17.11.1954

KOEPPENKrankenbett des Romans

Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen versteht es, mit seinen Romanen dem Publikum einzuheizen. 1951 brachte er mit seinen "Tauben im Gras" die Münchner Gesellschaft in Wallung, weil sie sich allzu wirklichkeitsnah dargestellt und vor der Öffentlichkeit diffamiert glaubte. 1953 löste er mit dem "Treibhaus" eine allerdings schnell sich verlaufende Welle bundesdeutscher Schadenfreude aus, als er den Lebenslauf eines imaginären Linksabgeordneten zum Anlaß nahm, die stickige Bonner Atmosphäre und das Klima der westdeutschen Restauration schriftstellerisch zu reproduzieren.
Koeppens neuestes Buch, "Der Tod in Rom"*), behandelt nun ein noch heißeres Thema. Schauplatz der Geschichte ist diesmal Rom im Sommer 1954, als in Deutschland die große Prosperität ausgebrochen ist. Man fährt etwa nach Italien, um Bildung und Kriegserinnerungen aufzufrischen. Die Fragebogen sind vergessen, die Ungerechtigkeiten der Alliierten sind vergeben, die Amerikaner sind zur Einsicht gekommen, viele Deutsche zu Geld und damit zu Ansehen, die Souveränität steht bevor und die Ordnung setzt sich unaufhaltsam durch: alle Zeichen sprechen dafür, daß die undeutsche, die schreckliche Zeit zu Ende gegangen ist. Das ist die Stunde der guten Deutschen.
Die heilsame Nachkriegsentwicklung hat Friedrich Wilhelm Pfaffrath, ein einstmals brauner Oberpräsident, bereits wohltuend am eigenen Leibe erfahren dürfen: "Sein Leben dünkte ihm makellos, und das Leben zeigte sich im ganzen gesehen nicht undankbar gegen die Makellosen. In Deutschland fühlte man wieder deutsch und dachte man wieder deutsch, wenn auch in zwei voneinander getrennten Hälften, und Friedrich Wilhelm Pfaffrath war durch Zustimmung, Sympathie, Anhänglichkeit und demokratische Wahl wieder Oberhaupt seiner Stadt geworden, makellos, nicht durch Machenschaften, Wahlschwindel und Bestechung oder gar von Besatzungs Gnaden, sie hatten ihn freiwillig gewählt, und er war es zufrieden, ihr Oberbürgermeister zu sein, wenn er auch Oberpräsident gewesen war und Verwalter großer Parteivermögen, er war zufrieden, er war makellos."
Der eine Sohn des Herrn Oberbürgermeisters, Dietrich Pfaffrath, ist erfreulich nach Papa geschlagen, der andere, Siegfried, geht leider eigene Wege. Dietrich, der strebsame Referendar und Korpsstudent, verhält sich nicht unbedingt antidemokratisch. Zwar hätte er Lust, sich seinem Onkel Judejahn, dem ehemaligen SS-General und jetzigen Truppenausbilder in einem arabischen Wüstenstaat, anzuschließen, aber "Vorsicht!" mahnt eine Stimme in ihm:
"Judejahn konnte der Karriere schaden ... Noch aber waren im Bund Stellen zu besetzen, und Dietrich würde sie nach bestandener Prüfung erlangen. Erst wenn Dietrich arbeitslos wird, erst wenn er kein Automobil zum Spielen bekommt, erst wenn er zum akademischen Proletariat geworfen wird, erst in einer Wirtschaftskrise wird Dietrich blind hinter einer falschen Fahne marschieren, wird er bedenkenlos in jeden falschen Krieg ziehen."
Den willigen Konformisten Pfaffrath, Vater und Sohn, deren Gewissen allezeit weich und bequem war und die nur durch temporäre Unterbrechungen ihrer Karriere verstört werden können, stehen die Fanatiker und verkniffenen Ideologen gegenüber: Gottlieb Judejahn und seine Frau Eva.
Vor Judejahn nehmen sich die Pfaffraths aus "wie zahme Schweine vor einem wilden Eber". Er, der sich in der Wüste versteckte, der nach Rom gekommen ist, um Waffen einzukaufen, grollt gegen sie: "Er gab ihnen die Schuld, die Schuld am Verrat, am Untergang, an gebrochener Treue, an Fahnenflucht und Kapitulation, an Anbiederung an den Feind, sie waren Hosenscheißer, Speichelsammler, Kollaborateure, Zu-Kreuz-Kriecher und Arsch-Lecker, lahme Hunde ... sie seien wert, als Volk zugrunde zu gehen, der Führer hatte dies schon erkannt, der Führer war einem feigen Volk erschienen, einem morschen Stamm, das war seine Tragik."
Der Witz ist, daß Judejahns Frau, Eva, eine hagere nordische Rachegöttin, die seit neun Jahren Trauer trägt um Führer und Reich, wiederum ihren Mann verurteilt: er ist nicht gefallen, er ist geflüchtet in schändliche semitische Länder, statt nach Walhall aufzufahren. Und er kehrt auch
nicht nach Deutschland zurück, um die Pfaffraths zur Räson zu bringen, die Fahne zu hissen und schrecklich zur Sammlung zu rufen. Er ist ein erschöpfter, ein gebrochener Löwe.
Weder Konformisten noch Fanatiker sind die beiden verlorenen Söhne der Familien, der Komponist Siegfried Pfaffrath und Adolf Judejahn, der Priester werden will. Sie sind aus der Napola entlaufen oder in der Gefangenschaft desertiert vom deutschen Haufen, aber wohin sie nun gehören, das wissen sie nicht.
Adolf Judejahn ist, so sagt Siegfried Pfaffrath, nur von einer zerbrochenen Autorität in die Arme einer bestehenden gestürzt, als er sich von der römischen Kirche auffangen ließ. Siegfried selber aber hört zu seinem Entsetzen, als Kürenberg, der Emigrant und ehemalige Generalmusikdirektor aus seiner Vaterstadt, Siegfrieds erste Symphonie aufführt, daß das verfluchte Erbe in seiner Musik lebt, aber nicht erlöst ist.
Diese Deutschen bewegen sich durch Rom als Spottgeburten der großen Geschichte, die sich in Vergangenheit und Gegenwart der Ewigen Stadt manifestiert. Sie kontrastierten zu der lebendigen Kulisse Roms in scheußlicher Weise. Sie sind "Der Tod in Rom", zugleich eine Karikatur auf den ästhetischen Liebestod des Thomas Mannschen Schriftstellers Aschenbach im "Tod in Venedig".
Eine Entwicklung machen die Figuren nicht durch. Der Alchimist Koeppen arbeitet die allzu einseitig angelegten Charaktere im Verlauf des Romans nur immer deutlicher heraus. Er hält sie in hunderterlei Begegnungen gegeneinander oder läßt sie auf bestimmte Situationen entsprechend unterschiedlich reagieren.
In der Polyphonie der Anlage erinnert "Der Tod in Rom" an "Tauben im Gras". Eine eigentliche Fabel hat das Buch nicht. Es ist ein Totentanz in Rom. Die Figuren bewegen sich im Kreise, und erst am Schluß gibt es buchstäblich einen Knalleffekt.
Da erschießt Judejahn im Dämmernebel seines nahen Endes Ilse Kürenberg, die jüdische Frau des Dirigenten, und stirbt unmittelbar danach in den Diocletians-Thermen neben einem heiteren, antiken Sarkophag und empfängt, eine grausige Pointe, schon völlig gelähmt, die letzte Ölung. Seine Erlösung war nämlich der eigenhändig ausgeführte Judenmord; in Rom, wo er als SS-Gewaltiger im Krieg geherrscht hat, überkamen ihn Erinnerungen, die zur Neurose wurden: "Judejahn bedauert nicht, getötet zu haben, er hatte zu wenig getötet, das war seine Schuld."
Dieser Stoff wäre geeignet, die Gemüter in Erregung zu versetzen, wenn die Personen des Romans der Realität entsprungen wären. Aber Koeppen hat für sein couragiertes Experiment seltsamerweise keine wirklichen Menschen genommen, wie etwa Ernst von Salomon in seinem "Fragebogen".
In einem Brief an die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" spricht Wolfgang
Koeppen von dem Gespenst der Wilma Montesi, das zur Zeit seines Aufenthaltes in Rom umgegangen sei: "Meine Geschichte hat mit dem Montesi-Fall nichts zu tun. Aber die Luft in Rom war gerade sehr geeignet für Gespenster ... Ich nahm mir die Freiheit, auch meinerseits noch einige Gespenster in Rom anzusiedeln."
So sind dann wirklich blasse Gespenster aus den Phiolen des Alchimisten Koeppen in den hellen römischen Tag gestiegen, so gespenstisch, daß die meisten Leser sie mit einem "Das gibt es gar nicht" mühelos von ihrem Gewissen fortscheuchen können.
Der Leser wird so geführt, daß er dieses in Rom verweilende Dutzend Deutscher zwangsweise als einen angeblich echten Querschnitt durch "die Deutschen" ansehen muß. Unter solcher Perspektive aber wird er sich wehren gegen Judejahn, den er als Individuum vielleicht akzeptiert hätte, und gegen Frau Eva, die es in Einzelexemplaren wohl gegeben haben mag.
Die Erklärung für solche literarische Geisterbeschwörung gibt vielleicht eine Äußerung des Autors, die er kurz vor Erscheinen des Romans in der "Süddeutschen Zeitung" tat: "Ich war so leichtsinnig, während ich an einem neuen Buch schrieb, zu einem Kongreß ins Ausland zu reisen. In der ausländischen Hauptstadt fiel mir plötzlich ein ganz anderes Buch ein, und diese neue Idee war so stark, daß sie, wieder an den Schreibtisch zurückgekehrt, mich hinderte, das schon weit vorgeschrittene andere Werk zu vollenden. Ich mußte meinem Verleger mitteilen, daß ich ein anderes als das versprochene Buch beginnen und hoffentlich noch in diesem Jahr abliefern würde."
Die ausländische Hauptstadt war Rom, die neue Idee "Der Tod in Rom", die Zeitspanne, die Koeppen für ihre Ausführung noch hatte, reichte vom Sommer dieses Jahres bis zum Herbst, Koeppen steht nicht unter Produktionsnot, wohl aber unter Zeitnot. Chimären zu destillieren, kostet weniger Zeit, als Menschen darzustellen. Seine Fähigkeit, in modernster Dramaturgie erschreckend lebensechte Menschen durch einen Roman zu führen, hat Koeppen in "Tauben im Gras" bewiesen, das ein glaubwürdigeres Zeitdokument geworden ist, als es die härtesten Photographien je sein könnten. Aber wieviel Arbeitszeit hat jener bisher beste Roman des Autors gekostet?
Für den "Tod in Rom" jedenfalls hatte er offenkundig nur wenige Wochen Frist, weil "der neue Koeppen" nach dem Willen des Verlages noch in die Herbstkollektion hineinmußte. Der Buchhandel hat sein Hauptgeschäft in der Vorweihnachtszeit. Die Frankfurter Buchmesse Ende September ist das große Schaufenster dafür, der Erscheinungstermin der Herbstkataloge darum der entscheidende Stichtag, auf den die meiste Verlagsarbeit des Jahres hin abgestellt ist. Da kann der Autor leicht ins Gedränge kommen.
Koeppen: "Ich lebe vom Schreiben, und wenn ich annehmen darf, daß mein Buch in Deutschland dreitausend Leser finden wird, dann kann ich mir mein Honorar ausrechnen und wissen, daß ich bei zu langer Arbeitsdauer beim Schreiben Geld zusetzen werde, denn der Arbeitsvorschuß des Verlegers, eine Schuld, die ich eingehe, wird bei der Abrechnung meine Einnahme übersteigen. Fast sieht es so aus, als sei das Schreiben eines literarischen Romans ein Luxus, denn Entbehrung kommt beim Schreiben des Buches ins Haus, während ich in der gleichen Zeit mit der Schreibmaschine auch anderes produzieren und wesentlich mehr verdienen könnte, statt Schulden zu machen." Seine Frau fand für diese Situation, die in gewisser Weise für die Produzenten neuer deutscher Romane symptomatisch ist, den Ausdruck: "Krankenbett des Romans."
*) Wolfgang Koeppen: "Der Tod in Rom"; Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart; 216 Seiten; 8,80 Mark.

DER SPIEGEL 47/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 47/1954
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KOEPPEN:
Krankenbett des Romans

Video 00:42

Australien Krokodil greift GoPro an

  • Video "Australien: Krokodil greift GoPro an" Video 00:42
    Australien: Krokodil greift GoPro an
  • Video "Bundestagswahl in Zahlen: Rekordwahl 2017" Video 01:50
    Bundestagswahl in Zahlen: Rekordwahl 2017
  • Video "Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede" Video 00:59
    Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede
  • Video "Mittagspause an der Fischbude: Zwischen Stammtisch und Kubicki-Fanclub" Video 03:51
    Mittagspause an der Fischbude: Zwischen Stammtisch und Kubicki-Fanclub
  • Video "Super League Schweiz: FC-Sion-Präsident verprügelt TV-Experten" Video 01:15
    Super League Schweiz: FC-Sion-Präsident verprügelt TV-Experten
  • Video "Animation: So wird der Bundestag gewählt" Video 02:57
    Animation: So wird der Bundestag gewählt
  • Video "Inside Air Force One: An Bord des Doomsday Plane" Video 01:57
    Inside Air Force One: An Bord des "Doomsday Plane"
  • Video "Mittagspause mit Streetfood: Merkel-Neuland und Lindner-Style" Video 02:39
    Mittagspause mit Streetfood: Merkel-Neuland und Lindner-Style
  • Video "Proteste in Katalonien: Die Lage ist sehr, sehr angespannt" Video 01:51
    Proteste in Katalonien: "Die Lage ist sehr, sehr angespannt"
  • Video "Hochgiftiges Reptil: Schlangenfänger kämpft mit Eastern Brown Snake" Video 00:47
    Hochgiftiges Reptil: Schlangenfänger kämpft mit Eastern Brown Snake
  • Video "Wahlkampf-Kritik am Imbiss: Alles Sprücheklopfer" Video 03:46
    Wahlkampf-Kritik am Imbiss: "Alles Sprücheklopfer"
  • Video "Fiese Fragen an Bundestagskandidaten: Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?" Video 03:30
    Fiese Fragen an Bundestagskandidaten: Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?
  • Video "Kampf gegen die Zeit in Mexiko: 13-Jährige unter Trümmern entdeckt" Video 00:53
    Kampf gegen die Zeit in Mexiko: 13-Jährige unter Trümmern entdeckt
  • Video "Hurrikan Maria: Puerto Rico wird eine zerstörte Insel sein" Video 00:58
    Hurrikan "Maria": "Puerto Rico wird eine zerstörte Insel sein"
  • Video "Trump bei der UN: Sowas hat es noch nie gegeben" Video 01:53
    Trump bei der UN: "Sowas hat es noch nie gegeben"