24.11.1954

MALER / KunstBilder für ein Butterbrot

Der Maler Marc Chagall hat jetzt endlich Gewißheit erhalten, daß ein bestimmter, seit langem von ihm schmerzlich vermißter Teil seiner Bilder ab 24. November in Stuttgart unter den Hammer kommt. Der Auktions-Katalog des Stuttgarter Kunstkabinetts Roman Norbert Ketterer enthält innerhalb der zur Versteigerung anstehenden Sammlung Nell Walden 14 Bilder von Chagall im Gesamtausrufungspreis von fast 50 000 Mark. Dazu bemerkt Chagalls Tochter Ida Marcovna: "Es handelt sich um die letzten Überreste der mehreren hundert Werke, um die mein Vater auf die niederträchtigste Art und Weise durch Nell Waldens verstorbenen Mann, Herwarth Walden, gebracht worden ist."
Herwarth Walden ist eine der farbigsten Erscheinungen der expressionistischen Kunstbewegung. In der "Süddeutschen Zeitung" nannte Hermann Dannecker ihn einen "Manager par excellence. Er hat 1910 den 'Sturm' als 'Wochenschrift für Kultur und die Künste' gegründet und damit der radikalen antinaturalistischen Kunstbewegung vor dem ersten Weltkrieg ein aggressives, leidenschaftlich streitendes und werbendes Organ gegeben.
"Doch Walden wollte nicht nur durch das gedruckte Wort, sondern auch durch die Tat wirken: 1912 gründete er in Berlin den rasch berühmt gewordenen Ausstellungssalon des 'Sturm'. Er begann im März mit der Übernahme der Ausstellung des 'Blauen Reiters' aus München, zeigte im gleichen Monat noch Kokoschka und die Expressionisten, im April bereits zum ersten Male in Deutschland die italienischen Futuristen ... Wenn man die Liste der hundert Ausstellungen durchsieht, die er allein bis zum September 1921 machte, dann findet man darin nahezu alle Namen, die heute als die wesentlichen in der kurzen Geschichte der modernen Kunst gelten."
Waldens "Sturm"-Kreis weitete sich immer mehr aus. Er umfaßte später neben den nahestehenden Malern auch gleichgesinnte Musiker und Dichter, die eine Kunstschule, eine Bühne und regelmäßige Rezitations- und Konzertabende in Betrieb hielten. Walden war und ist bis heute, zwölf Jahre nach seiner wahrscheinlichen Liquidation in Moskau, ein allerdings immer noch umstrittener Begriff.
Die Anwürfe gegen ihn und seine Freunde erreichten zu seinen Lebzeiten ein heute unglaubhaft anmutendes Ausmaß. Vor allem "Sturm"-Initiator Herwarth Walden fand sich persönlichen Verdächtigungen in Permanenz ausgesetzt. Zumindest das unbezweifelbare Organisations-Genie des Expressionisten-Entdeckers fand seine Neider, nicht zuletzt im eigenen "Sturm"-Kreis. Sie suchten ihn vor allen
Dingen von der Seite des Finanziellen her anzugreifen.
"Um die wirtschaftlichen Möglichkeiten, im 'Sturm' durch Ausstellung und Verkäufe viel Geld zu verdienen, zu beleuchten", geht Nell Walden in ihren Weltkriegs-Erinnerungen ins Detail. "Der 'Sturm' erhielt von den niedrigen Verkaufspreisen zwanzig Prozent. Ich war wohl die einzige, die im 'Sturm' jeden Monat etwas für die Privatsammlung erwarb, und zwar immer zu den Preisen, die die Künstler angegeben hatten.
"Da wir weiter die 'feindlichen Ausländer' propagierten und ausstellten, unter anderem die Russen Kandinsky und Chagall, hatten wir einen schweren Stand bei Presse und Publikum in Deutschland. Wir ließen aber nicht locker, und als die Ausländer aus dem Krieg zurückkamen, fanden sie sich, dank der unermüdlichen Propaganda des 'Sturm', als berühmte Künstler.
"Viele von ihren Bildern, die wir im 'Sturm' ausgestellt hatten, waren verkauft worden. Der Erlös war aber gering, als sie in der Inflationszeit die Abrechnungen bekamen. Trotzdem es nicht Herwarth Waldens Schuld war oder falsches Disponieren vom 'Sturm', wurde später daraus doch von Herwarth Waldens Feinden ein großes Wesen gemacht, wobei es an infamen Andeutungen nicht fehlte."
Marc Chagall nun begnügt sich heute nicht mehr mit Andeutungen, er faßt sich kurz: "Walden war die größte Katastrophe meines Lebens." Immerhin hat Herwarth Walden einst den noch unbekannten, in Paris hungernden Maler mit zum erstenmal öffentlich herausgestellt. 1913, im vom "Sturm" veranstalteten "Ersten Deutschen Herbstsalon", fiel der noch namenlose Chagall inmitten der Künstler des "Sturm"-Kreises wie Klee, Kokoschka und Marc stark auf. Daraufhin übergab er Walden Mitte 1914 mehrere hundert Gemälde für eine Großausstellung, bevor er in seine russische Heimat abreiste.
Er sah Walden erst lange nach dem Kriege, seine Bilder zum großen Teil gar nicht mehr wieder. Als Chagall 1923 nach Deutschland zurückkehrte, so erinnert sich seine Tochter Ida, "wollte Walden nicht einmal sagen, an wen er die Bilder verkauft hatte. Nach langem Prozessieren erhielt mein Vater drei Gemälde zurück und einen Betrag in Papiermark, der bei weitem nicht für den Ankauf eines Straßenbahnscheines ausreichte, um von der Verhandlung ins Hotel zurückfahren zu können. Mein Vater brauchte Jahre, sich von diesem Schlag zu erholen.
"Der Name Walden lastet wie ein Schatten über meiner ganzen Kindheit. Es handelte sich nicht so sehr ums Geld, sondern vor allem darum, daß mein Vater seine ganze künstlerische Jugend aus den Augen verlor, daß er Jahre benötigte, um überhaupt in Erfahrung zu bringen, wo sich seine Bilder befanden. Bis heute muß er diesen geraubten Werken in der ganzen Welt nachjagen, um wenigstens einige von ihnen für seine eigene Sammlung seines künstlerischen Schaffens für Riesenbeträge zurückzukaufen."
Chagalls Interesse an der Stuttgarter Versteigerung der Sammlung Nell Walden ist darum nicht platonischer Art. (Die "Frankfurter Allgemeine" schrieb zur Stuttgarter Versteigerung: "Am bedeutendsten ist wohl die große Reihe von frühen Gouachen von Chagall, die alle aus der Zeit vor 1914 stammen und die phantastische Welt des polnischen Gettos noch ganz ungebrochen zeigen.") Tochter Ida deutet an: "Die Ersteigerer der Werke meines Vaters müssen sich auf Einsprüche gefaßt machen, die sich vielleicht ergeben könnten."
Gefaßter sieht die Witwe Wassily Kandinskys, des gleichfalls weltberühmten, 1944 verstorbenen russischen Malers, der Stuttgarter Versteigerung entgegen, bei der ein Kandinsky-Bild aus Nell Waldens Besitz mit einem Ausrufungspreis von 4000 Mark unter den Hammer kommt. Das Kandinskysche Ressentiment gegen Walden ist nicht unähnlich dem der Chagalls.
Kandinsky hatte bei Kriegsausbruch 1914 gleichfalls einen Teil seiner Bilder bei Walden liegen. Nach seiner kurzfristigen Ausweisung aus Deutschland untersagte er Walden schriftlich jegliche Veräußerung seines Eigentums. Dennoch fand er 1920, als er endlich aus Rußland abreisen konnte, bei Walden nur noch zwei seiner Bilder vor.
Frau Kandinsky: "Nach einem langwierigen Prozeß wurde Walden 1921 verurteilt,
für die einkassierten 140 000 Goldmark, dem Erlös aus Verkäufen der Bilder Kandinskys, meinem Mann 40 000 Papiermark und die noch übriggebliebenen beiden Gemälde zurückzuerstatten. Die 40 000 Papiermark habe ich noch heute unter den alten Akten meines Mannes. Da der Betrag nicht zum Ankauf eines Butterbrotes ausreichte, hob er das Geld zur Erinnerung auf. Im Hinblick auf dieses Urteil kann ich gegen die bevorstehende Versteigerung allerdings nichts unternehmen."
Die Stuttgarter Versteigerung der Sammlung Nell Walden wird also zweifellos ohne ernsthafte Intervention von seiten der Familien Kandinsky und Chagall vonstatten gehen können. Die Chagalls allerdings wollen nicht, wie Frau Kandinsky, resignieren, sondern "vielleicht einen Teil der fraglichen Bilder dem französischen Staat schenken, der dann möglicherweise Mittel und Wege finden wird, um in den Besitz dieser Geschenke zu gelangen".
Sie vergessen dabei, daß ihre übrigens in den vergangenen vierzig Jahren in zahlreichen internationalen Kunstausstellungen öffentlich präsentierten Bilder damals auch ohne Waldens Zutun veräußert worden wären. Als Eigentum feindlicher Ausländer wurden auch die Bilder von Kandinsky und Chagall sequestriert und später verkauft.

DER SPIEGEL 48/1954
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