10.11.1954

HAMBURGER FREMDENBLATT / PRESSEDer fehlende Funke

Des Mottos wegen, mit dem der Hamburger Feuilleton-Redakteur Johannes Jacobi den Hauptartikel der Unterhaltungsseite in Nummer 61 des "Hamburger Fremdenblattes" versah, nannten ihn die Kollegen am nächsten Tag eine Pythia. Das Motto hieß: "Morgen schon ist hier das Schweigen", der Artikel selbst "Die totgeschlagene Zeit".
Am darauffolgenden 31. Oktober, einem Sonntag, erfuhr Jacobi den tiefen Sinn dieses Orakels durch eine Ankündigung auf der ersten Seite eben jenes "Hamburger Fremdenblattes", das ihm eine Botin ins Haus brachte. In schmalem Trauerrand war lakonisch zu lesen, daß das "Hamburger Fremdenblatt" ab 31. Oktober sein Erscheinen einstelle. Daß es sich dabei nicht um einen schlechten Setzerwitz handelte, bestätigte dem Redakteur Jacobi dann das mittags als Eilbrief zugestellte Kündigungsschreiben.
Einem vielbeschäftigten Sportberichterstatter, der morgens nicht zum Zeitunglesen gekommen war, sagte man, als er sich auf einer Sportveranstaltung als Fremdenblatt-Vertreter legitimierte: "Sie kommen wohl vom Mond. Das Fremdenblatt erscheint doch morgen gar nicht mehr."
Dieses sensationelle Finale eines Blattes, das zwei Monate vorher mit der Zielsetzung gegründet worden war, "die 125jährige Tradition des großen Hamburger Weltblattes wieder aufleben zu lassen", fixierte den Schlußpunkt hinter einem gefährlichen verlegerischen Experiment.
Mit geröteten Augen brütet jetzt der Hauptgeschäftsführer der kurzlebigen Hamburger Fremdenblatt-Verlagsgesellschaft mbH., Herbert Stünings, 43, über unbezahlten Rechnungen und bösen Briefen, die er von seinen Gläubigern bekam, nachdem er ihnen am 2. November offiziell mitgeteilt hatte, daß ein gerichtliches Vergleichsverfahren angestrebt werde. Das vervielfältigte Schreiben enthielt den trostreichen Satz: "Wir sind überzeugt, daß die Lage der Gesellschaft nicht hoffnungslos ist."
Sogar Bundesfinanzminister Fritz Schäffer bekam dieses Schreiben. Er gehört zu den Gläubigern, weil Stünings ihm das
Honorar schuldig bleiben muß, das Schäffer für seinen im Fremdenblatt erschienenen Artikel "Der Sinn unserer Finanzpolitik" zu fordern hat.
Im hellen, breiten Gartenhaus an Hamburgs Harvestehuder Weg 47 herrscht wegen des Fremdenblatt-Schicksals gedrückte Stimmung. Dort wohnt die Statthalterin der strapazierten Fremdenblatt-Tradition, Antje Broschek, 44, deren Firma den Zeitungstitel an Stünings verpachtete. Antje Broschek ist dem Weinen nahe, wenn sie erzählt, wie "der gute alte Name" in den verflossenen acht Wochen verwirtschaftet worden ist. Denn an good will hat es in der konservativen Hanseatenstadt gegenüber dem neuen Fremdenblatt nicht gefehlt.
Bereits 1945/46 hatte der Verleger und Druckereibesitzer Kurt Broschek den Plan gefaßt, das Fremdenblatt neu
herauszubringen. Er hatte von seinem Vater das alte Fremdenblatt-Unternehmen geerbt, aber 1936 die Segel als Verleger ("mangels politischer Zuverlässigkeit") streichen müssen*). Doch Kurt Broschek kam mit dem britischen Presse-Controller, McRitchie, nicht klar, der die Druckerei für ein Organ der Militärregierung in Anspruch nahm.
Alle Versuche, das Hamburger Fremdenblatt im alten liberalen Stil herauszubringen, scheiterten. Als Verleger Broschek dann am 3. Juli 1946 plötzlich starb, lähmten Familienstreitigkeiten und besitzrechtliche Auseinandersetzungen auf Jahre hinaus jede Neugründungsinitiative.
Bisweilen machte sich Witwe Antje Broschek im Kreise ihres Verwaltungsrates**) selbst Mut: "Ich muß das Vermächtnis meines Mannes erfüllen." Dem Hamburger Zeitungskrösus Axel Springer waren diese Regungen nicht verborgen geblieben. Er litt offensichtlich an einem Trauma, das noch aus seinen jüngeren Jahren stammte, als ihm, dem Sohn des Verlegers der "Altonaer Nachrichten" - einer Vorstadtzeitung - , das Fremdenblatt als Gipfel der hanseatischen Notabeln erschienen war.
Springer fürchtete ernsthaft schwere Abonnenten- und Anzeigenverluste, wenn die stillgelegte Konkurrenz den alten Zeitungstitel aktivieren würde. Er bot vor genau achtzehn Monaten der Firma Broschek & Co. eine Million Mark in bar für die Überlassung des Titels "Hamburger Fremdenblatt" und die Garantie, gewisse technische Kapazitäten des Broschek-Hauses weiter benutzen zu dürfen.
Antje Broschek, die zusammen mit ihren beiden Kindern 80 Prozent der GmbH-Anteile besitzt, hätte wohl am liebsten das Angebot akzeptiert, aber ihr Justitiar, Dr. Basedow, habe sie umgestimmt, weiß man in Springers Kommando-Zentrale. Die Verhandlungen zerschlugen sich.
Einige Monate darauf ließ sich ein früherer leitender Angestellter des alten
Fremdenblatt-Verlages, Verlagskaufmann Friedrich Schween, bei Antje Broschek melden. Er entwickelte ambitiöse Pläne und führte seinen Bekannten, den Verleger des Wirtschaftsfachblattes "Exportanzeiger", Herbert Stünings, in Antje Broscheks Salon ein. Stünings, der auch noch an einer Plakatwerbefirma beteiligt ist, hatte sich vor 1936 bei Broscheks als Anzeigenakquisiteur betätigt.
"Eines Tages rückten die Herren Stünings und Schween mit einem Plan heraus, der den Herren des Verwaltungsrates fast die Sprache verschlug", so rekapituliert Frau Broschek den Beginn des Verhängnisses. "Sie erklärten, das Hamburger Fremdenblatt neu starten zu wollen. Um Geldgeber sei man nicht verlegen."
In den nächsten Wochen sollte Justitiar Basedow die Finanzfrage testen. Er ließ sich von der Bonhomie des Stünings beeindrucken und bohrte nicht weiter, als Stünings stereotyp versicherte: "Ich darf meine Geldgeber namentlich nicht nennen. Ich bin durch mein Ehrenwort zum Schweigen verpflichtet." Aber Geld sei bestimmt da, viel Geld.
Eilfertig wurde am 10. April ein Vertrag unterzeichnet, nach dem Stünings und Schween als alleinige Gesellschafter der neu zu gründenden "Hamburger Fremdenblatt-Verlagsgesellschaft mbH." (mit einem Stammkapital von 250 000 Mark) sich verpflichteten, ab 1. September 1954 das Fremdenblatt auf eigenes Risiko neu herauszubringen. Ferner wurde paraphiert:
Die Firma Broschek übernimmt gegen entsprechende Lohndruckgebühren den Druck der Zeitung. Sie wird für die leihweise Hergabe des Titels zunächst mit zehn Prozent am Reingewinn beteiligt. Außerdem darf Broschek ab 1. April 1961, wenn die Gründungswehen überwunden sind, einen fünfzigprozentigen Anteil an der neuen Fremdenblatt-Verlagsgesellschaft übernehmen, der nach dem dann gegebenen bilanzmäßigen Buchwert errechnet werden soll.
Im Hause Broschek herrschte am 1. September feierliche Hochstimmung. Antje Broschek fuhr mit den Neugründern Stünings und Schween zum Grab ihres Mannes, um angesichts einer als Denkmal aufgestellten Christus-Statue von Thorwaldsen zu bekunden, daß sie nun - mit diesen beiden Ehrenmännern - Kurt Broscheks sehnlichsten Wunsch endlich erfüllt habe. Eine Stunde später liefen die Rotationsmaschinen an, um 120 000 Fremdenblatt-Exemplare auf den Markt zu schleudern.
Die konservativen Hamburger griffen bereitwillig nach dem wiedererstandenen Traditionsblatt und sahen zunächst großzügig über die teilweise mangelhafte redaktionelle Bearbeitung hinweg. Da sich das Niveau aber nicht merklich hob, setzte nach wenigen Wochen der Rückschlag ein.
Trotzdem blühten an der Alster üppig die Gerüchte über die zunehmende Prosperität der Fremdenblatt-Verlagsgesellschaft. Verlagschef Stünings nährte sie mit Stories. So erzählte er zum Beispiel Anfang Oktober, das neue Fremdenblatt habe so gewaltig eingeschlagen, daß sich internationale Finanzkreise an ihn gewandt hätten mit dem Angebot, ihm zweieinhalb Millionen Mark auf den Tisch zu legen, wenn er dieser Gruppe seinen eigenen Gesellschaftsanteil überlasse.
Den Anzeigenvertretern schwindelte bei solchen Zahlen, denn sie wußten zu gut,
wie unterentwickelt das Insertionsgeschäft war. Täglich hörten sie von den Geschäftsleuten: "Gebt mal erst eure echte Auflage bekannt."
Aber Stünings tröstete seine ehemaligen Berufskollegen mit der Andeutung: "Wir haben Geld genug, um ein Jahr lang mit Verlust durchhalten zu können." Weitere Bedenken wurden von der Hausparole verdrängt: "Unsere Geldgeber sitzen in Düsseldorf oder Köln." Man schwor fast darauf, daß des Bundeskanzlers lieber Freund, Bankier Robert Pferdmenges, Geld in die Verlags-Kassen spritze.
Da ließen einige Finanzagenten über einen beziehungsreichen Mittelsmann bei Pferdmenges nachfragen. Bankier Pferdmenges habe nur überlegen lächelnd geantwortet: "Mich interessiert das Hamburger Fremdenblatt nicht im geringsten", berichtete später der Mittelsmann. Aber von dieser Auskunft erfuhr nur ein winziger Kreis.
Da sich das Anzeigengeschäft überhaupt nicht hob, gab Verlags-Kompagnon Schween die Anweisung, dann eben Anzeigen zu erfinden, um nach außen hin die Optik einer gepflegten Anzeigenplantage zu wahren. "Wir schrieben Anzeigenseiten des alten Fremdenblattes von 1937 ab, manchmal wurden auch ganze Anzeigenspalten aus Springers Hamburger Abendblatt nachgedruckt", gestehen ehemalige Anzeigengehilfen.
Ab 1. Oktober sei eine neue optische Stoßaktion angelaufen. Man habe an diesem Tag tatsächlich 82 863 Exemplare gedruckt, obwohl die Abonnentenzahl kaum mehr als 26 000 betrug und im freien Verkauf nur rund 3000 Exemplare abgesetzt wurden. In einem Leitartikel dieser Ausgabe hieß es dann, "daß heute schon - nach vier Wochen - täglich im Durchschnitt 82 863 Stücke des Hamburger Fremdenblattes ... zu den Lesern gehen." Damit sollte den Wirtschaftskreisen endlich suggeriert werden, daß es sich lohne, bei einem Blatt mit dieser Verbreitung zu inserieren.
Auch der Familienanzeigenteil wurde künstlich aufgeplustert. Die Anzeigenabteilung erfand nach Bedarf Hochzeiten, Geburten
und Sterbefälle. Sie verlobte am 19. September das Phantasiepaar Astrid Schneider, Hamburg, mit Mr. Billy McCormick, Glasgow. Sie ließ aber auch kaltschnäuzig am gleichen Tag den angeblichen Hamburger, "unseren guten Vater Otto Schmitz", im Alter von 73 Jahren in Düsseldorf, Birkenstraße 13, sterben mit dem vorsichtigen Hinweis: "Die Beisetzung hat in aller Stille stattgefunden."
Auch die Stellenanzeigen-Weide sproß wie junger Rasen im Mai. Am 9. Oktober umfaßte der Stellenmarkt sogar zwei Fremdenblatt-Seiten. Das war der Gipfel der Fälschung, denn von diesen Anzeigen waren knapp 25 Prozent echt. Da warf plötzlich eine sensible Frau, die Angestellte Ilse Brand, die Arbeit in der Anzeigenfabrik hin. Sie schrieb am 14. Oktober an die Geschäftsleitung:
"Ich habe bei meiner Tätigkeit ... von Geschäftsvorfällen Kenntnis nehmen müssen, die mit den Auffassungen eines lauteren Geschäftsgebarens im Anzeigenwesen der deutschen Presse nicht zu vereinbaren sind ... Ich muß darüber hinaus befürchten, daß ich wegen meines Wissens um diese Dinge in vielleicht sogar strafrechtliche Verwicklungen hineingezogen werde, was niemand von mir verlangen kann."
Einen Tag später erließ das Hamburger Landgericht, Zivilkammer 15, unter dem Aktenzeichen 15 Q 121/54 eine einstweilige Verfügung, die dem "Hamburger Fremdenblatt" verbot, "Stellenanzeigen zu veröffentlichen, denen keine von echten Auftraggebern bezahlte Aufträge zugrundeliegen".
"Seitdem haben wir keine Stellenanzeigen, sondern nur andere Rubriken, wie Ehewünsche und Bekanntschaftsvermittlung, gefälscht", gestehen die jetzt arbeitslosen Anzeigengehilfen bierehrlich. Nach der ersten gerichtlichen Verfügung, der bald eine zweite wegen des Täuschungsmanövers mit der Auflagenziffer folgte, muckte die Geschäftsleitung der Druckerei Broschek & Co. auf. Die Konkurrenz hatte die Blamage auf Waschzetteln verbreitet. Außerdem hatten die Vertragspartner Stünings und Schween die September-Rechnung für Druck und Papier in Höhe von 292 540 Mark bis Mitte Oktober erst zur Hälfte bezahlt*).
Der Zahlungsverzug machte der nicht sehr liquiden Firma Broschek ernsthafte Schwierigkeiten, so daß Antje Broschek Stünings in ihre Wohnung bestellte und mit charmantem Lächeln bat, wenigstens ihr seine geheimnisvollen Kreditoren bekanntzugeben.
Da Stünings aber wieder Ausflüchte machte, gab Justitiar Basedow am 20. Oktober zu verstehen, daß Stünings von nun ab täglich die Druckrechnung begleichen müsse, sonst werde Broschek nicht mehr weiterdrucken. Das ging allerdings gegen den Druckvertrag, der immerhin 90 Tage Kreditfrist zusicherte.
Aber Stünings war des Treibens müde. Er gab offen zu, nicht zahlen zu können. Seine Versuche, Geld zu beschaffen, liefen zwar noch auf hohen Touren, er wisse aber nicht, ob und wann sie zum Ziele führen würden. Im übrigen könne ja die Firma Broschek & Co. aktiv in die GmbH. einsteigen.
Nun sah Anwalt Dr. Basedow endlich klar: Stünings, der im Privatleben sein Glück im Spiel versucht, hatte auch im Geschäft auf sein Glück spekuliert. Da er kein ausgesprochener Verlagskaufmann war, glaubte er das Blatt mit 450 000 Mark*), die er nach Ansicht von Finanzexperten damals besessen haben mag, über die ersten Hürden zu bringen. Dann würden die aus dem Abonnements- und Insertionsgeschäft zurückfließenden Einnahmen die Zeitung schon tragen. Im negativen Fall aber würden die traditionsbewußten Broscheks wohl mit in den sinkenden Kahn springen und das Wrack reparieren helfen.
Broscheks waren nicht gesonnen, das Vabanque-Spiel mitzumachen, zumal der inzwischen zu Rate gezogene, in Wirtschaftsfragen äußerst versierte Rechtsanwalt Dr. Herbert E. Müller dem Verwaltungsrat vorrechnete, daß die Fremdenblatt-Verlagsgesellschaft täglich 5000 bis 8000 Mark einbüße.
Müller unternahm einen letzten Versuch, Stünings zu beknien: "Können Sie Geld beschaffen?" Darauf Stünings störrisch: "Ja, ohne weiteres, aber der geniale Funke ist jetzt bei mir abgestumpft. Im Verhältnis zu Broschek fehlt die seelische Wärme. Ich bin von Broschek viel zu wenig gefördert worden." Die Druckkosten seien zu hoch.
Nach dieser konfusen Unterredung ging Anwalt Müller selbst auf Geldsuche. Er suchte der Reihe nach auf:
* Das Verlagshaus Ullstein in Westberlin,
* das Bankhaus Lenz & Co. in München,
* die Bosch-Stiftung in Stuttgart,
* die Societätsdruckerei in Frankfurt.
Es wollte sich aber niemand bereit finden, in diesem Stadium der Vorbelastung dem Hamburger Fremdenblatt - auch nicht gegen eine dicke Beteiligung - Geld zur Verfügung zu stellen.
Wieder in Hamburg, entschloß sich Anwalt Müller, nach schwieriger Rücksprache mit Antje Broschek, zum Canossagang zu Axel Springer. Der Hamburger Zeitungsfabrikant**) war nicht in seinem Betonpalast. Er hatte sich mit dem griechischen Tankerkönig Aristoteles Sokrates Onassis in Monte Carlo getroffen und erfuhr nun dort telephonisch im Hotel de Paris, was sich bei der acht Wochen vorher noch so gefürchteten Konkurrenz zugetragen hatte.
Anwalt Müllers erstes Angebot lautete: Springer möge einfach den ganzen Fremdenblatt-Laden übernehmen und weiterdrucken lassen. Acht Wochen vorher hätte Springer wahrscheinlich zugegriffen; jetzt kolportierte Springers persönlicher Verlagsadjutant, Christian Kracht, die Stimme seines Herrn: "Heute ist uns der Titel nichts mehr wert."
Also wurde auf anderer Basis weiterverhandelt. Da Stünings durch seinen Anwalt Dr. Alfred Heynen am 29. Oktober schriftlich erklären ließ, daß die Hamburger Fremdenblatt-Verlagsgesellschaft mbH. von sich aus zum 31. Oktober das Erscheinen des Fremdenblattes einstellen und dem Personal kündigen werde, war Broschek von der Klausel des Druckvertrages frei, bis zu 90 Tagen Kredit geben zu müssen.
Darauf kam es am Sonnabend, dem 30. Oktober, zu jener merkwürdigen Schlußapotheose, von der Fremdenblatt-Chefredakteur Karl Willy Beer sagt, sie sei ihm erst spät am Abend, als er nichtsahnend den Andruck der zweiten Ausgabe abwartete, von Stünings und Schween mit Stottern und Zagen als "das große dramatische Ereignis" angekündigt worden.
Chefredakteur Beer hatte, wie alle Redakteure, fast bis zuletzt die finanzielle Fundierung des Unternehmens niemals bezweifelt. Es schien ihm Sicherheit genug, daß man ihm einen Vertrag gegeben hatte, der zwei Jahre lang unkündbar sein sollte und ihm ein Monatsgehalt von 3000 Mark garantierte.
Die "Dramatik" bestand darin, daß Verlags-Kompagnon Schween ein vorbereitetes Manuskript mit dem Text:
"Das Hamburger Fremdenblatt stellt mit der vorliegenden Ausgabe vom Sonntag, dem 31. Oktober 1954, sein Erscheinen bis auf weiteres ein."
in die Setzerei trug. Die Geschäftsleitung der Firma Broschek & Co. unterwarf diesen Text einer Zensur und strich die Worte " bis auf weiteres" wieder heraus; offenbar, weil in der Einstellungsnachricht des Rechtsanwalts Dr. Heynen auch nichts von einer nur vorläufigen Einstellung gestanden hatte und Broschek wegen der gerade auf dem Höhepunkt angelangten Verhandlungen mit dem Hause Springer endlich klare Tatsachen schaffen wollte*).
Während Stünings zerknirscht über seinen enormen Verlust - er hat seine
450 000 Mark in ein Faß ohne Boden geworfen und muß vermutlich noch mit Gläubigerforderungen in Höhe von rund einer Million Mark rechnen - die Drukkerei verließ, unterzeichneten Springers Bevollmächtigter Kracht und Antje Broscheks Spezialanwalt Dr. Müller einen Interessengemeinschaftsvertrag.
Springer hatte dazu aus weiter Ferne seine Zustimmung gegeben. Daß ihn auch in dieser triumphalen Stunde noch das Trauma verfolgte, es könne vielleicht nach Jahren, wenn wieder Gras über die Affäre Stünings gewachsen sei, doch noch jemand aufstehen und ein echtes, seriöses Fremdenblatt aus der Druckerschwärze heben, beweist ein Passus des Vertrages:
"Das Haus Broschek erklärt, mit Abschluß der Nummer vom 31. Oktober das Hamburger Fremdenblatt nicht mehr herauszubringen." Der alte Titel soll Untertitel einer der Springerschen Abonnements-Zeitungen ("Die Welt" oder "Hamburger Abendblatt") werden.
Im übrigen diktierte Springer eine genaue Versöhnung der Marktinteressen. Das Haus Broschek mußte sich verpflichten, "von der Herausgabe einer Zeitung oder einer Rundfunkzeitschrift im eigenen Namen oder unter Beteiligung Dritter Abstand zu nehmen und auch die bei ihm vorhandenen Druckeinrichtungen für die Herstellung dieser Objekte nur nach vorheriger Zustimmung des Verlagshauses Springer zur Verfügung zu stellen."
Für diese Sicherung seiner Monopolstellung erklärte sich Springer bereit, keine Akzidenzaufträge (Formulardruck, Plakate usw.) anzunehmen, sondern seine Kunden damit zu Broschek zu schicken. Um Broschek finanziell auf die Beine zu helfen - die gegenüber Stünings geltend gemachte Forderung von rund 700 000 Mark (für Papier- und Druckkosten) muß erst eingeklagt werden - , will Springer der geschädigten Firma größere Druckaufträge seines Hauses zuschanzen. Außerdem pachtete er die bis jetzt zum Druck des Fremdenblattes benötigten Rotationsmaschinen und leistete dafür eine Vorauszahlung von 140 000 Mark. Broscheks sind gerettet.
Den übrigen Gläubigern (Handwerksmeistern, kleinen Lieferanten und freien Journalisten) fehlt eine solche Rückenstütze. Die vor Ablauf ihrer vertraglichen Kündigungsfrist arbeitslos gewordenen Redakteure haben sich unter der Leitung von Chefredakteur Karl Willy Beer zu einer Notgemeinschaft zusammengeschlossen, um bei der Verwertung der Vergleichs- oder Konkursmasse die Priorität ihrer Gehaltsforderungen durchzusetzen. Die verwertbare Masse dürfte aber sehr klein sein, da nicht einmal die Rechnung für die Telephon-Anlagen bezahlt worden ist.
Die Angestellten hofften, wenigstens die Schreibtische und Schreibmaschinen als Faustpfand sicherstellen zu können, aber die Firma Broschek & Co hat das Inventar - unter Berufung auf das Vermieter-Pfandrecht - bereits am 5. November annektiert.
*) Das Hamburger Fremdenblatt wurde, ähnlich wie die alte Frankfurter Zeitung (und anfangs auch das Berliner Tageblatt), vorwiegend wegen seiner Auslandswirkung zunächst unter milde NS-Regie gestellt. Man ließ diesen Blättern etwas mehr freien Spielraum, bis sie 1944 völlig eingestellt wurden. Altverleger Broschek war jedoch nur Drucker und mußte sich mit den diktierten Lohndrucktarifen abfinden.
**) Die zerstrittene Broschek-Erbengemeinschaft bestellte einen Notgeschäftsführer und einen fünfköpfigen Verwaltungsrat, da die Anteile der alten Firma "Hamburger Fremdenblatt Broschek & Co. mbH." sich in Händen von Frauen und Kindern der früheren Inhaber befinden.
*) Der Lohndruckvertrag sah "Zahlung jeweils innerhalb 30 Tagen" vor. Nach Paragraph 8 dieses Vertrages konnte die Druckerei "die Einstellung der Herausgabe des Fremdenblattes" erst verlangen, "wenn der Verzug die Zeitdauer von 90 Tagen überschreitet".
*) Diese 450 000 Mark setzen sich etwa so zusammen: 150 000 Mark aus dem Anteil zweier Kommanditisten, die Stünings in seine Plakatwerbe-Firma neu aufgenommen hatte, 250 000 Mark als Rest einer Hypothek von 450 000 Mark, die Stünings im August bei der Victoria-Feuerversicherung in Düsseldorf aufgenommen hatte, um damit eine auf seinem neuerworbenen Grundstück am Ballindamm bisher ruhende Hypothek von 200 000 Mark abzulösen; ferner 50 000 Mark aus der Verwertung kleiner Wechsel.
**) Verlagsobjekte: "Hamburger Abendblatt", "Die Welt", "Bild", "Hör zu", "Welt am Sonntag", "Sonntagsausgabe", "Das Neue Blatt", "Kristall".
*) Wegen dieser Korrektur will Stünings jetzt eine Privatklage gegen Broschek anstrengen und an Hand eines Briefwechsels dartun, daß er doch noch Gelegenheit gehabt hätte, in den nächsten Wochen Geld zu bekommen.

DER SPIEGEL 46/1954
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HAMBURGER FREMDENBLATT / PRESSE:
Der fehlende Funke

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