15.09.1954

SOWJET-UNION / RELIGIONGefährliche Großmütter

Michael Postnikow hatte an der Moskauer Universität das Studium des Marxismus-Leninismus mit Auszeichnung beendet. Die Jugend-Organisation der Partei schickte ihn daraufhin als Aufklärer in den Kampf gegen den "religiösen Aberglauben". Kurze Zeit danach heiratete Postnikow und ließ sich in einer der 48 Kirchen Moskaus durch einen Popen trauen.
Das Zentralorgan der kommunistischen Jugendbewegung der Sowjet-Union, die "Komsomolskaja Prawda", nannte ihn dafür eine "falsche Seele" und demonstrierte an seinem Beispiel die schädlichen Folgen der Laschheit, mit der seit einigen Jahren die Propaganda gegen das Christentum betrieben worden ist. "Nicht Christus", dozierte die Jugendzeitung, "gibt uns Brot, sondern die Maschinen und Kolchosen geben es uns."
Dem Beweis für die Richtigkeit dieses Lehrsatzes diente eine Reportage von der nahe Moskau gelegenen Muster-Kolchose "Wahrheit des Nordens".
Es war unglücklicherweise ein kirchlicher Feiertag, an dem der Reporter der Zeitung zur "Wahrheit des Nordens" kam. Im benachbarten Dorf Serkwejewo beging man gerade das Fest Unserer lieben Frau von Kasan. Keinen der Brigade-Chefs traf der Reporter zu Hause an. Zu seiner Empörung erfuhr er von einem im Dorf gebliebenen Alten, daß die Feierlichkeiten in Serkwejewo noch vier Tage dauern würden. Auf den Feldern aber herrschte Stille: keine Menschenseele zu sehen und nirgends der Lärm eines Traktors zu hören. Auf den Wiesen, so berichtete der Reporter, sank das von der Sonne verbrannte Gras in den Staub.
Ähnliches erlebte ein Berichterstatter der "Sowjetskaja Kultura", als er das ebenfalls nahe Moskau gelegene Dörfchen Burika besuchte. Dort feierte man den Namenstag eines Heiligen. Die Leute von Burika, so ärgerte sich dieser Journalist, konnten nicht einmal genau sagen, was für ein Heiliger das gewesen war, den sie da feierten. "Aber man weiß", fügte er hinzu, "daß er nach einem langen Leben voller Trunkenheit und einer kurzen Zeit der Reue heilig gesprochen wurde."
Das Signal zu verschärfter Propaganda gegen das Christentum gab am 24. Juli ein Leitartikel der "Prawda". Er forderte "wissenschaftliche atheistische Aufklärung". Sie müsse aber, so betonte die Zeitung, "seriös" sein. Der unflätige Jargon der einstigen "Liga der Gottlosen", die während des zweiten Weltkrieges aufgelöst wurde, soll vermieden werden.
Religiosität ist heute - wie sich aus dem Gezeter der Parteipresse entnehmen läßt - nicht nur eine Angelegenheit der bäuerlichen Bevölkerung. Sie hat auch auf die neue Intelligenz übergegriffen.
In der Nähe von Moskau gibt es die "heilenden Wasser" von Glinkowo, denen man aus religiösen Gründen Wunderwirkungen gegen Gebresten aller Art zuschreibt. Dieser Tage beschwerte sich das Zentralorgan der sowjetischen Gewerkschaft, "Trud", über den Zulauf, den die Quellen aus allen Schichten der Sowjet-Gesellschaft haben. Unter den Heilungsuchenden beobachtete ein Reporter der "Trud" an ein und demselben Tage den Leiter eines Forschungslaboratoriums der Universität Moskau, den Chefingenieur einer großen Fabrik und den stellvertretenden
Leiter eines Moskauer wissenschaftlichen Instituts. Auf Parkplätzen in der Nähe der Quellen stellte er lange Reihen von Luxus-Autos fest.
Als die gefährlichsten Agitatoren des "religiösen Aberglaubens" innerhalb der Intelligenz prangerte die "Partiinaja Jisu" die Großmütter an. Die erste Generation der "fortschrittlichen Intelligenz" der Sowjet-Union hatte nachsichtig geduldet, daß die Alten nach russischer Überlieferung in der Ecke am Ofen ein Heiligenbild aufstellten. Diese Alten seien es aber nun, schrieb "Partiinaja Jisu", die den Enkeln die religiösen Märchen beibrächten.
Die weltanschauliche Gegenoffensive der Großmütter wird von der Kommunistischen Partei besonders ernst genommen, weil sie die Jugend "vergiftet" und damit gefährliche Zukunfts-Perspektiven eröffnet. Die Jugendzeitung "Junge Garde" berichtete im pittoresken Stil des kommunistischen Partei-Chinesisch, daß "durch den Kungursker Rayon Weihrauchwolken schweben, die das Bewußtsein der Jugend umnebeln", und die "Prawda" beklagte, daß die Jugend an vielen Orten der Sowjet-Union nicht mehr im Geiste des wissenschaftlichen Materialismus erzogen werde, sondern unter dem Einfluß "verschiedener Aberglauben" stehe.
Eine Konferenz der Lehrer der Russischen Räterepublik, die Ende August in Moskau stattfand, stellte in einer Resolution fest, daß der "Geist der Religiosität" in der Schuljugend neuerlich stark zugenommen habe. Selbst viele Komsomolzen (Angehörige der kommunistischen Jugendorganisation) und Soldaten seien eifrige Kirchgänger geworden.
Der Patriarch der russisch-orthodoxen Exil-Kirche, Anastasias, sprach in seiner diesjährigen Osterbotschaft von "dieser neuen, einer Naturgewalt vergleichbaren
Welle des Glaubens". Tatsächlich stellte die in Fragen der Ostkirche meistens verläßlich orientierte "Internationale Kirchliche Zeitschrift" fest, daß heute noch in der Sowjet-Union fast alle Verstorbenen kirchlich beerdigt werden, daß drei Viertel aller Kinder getauft und die Hälfte aller Ehen kirchlich getraut sind.
Die Widerstandskraft der orthodoxen Kirche in der Sowjet-Union und der Respekt, mit dem die Sowjets die Kirche trotz aller Anfeindungen im Grunde behandeln, erklären sich aus dem Wesen des orthodoxen Gottesdienstes. Unter den Zwiebelkuppeln wird die Botschaft Christi nicht - wie etwa in den protestantischen Gotteshäusern Westeuropas - durch die Predigt mitgeteilt, sondern vorwiegend durch Gesänge. Die russische orthodoxe Kirche ist eine "musikalische" Kirche. Musik aber und Liturgie sind weniger angreifbar als das auslegende, erklärende und deutende Wort, das im Mittelpunkt des protestantischen Predigtgottesdienstes steht.
Die enthebende Musikalität des orthodoxen Gottesdienstes ist offenbar der bedeutendste Werbe-Faktor des Christentums in der Sowjet-Union und zugleich ein Moment der Schwäche. Der religiöse Widerstand des orthodoxen Christentums hat bisher keine revolutionäre Dynamik hervorgebracht. Verächtlich nannte die Gewerkschaftszeitung "Trud" die christliche Religion "eine Art von geistigem Fusel".

DER SPIEGEL 38/1954
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