17.11.1954

NEGUS-BESUCHHoheit lassen bitten

Auf silbernem Tablett trug die hochgewachsene Ordonnanz des letzten absoluten Kaisers dieser Welt in das Appartement 109 des Petersberg-Hotel bei Bonn einen geschlossenen Kasten. Der Kasten enthielt das Kreuz Meneliks des Großen, einen äthiopischen Orden.
Seine Majestät Haile Selassie I. beugte sich leicht vor zu seinem Gast, dem amtierenden Präsidenten des Deutschen Bundestages, Professor Carlo Schmid, dem dieses Kreuz verliehen werden sollte. In des Kaisers dunklen, verschleierten Augen stand ein leichtes Lächeln. "Seulement pour souvenir", sagte er leise, "Leute unseres Standes müssen solche Äußerlichkeiten ertragen."
Da war nichts von der protzigen Großspurigkeit, die Bonns neugemachte Gesellschaft von einem afrikanischen Potentaten erwartet hatte. Von allen Akteuren des Staatsempfangs in der kleinen Residenz am Rhein trug der zierliche Monarch mit dem
Apostelbart die natürlichste Würde zur Schau. Als der Kaiser am letzten Donnerstag, dem 11. November, Bonn verließ, begann um 11.11 Uhr offiziell der rheinische Karneval. Als der Monarch drei Tage zuvor in Bonn erwartet worden war, hätte man denken können, die Spitzen der Bundesrepublik hätten das närrische Datum ihm zu Ehren auf diesen Montag vorverlegt.
Der Bahnsteig 1 des Bonner Bahnhofs war von einem 80 Meter langen rot-weiß gestreiften Baldachin überdacht. Die Backsteinwände waren mit zartvioletten Tüchern verhängt. Lebensbäume standen auf der Plattform. Künstlicher grüner
Rasen war vor dem Bahnhof ausgelegt. Das Gangolf-Kino gegenüber dem Hauptausgang spielte "Hoheit lassen bitten".
Die auf den Schienen der Godesberger Bahn aufgestellte Polizeikapelle wischte noch einmal über ihre Instrumente. Mehrere Hundertschaften Polizei sperrten ein paar tausend neugierige Bonner ab. Im unverfälschten Amtsdeutsch tönte der Polizeilautsprecher: "Die Bevölkerung auf dem Bahnhofsvorplatz wird gebeten, denselben frei zu machen." Als besonders gelungene Attraktion hatten Bonns Stadtväter Elefanten, Kamele und ein Pony des
gastierenden Zirkus Willy Hagenbeck an der Beueler Rheinbrücke aufgestellt.
Wenige Minuten, bevor der Kaiser auf die Sekunde pünktlich seinem Salonwagen entstieg, lieferte sich Bonns Prominenz, von der Protokollexpertin Frau Erica von Pappritz auf dem roten Läufer aufgestellt und an einer Teppichnaht ausgerichtet, in aller Öffentlichkeit den ersten Streit der Eitelkeiten.
Hinter Bundespräsident Theodor Heuss, dem amtierenden Bundestagspräsidenten Carlo Schmid, dem Bundesratspräsidenten Peter Altmeier und vor Vizekanzler Franz Blücher war in der Reihe der Würdenträger an vierter Stelle protokollgemäß ein Loch für den Kanzler gelassen. Aber Konrad Adenauer verschmähte die Lücke. Er stellte sich ganz rechts, unmittelbar hinter den Bundespräsidenten. "Herr Bundeskanzler", mokierte sich Carlo Schmid, "da gehören Sie nicht hin. Auf dem Platz stand bei uns in der Schwadron immer der Paukenschimmel" (siehe Photo Seite 5).
Die Ankunft des kaiserlichen Expreß beendete die Debatte. Konrad Adenauer blieb, wo er war, und reichte dem Monarchen als zweiter die Hand. Seine Majestät, die das westdeutsche Staatsoberhaupt noch mit freundlicher Reserviertheit begrüßt hatte, zeigte sich von dem hageren alten Mann nicht sehr beeindruckt.
Kaum beigelegt, flackerte schon am Abend des nächsten Tages der Protokollstreit in der Festvorstellung von "Figaros Hochzeit" im Godesberger Stadttheater wieder auf. In der ersten Reihe der Ehrenloge standen die Sessel der beiden Staatsoberhäupter. Dem Kanzler war der Mittelplatz in der nächsten Reihe zugedacht. Wie von ungefähr war sein Stuhl jedoch so weit nach vorn geschoben, daß es für die Zuschauer der Festvorstellung aussah, als sitze Konrad Adenauer in der Mitte der ersten Reihe, von Haile Selassie und Theodor Heuss flankiert.
Protokollchef von Herwarth, der beim anschließenden Staatsempfang in der Redoute auf die protokollarischen Unklarheiten angesprochen wurde, gab eine bezeichnende Antwort. Er sei dafür, daß der Kanzler - entgegen den Gepflogenheiten des demokratischen Protokolls - den zweiten Platz einnehme. Auch der Bundespräsident
werde nichts anderes zulassen. Und außerdem habe das Volk empfinden kein Verständnis dafür, daß der Kanzler auf den dritten oder vierten Platz verwiesen wird.
Seine Majestät benutzte den Redoute-Empfang zu einem ersten Kontakt mit Westdeutschlands Großindustriellen. Während der Hofmarschall Graf von Carmer an der Eingangstür des Empfangssalons stets nur die Namen der zur Begrüßungscour eintretenden Paare aufrief, beugte sich Protokollchef von Herwarth beim Herannahen schwergewichtiger Industrieller nach vorn und flüsterte dem Kaiser auch schnell noch die dazu gehörigen Werke und Firmen zu.
Für die Damen der heranwachsenden Bonner Gesellschaft bot der Empfang Gelegenheit zu besonderen Studien. Bundespräsident Theodor Heuss hatte zwar zur Betonung des demokratischen Standpunktes die Richtlinie ausgegeben, in öffentlichen Reden nicht von dem Monarchen, sondern nur vom Staatsoberhaupt zu sprechen und auch auf den Hofknicks zu verzichten. Die Gattinnen der südamerikanischen Missionschefs aber ließen es sich nicht nehmen, durch graziöse Hofknickse zu gefallen.
Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Mellies trug seiner Überzeugung getreu im Gewoge der ordensgeschmückten Fräcke seinen dunklen Anzug. SPD-Chef Ollenhauer hatte einen Kompromiß geschlossen und statt des Fracks oder dunklen Anzugs einen Smoking angelegt.
Die größten weiblichen Triumphe feierte unbestritten die Herzogin von Harrar, 23, Mutter eines siebenjährigen Kindes und Schwiegertochter des Kaisers. Carlo Schmid: "Die Prinzessin hat ein Häutle von Samt." Ihre Garderobe war Gegenstand uneingeschränkter Bewunderung. In der Redoute trug sie ein weißes Fehencape. Und zum Frühstück im Palais Schaumburg, am zweiten Tag des Staatsempfangs, hatte sie eine Garderobe gewählt, die geeignet gewesen wäre, die Sinne der männlichen Frühstücksgäste zu verwirren.
Die Dame des Protokolls, von der die Prinzessin auf dem Petersberg abgeholt werden sollte, stürzte angesichts dieser Garderobe erschreckt ans Telephon. Erica von Pappritz wußte, wie stets, Rat. Man möge der Prinzessin ans Herz legen, es ziehe im Mercedes 300 und es sei kalt, es sei kühl im Palais Schaumburg. Am besten sei es, sie würde etwas Warmes unterziehen. Und so geschah es, ohne daß die
Reize der Prinzessin allzu bedrohlich geschmälert worden wären.
Den ersten Schock erhielten die Äthiopier. Bei ihrer Ankunft erblickten sie zahlreich gehißte grün-weiß-rote Fahnen: Es waren die Farben Nordrhein-Westfalens, aber grün-weiß-rot sind auch die Farben Italiens.
Der zweite Schock widerfuhr den Italienern beim Anblick des offiziellen Begrüßungsartikels im "Bulletin". Da stand:
Das deutsche Volk hat von jeher Haile Selassie I. ... große und herzliche Sympathien entgegengebracht, innerlich auch in den Jahren von 1936 bis 1940, als das faschistische Regime Italiens das Land entgegen allem Völkerrecht besetzte und den Herrscher vertrieb.
In der Italienischen Botschaft wurde festgestellt, daß hier die Höflichkeit wohl doch etwas zu weit getrieben sei.
Es gab kaum ein politisches Ereignis in der letzten Woche in Bonn, das nicht von dem kaiserlichen Besuch überschattet gewesen wäre. Vertriebenenpolitiker und Sonderminister Kraft erschien im Frack zur BHE-Fraktionssitzung, weil er gerade vom Negus-Empfang kam, und der Kanzler brach unangenehme Besprechungen mit dem Hinweis ab: "Ich muß jetzt zum Negus, meine Herren."
Nach vier Tagen reiste Haile Selassie ins Ruhrgebiet und nach Hamburg weiter. Auf dem Hamburger Dammtorbahnhof passierte es dann, daß ein unbekannter eiliger Reisender die Begrüßungszeremonie störte. Ohne viel Federlesens drängte er sich zwischen dem entsetzt blickenden Bürgerschaftspräsidenten Schönfelder und dem Monarchen hindurch und eilte zum Ausgang (siehe Photo S. 6 oben).
Über Bonn hatte sich inzwischen wieder die gewohnte Schläfrigkeit gesenkt. Bald wird der Besuch Seiner Majestät mit dem Schleier des Vergessens überbreitet sein.
Nur Carlo Schmid hofft, demnächst einer Einladung des Kaisers folgend, in Äthiopien Löwen und anderes kostbares Wild jagen zu können.
*) Links Bürgerschaftspräsident Schönfelder, rechts Regierender Bürgermeister Sieveking.

DER SPIEGEL 47/1954
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