgekämmten Haar, schlug sich die 14jährige Ilse Buding tapfer gegen die ihr überlegene deutsche Spitzenspielerin Frau Lotte Tidow aus Elmshorn. Es war ihr erstes großes Turnier. Sie verlor knapp. "Bei vielen Zuschauern wird sie noch befangen, kriegt steife Knie und haut ins Netz", entschuldigt ihre Mutter. Der drei Jahre älteren Edda aber attestierten Hamburger Fachjournalisten bereits nach den Vorrundenspielen, daß sie von den Damen die gefährlichste Rückhand des Turniers habe.
Noch vor fünf Monaten war der Name Edda Buding in Europa völlig unbekannt. Auf internationalen Tennis-Turnieren in Paris, Manchester, London und Düsseldorf hat sie sich nach vorn gespielt. Mit unbekümmerter
Selbstverständlichkeit schlug sie Favoritinnen, die zum Teil zehn bis fünfzehn Jahre älter waren. Ohne Nervosität setzt sie ihre langen, harten Schläge, nimmt nach jedem Seitenwechsel besonnen einen Strohhalmschluck Coca-Cola und eine Traubenzuckertablette und verblüfft den Gegner hin und wieder durch mutige Schmetterbälle aus der Luft. Der routinierte Italiener Bellardinelli, der von dem deutschen Tennis-As Ernst Buchholz erst nach dreistündigem Match besiegt werden konnte, schüttelte im gemischten Doppel ungläubig den Kopf, als ihm der Schläger durch eine wuchtige Backhand seiner schmalen, 17jährigen Gegnerin fast aus der Hand gerissen wurde.
Nach den beiden Siegen Eddas über die französische Spitzenspielerin Suzanne Schmitt und die spielstarke Engländerin Patricia Ward schickte ihr Staatspräsident Juan Peron persönlich ein Glückwunschtelegramm. Die "Welt" unterstrich lobend, welch ein himmelweiter Unterschied zwischen diesem Spiel und der "Löffelei" der Deutschen Totta Zehden mit der Französin Anna-Maria Seghers gewesen sei, die den Ball zum Verdruß der gelangweilten Zuschauer bis zu 146mal übers Netz gependelt hatten.
Erst nach ihrer hart umkämpften Niederlage gegen Inge Pohmann, Düsseldorf, schied Edda Buding aus den "Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland" aus. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Ilse vergoß sie deswegen keine Tränen. Staatspräsident Peron, der den Buding-Schwestern und ihrer Mutter die mehrmonatige Turnierreise finanziert und sie vor ihrem Abflug in einer halbstündigen Privataudienz empfangen hatte, versprach ihr, sie nächstes Jahr wieder zu internationalen Meisterschaften nach Europa zu schicken, auch wenn sie diesmal noch keinen Preis mit nach Hause bringe. "Ich soll erst noch lernen, sagt er."
Peron, der selbst ein begeisterter aktiver Sportsmann ist, war nach dem Besuch
einer Tennis-Show junger Nachwuchstalente so beeindruckt von dem formvollendeten Spiel der blonden Edda aus Deutschland, daß er ihren Vater, Dr. Franz Buding, als Tennistrainer auf seinen früheren Sommersitz in Olivos engagierte. Peron hatte die am Meer gelegene Besitzung in dem eleganten Villenvorort von Buenos Aires mit ihren weitläufigen Badeplätzen, Tennis- und Schwimmanlagen der "Vereinigung der Mittelschüler" geschenkt. Das Parkgelände war zu einem Sportzentrum für tausend Jungen und Mädchen ausgebaut worden, die sich dort kostenlos von erstklassigen (vielfach deutschen) Sportpädagogen in Leichtathletik, Tennis und Schwimmen ausbilden lassen können*).
Dr. Franz Buding, der in Olivos eine Tennisklasse leitet, war zwar nicht Tennislehrer von Beruf, sondern Rechtsanwalt. Er galt jedoch als überdurchschnittlicher Turnierspieler und auch als ausgezeichneter Pädagoge. 1948 war er "aus Furcht vor einem dritten Weltkrieg" von Deutschland nach Argentinien ausgewandert und hatte dort zunächst ein Sportgeschäft übernommen.
Bei den Budings ist Tennis Familiensport. Frau Erika Buding wacht darüber, daß ihre vier Kinder täglich anderthalb Stunden trainieren. Der älteste Sohn Lothar, 20, steht heute als Siebenter auf der argentinischen Rangliste, die siebzehnjährige Edda wurde im Herbst 1953 argentinische Meisterin und löste damit die wesentlich ältere langjährige Meisterspielerin Maria Weiss ab, der gerüchtweise enge private Beziehungen zu Präsident Peron nachgesagt werden; die vierzehnjährige Ilse erspielte sich im Mai 1954 den Titel einer argentinischen Juniorenmeisterin. Nach Ansicht des Vaters werden sie aber alle einmal hinter dem jüngsten Sohn Ingo, 12, zurückstehen, von dem der Vater wegen seines ausgesprochenen Naturtalents besonders viel hält.
Die Tennishoffnung Edda Buding hat für eine siebzehnjährige Nationalmeisterin verhältnismäßig spät zu spielen angefangen. Mit zwölf Jahren schlug sie ihre ersten Bälle gegen eine Trainingswand, aber mit dreizehn gewann sie bereits ihr erstes Juniorenturnier in Buenos Aires. "Tägliches Training ohne Ausnahme, keine Zigaretten, kein Alkohol" - diese mütterliche Devise soll ihren Weg zum internationalen Tennisruhm verkürzen.
In Wimbledon jubelten ihr im Juni dieses Jahres 30 000 Zuschauer zu, als sie sich auf den "All England Championships" gegen die gefürchteten, männlich harten Schläge der 19jährigen mehrfachen Weltmeisterin Maureen Conolly ("Little Mo") ausgezeichnet verteidigte. Nach zwei Sätzen gab sich Edda Buding geschlagen: "Gegen Maureen war nichts zu machen, sie haut zu fest." Aber nach dem Spiel tröstete die kleine pausbäckige Mo, die im nächsten Winter den amerikanischen Olympiaspringreiter Norman Brinker heiraten will, die Edda: "Paß auf, in zwei Jahren bist du Weltmeisterin."
*) In Deutschland wird, fern jeder staatlichen Subventionierung, hauptsächlich in Gottfried von Cramms Duisburger Tennisschule einiger (schon recht erwachsener) Nachwuchs ausgebildet.

DER SPIEGEL 33/1954
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