27.10.1954

BÜCHER / HABEFehlgeburt eines Charakters

(s. Titel)
Kaum hat man sich einen Schurken genannt, schon nennt einen alle Welt einen Schurken.
Hans Habe
Sanft zum Wolfgangsee abfallende Wiesen, auf denen die Heumahd im Gange ist. Hinter der Ideal-Kulisse der Salzkammergut-Berge kriecht ein Gewitter hervor. Tief zieht vor den ersten Windstößen das sich ins Grüne kuschelnde "Haus Falta" sein Spitzdach herab. Drinnen sitzt ein Mann am Fenstertisch, ein Herr, möchte man sagen, seines feschen Steyrer Anzugs mit zartrosa Seidenkrawatte wegen, zu der die grüne Tinte seines Schreibgeräts einen mondänen Kontrast bildet.
Pausenlos fliegt die Feder übers Papier und malt millimeterkleine Druckbuchstaben; Zeile um Zeile, schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen. Was da steht, ist Stimmungsbild und Rechenschaftsbericht zugleich:
"Unsere unverwüstliche Berta und zwei Bäuerinnen schaufeln das Heu auf den Bauernwagen, schnell und doch ruhig, denn es naht ein Gewitter. Oben auf dem Heuwagen singt ein Mädchen. (Töchterchen) Marina steht am Wagen. Ich bin heimgekehrt."
Heimkehrer Hans Habe legt die Feder mit der gewählt grünen Tinte fort. Das Werk ist getan, sein Leben zu Papier gebracht, und es wird nach dem Willen des Verlegers Desch ein Bestseller werden.
Hans Habe, 43, Journalist, Schriftsteller, jetzt also auch Autobiograph, wie man weiter belehrt wird, Kriegsheld und, wie man bereits belehrt war, Frauenheld, ein Mann mit vielen Ehen und vielen Begabungen, zahlreichen Jobs und noch mehr Schwächen, hat seine öffentliche Lebensbeichte unter einen entschlossen klingenden Plakattitel gestellt: "Ich stelle mich"*).
Es sind 544 Seiten seiner Lebensgeschichte, geschrieben, um die Auseinandersetzungen mit der lähmenden Hypothek des abenteuerlichen Lebenslaufes seines Vaters Imre Békessy zu beenden, und um zu verhindern, "daß in all meinen Romanen**) immer wieder - wenn auch verschlüsselt - die Habes vorkommen ..."
Die erste Absicht, über den Schatten des Vaters zu springen, hält Habe für endlich gelungen. Wenigstens erzählt er, daß er sich jüngst dabei ertappt habe, wie er einem Bekannten eine Anekdote seines Vaters erzählte, "und mein Vater - das war bisher in allen Gesprächen ein Bereich, vor dem eine unbewußte, aber unüberwindliche Sperre lag". Das Gelingen der zweiten Absicht kann noch nicht beurteilt werden.
Immerhin kommen Habe-Kenner und -Kritiker, die das Buch gelesen haben, zu dem Ergebnis, daß Habe wohl schwer ein farbigeres Buch dürfte schreiben können. Aus eben diesem Grunde: weil Habe immer nur über Habe schreiben kann, und weil ein erlebnisreicherer Roman-Habe nicht mehr erfunden werden dürfte als die Hauptfigur dieser Autobiographie eines Mannes, dessen Leben er selbst soviel
"faszinierender" findet "als meine werke". Eigentlich war Autor Habe mit Verleger Desch über ein ganz anderes Thema einig geworden. Es sollte als Buch "Off limits" heißen und - im Zeichen der offenkundig wieder angekurbelten Konjunktur in Besatzer-Romanen - zwischen zwölf Hauptfiguren, drei Amerikanern und neun Deutschen, den Film einer Zeit abspulen, über die sich Hans Habe aus verschiedenen Gründen gewissermaßen als Fachmann fühlt: Die Besatzer-Zeit nach dem Krieg.
Der abgerüstete US-Major Habe hat sie aus den unterschiedlichsten Perspektiven beobachtet: als ehemaliger "Eroberer", als Leiter von Radio Luxemburg gegen Kriegsende, späterer US-Presseoffizier für Deutschland und Manager von achtzehn ersten deutschen Nachkriegszeitungen ("Auf dem Höhepunkt unserer Tätigkeit betrug die Gesamtauflage der Zeitungen über acht Millionen, es war der zweitgrößte Zeitungskonzern der Welt"), als erster Chefredakteur der amerikanischen "Neuen Zeitung". Und so streng er sich dagegen verwahrt, ein "Morgenthauboy" gewesen zu sein, so stolz rühmt er sich noch heute als "einen der erfolgreichsten Umerzieher".
Nach seinem Ausscheiden aus diesem US-offiziellen Job und nach dem Abschied von der Armee-bekannten supereleganten Extra-Uniform "mit der unvermeidlichen Reitgerte - ein charakteristischer Snobismus, der mir viele Feinde machte - " hatte Habe in Amerika, wo er als Autor des Romans der französischen Niederlage "Ob Tausend fallen" noch einen Namen hatte, nicht mehr reüssiert. Er startete in München erst eine Illustrierte, dann eine gut gemachte Wochenzeitung, scheiterte aber mit beiden.
Schließlich also war er zum Autoren-Team des Desch-Verlages gestoßen. Während aber Kurt Desch den zuverlässigsten seiner Manuskript-Lieferanten über den Geschehnissen der oft erwähnten deutschen Nachkriegsepoche wähnte, klopfte der Ringende eines Tages in der Münchner Romanstraße beim Verlagshaus an, um zu bekennen: "Desch, ich kann dieses Buch
noch nicht schreiben. Es liegt noch ein anderes dazwischen, mit dem ich erst fertig werden muß." Der Verleger versichert, er habe am Tonfall schon gleich erkannt, mit diesem "fertig werden" sei keine verunglückte Disposition gemeint, sondern "etwas Inneres".
Das "andere Buch" war die Autobiographie. Sie war im Herbst 1952 begonnen worden, wenige Wochen, nachdem Habe Deutschland den Rücken gekehrt hatte. Seine Reise war eine Flucht. Seine Frau Ali Ghito bezichtigte ihn der Bigamie, und die Schuldner belagerten das fürstliche Appartement. Der härteste Schlag aber kam von einer noch anderen Seite.
"Die am buntesten schillernde Seifenblase des politischen Nachkriegslebens in Deutschland ist geplatzt", konnte die Illustrierte "Stern" am 1. Juni 1952 ihren Lesern kundtun. "Hans Habe, alias Janos Békessy, galizischer Immigrant, österreichischer Heimwehr-Journalist, Sergeant der französischen Armee, amerikanischer Propagandamajor und schließlich ''deutscher'' Chefredakteur einer ''unabhängigen europäischen Wochenzeitung'', hat nach sieben Jahren der Aufgeblasenheit plötzlich die Luft auslassen müssen."
Habe hatte zu jener Zeit die Chefredaktion des überwiegend amerikanisch finanzierten, die Nazis erriechenden "Echo der Woche" in München niederlegen müssen (SPIEGEL 22/1952), nachdem er bereits vorher seinen Versuch, die "Neue Münchner Illustrierte" als Bildblatt mit politischem Einschlag aufzuziehen, aufgesteckt hatte (SPIEGEL 3/1950). Den Schlußpunkt hinter das Wirken des "Blattmachers" - wie Habe sich selbst nennt - aber setzte der "Stern"-Artikel mit seiner Schlagzeile: "Hinaus aus Deutschland mit dem Schuft!"
Der Schuß schien ein tödlicher Treffer, Habes Selbstbiographie läßt jetzt erkennen, warum. Es scheint sogar, als sei diese pittoreske Lebensbeichte, dieses ungefragte Von-sich-selbst-Reden über ein halbtausend Seiten hin, durch jenen "Stern"-Schuß ausgelöst worden, der den Angsttraum des jungen "Jancsi" Békessy, des späteren Hans Habe, Wirklichkeit werden ließ: Er
könnte als Sohn seines Vaters bezeichnet werden.
Dieser Vater wirft über Habes Leben einen Riesenschatten. Das ganze bisherige Leben des irrlichternden Sohnes - "Ich bekam das Gefühl des Verfolgtseins mit auf den Weg" - war der Versuch, diesem Vater und dem an seinem Namen Békessy haftenden Fluch zu entrinnen.
Der aus Ungarn emigrierte Imre Békessy war in den inflationistischen frühen zwanziger Jahren der Zeitungsherrscher von Wien, lokaler Urheber einer Revolver-Publizistik, die sogar bis zum heutigen Tag noch nicht wieder ihresgleichen hat, die aber in der Literatenstadt an der Donau mit ihrem milde temperierten Zeitungsklima damals besonders erbittert bekämpft wurde.
Békessy machte zunächst mit wenig Geld aber um so mehr Erfolg die "Börse" auf, der 1923 die Mittagszeitung "Die Stunde", ein Jahr darauf das illustrierte Wochenblatt "Die Bühne" folgte. Zwei weitere kleine Blätter kamen hinzu, und noch vor Ablauf des Jahres 1924 war der kaum vier Jahre zuvor aus Ungarn als blinder Passagier eines schmutzigen Donaudampfers zugewanderte Békessy - er hatte sich dem Bolschewikenführer Béla Kun als Chef der Provinzpresse verdingt und mußte nach dessen Sturz fliehen - der Zeitungsmagnat von Wien. Habe stellt heute nicht ohne Befriedigung fest: "Wir hatten drei Wagen ... ein Sommerhaus am Fuße der Rax und ein Motorboot am Wörthersee. An unserem Tisch speisten Minister, Bankpräsidenten und Operndirektoren."
Der kometenhaft aufgestiegene Emporkömmling Imre Békessy huldigte in seinen Spalten und Praktiken der Überzeugung, die Inflation sei eine Form der sozialen Revolution. Mit dem Ende der Inflation kündigte sich auch der Zusammenbruch des Békessy-Imperiums an. Was die Vorwürfe betrifft, die gegen den Vater erhoben wurden, so sind sie dem Sohn unter dem Sammelwort "Erpressung" haften geblieben. Der große Jäger dieses Imre Békessy aber war der wortgewaltige Karl Kraus. Seine "Fackel" veröffentlichte, was vorher unter der Hand immer wieder gegen Békessy vorgebracht worden war:
Die ''Stunde'' akzeptiere, ja fordere Geld von Industriekonzernen, die etwas zu verbergen hätten, von Schauspielerinnen, die eine gute Kritik brauchten, von Kaffeehäusern und Nachtlokalen, die ihre Klientel zu verlieren fürchteten."
Habe sieht Imre Békessys größten Gegner heute so: "Karl Kraus war zwar kein großer Schriftsteller, aber er war ein Pamphletist großen Stils, ein Fanatiker in der Tradition der moralischen Haudegen des Mittelalters, der es überdies liebte, immer wieder mit interessanten Persönlichkeiten anzubinden - er hatte vor meinem Vater Hans Bahr, Franz Werfel, Felix Salten und Alfred Kerr mit maßlosem Haß verfolgt.
"Zugleich führte Karl Kraus aber auch einen verdienstvollen Kampf gegen die Korruption in seiner österreichischen Heimat. In meinem Vater, der in seiner eigenen Jugend Karl Kraus bewundert hatte, erblickte der gefürchtete Pamphletist eine verzerrte Karikatur seiner selbst. Er befürchtete mit Recht, daß der gute Kampf, den er dreißig Jahre lang mit sauberen Waffen geführt hatte, durch meinen Vater diffamiert und ad absurdum geführt werden könnte. Die Feindschaft der beiden Männer nahm unübertrefflich abscheuliche Formen an."
Imre Békessy unterlag. Dem Angriff der "Fackel" gegen seine Person zeigte sich Békessys Vergangenheit nicht gewachsen. "Hinaus aus Wien mit dem Schuft!" schrieb Karl Kraus und prägte damit jene Schlagzeile, die der "Stern" später nur leicht
abgewandelt auf Békessy jr. alias Hans Habe anwandte.
Der Sturz des Imre Békessy vollzog sich in der Woche zwischen dem 10. und 17. Juli 1926, als der Sohn mit lebensfrohen und unbekümmerten Midinetten in Paris den Sturm auf die Bastille feierte und der Vater sich in Chamonix zur Kur aufhielt.
Die Nachricht vom Zusammenbruch erhält der Sohn - auf den "Wangen von einem Dutzend Lippenstift-Wunden" blutend - gegen Morgen des 15. Juli durch den väterlichen Privatsekretär Ludwig Hoffenreich in einem Pariser Hotelzimmer. (Es ist derselbe Ludwig Hoffenreich, der später Nachfolger des Hans Habe als Chefredakteur der "Neuen Münchner Illustrierten" war.) Sie verständigen den Vater in Chamonix davon, daß seine engsten Mitarbeiter in Wien verhaftet sind, und reisen schließlich selbst hinüber in den Kurort. Aber der Vater kann sich nicht entschließen, nach Wien zu gehen und den Kampf durchzufechten.
In diesem "schicksalschweren Sommer 1926" wird Jancsi Békessy (der spätere Hans Habe) nach dem ersten Selbstmordversuch seines Vaters an dessen Bett gerufen. Er sieht die Morphiumflasche, die der hysterische Hektiker ausgetrunken hat, und wird dann Zeuge seines zusammenhanglosen Stammelns.
"Oh, ich werde sie nie vergessen, diese Phantasien meines Vaters! Ich werde sie nie vergessen, denn wie das Leitmotiv einer Melodie, so ziehen sie sich durch die Melodie meines Lebens. Es war sein erster Selbstmordversuch - aber wie viele sollten ihm folgen ..."
Es folgten so zahlreiche, daß das gnadenlose Wien darüber zu spotten lernte. In den "Unüberwindlichen", einem gegen Békessy gerichteten Schlüsseldrama von Karl Kraus, rät der Redakteur Fallotai seinem Chef Barkassy, der "schon wieder einmal im Begriffe ist, Selbstmord zu begehen": "Wenn Sie nur diese Wahl haben, bin ich für Selbstmord, da haben Sie immer reüssiert." Barkassy selbst aber führt sich bei seinem Finanzfreund Camillione mit den Worten ein: "Wie Sie mich da sehen, habe ich Selbstmord verübt - nur meiner Geistesgegenwart habe ich''s zu verdanken, daß ich mit dem Leben davongekommen bin ..."
Der Abend nach diesem ersten Selbstmordversuch führt zu einer Begegnung zwischen Vater und Sohn, die zu einer psychologischen Schlüsselstelle des Buches ausgebaut ist. Hier hat Habe in die Schilderung der Begegnung den ersten Ausbruchsversuch aus dem Schatten des Vaters eingewirkt. Er will am Krankenbett den Sprung wagen von der Matte des Inflationsgewinnlers ans Hochreck der eigenen Bewährung und will es der Welt mit einigen gelungenen Riesenwellen zeigen.
Er setzt voraus, daß Publikum da ist: "Da stand der Satz im Raum des nächtlichen Hotelzimmers, und weder Vater noch Sohn wußten, daß er ein ganzes Leben entschied. ''Laß mich nach Wien gehen, Papi, ich werde es ihnen schon zeigen'' - ja, für die nächsten fünfundzwanzig Jahre war mein Dasein auf diesen Satz gestellt.
"Um es ihnen zu zeigen, absolvierte ich das Gymnasium mit einer literarischen Doktorarbeit von sechshundert Seiten ... um es ihnen zu zeigen, wurde ich ein vierzehnmal dekorierter Kriegsheld; um es ihnen zu zeigen, heiratete ich eine Frau des Geldes halber, um es ihnen zu zeigen, verriet ich Freunde, betrog ich Frauen, arbeitete ich sechzehn Stunden am Tag und schrieb ich meine besten Bücher.
"Vielleicht habe ich auch die Kraft zu dieser Autobiographie gefunden, um es ihnen zu zeigen. Ein Vierteljahrhundert, ein Menschenleben, ein hingeworfener Satz ..."
Es kann nicht leicht sein, soviel Widersinn in dreizehn Druckzeilen unterzubringen. Und wer in der Logik, daß er eine Frau ihres Geldes willen heiratete, "um es ihnen zu zeigen", nicht einfach Unfug sehen will, der findet hier nur noch den Übergang zu jenem anderen Motiv Habeschen Wirkens, das etwas glaubhafter und offenherziger klingt:
"Ich habe um des Geldes willen gelogen und gefälscht, ich habe um des Geldes willen Freunde betrogen und Bindungen zerstört, ich habe mich des Geldes wegen gedemütigt vor mir und vor anderen, bis ich so tief sank, daß mir nur die Wahl blieb, unterzugehen oder, an der Grenze des Alters*), brutal, rücksichtslos und mich selbst erkennend, Schluß zu machen mit einem verfehlt gelebten Leben. Daß ich es tat, zuletzt, ist mein Stolz." Das tönt nicht nur pathetisch, sondern hat auch einen hörbaren Talmi-Klang. Der Sprung zwischen echt und unecht geht offenbar durch alles, was Habe tat und trieb und damit auch durch sein Buch.
Diese Talmi-Mitgift ist eine Békessy-Erbschaft von Alters her. Nicht einmal der Name entbehrt dieses Geburtsfehlers. Er ist erst vier Generationen alt, und seine Schreibweise mit den ungarischen Adelsmerkmalen, den zwei "s" und End-"y", ist sogar noch jünger. Kaiser Franz Joseph I. erkaufte sich mit diesem Privileg die Anhängerschaft des mit Kossuth rebellierenden Urgroßvaters, wenn man Habe glauben darf.
Dieser Vorfahr hieß ursprünglich Meyer Friedlieber und verbrachte sein Leben auf der Flucht. Sein Vater war kaum tot, als Sohn Meyer den jüdisch klingenden Namen ablegte und sich Békesi nannte. Drei Generationen später wartet Hans Habe nicht bis zum Tode des Vaters, bis er sich nach den Anfangsbuchstaben seines Namens Hans Békessy (H. B.) "Habe" nennt.
Seit der Urgroßvater begann, die letzten Spuren des jüdischen Friedlieber zu tilgen, ist in der ganzen Familie die tragischgroteske Bataille gegen die Herkunft im Gange. "Wir waren schlechte Juden. Wie ich, so stand gewiß mein Vater, und vor ihm mein Großvater, vor dem Spiegel, ängstlich nach den Zügen der Väter forschend, das Verwandte verachtend und erfreut über das Fremde, seltsame Gäste bei uns selber. Als mein Sohn und meine Tochter geboren wurden - beide aus Ehen mit christlichen Frauen - betete ich, nichts in ihren Zügen möge an meine eigenen Ahnen erinnern.
"Allerdings tat auch die Vorsehung alles, um mich in die Versuchung zu führen. Wenn ich mich umsehe unter meinen jüdischen Freunden, dann finde ich keinen, der weniger ''jüdisch'' wirkt als ich. Ich habe keine oder nur schwer zu entdeckende äußere jüdische Züge mitbekommen, und die wenigen, die ich besaß, habe ich systematisch ausgerottet ..."
Dieser Zug zur Camouflage ist in allen Békessy-Generationen zu finden. Habes Vater, der sich zwischen dem vierzehnten und dem siebzehnten Lebensjahr in den verschiedensten Berufen versucht hatte - bei der Zeitung scheiterte er zum erstenmal, weil er eine übersetzte Novelle als eigenes Produkt ausgegeben hatte - ,
Habes Vater also trat kurz nach der Heirat mit seiner Frau zum Christentum über: "Weder aus Überzeugung noch unter unmittelbarem Druck, sondern weil sie annahmen, daß es ihr Kind oder ihre Kinder als ''geborene Christen'' leichter haben würden."
1911 wird Janos, genannt Jancsi, das ist soviel wie Hänschen, geboren. Seine ersten
Kindheitserinnerungen sind mit dem Krieg verknüpft. Sein Vater war Leutnant. Eines Tages, als er an die rumänische Front versetzt wird, statt wie erwartet in der Heimat bleiben zu können, "erschien er in der Kaserne mit umgeschnalltem Säbel, klirrenden Sporen, klingenden Dekorationen - und auf dem Kopf einen zivilen Velourhut ... Vor den Regimentskommandeur zitiert, erklärte er, der Velourhut sei ein neues militärisches Bekleidungsstück, den Befehl ihn zu tragen, habe er vom Kaiser persönlich empfangen".
In der Klinik des späteren Nobelpreisträgers Wagner/Jauregg erfährt Jancsi am Arm seiner Mutter durch den Professor, daß sein Vater ein Simulant ist. Die Degradierung des simulierenden Leutnant-Vaters nebst Verurteilung zur "Frontbewährung" versetzt dem vierjährigen Jancsi schockhaft ein Trauma. "In mir hatte der unsinnige Trieb Wurzeln geschlagen, daß ich berufen sei, gutzumachen, was mein Vater verdorben."
Der 43jährige Jancsi läßt in seiner Lebensbeichte keinen Zweifel an seinem Glauben, daß ihm das gelungen sei, weil "ich kein ganz wertloser Mensch geworden bin", wenn er auch an anderer Stelle findet: "Ich hatte es in dieser Lebensgeschichte leichter als mancher andere Autobiograph. Fast alle Menschen, denen ich begegnet bin, waren wertvoller als ich ..."
Dann aber kommt der Retuschierstift: "Die Natur hatte mich zum Hopp-hopp-Menschen bestimmt. ... Hopp-hopp-Menschen sind rücksichtslos, aber phantasiebegabt; leichtsinnig, aber mutig; lebensunklug, aber talentiert; die humorlose menschliche Gesellschaft stößt sie aus, aber sie werden geliebt von den heiteren Göttern." Den
Ausschluß aus der humorlosen menschlichen Gesellschaft hat Habe oft selbst provoziert, noch öfter sich eingebildet, immer wieder überspielt, aber nie verwunden. Sogar im Wien des Jahres 1926, im verlorenen Reich seines Vaters, macht der junge Jancsi ("Papi, ich werde es ihnen schon zeigen") seinen Weg.
Während sein Vater in Budapest den "Ostkurier" aufzieht, wohnt er in Wien bei Verwandten, die der Einmarsch der Horthy-Truppen aus Ungarn vertrieben hat, und hier erhält der junge Gymnasiast die niederen Weihen des Kommunismus. ("Als geschulter Marxist kann ich heute die Anziehung Marx'' sehr gut verstehen.") Die Berührung bleibt ohne ernstere Folgen, vorwiegend deshalb, weil der Besucherkreis, aus dem sich die kommunistische Genossenschaft der schlichten Verwandten zusammensetzt, den geschmacklichen Ansprüchen des verwöhnten Jancsi nicht zu entsprechen vermag.
Solche Schilderungen fordern ungarische Emigranten, die Hans Habe zu kennen glauben, zu der sarkastischen Bemerkung heraus, der Kommunismus müsse dem gehätschelten Sohn eines ehrgeizigen Vaters schon deshalb untauglich erscheinen, weil der Kommunismus das Aufteilen propagiere, Habe aber nur zweiteilen könne.
Für die literarische Abiturarbeit wählt er sich das Thema: "Heinrich Heine als moralischer Mensch - seine Beziehung zu Sittlichkeit, Religion und Vaterland." Er möchte mit Heinrich Heine den Imre Békessy rechtfertigen.
Er beginnt sein Studium - wo anders als in Heidelberg wäre das möglich. "Überflüssig zu sagen, daß ich eine schlagende Verbindung wählte." Vom fünften Lebensjahr an hat er Fechtunterricht genossen, nun glänzt er im Mensur-Schlagen, bis seine jüdische Abstammung offenbar wird und er die Burschenschaft, der er seine Herkunft verschwiegen hatte, absolut entbehrlich findet. Zum Duell, dem seine Leidenschaft gehörte, war er nicht gekommen*). Jancsi vertauscht die alte Burschenherrlichkeit mit einer Stellung bei der "Wiener Sonn- und Montagszeitung".
Das Jahr 1933 mit seinem politischen Sog ließ auch die Anschlußzonen der deutschen Peripherie nicht unberührt, wenn auch seine ersten Schläge für Habe aus anderer Richtung kamen: Durch ein Verbot auf Protest der albanischen Regierung hin war in Budapest eine Zeitung seines Vaters ruiniert worden. Der Vater entkam einem Selbstmordversuch**).
In Wien wuchs die Unzufriedenheit des jungen Reporters gegen seinen Chefredakteur, der sich immer noch weigerte, den Namen seines findigen Mitarbeiters öffentlich zu nennen. Zugleich wurde der Hang zum "Blattmacher" in Habe unwiderstehlich. Die einzigen Blätter aber, die einem jungen Talent zur Verfügung standen,
waren einige neue Heimwehrzeitungen, die Österreichs Vizekanzler Fürst Starhemberg betrieb, und da das Schicksal ein Faible für eigenwillige Pointen hat, wurde Habe ihr wahrer Chefredakteur. Der offizielle Chef, Hauptmann Kaltenböck, rief jeden Morgen betrunken an und ermahnte ihn, er möge "keine Schweinereien machen" und "nicht noch mehr Juden beschäftigen".
Habe ist auch bei diesem Engagement um eine Begründung nicht verlegen: "Ich weiß nicht, ob viele Zweiundzwanzigjährige dieser Versuchung hätten Widerstand leisten können." Aber auch hier spielt natürlich die Rache für den Vater eine untergründige Rolle: "Die Sozialdemokratie hatte über meinen Vater triumphiert, der Sozialdemokratie nahe stand auch Karl Kraus: eine Schicksalsfügung also sah ich darin, daß mir nun die Instrumente der Rache in die Hand gegeben wurden ..."
Dieser Rachedurst tötete auch Konsequenzen, wie sie sich etwa aus dem Wissen hätten ergeben können, daß Starhembergs Heimwehrblätter von Mussolini finanziert wurden. Die Entschuldigung im Rahmen einer Beichte heißt hier: "Ein Journalist
Mussolinis gewesen zu sein ist aus der heutigen Perspektive nicht viel ruhmreicher als Hitler gedient zu haben, aber es bleibt dennoch wahr, daß Faschismus und Nationalsozialismus nicht identisch waren. Ich hatte es nicht allzu schwer, mich von der Rechtschaffenheit meiner politischen Absichten zu überzeugen."
Mit seiner Darstellung des Abschieds vom Faschismus läuft Habe den literarischen Vätern des deutschen Heimatfilms den Rang ab. Der Heimwehr-Blattmacher setzte sich auf einen abgelegenen, kleinen Gasthof in den Bergen, der kein Telephon besaß und wohin die alten Zeitungen mit Mauleseln hinaufgebracht wurden ...
"Am zweiten Abend saß ich mit Holzfällern, Kutschern und Gebirgsbauern in der guten Stube. Einige Gläser herben Weins hatten mein Gehirn geklärt. Ich verlangte nach Papier und Feder. ''Ich bin den gesundheitlichen Anforderungen meiner Arbeit nicht mehr gewachsen'', schrieb ich an die Verwaltung der Heimwehrblätter. Ich bat um meine Entlassung." Von da an hatte er eine "Beziehung zur Gesinnung, die nicht mehr abreißen sollte".
Es war aber, längst ehe Jancsi Békessy zur Heimwehr gefunden hatte, eine mehr private Unklarheit in sein Hirn gekommen, die, wie sich später herausstellen sollte, nicht durch einige Gläser herben Weins zu bereinigen war. Habe hatte als Redaktionsdackel der "Sonn- und Montagszeitung" auch Filmkritiken geschrieben. Diese hatten "ihrer Schärfe und Unabhängigkeit halber einiges Aufsehen erregt".
Jetzt wurde Habes Unbestechlichkeit auf eine harte Probe gestellt. Ein Filmverleiher, "der mir schmeicheln wollte", hatte ihn zu einer Privatvorführung des Terra-Films "Acht Mädels im Boot" eingeladen.
"Ich werde die Bewegung nie vergessen, die sich meiner bemächtigte, als eine junge, unbekannte Filmschauspielerin zum ersten Male auf der Leinwand erschien: Sie saß am Steuer eines Achterbootes, die Sonne hatte sich in ihren dunklen Haaren verfangen, und die Schatten der Blätter eines Baumes wirbelten wie ein Regen von goldenen Talern über ihr weißes Schwimmtrikot ... Ich konnte kaum das Ende der Vorführung abwarten, um mich nach dem Namen der Frau zu erkundigen. Ihr Name war so mysteriös wie sie selbst: Ali Ghito."
Man kann nur annehmen, daß Hans Habe, als er seine Gefühle in dem kleinen verdunkelten Vorführungsraum beschrieb, voll rücksichtsloser Entschlossenheit war, den Kreis seiner Leser auch auf jene Volksteile auszuweiten, die ihre literarischen Bedürfnisse sonst mit Courths-Mahler stillen.
"Bis dahin hatte ich meine kritische Objektivität wie einen Schatz gewahrt, jetzt warf ich sie über Bord. ''Sie ist mir, privat, lieber als Greta Garbo plus Marlene Dietrich.'' Ich schrieb die Worte nieder und wartete. Ich wußte, daß die Reaktion nicht ausbleiben konnte.
"Schon die nächste Post bewies, daß ich recht hatte. Aus Berlin kam der Brief, ein langer Brief, auf blauem Papier mit grüner Tinte geschrieben, in steilen energischen Buchstaben verfaßt - eine Liebeserklärung
der Schauspielerin an den Kritiker, den ''ersten, den einzigen'', der ihr Wesen richtig erfaßt hätte."
Ali kam. Das Beisammensein in Wien, wo Habe angeblich "die Enttäuschung vorausahnte, die meiner harrte", endete mit Alis Abfahrt zu ihrer Tochter aus einer geschiedenen Ehe. Flugkarten, Blumenkörbe und Telephongespräche hatten den Verehrer derart ruiniert, daß ihm die Überzeugung, es müsse dies "die große Liebe" sein, immer glaubhafter wurde.
Als Ali auf Telephonanrufe nicht mehr antwortete, wurde die Sache politisch. Die Liebenden trafen sich noch einmal in Eger und durften "zwei bange Tage in Karlsbad" verleben. Dann war es aus, und Habe versteht es, sich an dieser Stelle unter die Verfolgten und Geschädigten des Naziregimes zu mischen. "Hitler hatte mir die Frau genommen, von der ich glaubte, daß sie die große Liebe meines Lebens war. Vierzehn Jahre später zog ich aus, um mich an Hitler zu rächen ..."
Solche unerfreuliche Verquickung von Intimität und Weltgeschichte ist der immer wieder konsternierende Taschenspielertrick dieses Autobiographen Zwanzig Jahre später hat der "vierzehnmal dekorierte Kriegsheld" Habe, der Kreuzfahrer und Umerzieher ("Es gab Perioden in meinem Leben, in denen ich von einer gottgewollten Mission überzeugt war"), bei seinem Einzug als US-Offizier in das zusammengebrochene Deutschland nichts als amourösen Schnickschnack im Kopf:
"Seit dem Tag, an dem ich die deutsche Grenze überschritt, ritt mich der Gedanke, Ali Ghito zu finden, die deutsche Schauspielerin, die ich in Wien unter so romantischen Umständen kennengelernt und nach einer leidenschaftlichen Liebe von knapp einem Jahr verloren hatte. ... Ich hatte den Verlust Alis nicht verwunden, nicht weil die Liebe, die ich für sie empfand, so allmächtig war, sondern weil mir dieser Verlust die Hitlersche Macht über mich versinnbildlichte."
Der Herr Besatzer, Befehlshaber im papierenen "Habe-Imperium" der ersten deutschen Nachkriegszeitungen in der US-Zone, weiß die Verlorengegangene ominöserweise am Fuße des Obersalzberges zu finden, und "nach ein paar Stunden war es klar, daß Ali ihre Verlobung mit einem Arzt - einem freundlichen Herrn, der bald zum Kaffee erschien - auflösen und mir nach Bad Nauheim nachfolgen würde". Was dann in dem Saus-und-Braus-Klima der Besatzerzeit folgte ("Der Bürgermeister der Stadt Nauheim stellte mir eine elegante Wohnung zur Verfügung"), dafür findet Habe selbst das passende Bild: "Ein grotesker Louis XV. etablierte sich mit der Madame Pompadour der Besatzung." Aber welch grausiges Erwachen: Alis Beziehungen zu einem Adjutanten des Führers wurden "dokumentarisch erwiesen". Sie machte sich an die "Umerziehung des Umerziehers".
Habe war zu jenem Zeitpunkt bereits mehrfach geschieden, aber er hat auch für die neue Liaison wiederum gewichtige Entschuldigungsgründe bereit mit den üblichen Ausblicken ins Bedeutend-Allgemeine. Als er 1946 die Chefredaktion der "Neuen Zeitung" abgeben und nach den Staaten zurückkehren muß, "begann ich mich nach Ali zu sehnen - aber in Wirklichkeit sehnte ich mich nach Europa." So einfach sind die Dinge bei Habe, und so geräuschlos greift bei ihm eins ins ganz andere, werden die Grenzen der Kategorien lautlos überspielt.
Der Pedant Habe ("Ich bin ein Schriftsteller von geradezu krankhaftem Fleiß und pedantischer Systematik ... Ich habe meine elf Bücher mit der Hand geschrieben"), der als Skandalmacher ständig ein
wohlassortiertes Handarchiv voller Entlastungsmaterial mit sich herumkoffert - , dieser Habe liebt es auch, seine Liaisons praktikabel und stets griffbereit zu etikettieren: "Ali war Europa; Eleanor war Amerika."
Eleanor, die "Begegnung meines Lebens", war die Stieftochter des ehemaligen US-Botschafters beim Kreml, Joseph E. Davies ("Mission to Moscow"), und mit der Woolworth-Erbin Barbara Hutton verschwägert, mit der sie die Vorliebe für häufiges Heiraten teilt. Als gefeierter Kriegsfreiwilliger und Autor des Bestsellers "Ob Tausend fallen" hatte Habe die Davies-Erbin nach verzwicktem Werben gegen den hinhaltenden Widerstand der Familie, einer der reichsten Amerikas, geheiratet.
Die Geschichte dieser Heirat ist repräsentativ für den Frauenhelden mit der "pathologischen Heiratslust" wie für den "Fallschirmjäger, den das Eindringen in ein fremdes und nicht unbedingt freundliches Land mächtig reizte, der getrieben war von Neugierde und Es-ganz-genau-wissen-Wollen". Das ist ein Antrieb, den unter anderen auch gutbürgerliche Topfgucker aller Art in sich verspüren.
Das verbotene Revier ist in Eleanors Fall das Reich der "uppe rten", der streng exklusiven amerikanischen high society. Für den Wunderboy aus Budapest - "Ich besaß große Talente, ich war ungewöhnlich hübsch, und es ermangelte mir auch nicht an Herzensqualitäten" - ist der Zug ins verbotene Zimmer eine altbekannte Attraktion. "Vom Urgroßvater an, der so stolz war auf seine beiden ''s'' und ''y'', bis zu mir, fühlten wir uns immer dort zu Hause, wo wir nicht beheimatet waren; strebten wir immer nach bunten Uniformen und glitzernden Orden; opferten wir Ehre und Sicherheit und Ruhe farbigen Papageien. Wir waren schlechte Juden."
Der Habe nicht nur der Davies-Periode war ein schlechter Jude, der sich seiner Abkunft so sehr schämte, daß er sie Eleanor und den Ihrigen verschwieg. "Statt mich zum Judentum zu bekennen ..., schöpfte ich eine geradezu satanische Befriedigung daraus, mich in die antisemitische
Welt unerkannt einzuschleichen und das Vorurteil durch meine gelungene Maskerade ad absurdum zu führen" - so hat Habe schon seine Heidelberger Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung kommentiert. So kostet er jetzt noch seine "männlichen Triumphe" über die "Antisemitin".
Als die Schlagzeile "Habe heiratet Davies-Millionen" schon in Sicht war, wurde die Békessy-Gegenseite von einst aktiv. Botschafter Davies erhielt ein anonymes Schreiben, einen Anti-Békessy-Brief mit Enthüllungen, zu denen der Schwiegersohn in spe, eilfertig wie immer in solchen Fällen, die nötigen Gegenzertifikate aus dem Entlastungs-Necessaire nestelte. Aber der "Vorwurf" der Judenblütigkeit war nicht aus der Welt zu schaffen. Eleanor ließ ihren Lohengrin vor der entscheidenden Frage bangen, und der "weinte nächtelang in die seidenen Kissen meines einsamen Schlafzimmers: ein jämmerlicher Schwächling, der vor dem Dialog mit dem Gewissen in Tränen flüchtete".
Habe hat später versucht, mit den "upperten" und zugleich mit seiner mißratenen Davies-Ehe samt Eleanors angeblichem Antisemitismus abzurechnen: in seinem Roman "Wohin wir gehören". Das Buch ist, schreibt Habe, "an Ungerechtigkeit und Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten". Seine Rache an den Davies gelingt ihm aber in seiner Autobiographie um Grade genußreicher: "Ich glaube, Eleanor ist mir nur böse, weil unser Sohn jetzt durch das Buch erfahren wird, daß sein Vater Jude ist. Das wird sie ihm wohl bis heute noch verschwiegen haben." (Taufpatin des Jungen war die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt.)
Vater Békessy verzieh dem Hans das Scheitern dieser Ehe nie. An der gesellschaftlichen Erhöhung des Sohnes nahm er noch tätigeren Anteil als an dessen Liebschaften ("Von meiner frühesten Jugend an hatte er sich mit meinen männlichen Triumphen identifiziert").
"Um es ihnen zu zeigen": das war auch Imre Békessys Motiv, das den endgültig Gescheiterten am Leben hielt. Für den Sohn bedeutete dieses traumatisch bedingte
Engagement eine lebenslange Hypothek. Dieser überdimensionierte Vater-Komplex aber hat Habes Verhältnis zu seinem Erzeuger wiederum in eine gigantische Haß-Liebe umgebildet, für die der sich selbst beschreibende Sohn Imre Békessys Beweise nicht schuldig bleibt. ("Ich war auf seinen höchst zweifelhaften Ruf eifersüchtig.") Höhepunkt ist jene familiäre Hotelzimmer-Szene, da der Jüngere dem Alternden, dessen Schatten lähmend über ihm liegt, seine ganze Verachtung ins Gesicht schreit, wofür sich der Vater mit einem gegen "Jancsi" geschleuderten Briefbeschwerer revanchiert.
Es bleibt nicht der letzte Anschlag, der Vater verfolgt sein Ebenbild noch über das Grab hinaus. 1951 erhält Habe kurz nach der Nachricht vom nunmehr vollendeten Selbstmord seiner aus Amerika nach Ungarn remigrierten Eltern den Abschiedsbrief seines Vaters: eine einzige ungeheuerliche Anklage gegen den Sohn. Den Brief hatte Imre Békessy vorsichtshalber vielmals kopiert und auf verschiedenen Wegen verschickt. Diesmal traf das Geschoß.
Es gab den Anstoß ab für die Autobiographie des Sohnes, für die schrankenlose Selbstanklage und ebenso riesenhafte Überheblichkeit eines anscheinend Enthemmten, der den arglosen Leser ohne Scheu zu seinem Beichtiger macht. Die Niederschrift dieses Buches ist darum zunächst einmal als Zwangshandlung zu deuten - als der nun auch literarisch geübte Versuch Habes, über den ihm nachlaufenden Schatten des Vaters zu springen.
Diese Verzweiflungstat deckt die Sünden von Vater Békessy und Sohn Habe öffentlich auf und frisiert sie zugleich derart um, daß am Ende nur zwei "Vollmenschen in ihrem Widerspruch" übrigbleiben: "Nicht häßlicher als man selbst, nur nackter", wie die Zuhörer einer Habe-Diskussion in München vom Autor erfuhren.
Widersprüche finden sich allerdings zahllos in dieser Lebensbeichte. Da ist der Vater, der die Wiener Gesellschaft verleumdet und begeifert, weil sie den Inflationsgewinnler aus Ungarn nicht aufnehmen will. Da ist der Sohn, der unter
Vorspiegelung falscher Tatsachen in die high society Amerikas einheiratet.
Da ist der Vater, zu feige, seinen Ruf und sein "Königreich" in Wien zu verteidigen. Da ist der Sohn, der "Mann mit einer nicht ruhmlosen kriegerischen Vergangenheit", der sich für den Frankreich-Feldzug eine Extra-Uniform anmessen läßt, der es aber in diesen sechs Wochen seiner kurzen Heldenlaufbahn nie bis zu einer funktionierenden Flinte gebracht hat.
Da sind endlich Vater und Sohn, beide - wie Habe schreibt - "Kinder der Inflation"; der Sohn auf der Flucht vor dem Erpresser-Namen des Vaters, der Vater auf der Jagd nach der gesellschaftlichen Emanzipation des Sohnes, beide einander verstehend wie Castor und Pollux, beide einig in dem Ziel, die "engstirnige", die "heuchlerische" Gesellschaft zu düpieren, wenn sie sich schon nicht erobern lasse.
So viel wechselseitige Anziehung weckt abstoßenden Widerwillen auf beiden Seiten. Er ist auf der Seite des Nachgeborenen
naturgemäß vitaler. Diesem im Wesen oberflächlichen Narziß ("Ich hatte eminenten Erfolg bei Frauen" - "Meine spielend erworbene Bildung") hatte das Schicksal einen Alpdruck beschert, der einen minder leichtfüßigen Burschen umgebracht hätte.
Sich mit dem Vater auseinanderzusetzen, wird ihm darum Bedürfnis. Dabei ist es sein Leben lang geblieben, nur der Schauplatz wurde nun vom Hotelzimmer mit bereitliegendem Briefbeschwerer in die Öffentlichkeit verlegt. Das ergänzt ein Charakterbild: Diese Abrechnung mit dem Altvordern wurde bald nach dessen Tode ins Werk gesetzt - als ein posthumes "Unternehmen Vatermord".
Wechselseitige Haß-Liebe ist allerdings nur ein Motiv. "Seit meiner frühesten Jugend konnte ich der Versuchung nie widerstehen, den Romanhelden zu spielen", berichtet Habe, und er hat in seinen elf voraufgegangenen Büchern diesem Hang weidlich gefrönt, immer heißt der Held des Buches in Wahrheit Habe. Aber es
waren bisher stets nur Teilstücke, die dort verarbeitet wurden.
Dann schließlich hatte er die selbstmörderische Idee, sein Leben zum Bestseller zu verkochen. Neben dem (hoffnungslosen) Verlangen, sich vom Vater zu distanzieren, steht Habes "pathologische Sucht nach Berühmtheit", mit der er sich selbst schmeichelt: "Die Fähigkeit, nicht ''Knopf auf dem Kirchturm'' zu sein, ist mir immer abgegangen."
Wo solch abnormer Dekorationsdrang seine Wurzel hat, ist auch Habe selbst nicht unklar, der von den "eisigen Wellen meines Minderwertigkeitsgefühls" spricht, der sich "eine Sendung einredete, um eine Rechtfertigung zu finden für die Mängel meines Charakters". Als ein sich selbst Beifall klatschender Mime ("Ein ausgepfiffener Schauspieler, der immer wieder auf die Bühne zurückkehrt") hält er ständig das Bühnenbild für das Stück.
Es ist zumeist die Rolle des großen Liebhabers, in der er sich gefällt. Der
Mann, der ernst genommen werden will, wenn er sich rühmt, "fünf Frauen in fünf Ländern" geheiratet zu haben, hat - darüber läßt das Buch, läßt Habe ("schamlos in meinem Privatleben") keinen Zweifel - nie eine Gelegenheit ausgelassen, seinen Minderwertigkeitskomplex erotisch zu kompensieren: "Ich habe so vielen Frauen die Ehe versprochen, weil es mir zu zeitraubend war, ihnen die Sinnlosigkeit eines solchen Schrittes klarzumachen."
Der autobiographische Sexualprotz hält seine ersten frühen Verführungen durch Stubenmädel feil, kompromittiert Lebende wie Tote und leistet sich Erkenntnisse etwa dieser Art: "Unglückliche Frauen fallen ja wie Früchte vom Baum" oder "Ich habe von keiner Frau erwartet, daß sie mich in die Höhe trage, aber sobald mich eine Frau in die Tiefe zog, war ich sie wie Ballast über Bord, unbekümmert darum, daß dieser Ballast menschlich war ..."
Für all das gibt es bei Habe natürlich entschuldigende Erklärung: "Ich war der Liebe, jener Liebe, die man echt nennt, nicht unfähig; ich fand für sie nur keinen Raum" - immer sind die anderen schuld, und wenn es die Umstände sind.
Bei all dem hält sich Habe, der - nach einer Ach-und-Krach-Scheidung von Ali Ghito - seit sieben Jahren mit der Hollywood-Schauspielerin Eloise Hardt verheiratet ist, für den "geborenen Ehemann" ("Was man vielleicht nicht vermuten würde", so findet er selbst), "dessen Bedürfnis nach Gesellschaft in einer Nußschale Platz hätte". So der Salonlöwe, der sich rühmt, 200 Seidenhemden im Schrank zu haben ("das Resultat einer in der Tat idiotischen Leidenschaft").
Kitschig bis ins Herz hinein: auch die religiöse Note ist in den fehlfarbigen Teppich dieses Lebens eingewebt. "Durch alle meine Bücher zieht sich derselbe religiöse Gedanke, aber das weiß niemand, weil sie immer nur von mir hören und noch nie etwas von mir gelesen haben." Und: "Ich bete deutsch."
Es gehört zu den märchenhaften Ungereimtheiten dieses mimisch gewandten Memoiren-Schreibers, daß er, wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, den Rosenkranz aus der Hosentasche holt, wo er samt einem kleinen Chiffontuch aufbewahrt wird. Es ist jener Rosenkranz, der in seiner Autobiographie dort eine Rolle spielt, wo von der Inhaberin eines öffentlichen Hauses in Nancy die Rede ist, die dem entwichenen Kriegsgefangenen unter Mitgabe dieses Souvenirs zur Flucht verhilft. "Vielleicht trennt mich auch dies von den Dichtern", sagt Habe, "daß mir die Schamlosigkeit abgeht, das Innigste auszusprechen."
Bei dem Gedanken an diese einigermaßen groteske Situation aber kommen immerhin auch Habe einige Bedenken über den Zusammenhang mit dem Religiösen. Indes, so meint er selbstgefällig: "Ich glaube wohl, daß dies alles bei mir schwerer zu verstehen ist, weil mein Leben nicht gerade als heilig angesehen werden kann. Aber woran liegt das? Meine Verfehlungen sind nur publiker als die anderer Leute, sie sind pikanter, pointierter, öffentlicher - aber ob ich mehr gegen
andere gesündigt habe als andere, das ist noch die Frage."
Spätestens an dieser Stelle müssen den unfreiwillig zum Beichtvater gewordenen Leser Zweifel beschleichen ob der Aufrichtigkeit seines Beichtkinds, das sich in Selbstbezichtigungen ergeht, dabei aber - immer wieder mit dem Finger auf die anderen als die noch größeren Sünder zeigend - offenbar der Reue ermangelt.
Der Wiener "Bild-Telegraf" ist zum Beispiel der Ansicht, Habes Lebensbeichte sei "nur eine transponierte Wiederholung der Sünde. Lernen, viel lernen hätte der Autor von dem berühmten, katholisch gewordenen Regimentsarzt sollen, was eine Beichte ist. Auf die Frage des Beichtvaters: ''Wie oft?'' hat dieser unsterbliche k. u. k.-Typus geantwortet: ''Hochwürden, ich bin nix gekommen, mich zu berühmen, ich bin gekommen, mir zu beknirschen!"
"Da fehlt''s. Hans Habes selbsterteiltem Gestellungsbefehl ''Ich stelle mich'' fehlt die wahre Beknirschung. Sie ist nur ersetzt durch eine Art existentialistisch-konstatierender Heulseligkeit, daß man nun einmal so ist, wie man ist, und durchsetzt von Rechtfertigungen ..."
Solche Anzüglichkeiten waren die Antwort auf einen im "Bild-Telegraf" ebenfalls abgedruckten Brief Habes, in dem sich der Autor dagegen zu verwahren sucht, daß der "Bild-Telegraf" "hokuspokus, aus einer Beichte ein Plakat machte ..."
Da wird nun Habe, sonst Verfechter ungebrochenen Humors, ernsthaft böse, und es ist nicht uninteressant, wie er in seinem Briefe an Bild-Telegraf-Direktor Hans Behrmann reagiert:
"Sind Sie, armer jüdischer Narr, wirklich von Gott und allen guten Geistern verlassen? Wie können Sie, der Jude Behrmann, diesen antisemitischen Angriff
zulassen; wie können Sie es verantworten, daß in Ihrem Blatt ''gejüdelt'' wird; wie können Sie das Feuer des Antisemitismus schüren, indem Sie diese armselige Parodie auf das verschriene ''Galizianisch" bringen? Glauben Sie wirklich, daß Sie als jüdischer Streicher Karriere machen können? ...''
"Wissen Sie denn nicht, geschlagener, verblendeter Jude, wie allein Sie sein werden, wenn die Geister noch einmal triumphieren sollten, die Sie solcherart heraufzubeschwören geholfen haben? Ich könnte Sie jetzt fix und fertig machen in der Weltpresse, Behrmann, Streicher der Juden, aber ich tue es nicht, denn welch ein erschreckliches Schauspiel müßte ich bieten, wenn ich Sie darstellte wie Sie sind. Sie haben sich mit Ihrer Veröffentlichung ausgeschlossen aus der Reihe der anständigen Christen und Juden*) - ich bin Ihnen nicht böse, Sie haben mich nur tieftraurig gestimmt. Möge Ihnen der Herrgott verzeihen, Jude Behrmann!"
Das sagt nun der Mann, der sonst die Menschheit - entschlossener noch als Wedekind - einteilen will in die Hopphopps und die Etepetetes, und der sich selbst zu jenen heiteren, vielleicht etwas zu sorglosen Hopp-hopps rechnet, die Spaß vertragen und auch harte Kritik mit einem Lächeln zu nehmen gewohnt sind.
Dem deutschen Beichtpublikum müssen sich hier Fragen hinsichtlich des politischen Mentors Habe aufdrängen, des "Morgenthau-boys", der er nicht war, und des "Umerziehers", zu dem es nicht gelangt hat. Habe liebt den Gedanken, er hätte ein zweiter Ossietzky werden können, wenn er nicht in ein so skandälchenreiches Leben verstrickt wäre. Aber wo bei Ossietzky Überzeugungen standen, flattern bei Habe nur die auswechselbaren Eitelkeiten des "Je nachdem". Als die Amerikaner ihm Geld für das "Echo der Woche" gaben, pries er die Europa-Armee; heute schreibt er von dem "Wahnsinn der deutschen Remilitarisierung". Wer Nazi ist, bestimmt Habe. "Wer mich für einen Feind Deutschlands hält, ist einer."
"Mein politisches Weltbild ist eine Illustration zu meinem Wesen", sagt Habe. "Ich bin ein unpolitischer Mensch." Aber: "Von meinem einsamen Schreibtisch trieb es mich immer wieder auf das blutige Schlachtfeld der Macht." Reserve hat nun Ruh. Als Stein des politischen Anstoßes hat Habe sich selbst aus dem Wege geräumt.
Für die ungezählten Variationen des "Je nachdem" kommt dem literarischen Arrangeur Habe eben jene "hurenhafte Hingabe der Form" zustatten, die er sich in seinem Buch ausdrücklich bescheinigt (siehe Kasten "Eva Brauns Tagebücher").
In einem anderen Blickwinkel seines "Je nachdem" bringt Autor Habe auch seine Gewissens-Bandbreite unter, von der er - nicht gesonnen, seine Autobiographie
als äußerste Grenze eigener Indiskretion bestehen zu lassen - den Teilnehmern an einer Diskussion über sein Buch in München einen ausführlichen Begriff gab, als er den offenbar unglaublichen Charmeur Habe hinter der Figur des Rhett Butler aus "Vom Winde verweht" mit lächelnder Selbstgefälligkeit versteckte:
"Wenn unsere Frauen von dem verwegenen Rhett Butler lesen, so können wir ihnen immerhin beschwichtigend einreden, daß es den Schmuggler-Helden nur in der Phantasie der Autorin gegeben hat: anders wäre es, wenn Gefahr bestünde, daß er eines Tages in unseren Salon marschierte." Wieder entpuppt sich Habe als der Mann, der so gern Casanova sein möchte und der doch immer nur Hänschen war.
Gleich daneben ist er, der sich gern mit dem Rousseau der "Confessions" vergleicht ("Wer sonst hat denn, seit Rousseau, all das zugegeben, was man gar nicht zuzugeben braucht?"), aber in der Nachbarschaft von Claudel anzutreffen, von Bernanos oder François Mauriac, die, wie Habe das in seinem Buch getan haben will, "immer wieder öffentlich Beichten abgelegt haben".
Allerdings, Habe weiß auch, daß es noch die gibt, "welche eine erotische oder auch nur kommerzielle Freude empfinden an der Schaustellung, die ''Father Divines der Autobiographie'' - ich bestreite ihre Existenz nicht, ich glaube nur, daß sie sich in Stil und Gestaltung so schnell verraten, daß sie der ernstlichen Erwähnung kaum würdig sind. Nicht Taktlosigkeit und Indiskretion sind ihre unverkennbaren Merkmale, sondern die Plattitüde ihrer Worte, die Oberflächlichkeit ihrer Untersuchung und - vor allem - die Tiefe ihrer Unaufrichtigkeit."
Unaufrichtigkeit war der Punkt, über den die öffentliche Münchener Diskussion über Habes Selbstbekenntnisse zu einer harten Kontroverse ausartete, als nämlich Erich Kuby von der Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" aufstand und sagte: "Der Hans Habe, der in dieser Autobiographie beschrieben wird, ist gar nicht der Habe, den es gibt. Es ist ein Habe, von dem Herr Habe möchte, daß er so ist."
Es entspricht Habes Natur, die an vielen Beispielen seiner schriftlichen und mündlichen Äußerungen abzulesen ist, daß er in seiner Antwort auf diesen Angriff auf ein anderes Gebiet auswich. Wie er sich in der Erwiderung an Behrmann plötzlich zur allgemeinen Überraschung in die Gemeinschaft der Juden rettete, die er hundertmal verraten hat, so flüchtet er nun, um dem Kritiker Kuby zu antworten, zur Gruppe der blutvollen Schreiber ("Nur die Hitlersche Betonung ''Blut und Boden'' hat mich davon abgehalten, ein ''Heimatdichter'' zu werden") und zieht gegen die Kritiker, die Literaten, die "Geheimbündler der Literatur" zu Felde. Er sieht dann auf seiner Seite das "Herz" und die kalte, ausgeklügelte "Wissenheit" auf der Seite seiner Gegner.
Erich Kuby antwortete ihm: "Zu einer Konfession, wie sie von Habe versucht worden ist, bedarf es in der Tat einer Rechtfertigung. Einer Qual oder einer Freude, die größer ist als man selbst, so daß man nicht mit ihr fertig wird.
"Nichts in Habes Buch ist größer als er selbst. Nicht eine Zeile, nicht ein Wort ist ohne das Bewußtsein geschrieben: Jetzt schreibe ich über mich. Es ist ein Arrangement von Tatsachen, so bis ins letzte ausgeklügelt, daß sogar landläufige Aufrichtigkeit kaum erreicht wird."
Habe mag aller Anfeindung ungeachtet das von Verleger Desch listig in Gang gehaltene Streitgespräch um sein Buch nur willkommen sein. Denn ohne Scheu beichtet er in seinem Buch "die Begierde nach Öffentlichkeit; die perverse Lust, Gegenstand
von Gesprächen und Kontroversen zu sein; den herostratischen Trieb, genannt zu werden, und sei es auch als Brandstifter".
Hier liegt das Grundmotiv: Der "mirakulöse" Karrieremacher hat sich in eine ausweglose Lage manövriert, wo nichts mehr zieht und keiner diese Charge mehr engagieren will - es sei denn als Zeilenschreiber für die "Los Angeles Daily News" oder als Tatsachenberichter für deutsche Illustrierte etwa über "Marilyn Monroe", "Die glücklichsten Ehen der Welt" oder die "Landkarte der Liebe".
Dem steht auch nicht die Tatsache neuer Buch-Aufträge für Habe wie Deschs "Off limits" entgegen. Habe - "ein zweifelhafter Romancier schon deshalb, weil ich meine Romane immer erleben zu müssen glaubte" - hat mit seinem Lebensroman das Grundkapital seiner schriftstellerischen Existenz verspielt. Er hat als ein
zweiter Herostrat um der Eitelkeit willen Hand an sich selbst gelegt.
In solcher Situation ist Zynismus die gemäße Haltung: "Dieses Buch schlägt Kapital aus meiner Schwäche, besser gelebt, als geschrieben zu haben." Also will Habe künftig besser schreiben und weniger gut leben? Keineswegs. Vielmehr: "Eh wie je gilt mein Salut dem Leben. Der Literatur nur ein Kopfnicken."
Läuterung hat die Märchen-Beichte seines Lebens nicht gebracht, er weiß es, in einem Anfall seltener Aufrichtigkeit, selbst. "Ich bin nicht besser geworden, sondern bloß müder, obschon ich mich manchmal frage, ob beides nicht identisch ist."
Habe hat seine "Leistungen und Erfolge, wann immer sie auftraten, stets plakatiert". Im Falle seiner Autobiographie versprach das Plakat die "Geburt eines Charakters". Es wurde eine Fehlgeburt.
<0Kasten0> EVA BRAUNS TAGEBÜCHER - FUND ODER FÄLSCHUNG?
Hans Habe am 11. September 1954 in "Wiener Samstag"
Vielleicht wird es nicht uninteressant sein, wenn ich hier kurz erzähle, wie und warum ich mit den "Tagebüchern" der Eva Braun in Verbindung gebracht wurde.
Es war, glaube ich, 1946 - kurz nach meiner Rückkehr aus Deutschland - , als mich in New York der damalige Vizepräsident des Verlagshauses Farrar & Rinehart anrief und mich um meine Meinung über die ihm zur Veröffentlichung vorgelegten "Tagebücher" bat. Dieser Verleger, Mister Chester Kerr, ist ein alter Freund von mir, und da ich in Amerika als Experte für deutsche Fragen galt, war es naheliegend, daß er meine Ansicht über das Manuskript einholen wollte.
Ich stellte Mr. Kerr - übrigens gratis - ein schriftliches Gutachten zur Verfügung, in dem ich ihm dringend von einer Publikation dieses Eva Braunschen "Tagebuches" abriet. Mir waren zufällig in den letzten Tagen des Krieges in Bad Godesberg einige Briefe Eva Brauns in die Hände gefallen, die ich als amerikanischer Offizier selbstverständlich der US-Abwehr übergab. Der Vergleich dieser authentischen Briefe mit dem maschinegeschriebenen Manuskript bestärkte mich in der Annahme, daß es sich um eine Fälschung handle ...
Für mich war die Sache nur insofern interessant, als sie sich für einen hübschen Artikel eignete. Ich schrieb ihn für die Zürcher "Weltwoche", in der er auch erschien*). In diesem Aufsatz entlarvte ich die "Tagebücher" als eine geschickte Konstruktion, wenn ich auch betonte, daß Trenker die Geliebte des "Führers" offenbar gut gekannt habe.
Mit anderen Worten: "Verkehrt ist auch gefahren." Meine einzige Beziehung zu Herrn Trenker und seinen "Tagebüchern" besteht darin, daß ich zweimal - in meiner Expertise an den amerikanischen Verlag und in meinem Artikel in der "Weltwoche" - versuchte, seiner Fälschung in die Suppe zu spucken. Auch hier bewegten mich übrigens keine persönlichen Motive, obwohl mir Alpinisten im allgemeinen verdächtig sind, und solche, die mit Eva Braun herumklettern, noch mehr. Ich hielt es bloß für meine Pflicht, den Schwindel aufzudecken.
Hans Habe am 13. Febr. 1948 in "Die Weltwoche", Zürich
Es galt vor allem, die Authentizität des Dokuments zu überprüfen. Ich hatte nun eine gewisse Erfahrung mit dem Stil Frau Hitlers. Als die amerikanischen Truppen Godesberg nahmen, hatte ich mich im Hotel Dreesen einer Anzahl von Briefen versichert, die Eva Braun an Frau Dreesen und an ihre dort lebende Schwester, die Gattin des SS-Generals Fegelein, gerichtet hatte. Der halbgebildete, kleinbürgerlich geschraubte und verschrobene Stil der Briefe entsprach durchaus der Schreibart des Tagebuches. Dazu kam noch ein bedeutendes Indiz. Nur ein intim eingeweihter Kenner Hitlers konnte um eine wenig publizierte Eigenschaft des "Führers" wissen, nämlich um seinen "petit bourgeois"-Geiz. So bedankt sich Eva Braun in einem überschwenglichen, süßen Brief an Frau Dreesen für die Übersendung von etwas Schokolade und ein Paar Schuhen - "ich kann", schrieb die Montespan am Hofe von Berchtesgaden, "als Gegenleistung mit einem Rasierpinsel aufwarten". Aus dem Tagebuch sprach die gleiche Knauserei Hitlers, die freilich mit seinem Minderwertigkeitsgefühl zusammenhängen mag, nicht um des Geldes willen geliebt zu werden. Eva Braun beklagt sich, daß sie "nichts anzuziehen" habe, daß sich "Adi nie um meine Kleidung kümmere", ja, daß er die Aufmerksamkeit von Blumensendungen vermissen lasse - "obwohl er der Riefenstahl immer welche schickt". Dieses Detail, unbedeutend an sich, schien mir eine Bestätigung der Echtheit des Dokuments.
Auch politische Gründe sprachen für eine Publikation. Obschon mit der Literatur über Hitler und seinen "Gang" Bibliotheken gefüllt werden können, zeigt keine Geschichte des Dritten Reiches, ja, kein Protokoll der Nürnberger Prozesse, so deutlich wie dieses Tagebuch, von welcher Art Menschen das deutsche Volk genarrt wurde, die Welt beinahe beherrscht worden war ...
Die Zeit wird bald kommen, da Auszüge aus dem "Tagebuch" veröffentlicht werden können. Hitler hat nie eine Rede gehalten, ohne in dem sich überschlagenden Tenor von den "Jahren der tiefsten Erniedrigung" zu sprechen, die Deutschland durchlebte, ehe er erschien. Wer auch nur eine Seite der Aufzeichnungen seiner späteren Frau liest, der weiß, wann Deutschlands "tiefste Erniedrigung" begann und wann sie endete.
*) Hans Habe: "Ich stelle mich"; Verlag Kurt Desch, München, 1954; 544 Seiten; 16,80 Mark.
**) Hans Habe schrieb bisher: "Drei über die Grenze" (1937), "Eine Zeit bricht zusammen" (1937), "Tödlicher Friede" (1937), "Zu spät" (1939), "Ob Tausend fallen" (1941), "Die Fackel der Freiheit" (1941), "Kathrine" (1943), "Wohin wir gehören" (1947), "Weg ins Dunkel" (1948), "Schwarze Erde" (1952), "Our Love Affair with Germany" (1953).
*) 43 Jahre.
*) Kommentar im Wiener "Bild-Telegraf: "Der Knabe Hans, so fürchterlich er wurde, war ja in seiner Jugend blond, blauäugig und schlank, sozusagen ein Siegfriedl, wie uns im Buch erzählt wird."
**) In einer Zuschrift an den Wiener "Bild-Telegraf" verwahrt sich Habe gegen den Eindruck, "als pflückte ich nicht nur Blumen vom Grab meines Vaters, sondern als verkaufte ich sie auch noch am Friedhofseingang".
*) Mit solchen Ausschlüssen ist Habe leicht bei der Hand. Dem Dichter Hermann Hesse, der sich 1945 bei ihm wegen unberechtigten Nachdrucks und Verstümmelung eines Gedichts beschwerte, antwortete er: "Wenn Sie, geehrter Herr Hesse, glauben, an unsere Blätter Honoraransprüche zu haben, so werden wir sie gerne begleichen. An eine Berechtigung Hermann Hesses, noch jemals in Deutschland zu sprechen, glauben wir jedoch nicht." Und vorher: "Der Schutz des Autors ist eine große Sache; aber eine größere ist, beizutragen zu dem Werk, das die amerikanische Armee in Deutschland vollbracht hat und nun, einen dritten Weltkrieg zu verhindern, vollbringt."
*) Siehe nebenstehenden Auszug

DER SPIEGEL 44/1954
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