22.12.1954

GAULEITEREs ist das deutsche Herz

Das Jahr 1933/34 hätte das schönste meines Lebens werden können, wenn alles so gekommen wäre, wie ich es mir in meiner Einfalt vorgestellt hatte." Mit diesen von offenherziger Selbsterkenntnis und schmerzlicher Resignation getragenen Worten hat Karl Wahl, 62, einstmals Gauleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei für den Gau Schwaben, der Öffentlichkeit seine Memoiren mit dem Untertitel "Erlebnisse und Erkenntnisse eines ehemaligen Gauleiters" vorgelegt.
Das Werk hat 475 Seiten Umfang und ist noch rechtzeitig für den Weihnachtsvertrieb im Selbstverlag des Verfassers erschienen.*)
Da ihm durch die Entnazifizierungsbehörden die Erlaubnis erteilt worden war, auf Widerruf schriftstellerisch tätig zu sein, hatte Wahl sich vom Herbst 1952 bis zum Sommer 1953 "in den Nächten und an den Sonntagen" hingesetzt - er hatte auf Textilgroßhandel umgeschult - und den Bericht über sein Leben unter besonderer Berücksichtigung der siebzehn Gauleiterjahre zu Papier gebracht. Es ist die erste nach dem Krieg geschriebene und veröffentlichte Biographie eines ehemaligen Gauleiters*).
Wahls Vorstellungen von literarischer Arbeitstechnik sind offenbar an filmischen Vorbildern geschult: "Ich hab'' mir oft gedacht beim Schreiben, ich wünsch'' mir mal, so acht Wochen dranbleiben zu können, in einem Hotel, wie die ihre Romane schreiben, mit dem weiten Blick von der Terrasse, wenn unten das Meer rauscht und so ..."
Dazu kam es diesmal noch nicht. Aber auch was unter so erschwerten Umständen niedergeschrieben wurde, ist einiges. Es ist ein Buch, dessen Grundzüge so rührend und bieder gelungen sind, daß Wahl leicht in den Verdacht geraten kann, er habe so etwas wie den Courths-Mahler der Bewegung schreiben wollen. Es ist ein deutscher Lebenslauf.
Wahl, dem die Umstände und sein Führer später das Amt eines Gauleiters übertrugen, stammt aus dem braven, biederen Hunderttausender-Heer der Postschaffner, Stadtsekretäre und Weichenwärter, deren Verhältnis zum Staat in jahrelanger Kommißdienstzeit für ewig verbindlich geregelt wurde.
Karl Wahl wurde als dreizehntes Kind eines Lokomotivheizers in Aalen (Württemberg)
geboren und "im vaterländischen, soldatischen Geist erzogen. Im Elternhaus wie in der Schule. Meine Lehrer waren nicht nur gute Pädagogen, sondern auch durchweg gute Patrioten!
"Landauf, landab bekannten sich die Menschen zur Wehrhaftigkeit. Soldat zu werden und sich gut zu führen, war vor 1914 der Stolz und der Ehrgeiz des gesunden jungen Mannes. Ohne Ansehen des Standes und der Herkunft. Auch die Mädchen hatten dafür weitgehendes Verständnis, sie nahmen lieber einen ''Gedienten'' als einen ''Ungedienten'' zum Manne."
Zu dieser Schule der Nation zog es denn auch Wahl. "Zur Kriegsmarine, dem schönen Wunschtraum meiner erlebnishungrigen Jugendzeit, ließ mich mein gestrenger Vater bei all seiner Soldatenfreundlichkeit nicht, also trat ich 1910 als Zweijährig-Freiwilliger beim 2. bayerischen Jäger-Bataillon in Aschaffenburg ein, um beim Militär das zu erreichen, was mir auf dem normalen Wege versagt blieb."
Nun litt es ihn aber nicht auf dem Kasernenhof. Ein Albert-Schweitzer-Komplex drängt ihn fort von den rauhen Typen des Exerzierplatzes. "Mit knapp zwanzig Jahren saß ich bereits als Sanitäts-Unteroffizier in der Schreibstube des Divisionsarztes der 3. BID, und ein Jahr später wurde mir die Leitung der Sanitätsschule des II. BAK in Landau übertragen.
"Mit diesem Anfang konnte ich zufrieden sein. Das Schlimmste lag hinter mir. Langsam öffnete sich auch für mich das große Tor zum Leben."
Mit neun Dienstjahren und einer Verwundung trat Wahl nach Kriegsende als Zivilversorgungsscheinberechtigter bei der Stadt Augsburg in den städtischen Dienst ein. Er wurde Stadtsekretär. Nach der Machtergreifung 1933 lehnte er eine Beförderung zum Amtmann, die der Stadtrat ausgesprochen hatte, ab. Er wurde später, 1934, von Hitler zum Regierungspräsidenten ernannt. Diese Ernennung nahm er an.
Bei Wahl ist es zwar so, daß ihm nicht alles am Programm der NSDAP gefällt, aber: "Die Vollkommenheit sucht man auf dieser Welt vergebens."
Der Tag von Potsdam - inzwischen war der Aktivist schon längst Gauleiter - beseitigt aber schließlich seine letzten Zweifel. "Wie nie zuvor fühlte ich dabei mit Allgewalt, wie richtig ich Hitler eingeschätzt hatte. Als der greise, ehrwürdige Generalfeldmarschall Hindenburg Hitler nach dessen äußerst geschickter, eindrucksvoller Ansprache die Hand reichte und dieser sich in ergreifender Ehrfurcht vor dem Marschall verneigte, da glaubte ich fest, Deutschland sei in den besten Händen."
"Wenn Hindenburg, dieser alte Recke und getreue Ekkehard unseres Volkes, zu Hitler Vertrauen hatte, dann konnte mein Standpunkt nicht falsch sein, dann hatte ich in meinem Urteil über Hitler nichts zu revidieren."
Dabei bleibt es denn auch in späteren Jahren. Sein Führer versichert ihm, daß er keinen Krieg will. Wahl glaubt es. Und als er im späteren Verlauf des Krieges von Soldaten der Ostfront Andeutungen über Judenausrottungen hört, hat Wahl "einen höheren Amtsträger des Reichssicherheitshauptamtes, mit dem ich private Beziehungen hatte, wegen der Gerüchte um Auskunft gebeten. Er war empört über diese ''Brunnenvergiftung'', wie er sich ausdrückte, und wollte im Übereifer gleich Namen wissen, um gegen die Gerüchteverbreiter vorzugehen".
Auf seinen Hitler läßt Wahl nichts kommen, und als er am 25. Februar 1945 in Berlin an der letzten Reichs- und Gauleitertagung mit Hitler teilnimmt und der
Führer vom deutschen Volke sagt, ein verlorener Krieg sei nur das Zeichen dafür, "daß das deutsche Volk den inneren Wert nicht besitzt, der ihm bisher beigemessen wurde", da findet Wahl immer noch die Entschuldigung: "Der harte Ausspruch fiel, das mindert seine Bedeutung freilich ein wenig, in einer starken krankhaften Überreizung. Hitler war in dieser Stunde nach meinen Beobachtungen ein schwerkranker Mann."
Dem Gauleiter Wahl drängt sich bei dieser letzten Besprechung immerhin auch schon der Gedanke auf, "daß Hitler die Katastrophe wohl vor Augen sah, aber aus irgendwelchen mir unverständlichen Gründen weitermachte".
Als er während des Nürnberger Prozesses in Jodls Protokollen liest - Wahl war als Zeuge für das Korps der Politischen Leiter dort - , begreift es auch der Gauleiter: "Es ist niederschmetternd, aber leider wahr, denn ich habe es schwarz auf weiß gesehen: Für Hitler war im Winter 1944/45 die Niederlage bereits absolute Gewißheit. ... Daraus ergibt sich, daß mein Verdacht bei der Tagung, Hitler glaube nicht mehr an einen Sieg, berechtigt war ..."
Überhaupt, dieser Hitler: "Er verkörpert für mich den Typ des idealen, verehrungswürdigen, großen Patrioten. Dabei hat er im persönlichen Umgang etwas Gütiges, Taktvolles, Vornehmes. Züge von Brutalität ... fehlten bei ihm damals vollkommen ... Freilich ist er etwas eigenwillig ... Das bringt menschliche Größe mit sich. Wo so viele und große Vorzüge sind, da dürfen auch ein paar kleine Fehler sein ..."
Oder: "Die Liebe Hitlers zum deutschen Volk war nicht gekünstelt, sie war echt, das habe ich immer wieder erlebt. Eine Täuschung ist hier völlig ausgeschlossen. Er wollte zunächst das Gute für das deutsche Volk ..."
Bei den schriftlichen Reaktionen, die bisher zu diesem ersten Memoirenwerk eines nationalsozialistischen Gauleiters vorliegen, befindet sich - nach der Aussage des Verfassers - bisher kaum eine kritische Zeile. Was nun die positiven Äußerungen betrifft, so ist darunter ein mehrseitiger begeisterter Brief von der Hand eines Bundestagsabgeordneten. Der Abgeordnete ist ein alter Bekannter Wahls, nämlich sein früherer Kreisleiter Philipp Meyer aus Oppertshofen bei Donauwörth.
Der Mühlenbesitzer Meyer hatte im Herbst 1953 bei den Bundestagswahlen für die bayerische CSU kandidiert und war in direkter Wahl gewählt worden. Mit Philipp Meyer kam der erste aktive Kreisleiter der NSDAP ins Bonner Parlament.
Meyer war gegen Kriegsende wegen seiner temperamentvoll vorgetragenen Weigerung, die Bevölkerung in seinem Bereich zu evakuieren und sein Kreisgebiet verteidigungsbereit zu machen, von einem SS-Standgericht zum Tode verurteilt worden. Sein ehemaliger Chef Wahl sagt heute nicht ohne Stolz: "Ein Kreisleiter Meyer war nur in meinem Gau möglich."
Was sonst noch in seinem Gau möglich war, erklärt Gauleiter a. D. Wahl heute mit diesen Worten: "Sie könnten landauf, landab in Schwaben reisen, Sie werden keinen Menschen finden, dem ich persönlich etwas angetan habe." Die Spruchkammer stufte Wahl zunächst als Hauptschuldigen ein, aber der bayerische Kassationshof entschloß sich am 21. September 1951, ihn zum Belasteten aufzubessern. Mit der Begründung, daß Wahl "nach seinem Herkommen und seiner Veranlagung nicht nur keine Gefahr für den friedlichen demokratischen Aufbau bedeutet, sondern in diesem im Gegenteil gute Dienste wird leisten können".
*) Karl Wahl: "... es ist das deutsche Herz"; Selbstverlag des Verfassers, Augsburg, 1954, 475 Seiten, 14,80 Mark.
*) Von 44 ehemaligen Gauleitern der NSDAP begingen dreizehn beim Zusammenbruch des Dritten Reiches Selbstmord, acht wurden nach Kriegsende von den Siegermächten hingerichtet, einer im Mai 1945 von der SS erschossen, und einer starb in sowjetischer Haft. Drei büßen eine Freiheitsstrafe ab, zehn sind auf freiem Fuß, das Schicksal der restlichen acht ist unbekannt.

DER SPIEGEL 52/1954
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