22.12.1954

PAPST / MEDIZINAmpullen aus Heidelberg

Als Papst Pius XII. Anfang 1954 zum erstenmal lebensgefährlich erkrankte, standen die Ärzte am Bett eines völlig Erschöpften. Der Papst litt unter einer ihn immer mehr ermattenden Schlaflosigkeit: Wenn es gut ging, schlief er jede Nacht noch eine Stunde. Oftmals aber lag er nächtelang wach. Dazu kamen chronische Magenschmerzen mit den Symptomen einer Gastritis, ein oft über Stunden währender Schluckauf und Erbrechen von Blut. Das Herz jedoch war gesund, Nebentöne ließen sich nicht feststellen. Auch die anderen Organe waren frei von Störungen.
Das päpstliche Ärztekonsilium einigte sich auf die Diagnose: zentralnervöse Störungen, vor allem im Zwischenhirn, hervorgerufen durch die Jahrzehnte hindurch vom Papst gegen sich selbst geübte Schonungslosigkeit. Keine Nacht hatte er länger als sechs Stunden geschlafen, und häufig nicht einmal diese knappe Zeit. Das frugale Essen, die freiwillige Kasteiung und die für den 78jährigen über die Maßen hohen Anstrengungen, vor allem bei den Audienzen, bei denen er meist in mehreren Sprachen mit den Pilgern Kontakt suchte, hatten nach Ansicht der Ärzte zu dieser lebensgefährlichen Erschöpfung geführt.
Der päpstliche Leibarzt, Professor Riccardo Galeazzi-Lisi, machte seinen Kollegen einen Vorschlag, der besondere Bedeutung in den Vorweihnachtswochen bekommen sollte, als das Leiden des Papstes erneut ein kritisches Stadium erreichte. Galeazzi-Lisi schlug vor, aus Montreux den Schweizer Chirurgen und Endokrinologen Dr. Paul Niehans zu rufen und ihn Zellgewebe-Übertragungen nach der von ihm entwickelten Zellular-Therapie vornehmen zu lassen.
Die von Niehans in den letzten zwanzig Jahren entwickelte Therapie geht von der Erkenntnis aus, daß durch Einspritzung lebensfrischer tierischer Zellverbände in die Muskulatur gewisse Krankheiten geheilt werden können. Niehans wählte vorwiegend die Organe und Drüsen von Rinder-Embryonen oder frisch geschlachteten Kälbern für seine Behandlung aus. Wenn auf den großen Schlachthöfen in geschlachteten Kühen ungeborene Kälber gefunden wurden, sezierte sie ein Tierarzt unmittelbar nach dem Tod des Muttertieres. Herz, Leber, Milz, Schilddrüsen, Zwischenhirn oder andere Organe wurden sorgsam vom Bindegewebe befreit, zu einem Brei vermahlen, in einer Lösung aufgeschwemmt und dem Patienten in die Muskulatur gespritzt.
Niehans behandelte mehrere tausend Patienten, die an Herz- und Gefäßsklerosen mit hohem und niedrigem Blutdruck, an chronischen Nierenerkrankungen, Nervenleiden und Drüsenstörungen litten, mit zum Teil erstaunlichen und unerwarteten Erfolgen. Die Zellular-Therapie wirkte aber auch gegen die sogenannten Ermüdungserscheinungen, bei denen eine frühzeitige Störung der Leistung auftritt, ohne daß die Ärzte eine Organstörung ermitteln können. Es handelt sich um den "Leistungsknick", ein in letzter Zeit in Medizinerkreisen viel diskutiertes Leiden, dessen Entstehen den seelischen und körperlichen Belastungen der letzten Lebensjahrzehnte zugeschrieben wird.
Die Behandlungsmethode hatte jedoch einen schwerwiegenden Nachteil: Der Organ- oder Drüsenbrei mußte dem Patienten spätestens eine Stunde nach dem Tode des Tieres eingespritzt werden. Niehans entwickelte deshalb aus der "Frischzellen-Therapie" in den vergangenen Jahren die
"Trockenzellen-Therapie", bei der der Organbrei auf dem Wege der Gefriertrocknung in ein weißes Pulver umgewandelt wird. Es kann später zu einer Lösung aufgeschwemmt und dem Patienten eingespritzt werden.
Die konservativen römischen Ärzte lehnten jedoch eine Behandlung des Papstes mit der Trockenzellen-Therapie ab: "Das ist ja Fleischpulver." Leibarzt Galeazzi-Lisi ließ sich nicht beirren und setzte den beratenden Geistlichen des Vatikans die Möglichkeiten der Niehansschen Therapie auseinander. Der Papst, der Niehans kannte, stimmte schließlich zu.
So kam Dr. Paul Niehans, ein Protestant, selbst schon 72, nach Rom, untersuchte den Papst und telephonierte mit seinen Assistenten in Heidelberg (wo Niehans in einer Arbeitsgemeinschaft die für Behandlungen in Deutschland benötigten Trockenzellen herstellt). Dort schlachtete man einige besonders gesunde Kälber, entnahm ihnen das Zwischenhirn und die Testis. Die Wirkstoffe wurden nach den Weisungen von Niehans, der sich fernmündlich nach dem Ablauf der Aktionen erkundigte, über die Gefriertrocknung verarbeitet und in Ampullen auf dem schnellsten Wege nach Rom geschickt, wo sie von Niehans dem Papst zugeführt wurden. Ebenso erhielt der Papst Injektionen mit Zellen aus den Magenschleimhäuten.
Niehans kontrollierte die Wirkungen, und schon nach wenigen Stunden traten organnervliche Beruhigungen ein. Wenige Tage nach den ersten Injektionen, die wie ein "Stoß" wirken müssen, konnte der Papst wieder schlafen: Er schlief tief und fest, sieben und acht Stunden. Die Magenbeschwerden ließen nach, der schmerzhafte, deprimierende Schluckauf verlor sich, und der Papst konnte wieder mit Appetit essen.
Je wohler sich der Papst fühlte, desto schwieriger wurde es für die Ärzte, ihn im Bett zu halten: Unbeschadet ihrer Warnungen
und entgegen den Beschwörungen seiner Vertrauten nahm er wieder seinen alten Lebensrhythmus auf. Die Besorgnis seiner Ärzte nahm er nicht zur Kenntnis: seine Pflichten stünden über seiner Gesundheit.
Den Sommer überstand er zunächst gut. Das kühle, herbstliche Wetter aber zwang ihn im September, sich wieder zu legen: Erneut wurde Niehans gerufen.
Abermals ließ er in Montreux und Heidelberg einige besonders ausgewählte gesunde Tiere schlachten, und der Februar-Vorgang wiederholte sich: Wieder warnten Niehans und Galeazzi-Lisi den Papst eindringlich vor der Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst - wieder vergeblich. Nachdem die Schlaflosigkeit überwunden, die Gastritis offensichtlich eingedämmt war, setzte sich der Papst wieder über seine Berater hinweg. Sowohl im Februar als auch im September hätte er wenigstens sechs Wochen strenge Bettruhe halten müssen. Beide Male tat er es nicht. Der Kollaps Anfang Dezember war eine natürliche Folge der Überanstrengung.
Trotzdem: Die römischen Kollegen des Arztkonsiliums warfen Niehans vor, daß der Papst diese kritische Phase nicht hätte erreichen dürfen, wenn seine Therapie tatsächlich wirksam sei. Niehans stritt sich nicht. "Ich muß mich manchmal wundern", sagte er am Telephon, als er in Heidelberg Magenzellen bestellte. "Man wollte wirklich nicht begreifen, daß wir nicht mehr können als abstützen. Der Papst hat sich niemals geschont. Auch das beste Zellengewebe wird einmal müde - aber jetzt haben sie es zugegeben: Ohne die Injektionen im Februar und September wäre der Papst schon tot."
Wenn es gelingt, sagten die Ärzte in der vergangenen Woche, den Heiligen Vater über diese kritischen Tage zu bringen, die durch seine demütige Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst so schwierig sind, und vor allem aber, wenn er die Anordnungen befolgt, wird sein an sich gesunder Organismus die Beschwerden meistern.
Die Schlaflosigkeit ebenso wie die Gastritis und die Schluckauf-Beschwerden konnten durch die Niehansschen Bemühungen abgefangen werden. Die Abstützung der Zellgewebe zeigte ihre Wirkung, und Niehans griff vorsichtshalber zu einigen Blutübertragungen, um vor allem die physische Ermattung zu überwinden.
Am Donnerstag vergangener Woche wurde eine Röntgen-Anlage in das Schlafgemach des Papstes gebracht. Eine zweistündige Untersuchung erbrachte keine Bestätigung des oft geäußerten Verdachtes auf Krebs. Die Ärzte entdeckten jedoch auf den Röntgen-Aufnahmen eine Ausstülpung am Durchtritt der Speiseröhre durch das Zwerchfell. Das Zwerchfell befand sich nicht mehr in der normalen, horizontalen Lage, sondern hatte sich um den Durchgang der Speiseröhre gehoben. Mit dem Wiedereinsetzen des Schluckaufs bestand die Gefahr, daß das Zwerchfell reißen würde.
Da bei dem geschwächten Zustand des Papstes an einen operativen Eingriff nicht zu denken war, bestellte Niehans am Freitagmorgen in Heidelberg eine Eilsendung von Zwerchfell- und Darm-Trockenzellen. Durch Zufuhr dieser regenerierenden Lösungen sollte verhindert werden, daß die gefährdete Stelle spröde wurde und riß.
"Der Papst in seiner seelischen Gelassenheit und seiner geistigen Souveränität will nicht zugeben, daß sein Körper in diesem Alter auch seine Rechte fordert", sagte Professor Niehans noch in der vergangenen Woche. "Im Prinzip gesund, will er mehr leisten, als sein Zentralnervensystem im Augenblick erlaubt. Wir müssen ihn jetzt zur Ruhe zwingen. Dann können wir die Krise meistern."

DER SPIEGEL 52/1954
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