10.11.1954

AUSLANDSKAPITALAuktion an der Ruhr

Mitten im Trubel des Aufbruchs zu den Pariser und Washingtoner Besprechungen hat Bundeskanzler Adenauer dem schwedischen Großindustriellen Axel Leonard Wenner-Gren in Bonn die Hand drücken müssen.
Während dem Kanzler in Paris sehr deutlich nahegelegt wurde, der rückständigen französischen Wirtschaft durch westdeutsche Kapitaltransfusion auf die Beine zu helfen, ventilierte der schwedische Mammut-Industrielle weitere Pläne, wie er seine überschüssigen Millionen
nutzbringend in der westdeutschen Bundesrepublik anlegen könne.
Nach dem Besuch bei Adenauer und Bundeswirtschaftsminister Erhard besichtigte der 73jährige Multi-Millionär noch einmal das Gußstahlwerk Bochumer Verein AG. in Bochum, dessen Aktienmehrheit er seit einigen Wochen besitzt. Anschließend reiste er nach Lugano, nachdem er vorher noch Alfried Krupp in Essen einen Besuch abgestattet hatte.
Der so agile Herrscher über mehrere Konzerne und Trusts und Finanzier der Einschienen-("Alweg"-) Bahn wollte in Bochum nur kurz einmal sehen, wie der Auftrag läuft, den er dem Gußstahlwerk vor kurzem besorgt hat: Die Regierung von Venezuela braucht für die 200 Kilometer lange Strecke von Puerto Cabello nach Barquisimeto für 25 Millionen Mark Eisenbahnschienen. Das Gußstahlwerk Bochumer Verein AG. wird sie liefern.
Die im Fluß befindliche Überfremdung der Ruhrindustrie bringt also auch Vorteile. Ein peinlicher Beigeschmack der Transaktionen an Rhein und Ruhr liegt aber darin, daß es sich um Zwangsverkäufe handelt. Die Altkonzerne an Rhein und Ruhr sind nicht nur zwangsweise entflochten worden. Die Alliierten bestanden auch darauf, daß ein Großaktionär nicht zugleich an mehreren der entflochtenen Werke beteiligt sein darf. Diese alliierte Auflage hatte jene Massenverkäufe von Aktienpaketen zur Folge, die spätestens 1958 abgeschlossen sein müssen. (So mußte Rheinstahl seinen 42prozentigen Anteil am Bochumer Verein, Aktien für 29 Millionen Mark, abstoßen. Es fand sich Axel Wenner-Gren.)
Zwei andere Stahlgroßerzeuger an Rhein und Ruhr, die Duisburger Klöckners (Nordwestdeutscher Hütten- und Bergwerksverein AG, Duisburg) und die Dortmunder Hüttenunion, haben ebenfalls starke Auslandsbeteiligungen.
An beiden Unternehmen partizipieren die Holländer mit dicken Aktienpaketen. Aber es gibt Nuancen.
Der alte Konzerngründer Peter Klöckner hatte in den dreißiger Jahren in Den Haag ein Büro eröffnet, die "NV Handelsmaatschappij ''Montan''" und ihr acht Millionen holländische Gulden übertragen. 1945 wurde die Handelsmaatschappij "Montan" als Feindvermögen beschlagnahmt, dann vom holländischen Staat kassiert, und so reden nun die Holländer heute in Duisburg mit. Sie sagen allerdings wenig.
Etwas anders liegt die holländische Beteiligung bei der Dortmund-Hoerder Hüttenunion. An der Hausmacht des Hugo Stinnes, der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG, waren von alten Zeiten her die Holländer beteiligt, genau: die Koninklijke Nederlandsche Hoogovens en Staalfabrieken NV in Ymuiden*). Nach der deutschen Besetzung Hollands wurden die Koninklijke Hoogovens von den Deutschen beschlagnahmt.
1945 wendete sich das Blatt. Heute dominieren die Koninklijke Hoogovens in Dortmund. Beim größten Rohstahlerzeuger Westdeutschlands, der Dortmund-Hoerder Hüttenunion, haben sich die Holländer die Aktienmehrheit gesichert. Damit sind sie die Erben von Hugo Stinnes geworden, der 1910 die Dortmunder Union in seine Deutsch-Lux einverleibte.
Da der Bochumer Verein, Klöckners Erben und die Dortmunder Union etwa 4,3 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugen, sind also rund 25 Prozent der westdeutschen Stahlerzeugung in fremder Hand. Bei der bundesdeutschen Steinkohlenförderung ist der Auslandsanteil nicht geringer. Auch hier liegen, vor allem bei Flick und Krupp, alliierte Verkaufsauflagen vor.
So mußte Friedrich Flick seinen 60prozentigen Anteil an der Harpener Bergbau-Aktien-Gesellschaft in Dortmund an die Franzosen veräußern. Die Bundesbahn wäre der gegebene Käufer gewesen, um eine eigene Kohlengrundlage zu bekommen. Aber die Bundesbahn hatte genau so wenig flüssiges Kapital wie private Wirtschafts-Gruppen in Deutschland.
Bei der Überfremdung der westdeutschen Steinkohle ist zu unterscheiden zwischen Uraltbesitz (vor 1914), Altbesitz (vor 1939) und Neubesitz (nach 1945). Zum Uraltbesitz gehören:
* Friedrich Heinrich AG, Kamp-Lintfort (Kreis Moers), 98 Prozent französisch (de Wendel-Gruppe),
* Heinrich Robert AG, Herringen bei Hamm, hundertprozentig französisch (de Wendel-Gruppe),
* Eschweiler Bergwerks-Verein, Kohlscheid (Kreis Aachen), 96 Prozent luxemburgisch-französisch (ARBED = Aciéries Réunies de Burbach Eich-Dudelange über de Wendel und Schneider-Creusot),
* Gewerkschaft Sophia-Jacoba, Hückelhoven, hundertprozentig holländisch (Nederlandsche Mij tot Ontginning van Steenkolenvelden, Arnheim),
* Gewerkschaft Carolus Magnus, Palenberg, hundertprozentig französisch (Marine et Homécourt),
* Bergwerksgesellschaft Dahlbusch, Gelsenkirchen-Rotthausen, 58 Prozent belgisch (Solvay & Cie., Brüssel).
Altbesitz sind:
* Steinkohlenbergwerke Mathias Stinnes AG, Essen-West, hundertprozentig amerikanisch (Hugo Stinnes Industries Incorporation, New York),
* Mülheimer Bergwerks-Verein AG, Essen-West, hundertprozentig amerikanisch (Hugo Stinnes Industries Incorporation, New York),
* Diergardt-Mevissen Bergbau-AG., Rheinhausen-Hochemmerich, hundertprozentig amerikanisch (Hugo Stinnes Industries Incorporation, New York).
Veräußert werden mußten nach 1945:
* Harpener Bergbau-Aktien-Gesellschaft, Dortmund, 60 Prozent französisch (Sidéchar),
* Klöckner-Bergbau Victor-Ickern AG., Castrop-Rauxel, 52 Prozent holländisch (NV "Montan").
Diese überfremdeten Zechen fördern rund 25 Prozent der westdeutschen Steinkohle. Da auch Krupp verkaufen muß, steht der Übergang von 51 Prozent der Aktien der Bergwerksgesellschaft "Constantin der Große" an eine Schweizer Gruppe noch bevor. Trotz offiziellen Dementis hält sich das Gerücht, das jüngste Zusammentreffen Wenner-Grens mit Alfried Krupp habe Besprechungen darüber gegolten, daß der schwedische Großindustrielle die Aktienmehrheit von "Constantin der Große" erwerben wolle. Auch bei der endgültigen Neuordnung des Thyssen-Besitzes sind Auslandsbeteiligungen zu erwarten.
Die Industriegewerkschaft Bergbau glaubt, "die hintergründigen Zusammenhänge der internationalen Hochfinanz" zu kennen und benutzt die gegenwärtige Kapitalbewegung, um erneut für Sozialisierung des gesamten Bergbaus im Bundesgebiet, "um die Abwanderung weiterer Aktienpakete an das Ausland zu verhindern".
[Grafiktext]
AUSLANDSANTEIL
AN DER RUHRINDUSTRIE
In Prozent
der Produktion
des Ruhrgebiers
STAHL 30
IN
DEUTSCHEM
BESITZ 70
SCHWEDISCH 6
HOLLÄNDISCH 24
KOHLE 20,5
IN
DEUTSCHEM
BESITZ 79,5
FRANZÖSISCH
U. LUXEMBURG 11,8
US-AMERIKANISCH 3,8
HOLLÄNDISCH 2,7
SONSTIGE 2,2
[GrafiktextEnde]
*) Ein Staatsbetrieb, der je zur Hälfte den Niederlanden und der Stadt Amsterdam gehört.

DER SPIEGEL 46/1954
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