27.10.2003

Operation Heiliger Dienstag

Von Mascolo, Georg und Stark, Holger

Die beiden Chefplaner des 11. September haben gestanden - und mit den Protokollen ihrer Vernehmungen lässt sich jetzt ein genaues Bild der Vorgeschichte des Terroranschlags zeichnen. Die Aussagen enthüllen auch, wie Osama Bin Laden persönlich die Hamburger Todespiloten auswählte.

Wann genau er diese Worte hörte und in welchem der vielen Verstecke in den afghanisch-pakistanischen Bergen, kann der Gefangene nicht mehr sagen. Aber dieser eine Satz von Osama Bin Laden hat sich in sein Gedächtnis gebrannt, dieser entscheidende, mit samtweicher Stimme gesprochene Satz, der schließlich das Todesurteil für rund 3000 Menschen bedeuten sollte: "Warum gebrauchst du eine Axt, wenn du einen Bulldozer einsetzen kannst?"

Mit diesem Satz begann die Operation "Heiliger Dienstag", wie die Männer des Terror-Netzwerkes al-Qaida den Terroranschlag nannten, bei dem am 11. September 2001 zwei Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Center in New York rasten, eins in das Pentagon in Washington und ein viertes auf einem Feld bei Shanksville (Pennsylvania) explodierte.

Mit der "Axt", so erzählte der Pakistaner Chalid Scheich Mohammed amerikanischen Verhörspezialisten, sei sein eigener Plan für einen Anschlag gemeint gewesen: Er habe damals, es war 1996, vorgeschlagen, eine kleine Chartermaschine zu mieten, sie mit Sprengstoff voll zu stopfen und in die Zentrale des amerikanischen Geheimdienstes CIA zu jagen. Eben nur die Axt gegen den verhassten Feind zu erheben. Doch Bin Laden habe einen "Bulldozer" vorgezogen: Getreue sollten mehrere Passagierjets entführen und sie als fliegende Bomben in ihre Ziele lenken.

Mit solchen Innenansichten des Qaida-Netzwerks verblüffte der kräftige, untersetzte Scheich seine Vernehmer in den letzten Monaten immer wieder. Im März dieses Jahres wurde der Bin-Laden-Vertraute und Chefplaner des 11. September festgenommen. Seit amerikanische Verhör-Spezialisten ihn in die Mangel nehmen, redet er ausgiebig. Da auch seine rechte Hand Ramzi Binalshibh, der schon seit September 2002 inhaftiert ist, inzwischen eine Art Lebensbeichte abgelegt hat, lässt sich aus den protokollierten Geständnissen jetzt erstmals präzise die Genesis der spektakulärsten Terrortat der Geschichte nachzeichnen.

Die Aussagen zerreißen jene Schleier, die bis heute noch über der Vorgeschichte des 11. September liegen. Sie liefern den Beweis, dass die Qaida-Spitze permanent in die Vorbereitungen eingebunden war - und das auch weit früher als bislang angenommen. Und sie belegen vor allem, dass der neben Saddam Hussein meistgesuchte Mann der Welt, Terrorfürst Osama Bin Laden, persönlich über die Auswahl der Todespiloten und der zu entführenden Maschinen entschied.

Es sind vor allem die Geständnisse, die das Wissen der Terrorexperten vervollständigen - in den vergangenen Wochen ließen US-Sicherheitsexperten erste Details durchsickern; sie passen zu all dem, was Scheich Mohammed und Binalshibh in einem Doppel-Interview, das sie dem arabischen Fernsehsender Al-Dschasira kurz vor ihrer Verhaftung gegeben hatten, sagten*.

In seinen Vernehmungen durch die Amerikaner rühmt sich Binalshibh stolz seiner Rolle bei den Attentaten: Das World Trade Center und das Pentagon seien "legitime, weil militärische Ziele" gewesen. In einem Krieg müsse schließlich die Infrastruktur des Feindes ebenso vernichtet werden wie seine politischen und wirt-

schaftlichen Symbole. Und er sagte auch, dass dieser Krieg mit dem 11. September keinesfalls vorbei sein sollte: Mit immer neuen Anschlägen wollten sie dafür sorgen, dass bei den Amerikanern bald "das Land unter Wasser" stehen solle. Dann hätte man "alle Bewohner töten" können.

Wie kein Zweiter kann der prominente Häftling über den diabolischen Plot berichten: Binalshibh war das entscheidende Glied in der Kette - die Schnittstelle zwischen Osama Bin Laden in Afghanistan und der Hamburger Zelle um den Todespiloten Mohammed Atta, die in der berüchtigten Wohngemeinschaft in der Harburger Marienstraße 54 residierte. Er nannte Atta die Ziele und informierte Bin Laden persönlich über das genaue Datum der tödlichen Schläge. Er kontrollierte von Hamburg aus die Finanzströme und koordinierte die Unterstützer. Stets hatte er mehrere Handys in der Tasche, keines war auf seinen Namen angemeldet. Zuweilen seufzte er: "Was bringt dieses Leben? Das Paradies ist viel schöner!"

Binalshibhs Aussagen erklären auch, wie aus einem unscheinbaren, zunächst offenherzig lächelnden Flüchtling erst ein Asylbetrüger und Scheinstudent und schließlich einer der weltweit führenden Terroristen wurde. Einer, der seit dem 11. September unter Islamisten weltweit als Ikone der Qaida gilt, dessen Bild sogar Taliban-Kämpfer auf dem Schlachtfeld an ihrer Brust trugen. Ein Manager des Todes, der mit Bin Ladens ältestem Sohn Saad im März 2002 ein Fest feierte und dessen Verhaftung vor gut einem Jahr von US-Präsident George W. Bush persönlich gerühmt wurde: "Er dachte, er könnte entkommen. Aber er hat vergessen, dass ihn die mächtigste Nation der Erde verfolgte."

Die letzten Bilder von Chalid Scheich Mohammed und Binalshibh zeigen die beiden Strategen des "Heiligen Krieges" in demütigenden Posen: Scheich Mohammed schaut verwirrt in eine Kamera, die Haare zerwühlt, die Brust entblößt, die Hände offenbar auf den Rücken gefesselt. Binalshibh ist mit verbundenen Augen zu sehen, den Kopf zurückgerissen, ein pakistanischer Sicherheitsbeamter fuchtelt mit seiner Pistole herum.

Beide wurden sie in Pakistan gefasst, und sicher ist, dass sie zunächst vom berüchtigten pakistanischen Geheimdienst ISI vernommen wurden. Binalshibh begann sofort zu reden, beantwortete viele Fragen. Doch das Schweigen seines Glaubensgenossen Scheich Mohammed konnten die ISI-Experten nicht brechen. Erst betete er nur - zwei Tage lang kauerte er in tranceähnlichem Zustand auf dem Boden und rezitierte Koranverse. Am dritten Tag soll er seine pakistanischen Vernehmer plötzlich beschimpft haben: "Die willigen Verbündeten Amerikas zu spielen wird euch und eurem Land nicht helfen!" Danach stülpten ihm die Pakistaner eine Maske über den Kopf, fuhren ihn zur Luftwaffenbasis Chaklala in Rawalpindi und übergaben ihn den amerikanischen Behörden - wie auch schon Binalshibh fünf Monate zuvor.

Mit welchen Methoden US-Verhörspezialisten die Redebereitschaft wecken, hat sich schon im Camp in Guantanamo Bay gezeigt. Den gefangenen Terroristen dort wird klar gemacht, dass es für sie nur eine Hoffnung gibt: zu reden. Ob der Gefangene eine Nacht ausschlafen kann, ob in seiner Zelle Tag und Nacht Licht brennt, was es zu essen gibt - all das hängt davon ab, ob er redet. Der Druck scheint zu wirken: "Wir haben eine unglaubliche Menge Informationen aus ihnen herausgeholt, die es für unglaublich viele Personen auf dieser Welt sehr viel schwerer machen wird", sagt US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

Und doch beginnt jedes Verhörprotokoll von Scheich Mohammed und Binalshibh mit dem vorsorglichen Hinweis, dass man nicht sicher sein könne, wo die echten Informationen enden - und wo Lügen beginnen. Die US-Geheimen glauben zwar weitgehend, was die beiden Gefangenen über die Vorbereitung der Terrortat erzählen: welche Geheimtreffen es gegeben hat oder wann Details des Plans ausgetüftelt wurden. Doch die Terrorexperten bezweifeln vieles, was Scheich Mohammed und Binalshibh über die Rollen einzelner Qaida-Kader sagen - womöglich wollen sie ihre Kumpane schützen.

Doch bei allen Vorbehalten: War die Geschichte des 11. September 2001 bisher ein Art Puzzle, bei dem noch einige wesentliche Teilchen fehlten, ist das Bild jetzt, nach den Aussagen, nahezu vollständig - in einigen Bereichen sogar bis ins letzte Detail. Die Häftlinge, so Vince Cannistraro, ehemaliger Chef der CIA-Terrorabwehr, hätten jene "Stücke eingefügt, die bislang fehlten, so dass die US-Regierung davon überzeugt sein kann, nun ein halbwegs stimmiges Verständnis des Plans zum 11. September zu haben".

Das gilt auch für die deutschen Behörden: Die Bundesregierung, das Bundeskriminalamt und die Geheimdienste haben Kopien von jenen Teilen der Aussageprotokolle bekommen, die Deutschland betreffen. Die Amerikaner haben den Deutschen allerdings verboten, das Material in Gerichtsprozessen gegen Terrorverdächtige zu benutzen - was die deutsche Justiz zu seltsamen Verrenkungen bringt (siehe Seite 128).

Von den 29 Mitgliedern der so genannten Tafelrunde der Qaida, der versammelten Führungsriege um Bin Laden, ist inzwischen rund ein Drittel in Haft. Die Aussagen aller Inhaftierten haben die Verhörspezialisten immer wieder miteinander abgeglichen, sie in weiteren Befragungen überprüft und Unklares oder offensichtlich Falsches aussortiert.

Den Ermittlern ist inzwischen klar, dass die Apokalypse von New York nur möglich wurde, weil in den Bergen von Kandahar nach und nach drei Stränge zusammenliefen: Zum einen gab es die Obsession des Clans von Scheich Mohammed, dessen Angehörige die USA zutiefst hassen. Dazu kam die Macht des Fanatikers Osama Bin Laden über eine ganze Armee von paramilitärisch ausgebildeten Religionseiferern - und schließlich der blinde Märtyrerwahn einer Gruppe von Muslimen aus Hamburg-Harburg, die sich nichts sehnlicher wünschten, als im Krieg gegen die Ungläubigen zu sterben.

Die Geschichte des 11. September begann an einem grauen Freitag im Frühjahr 1993 als Privatkrieg - mit dem ersten Bombenanschlag auf das World Trade Center. An jenem 26. Februar 1993 zündete Ramsi Ahmed Jussuf, ein Neffe Scheich Mohammeds, eine gewaltige Bombe in der Tiefgarage des WTC: Es waren rund 600 Kilogramm hochexplosives Nitroglyzerin, versteckt in einem weißen Lieferwagen, der auf Parkdeck B 2 stand. Die Explosion riss einen 60 mal 30 Meter großen Krater in das Fundament, sechs Menschen starben. Die Türme bebten. Aber sie fielen nicht.

Als er Jahre später festgenommen wurde, schwärmte Jussuf, ein finster dreinblickender Mann mit Segelohren und Vollbart, immer noch von der genialen Konstruktion seiner Bombe: Die Fahnder brachten ihn 1995 per Hubschrauber ins New Yorker FBI-Büro - und als die Zwillingstürme in Sichtweite kamen, sagte Jussuf: "Wenn ich mehr Geld und Zeit gehabt hätte, um eine noch größere Bombe zu bauen, stünden die Türme nicht mehr."

Und als sehne er geradezu das ihm versprochene Paradies herbei, wollte er von den Beamten wissen, ob seine Hinrichtung nach einem Todesurteil denn auch zügig vollzogen werde.

Wie tief der Hass im Clan der Mohammeds verwurzelt ist, zeigte sich immer wieder: Auch Scheich Mohammeds älterer Bruder Sahid wurde Mitglied von al-Qaida, ein anderer Bruder ließ sein Leben als Mudschahid im Kampf gegen die Sowjets. Und "KSM", wie die US-Fahnder den Namen Scheich Mohammeds intern abkürzen (weil sie Chalid mit K schreiben), war laut FBI schon 1993, beim ersten Anschlag auf das World Trade Center, einer jener Hintermänner, die das Geld für den Kauf des Sprengstoffs aufgetrieben hatten.

Da war es wohl konsequent, dass die Terror-Familie nach dem aus ihrer Sicht misslungenen Anschlag den Plan, die Amerikaner auf ihrem eigenen Grund und Boden vernichtend zu treffen, nicht aufgab. "KSM" und sein Neffe entwickelten ein Drehbuch, das den Anschlag von New York an Wucht weit übertreffen sollte: die "Operation Bojinka".

Ebenso konsequent war es, dass diesmal nicht nur Bombenbastler Jussuf, sondern auch Chalid Scheich Mohammed Hauptrollen in dem mörderischen Plot übernehmen wollten.

Scheich Mohammed, heute 38 oder 39 Jahre alt - so genau weiß das auch das FBI nicht -, war damals oft auf den Philippinen. Sein Vater, einst aus der pakistanischen Provinz Belutschistan nach Kuweit ausgewandert, war in dem arabischen Land ein populärer Prediger geworden. Seinen Sohn Chalid hatte der Unternehmer 1983 zum Studium an ein baptistisches College nach North Carolina geschickt, später an die Universität von Greensboro, wo Scheich Mohammed im Dezember 1986 einen Abschluss in "Mechanical Engineering" machte.

Das technische Wissen, das er dabei erworben hatte, wollte er nun für die "Operation Bojinka" nutzen: Mit Zeitzünder-Bomben, so der Plan, sollten zwölf amerikanische Passagierflugzeuge nahezu zeitgleich in die Luft gesprengt werden.

Doch am 6. Januar 1995 flog das Komplott auf: Jussuf hatte in einem Wohnkomplex in Manila mit einem Selbstlaborat aus Kalium- und Natriumchlorat experimentiert, als das Gebräu plötzlich Feuer fing. Panisch floh Jussuf. Auf einem in der Wohnung sichergestellten Laptop fanden Ermittler wenig später diverse Dateien voller perfider Ideen: Darunter war etwa der Vorschlag, den Papst bei dessen Manila-Besuch Anfang 1995 zu ermorden - und ein detaillierter Plan der "Operation Bojinka".

Jussuf und zwei Männer wurden kurz darauf festgenommen. Aber sein Onkel Scheich Mohammed hatte sich rechtzeitig abgesetzt - und er machte weiter. Zwar suchten die Amerikaner seitdem mit Fahndungsplakaten nach dem Scheich, auf denen er einmal als Dschihad-Krieger mit rauschendem Vollbart, ein andermal als sauber rasierter, weltlich gekleideter Muslim in weißem Hemd und gestreiftem Schlips gezeigt wurde.

Doch weder die Steckbriefe ("leicht übergewichtig, braune Augen, Brillenträger") noch die zwei Millionen Dollar Kopfprämie halfen: Scheich Mohammed, von dem es heißt, er spreche fließend Englisch, Arabisch und Urdu, war im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet bei den Taliban untergetaucht.

Auch hier verlor der Islamist sein Ziel nicht aus den Augen. Bereits 1996, berichtete Scheich Mohammed jetzt den erstaunten Vernehmern, habe er das erste Mal bei Osama Bin Laden für seine Idee geworben, eine kleine Maschine als Kamikaze-Bomber zu nutzen. Und er habe ihn auch um zwei für die Realisierung unabdingbare Voraussetzungen gebeten: Geld und Märtyrer.

Weil aber Bin Laden zu etwas Größerem drängte, zu einem weit spektakuläreren Showdown - eben einem "Bulldozer" statt der "Axt" -, entwickelte Scheich Mohammed einen ebenso ehrgeizigen wie verwegenen Plan: Al-Qaida könne doch zeitgleich zehn Flugzeuge entführen, je fünf an der West- und an der Ostküste der USA. Sie alle sollten dann in geeignete Objekte geflogen werden.

Doch Bin Laden hatte Zweifel, hielt einen derart gewaltigen Plan für nicht praktikabel - die organisatorischen Probleme eines solchen großen Schlages könne nicht einmal al-Qaida bewältigen.

Warum, schlug der Terrorfürst bei einem dieser Treffen mit Scheich Mohammed ganz pragmatisch vor, begnüge man sich nicht erst einmal mit vier Piloten? Denn: Es gebe da vier viel versprechende junge Männer, die jederzeit bereit seien, für Allah zu sterben. Man müsse sie nur entsprechend trainieren. Zwei der Kandidaten, die Saudi-Araber Chalid al-Midhar und Nawaf al-Hamsi, sollten dann später am 11. September tatsächlich jenen American-Airlines-Jet entführen, der in das Pentagon stürzte. Neben den beiden hatte Bin Laden damals noch zwei Jemeniten im Auge.

Es war 1996. Der Countdown für den "Heiligen Dienstag" begann.

Scheich Mohammed übernahm die Leitung des militärischen Komitees des Qaida-Netzwerks. Der Terror-Manager wurde schon bald nur noch ehrfürchtig "al-Much" genannt - das "Gehirn". Fortan stand Scheich Mohammed als Planer hinter fast allen tödlichen Attacken. Ermittlungen ergaben, dass er sogar noch nach dem 11. September Regie führte: etwa beim Anschlag auf deutsche Touristen auf der Ferieninsel Djerba im April 2002.

Seine Leute bombten jahrelang in aller Welt - so auch 1998 vor den US-Botschaften in Nairobi und Daressalam. Nur: Noch hatten sie die Amerikaner nicht im eigenen Land getroffen. Aus einem Anschlag auf den Airport von Los Angeles im Jahr 2000 wurde nichts, weil der Sprengstoffkurier gefasst wurde.

Doch die Organisation fühlte sich stark genug, es wieder zu versuchen.

Eine Beratergruppe - ein kleines, neben Bin Laden aus fünf Männern bestehendes Gremium - wog sorgfältig Für und Wider verschiedener Pläne ab. Klar war: Als Waffen wollten die Islamisten entführte Passagier-Jets nutzen. Nur: Welche Ziele sollte man damit angreifen? Zunächst standen Atomanlagen zur Diskussion; die Idee wurde wieder verworfen - "aus Angst, dass die Sache außer Kontrolle geraten" könne, wie Scheich Mohammed beim Dschasira-Interview sagte. Auch hatte er Sorge, der Anschlag könne scheitern, weil die US-Luftwaffe den Luftraum über Atomkraftwerken besonders gründlich überwacht.

Zudem dachten die Osama-Getreuen über den Ablauf des großen Angriffs nach - und planten zunächst zwei Wellen: Erst wollten sie mehrere Maschinen in Amerika entführen und wenig später dann weitere Flugzeuge in Südostasien. Doch die Idee des Doppelschlags, erklärte Scheich Mohammed, sei am Veto Bin Ladens gescheitert: "Zu schwierig zu synchronisieren."

Also entschied die Qaida-Spitze 1999, es vorerst bei der Kaperung von vier Flugzeugen zu belassen. Die von Bin Laden ausgesuchten Piloten Nawaf al-Hamsi und Chalid al-Midhar hatten derweil schon in Afghanistan mit dem Kommandotraining begonnen. Hamsi war ein Fanatiker, der als Teenager 1993 das erste Mal nach Afghanistan gereist war. 1995 hatten er und Midhar in Bosnien als Freiwillige gegen die Serben gekämpft. Später legten beide den Treueschwur auf Bin Laden ab.

Doch dann gab es plötzlich Probleme. Nur Midhar und Hamsi erhielten im April 1999 vom US-Konsulat im saudi-arabischen Dschidda ihre Visa. Den beiden Jemeniten aber, die Bin Laden ebenfalls vorgeschlagen hatte, wurden die Stempel verweigert - Männer aus dem islamischen Staat waren der US-Einwanderungsbehörde schon vor dem 11. September suspekt.

Was die Qaida-Spitze deshalb brauchte, waren gut ausgebildete Ersatzleute. Sie sollten sich in westlichen Ländern auskennen und fähig sein, komplexe Probleme in Eigenregie zu lösen. Leute, die vielleicht - wie Scheich Mohammed selbst - sogar in einem westlichen Land studiert hatten, technisch versiert waren, perfekt im Englischen. "Wir hatten Freiwillige in rauen Mengen", protzte Scheich Mohammed gegenüber dem Dschasira-Reporter Yosri Fouda. "Unsere Aufgabe war es, die richtigen zu finden, die mit dem Westen vertraut sind."

Da waren die vier Dschihad-Rekruten aus Deutschland, die im Winter 1999 am Hindukusch eintrafen, ein echter Glücksfall.

Die Studenten Mohammed Atta, Ziad Jarrah, Marwan al-Shehhi und Ramzi Binalshibh hatten sich von Hamburg-Harburg aus aufgemacht, in den Heiligen Krieg zu ziehen. 12 000 Mark hatte Shehhi dafür am 12. November 1999 von seinem Konto bei der Dresdner Bank abgehoben. Damit kaufte er die Flugtickets, Turkish Airlines, über Istanbul nach Karatschi. Die vier flogen vorsichtshalber um ein paar Tage zeitversetzt. Nach seiner Rückkehr antwortete Jarrah seiner Freundin auf deren Frage, wo er gewesen sei: Es sei besser für sie, "nicht zu fragen".

Geworben hatte die Gruppe Mohammed Haydar Zammar, ein Qaida-Veteran der ersten Stunde, der schon in Bosnien gekämpft hatte. Zammar, ein schwerfälliger Mann von 140 Kilo, verteilte in Hamburg von Hand kopierte Bin-Laden-Flugblätter und galt als Anlaufstelle für Heilige Krieger in spe. Er sitzt mittlerweile in Syrien in Haft und hat gestanden, Binalshibh und andere für al-Qaida begeistert zu haben.

Wie erfolgreich er dabei war, dokumentiert ein Video, auf dem ein Großteil der Hamburger Terrorzelle zu sehen ist.

Es zeigt die Hochzeit von Said Bahaji, einem der engsten Freunde von Atta und Binalshibh, aufgenommen am 9. Oktober 1999, etwa sechs Wochen vor Abflug des Märtyrerkommandos nach Afghanistan. Die Feier in der Kuds-Moschee am Hamburger Steindamm war so etwas wie ein Klassentreffen der norddeutschen Islamistenszene, das Video ist ein Zeugnis der Radikalisierung der Muslime.

Binalshibh, der im großen Versammlungsraum lange ruhig im Schneidersitz auf dem Boden gesessen hatte, ergriff plötzlich das Wort, entschuldigte sich höflich für die Unterbrechung, um dann die versammelten Brüder aufzustacheln: "Jeder Muslim hat das Ziel, den islamischen Boden von jedem Unterdrücker und Tyrannen zu befreien!" Und weiter: "Und wenn diese Tyrannen dich angreifen, so wirst du eine Welle aus Feuer und Blut sein!" Später sangen die Gäste noch alte arabische Kampflieder, allen voran Marwan al-Shehhi: "Wir werden voll glühender Einsatzbereitschaft sein, wir zermalmen die Throne der Unterdrücker!"

Es waren symbolische Worte auf einem Hochzeitsfest, das für einige der Gäste zu einer Abschiedsfeier wurde, sollten sie doch Hamburg auf ihrem Weg nach Amerika nur noch sporadisch wiedersehen.

Ursprünglich, so berichtete es Binalshibh seinen Vernehmern, wollten die vier Kämpfer aus Hamburg nach Tschetschenien, nicht nach Afghanistan. In den deutschen Moscheen waren damals die Gräueltaten der Russen ein Dauerthema, und immer wieder machten sich Freiwillige auf, um Richtung Grosny zu ziehen.

Die Hamburger Gruppe suchte zunächst Rat bei erfahrenen Mudschahidin. Schließlich empfing sie der Duisburger Islamist Mohamadou Ould Slahi, ein mittlerweile in Guantanamo Bay inhaftierter Qaida-Werber. Er war in Afghanistan in Guerilla-Methoden geschult worden und unterhielt beste internationale Kontakte.

Ould Slahi, vertraut im Umgang mit konspirativen Fragen, warnte die Freiwilligen aus der Kuds-Moschee: Aus Europa kommende Araber hätten es schwer, bis nach Grosny durchgelassen zu werden. Es sei besser, über das pakistanische Quetta Richtung Hindukusch zu reisen.

Dort muss dann in den ersten Wochen des Jahres 2000 die Entscheidung gefallen sein, dass Atta und Co. für die "Operation Heiliger Dienstag" nach Amerika ziehen sollten.

Denn ausgestattet mit einer persönlichen Empfehlung Ould Slahis an Bin Laden waren die vier Islamisten aus Deutschland nach und nach in Kandahar eingetroffen: der verschlossene, ernste Kopf der Gruppe, der Ägypter Mohammed Atta, damals 31; der weltliche Libanese Ziad Jarrah, 24, der sich später stolz mit erteilter Fluglizenz und dunkler Sonnenbrille in Florida ablichten ließ; der wohlhabende, mollige Marwan al-Shehhi, 21, der aus den Vereinigten Arabischen Emiraten jeden Monat einen Scheck über 4000 Mark bekam, um sein Studium zu finanzieren; und der lebenslustige Jemenit Ramzi Binalshibh, 27, der als letzter Afghanistan erreichte.

Alle vier legten in den Bergen die "Baia" ab, jenen Eid, der Bedingung für den Zugang in das Innere von al-Qaida bedeutet: der Treueschwur auf Bin Laden. "Ich schwöre bei Allah, in dessen Händen Scheich Mohammeds Leben liegt: Ich wünsche mir, zu kämpfen und im Kampfe zu sterben und wieder zu kämpfen und im Kampfe zu sterben und wieder zu kämpfen und im Kampfe zu sterben." Und bald wurde die Gruppe von Bin Laden selbst zu einem Ramadan-Essen eingeladen - eine außergewöhnliche Ehre, wie sie nur wenigen der vielen tausend Rekruten aus aller Welt zuteil wurde.

Was Binalshibh von den Taliban halte und wie das Leben der Muslime in Europa sei, fragte Bin Laden bei einer Audienz voller Neugierde. Dann versprach der Terrorfürst, sie dürften als Märtyrer ins Paradies eingehen - nur wie, das verriet er noch nicht.

Erst kurz vor ihrer Abreise heim nach Deutschland rief Bin Laden die Hamburger erneut zusammen. Al-Qaidas Militärchef, der später bei einem US-Bombardement in Afghanistan getötete Ägypter Mohammed Atif, eröffnete den Männern bei dem Treffen, sie seien für eine "sehr geheime Mission" auserwählt worden: Sie sollten sich in den USA um eine Pilotenlizenz bemühen und jetzt erst mal schnell aus Afghanistan verschwinden. Eile sei nötig, für Anfang 2000 erwarte die Lagerleitung neue Luftangriffe der Amerikaner auf die Qaida-Stellungen. Bereits einmal, im August 1998, nach den großen Anschlägen in Tansania und Kenia, hatte die US-Marine Qaida-Lager mit Cruise Missiles beschossen, wenngleich ohne großen Erfolg. Nun drohte ein neuer Schlag.

Auch einen ganz praktischen Rat gaben Bin Laden und Atif ihnen mit: Sie sollten nicht vergessen, später ihre Pässe wegzuwerfen, damit die Reise nach Afghanistan unentdeckt bleibe. Und für die neuen Passfotos sollten sie sich den Bart abrasieren, damit man sie nicht als Gläubige erkenne.

Und tatsächlich: In seinem ägyptischen Reisepass Nummer 1617066, den Atta am 8. Mai 2000 vom ägyptischen Generalkonsulat in Hamburg ausstellen ließ, obwohl der alte noch nicht abgelaufen war, ist der Student glatt rasiert abgebildet. Atta und der Libanese Ziad Jarrah, so hatte Bin Laden verfügt, seien von nun an die Anführer der Gruppe.

Den US-Behörden gestand Scheich Mohammed inzwischen, er habe damals ein eigenes, speziell für die Hijacker gedachtes Trainingsprogramm entwickelt, das vor allem das Verhalten in der amerikanischen Gesellschaft umfasste - bis hin zur Suche nützlicher Adressen in den Gelben Seiten, der Auswahl von Flugschulen und dem Studium von Flugplänen. Schließlich sollten Atta und die anderen möglichst gut auf den Aufenthalt in den Staaten vorbereitet sein.

Binalshibh, der ebenso wie Bin Ladens Vater aus der jemenitischen Provinz Hadramaut stammt, hatte sich während des gut zweimonatigen Aufenthalts in Afghanistan zu einem Liebling des Terrorchefs entwickelt, auch weil der ihn für besonders vertrauenswürdig hielt. "Obeida", so sein Deckname, stand schnell in dem Ruf, ein Vertrauter des Chefs zu sein. In der Tat war Binalshibh, so sagte es Scheich Mohammed, von der Qaida-Spitze zum "Koordinator der Einsätze des Heiligen Dienstags" ernannt worden.

Doch dafür sollte er zurück nach Hamburg, wo fortan, wie Binalshibh erzählt, "die Kommunikation der Zellen untereinander zusammenlief und wo die Befehle vom Oberkommando in Afghanistan eingingen".

Das entscheidende Kriterium für den Job des Koordinators: Mit Geldtransfers kannte Binalshibh sich bestens aus. Acht Jahre lang hatte er als Schreiber in der International Bank of Yemen gearbeitet, bevor er 1995 nach Deutschland kam. Seine Chefs im Jemen beschrieben ihn als höchst aufsässig: Mehrfach habe er Vorgesetzte beleidigt, sei zu spät zur Arbeit erschienen oder habe vertrauliche Dokumente nach Dienstschluss aus Faulheit nicht weggeschlossen. Aber er kannte die internationalen Wege des Geldes.

Aus Afghanistan nach Deutschland zurückgekehrt, versuchte Binalshibh zunächst auch noch, sich selbst zum Piloten ausbilden zu lassen. Dafür reiste er Mitte März 2000 ins niederländische Apeldoorn. Doch holländische Flieger rieten ihm, in Amerika zu lernen, wenn er sowieso dorthin wolle. In den USA sei der Unterricht besser.

Viermal, zwischen dem 17. Mai 2000 und dem 25. Oktober 2000, versuchte Binalshibh, ein Visum für die USA zu erhalten. Erst in Deutschland, dann im Jemen, dann wieder in Deutschland. Doch als der Sachbearbeiter der amerikanischen Botschaft in Berlin zum vierten Mal die 99 Mark Bearbeitungsgebühr zurückschickte und ihm empfahl, von weiteren Versuchen abzulassen, da war klar, dass vielleicht die anderen Gruppenmitglieder zu Märtyrern werden könnten - nicht aber Binalshibh.

Nun gab er auf und konzentrierte sich auf seine eigentliche Rolle - als persönlicher Kurier Bin Ladens.

Am 31. Januar 2001 rollte eine Maschine aus Hamburg auf dem Flugfeld des International Airport von Teheran aus. An Bord war Ramzi Binalshibh - doch Teheran war für ihn nur ein Zwischenstopp, den er einlegte, um seine Spur zu verwischen. Daheim in Hamburg hatte er alles Geld abgehoben: 1900 Mark. Genug für die Reise nach Afghanistan - denn dort wartete Bin Laden auf ihn. Erst seit Binalshibhs Aussagen über diese Reise wissen die Ermittler nun, dass Anfang Februar 2001 das entscheidende Treffen mit der Führungsspitze von al-Qaida in den Bergen Afghanistans stattfand: Bin Laden wollte sich persönlich nach dem Fortgang der Planungen erkundigen.

Offensichtlich war er zufrieden - und so überzeugt von der Bereitschaft seiner Jünger, für die "gerechte Sache" zu sterben, dass er Binalshibh nun auch die vier Ziele nannte, die al-Qaida für die Anschläge ausgewählt hatte. Drei davon - die beiden Türme des World Trade Center und das Pentagon - wurden dann auch tatsächlich getroffen. Der vierte Flieger, so Binalshibh in den Vernehmungen, sollte das Kapitol angreifen, den Sitz des US-Parlaments. Die Maschine, gesteuert von Ziad Jarrah, war jedoch nach einem Aufstand der Passagiere über Pennsylvania abgestürzt. Lange mutmaßten US-Behörden, dass sie das Weiße Haus treffen sollte - erst Binalshibhs Aussage korrigierte den Irrtum.

Die Ziele, sagt Binalshibh, habe Bin Laden bereits im Mai oder Juni 2000 ausgesucht, und der Terrorchef persönlich habe auch bestimmt, wer außer den Piloten zu den vier Terror-Trupps gehören solle: Nicht Männer aus verschiedenen Ländern sollten die Maschinen entführen, sondern eine Gruppe aus Saudi-Arabien, die ihm besonders am Herzen lag. 14 Saudi-Araber waren es; von Qaida-Insidern wurden sie "die Muskelmänner" genannt, weil sie nur für entsprechende Aufgaben einsetzbar waren. Männer wie Hamsa al-Ghamdi, der in den Südturm des WTC flog und den Bin Laden auf einem von al-Qaida lancierten Videoband zu Ehren der Attentäter lobte: "Sein Herz war erfüllt von Liebe für den Kampf gegen den Feind. Er war sehr gläubig, und er nahm den Koran mit einer Leichtigkeit in sich auf, wie der Korb vom Baum herunterfallende Datteln auffängt" (siehe Seite 128).

Bei der Verabschiedung aus Afghanistan im Februar 2001 gab Bin Laden Binalshibh noch eine Order mit auf den Weg: "Seid geduldig und wartet auf weitere Instruktionen."

Binalshibh und Scheich Mohammed haben in ihren Geständnissen nun auch erzählt, wie die neuen, detaillierteren Befehle aus Afghanistan dann zu Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah gelangten. Die drei Piloten aus Hamburg absolvierten zu der Zeit schon ihre Flugausbildung in den USA - Atta und Shehhi hatten drei Tage vor Weihnachten, am 21. Dezember 2000, bereits ihre Pilotenscheine für Zivilflugzeuge ausgehändigt bekommen.

Er habe den Fliegern Bin Ladens Befehle bei einer Zusammenkunft im Juli 2001 im spanischen Urlaubsort Tarragona übermittelt, enthüllte Binalshibh den Vernehmungsspezialisten. Dass es das Treffen gab, war Fahndern schon länger klar - nur Details kannten sie kaum. Atta, so rekonstruierten sie, war eigens aus den USA angereist, Iberia Airlines 656 aus Miami, Ankunft 16.20 Uhr in Madrid. In der spanischen Hauptstadt nahm er sich einen Mietwagen für sieben Tage, einen Hyundai Accent. In Tarragona stieg der "Ringleader", wie das FBI Atta bezeichnet, im Hotel "Casablanca Playa" ab. Er bezahlte bar.

In dem Ferienort sagte Atta Binalshibh, die Hijacker seien nun einsatzbereit, auch der Termin stehe: "Porsche 911" hatten Atta und Binalshibh das Unternehmen zuvor getauft, ein Codewort für den Fall, dass sie mal miteinander telefonieren müssten.

Und der "Porsche", sagte Atta nun, sei jetzt startklar.

Die Piloten seien ausgesucht, die Routen gegengecheckt. Die Erkundungen hätten ergeben, dass die Türen der Pilotenkabinen nach dem Start meist offen stünden - ideale Bedingungen also, um die Cockpits zu stürmen. Mehrfach schon hätten Gruppenmitglieder bei Testflügen Teppichmesser mitgeführt - ohne jede Beanstandung durch das Sicherheitspersonal.

Am Ende des Gesprächs wollte Atta noch wissen, ob Binalshibh denn an den Schmuck gedacht habe? Atta hatte seinen Weggefährten zuvor gebeten, ihm allerlei Glitzerkram mitzubringen. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, um nicht kurz vor dem Ziel noch aufzufallen: Getarnt als reicher Araber, sei die Wiedereinreise in die Staaten bedeutend unauffälliger, glaubte Atta.

Spanische Ermittler mutmaßen, dass bei dem Treffen auch der Qaida-Mann Imad Jarkas alias Abu Dahdah dabei war - ihn, so meinen auch FBI-Experten, habe Atta bereits im Januar 2001, damals allein, in Spanien getroffen. Der glatzköpfige Mann mit Brille, der einer Vereinigung namens "Soldaten Allahs" vorstand und derzeit dort als Terrorhelfer angeklagt ist, leitete nach Ansicht der Fahnder eine jener Zellen, die Binalshibh von Hamburg aus koordinierte und die für die Unterstützung der Attentäter zuständig waren.

Bei Abu Dahdah rief kurz vor den Anschlägen, am 6. August und am 27. August 2001, ein unbekannter Mann namens "Schakur" an. Beim ersten Mal brüstete er sich: "Ich habe ein paar Fäden und Dinge vorbereitet, die dir gefallen werden."

Im zweiten Telefonat präzisierte "Schakur", er unterrichte gerade: "Im Unterricht sind wir in den Bereich der Luftfahrt eingetreten und haben sogar den Vogel geköpft." Es werde "mehr oder weniger noch einen Monat dauern". Nur dürfe Abu Dahdah mit niemandem darüber reden, denn das Telefon sei möglicherweise "heiß".

Das war es tatsächlich. Die spanische Polizei schnitt die Gespräche mit - und glaubte dann später, nach dem Angriff auf das World Trade Center, bei "Schakur" habe es sich um einen der Todespiloten gehandelt.

Doch am 26. September 2001, 15 Tage nach den Anschlägen, meldete sich "Schakur" wieder. Ob Abu Dahdah "die Malaria-Medizin genommen" habe? "Äußerst schlecht" stünden die Dinge, antwortete der Spanier bedrückt. Er sei mittlerweile "krank". Tatsächlich observierte die spanische Polizei zu dem Zeitpunkt bereits rund um die Uhr, kurze Zeit später nahm sie ihn fest.

Wer nun der geheimnisvolle "Schakur" wirklich war, ist eines der verbliebenen Rätsel, und die Rolle seines Gesprächspartners Abu Dahdah wird sich wohl erst vor Gericht klären lassen. Sicher ist, dass Unterstützer in Spanien in den Tagen um den 11. September eine wichtige Rolle bei Binalshibhs Flucht spielten: Sechs Tage vor den Anschlägen, am 5. September 2001, setzte sich der Jemenit mit Lufthansa-Flug 4398, Abflug 14.40 Uhr aus Düsseldorf, nach Madrid ab.

In der spanischen Hauptstadt, so gestand Binalshibh nun, habe ihn ein Qaida-Mitglied namens Abd al-Wahid empfangen und ihm einen saudi-arabischen Reisepass sowie Tickets nach Karatschi in die Hand gedrückt. Al-Wahid sei ein Saudi-Araber mit britischem Ausweis, zuständig für die Reisen von Qaida-Kadern. Kurz nach dem 11. September sei er, Binalshibh, schließlich im afghanischen Kandahar, der heimlichen Hauptstadt der Taliban, eingetroffen.

Er war nicht der Einzige, der sich in diesen Tagen schleunigst nach Afghanistan absetzte. Denn spätestens seit Ende August wusste laut Binalshibh auch Bin Laden das genaue Datum. Diskret hatte der Terrorchef daraufhin Botschafter in alle Welt geschickt und seine Vertrauten aufgefordert, nach Afghanistan zurückzukehren, bis "spätestens zum 10. September". Unvorsichtigerweise ließ Bin Laden auch eine seiner Lieblingsfrauen, die in Syrien war, ins sichere Afghanistan bitten - mit Verweis auf etwas sehr Dringendes. Das Telefonat wurde gleich von mehreren Geheimdiens-

ten abgehört. Doch keiner der Lauscher ahnte die Bedeutung.

Am 11. September um 8.46 Uhr Ortszeit rammte American Airlines Nr. 11 den Nordturm des World Trade Center. Am Steuer saß, nach allem, was man weiß, jener Student der Stadtplanung aus Hamburg, der die deutsche Gruppe im Herbst 1999 von Hamburg über Duisburg nach Afghanistan geschleust hatte: Mohammed Atta.

Siebzehn Minuten später, um 9.03 Uhr, zerschellte United Airlines Nr. 175 am Südturm des Bürokomplexes. Am Steuer: Marwan al-Shehhi, Attas Freund.

Weitere vierzig Minuten später, um 9.43 Uhr, stürzte eine Boeing 757, American Airlines Nr. 77, auf das Pentagon. An Bord war Chalid al-Midhar, Bin Ladens Mann der ersten Stunde, der als erster Freiwilliger überhaupt auserwählt worden war und seit 1999 wusste, dass er als Märtyrer sterben sollte.

Gegen 10.10 Uhr Ortszeit rammte sich die Boeing von United Airlines, Flugnummer 93, bei Shanksville (Pennsylvania), in die Erde, nachdem die Passagiere von der Apokalypse in New York erfahren und das Cockpit gestürmt hatten. Jarrah, der einstige Lebemann, der im Cockpit saß, hatte sein Ziel nicht erreicht.

Die Terroristen töteten über 3000 Menschen. Zudem zerstörten sie das Wahrzeichen wirtschaftlicher Macht - und vor allem beschädigten sie das Selbstvertrauen einer ganzen Nation. Der 11. 9. war für Islamisten ein Sieg, und er wurde für sie zu einem "heiligen Dienstag". Von einem solchen Tag hatte Scheich Mohammed seit 1993 geträumt.

Wo Binalshibh und er derzeit vernommen werden, ist unbekannt. Sicher ist nur, dass sie nicht in Guantanamo Bay festgehalten werden. Ansonsten gibt es viele Gerüchte: Auf einem US-Kriegsschiff sollen sie sein, auf dem Luftwaffenstützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean oder in Bagram, dem US-Hauptquartier in Afghanistan. Möglich ist aber auch, dass sie in einem Staat gefangen gehalten werden, der es mit den Menschenrechten und dem Folterverbot nicht so ernst nimmt und für die Amerikaner die Schmutzarbeit erledigt. "Hotel California" nennen US-Ermittler solche Orte.

Darüber, wie US-Vernehmer ihren Job begreifen, haben sie nie einen Zweifel gelassen: Alles, was die beiden über al-Qaida wissen, müsse aus ihnen herausgeholt werden, im nationalen Interesse, heißt es

bei der CIA: "Wenn sie schweigen, kostet es unser Blut." Diese ultimative Herangehensweise hat selbst amerikanische Politiker beunruhigt. Ohne das Wort "Folter" explizit zu benutzen, fragten Mitglieder der Geheimdienstausschüsse des Kongresses nach, ob denn auch Gewalt angewandt werde. "Es gibt vor und nach dem 11. September, das ist alles, was ich dazu sagen werde", antwortete Cofer Black, Ex-Anti-Terror-Chef der CIA und heute im Außenministerium für dasselbe Thema zuständig. Und: "Wir haben die Samthandschuhe ausgezogen."

Was das bedeutet, hat zuletzt Omar al-Faruk, bis zu seiner Festnahme eine Art Südostasien-Beauftragter Bin Ladens, erfahren. In seiner Isolierzelle in Bagram brannte Tag und Nacht das Licht, Faruk musste nachts auf dem Boden hocken. Schockartig erhöhten die Vernehmer die Temperatur auf tropische 38 Grad, um sie dann auf eisige zwölf Minusgrade fallen zu lassen - so lange, bis er zur Kooperation bereit war.

Unter welchen Umständen die Geständnisse von Binalshibh und Scheich Mohammed zu Stande kamen, wird sicher auch die politische und strafrechtliche Bewertung beeinflussen - wenn es denn jemals ein ordentliches Gerichtsverfahren geben sollte. Denn über den Rechtsstatus der gefangenen Qaida-Leute muss US-Präsident George W. Bush noch persönlich entscheiden.

Bleiben sie bis an ihr Lebensende weggesperrt, oder müssen sie sich vor einem Militärtribunal verantworten? Ist die Todesstrafe aus US-Sicht für ein Verbrechen solch ungeheuren Ausmaßes angemessen? Oder ist es eine noch viel größere Strafe, wenn die Massenmörder den Rest ihres Lebens ohne jede Perspektive isoliert bleiben müssten - so wie Scheich Mohammeds Neffe Ramsi Ahmed Jussuf, der eine 240jährige Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado verbüßt.

Ramzi Binalshibh haben die möglichen Konsequenzen offenbar wenig beeindruckt. Ihm, prahlte der Gefangene lautstark, mache es nichts aus, nach Guantanamo Bay geflogen zu werden. Das Internierungslager, witzelte Binalshibh, sei doch derzeit der weltweit einzige Platz, "wo 500 Mudschahidin-Kämpfer an einem Ort sein könnten". Im Camp werde er wohl ein Institut gründen oder eine religiöse Schule. Und wenn er wieder frei sei, drohte Binalshibh seinen Vernehmern, dann werde er als erstes "1000 Amerikaner töten". GEORG MASCOLO, HOLGER STARK

* Nick Fielding, Yosri Fouda: "Masterminds of Terror". Europa Verlag, Hamburg; 256 Seiten; 14,90 Euro. * Mit seinem Helfer Abd al-Asis al-Umari. * Mit ihren Ehefrauen Laura und Lynne am 11. September dieses Jahres vor dem Weißen Haus.

DER SPIEGEL 44/2003
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