03.11.2003

Ehe oder Tod

Tausende Mädchen werden jedes Jahr in Deutschland mit Gewalt zur Heirat gezwungen. Jetzt fordern Politiker mehr Schutz für die Opfer.
Die Mutter von Fadia H. sitzt in ihrem Wohnzimmer in Celle, sie fängt an zu weinen, als sie von ihrer toten Tochter spricht: "Meine Familie wollte die Leiche nicht, die haben gesagt, das ist schmutzige Leiche."
Fadia bekam nicht mal ein würdiges Begräbnis, sie hatte die Ehre ihrer Familie befleckt. Diese Schande wurde am 3. November 2000 gerächt, als ihr Bruder Rudank die 21-Jährige auf offener Straße niederstach.
Sie liebte einen Deutschen, ihren Freund Michael, und wollte keinen heiraten aus ihrer Glaubensgemeinschaft, den Jesiden, allesamt Familien mit archaischen Lebensregeln. In dieser Religion heiraten Mädchen den Mann, den ihre Familie aussucht. Wenn sie es nicht freiwillig tun, werden sie dazu gezwungen. Wenn sie dem Zwang standhalten, folgt oft der Tod.
Nicht nur Jesidinnen werden von ihren Vätern und Brüdern zum Jawort getrieben. Tausende junge Frauen in Deutschland müssen ein Martyrium erdulden: Man prügelt sie in den Hafen der Ehe oder sperrt sie so lange ohne Essen in ein Zimmer, bis ihr Wille gebrochen ist. Die meisten stammen aus fundamentalistischen, häufig islamischen Volksgruppen, aus der Türkei, Marokko und dem Kosovo. Sie kommen aus Familien, in denen die Ehre über allem steht, über Gott, über dem eigenen Leben, über der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind.
Eine türkische Jurastudentin aus Berlin musste ihren Cousin heiraten und erlebte "zwei Jahre des Terrors", so ihre Anwältin Seyran Ates. Der Mann zwang die heute 23-Jährige zu Sex und drohte sonst mit Prügeln.
Allein in Berlin besuchten im vergangenen Jahr rund 230 Frauen kurz vor der Zwangsehe die Beratungsstellen. "Jede Woche gibt es ein paar Neue, die sich bei uns melden", sagt Rahel Volz von der Tübinger Hilfsorganisation Terre des Femmes, die Dunkelziffer ist allerdings hoch.
Jetzt versuchen Politikerinnen das Thema in Deutschland publik zu machen. Vor allem die Grünen im Bundestag und die baden-württembergische Justizministerin Corinna Werwigk-Hertneck (FDP) sehen dringenden Handlungsbedarf. Denn obwohl Artikel 16 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte jedem die freie Wahl seines Ehepartners garantiert, wird Zwangsverheiratung kaum bestraft.
Nur wenn es einmal passiert, dass die Polizei, von Nachbarn alarmiert, wegen Körperverletzung, Freiheitsentzug oder Nötigung anrückt, werden die Täter belangt. Irmingard Schewe-Gerigk, frauenpolitische Sprecherin der Grünen, fordert deshalb, den Tatbestand des Menschenhandels auf den Heiratshandel auszuweiten. "Noch schlimmer für die Opfer", so Schewe-Gerigk, " ist der unsichere Aufenthaltsstatus."
Nach deutschem Recht dürfen junge Frauen, die etwa während der Sommerferien in der Türkei an ihre unbekannten Cousins verheiratet werden, nur während des ersten halben Jahres zurückkehren. Flüchtet die Ehefrau erst nach sieben Monaten Martyrium, bleiben ihr die deutschen Grenzen verschlossen, Ausnahmen gibt es nur bei Minderjährigen.
Noch schlimmer steht es um die importierten Bräute, oft junge Musliminnen, die schon im Kindesalter einem Fremden versprochen und als Teenager zur Hochzeit nach Deutschland gebracht werden. Zwei Jahre müssen sie die Zwangsgemeinschaft aushalten, um bleiben zu dürfen. Flüchten sie früher aus der verhassten Ehe, können sie ausgewiesen werden - in der Heimat erwarten sie oft brutalste Strafen.
Diese Bestimmungen wollen die beiden Politikerinnen lockern. Doch mancherorts reichen offenbar nicht einmal bestehende Gesetze aus, um zumindest den Tod von Frauen wie Fadia H. zu sühnen. Ihr Bruder Rudank ist drei Jahre nach der Tat noch immer auf freiem Fuß. Ein Unfall sei es gewesen, behauptete er, die Schwester habe ihn zuerst attackiert. Gerichtsmediziner sind zu dem Schluss gekommen, dass die Messerstiche "mit großer Wucht" ausgeführt wurden, also eher eine Bluttat als Notwehr. Die Staatsanwaltschaft hofft nun, Rudank endlich überführen zu können.
Vielleicht sind es auch solche schier unglaublichen Vorgänge in der Justiz, die im strengen Glauben erzogene Mädchen resignieren lassen. Denn schon die Drohung mit Prügel und Ausgrenzung reicht mittlerweile bei vielen, um sich in die Ehe zu fügen.
Wer wegläuft, steht vor dem Nichts, ohne Geld, ohne Bleibe, stets auf der Flucht vor dem blutigen Hass des Clans. Die Türkin Leila, 22, die vor sechs Jahren mit ihrem Freund untertauchte, kennt auch die Not der Täter. "Es ist der Druck und die Schande vor den anderen da", erzählt sie, die Parole laute: "Such das Mädchen, und gib ihm die Strafe, die ihm zusteht." Mehrmals ist Leila ihren Häschern in letzter Sekunde entkommen, ein Leben in Angst und Anonymität.
Oft genügt den religiösen Fanatikern schon das Gerücht über ein sexuelles Verhältnis vor oder außerhalb der Ehe, und die Schande ist nicht mehr zu tilgen. So erging es dem Bruder von Nezir B., 29. Man erzählte sich, er habe was mit einer anderen. Die Familie der angeblichen Geliebten ließ ihn töten. Zwei Jahre später ermordete Nezir den Mörder seines Bruders, Blutrache ist bei seinen Leuten ungeschriebenes Gesetz. Nezir, der in der Justizvollzugsanstalt Geldern seine Strafe absitzt, sagt, er würde wieder so handeln. "Ich habe keine andere Wahl mehr gesehen, weil ich mich nicht gegen meine Familie entscheiden wollte."
Doch nicht nur die Familie bestimmt, wer sich ewig bindet, bei extremistischen Kurden etwa ist es auch die Partei: Für die PKK waren Zwangshochzeiten lange ein beliebtes Mittel, um Rekruten nach Deutschland zu bringen. Das weiß auch die Polizei, doch solange die jungen Frauen ihre Peiniger nicht anzeigen, fehlen die Beweise. 1999 ließen Anhänger der PKK in Deutschland ein entsetzliches Exempel statuieren: Ein junges kurdisches Paar, das gegen den Willen des regionalen Parteiführers geheiratet hatte, wurde an der Weser von dessen Schergen brutal erstickt und erschlagen.
Wer sich den Befehlen widersetzt, kann oft nur mit neuer Identität überleben - ein Schritt, den vor allem gebildete Frauen der Zwangsehe vorziehen, zum Beispiel die junge Muslimin Joanna aus Marokko.
Sie sollte einen Mann heiraten, den sie in ihrer Kindheit nur zweimal gesehen hatte. "Das war jemand, den ich gar nicht kenne", sagt sie. Das Gefühl, aus der Kontrolle des Elternhauses in die Kontrolle des fremden Ehemanns zu geraten, sei "zur Qual geworden".
Joanna lief weg, begann ein neues Leben, färbte sich die Haare und trat beim Casting der "Popstars" auf. Trotzdem vermisst sie Mama und Papa. "Es gibt Menschen, die können beides haben, Freiheit und Familie. Ich musste das eine aufgeben, um das andere zu haben." AMAI HAUKAMP,
FELIX KURZ, CONNY NEUMANN
Von Amai Haukamp, Felix Kurz und Conny Neumann

DER SPIEGEL 45/2003
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