10.11.2003

VERBRECHEN

Liebe, Lügen, Tod

Von Bayer, Wolfgang und Röbel, Sven

Um seine schwer kranke Frau zu schützen, gestand der Fassbinder-Schauspieler Günther Kaufmann eine Mordtat, die er nicht begangen hat. Seit fast drei Jahren sitzt er im Gefängnis. Dann wurden die mutmaßlichen Täter doch gefasst. Jetzt will Kaufmann einen neuen Prozess.

Ein Mann liebt eine Frau. Sie ist todkrank. Weil sie Medikamente braucht, stiehlt sie Geld. Dabei kommt ein reicher Freund zu Tode. Der Mann jedoch liebt seine Frau so sehr, dass er alle Schuld auf sich nimmt und ins Gefängnis geht. Dort erkennt er, dass sie ihn jahrelang betrogen hat. Einer der wirklichen Täter ist sein Nebenbuhler. Die Frau stirbt, und der Mann büßt unschuldig für seinen schlimmsten Feind - bis das Schicksal zu Hilfe kommt.

Was für eine Story.

Stoff für einen großen TV-Roman, irgendwo angesiedelt zwischen O. J. Simpson, "Tatort" und dem Grafen von Monte Christo.

Auf den ersten Blick hat die Geschichte des früheren Fassbinder-Schauspielers Günther Kaufmann, 56, alles, was ein modernes Medienmärchen ausmacht: eine mysteriöse Leiche in einem gediegenen Münchner Vorort, einen prominenten Tatverdächtigen, eine Hand voll gelehrter Advokaten und die gebündelten Leidenschaften einer Gesellschaft, deren bizarre Lebensrealität jedes noch so phantasievolle Theater übertrifft.

Das Problem ist nur, dass die Geschichte stimmt. Sie manifestiert sich in Dutzenden Zeugenaussagen, Tatortfotos, Obduktionsberichten und Polizeivermerken, dem offenkundig falschen Urteil eines deutschen Schwurgerichts und einem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren.

Die Akten zeichnen das Bild einer komplizierten und scheinbar irrationalen Mischung aus Liebe, Lügen und Tod, die die Strafjustiz an ihre Grenzen stoßen lässt. Denn was passiert, wenn ein Beschuldigter sich mutwillig selbst belastet? Und was, wenn die Wahrheit dann doch ans Licht kommt?

Der Schauspieler Kaufmann, bekannt aus Fassbinder-Klassikern und Krimiserien wie "Der Alte", hatte im Februar 2001 fälschlicherweise gestanden, er habe seinen Steuerberater getötet. Weil eine Mitwisserin nicht länger schweigen wollte, wurden die mutmaßlichen Täter zweieinhalb Jahre später dann doch gefunden. Jetzt strebt der rechtskräftig Verurteilte ein Wiederaufnahmeverfahren an.

Doch warum hat er überhaupt gelogen? "Über allem", so Kaufmann in einer Erklärung, die Ende Oktober bei der Staatsanwaltschaft einging, habe der Wunsch gestanden, seine Ehefrau "zu schützen". Sein eigenes Leben, versichert er, sei ihm "damals ziemlich egal" gewesen. Dieses Gefühl habe ihm auch "die Kraft und Phantasie gegeben", die Selbstbezichtigung durchzuhalten.

DER TATORT

Am Freitag, dem 2. Februar 2001, gleicht das Grundstück Wilhelm-Weitling-Straße 31 in München-Großhadern einem winterlichen Postkartenidyll. Frisch gefallener Schnee bedeckt Auffahrt und Vorgarten, aus den Fenstern schimmert warmes Licht hinaus in die Dämmerung.

Es ist 17.54 Uhr.

Der Notruf, der in dieser Minute bei der Einsatzzentrale der Münchner Polizei eingeht, gilt einer "leblosen Person" im Wohnzimmer der Villa. Der Steuerberater Hartmut Hagen, 60, liegt bäuchlings auf dem Boden, das Gesicht seitlich verdreht und in eine karierte Wolldecke gepresst. Er ist tot.

Um sein linkes Handgelenk ist ein Stück weiß isoliertes Kabel geknotet, daneben liegt ein Streifen Gewebeband - offenbar die Reste von Fesseln. Der Mann trägt ein hellblaues Hemd mit Krawatte und beigefarbene Hosen, die bis zum Oberschenkel herabgezogen sind.

Der Mann ist qualvoll erstickt - "durch Druckbelastung des Brustkorbes" in Verbindung mit dem "Aufdrücken des Gesichts auf eine weiche Bedeckung", offenbar nach heftigem Kampf, stellen die Gerichtsmediziner fest.

Doch die Ermittler von der 5. Münchner Mordkommission, allesamt erfahrene Kriminalisten, beschleicht schnell das Gefühl, als hätte jemand bewusst falsche Spuren gelegt. Zu viele Dinge wollen einfach nicht zusammenpassen: die offenbar nachträglich durchtrennten Fesseln, die herabgezogene Hose, der durchwühlte Zustand der Wohnung.

Auch der "nervöse" und "überkooperative" Zeuge, der die Leiche des Steuerberaters fand, ist den Fahndern sofort verdächtig. Seine Personalien: "Kaufmann, Günther; geboren 16.06.47; verheiratet; Schauspieler; deutsch".

DAS SCHICKSAL

Der einstige Leinwandstar wartet zu dieser Zeit, ziemlich abgebrannt, auf Rollenangebote in München; er haust möbliert in der Uhlandstraße.

Nach Lehre, Dienst bei der Bundesmarine und Erfahrungen als Zeitungswerber war der in München geborene uneheliche Sohn eines US-Militärs in der Theatergruppe des Rainer Werner Fassbinder gelandet. Der Egomane, dem zeitweise homosexuelle Kontakte mit Kaufmann nachgesagt wurden, setzte ihn in zahlreichen Streifen ("Götter der Pest", "Querelle") ein.

Auf dem roten Teppich der Fassbinderschen Fangemeinde stand der "Neger vom Hasenbergl" (Kaufmann) zwar nie in vorderster Frontlinie, war aber stets ein geachtetes Mitglied jener linken Film-Avantgarde, die sich im München der siebziger und achtziger Jahre als glamouröse Boheme zwischen Rausch und Revolution selbst inszenierte.

Zum obligatorisch "unsteten Lebenswandel" gehörten zwei gescheiterte Ehen - und eine große Liebe. Seine dritte Lebensgefährtin Alexandra, die Bekannte von damals als "sehr attraktiv, sehr überzeugend, sehr einnehmend und sehr beeindruckend" charakterisieren, heiratet Kaufmann 1986.

Es ist der Beginn einer hoch intensiven Beziehung. Nach Fassbinders Tod zieht das Paar nach Portugal auf ein sonniges Grundstück an der Algarve, das Kaufmann für rund 620 000 Mark gekauft hat, und Geld und Rollen werden immer knapper.

1992 erkrankt Alexandra Kaufmann erstmals an Knochenkrebs. Trotz kostspieliger Spezialbehandlungen in den USA lässt sich die Krankheit nicht heilen. Die Therapiekosten haben bald alle Ersparnisse der Kaufmanns verschlungen - und die verzweifelte Frau entschließt sich, Geld bei einem guten Freund abzuzocken: beim Steuerberater und Finanzjongleur Hagen.

DER BETRUG

Aus dem Nichts erfindet Alexandra Kaufmann eine abenteuerliche Geschichte um einen gewaltigen Scheinprozess in den USA. Ausgerechnet der Bauunternehmer Dietrich Garski, der in den achtziger Jahren mit einer Riesenpleite den Berliner Senat sprengte, habe auf Kaufmanns Anwesen in Portugal eine großzügige Hotelanlage geplant. Als Investor habe Alexandra den Rocksänger Billy Idol gewonnen. Der habe sich - auf einem Bierfilz - zur Zahlung von 70 Millionen US-Dollar verpflichtet, sei später aber grundlos vertragsbrüchig geworden. Eine Summe, die man in den USA einklagen könne.

So obskur die Geschichte klingt - sowohl Ehemann Günther als auch der befreundete Steuerberater glauben sie offenbar. Hagen ("Er war sofort Feuer und Flamme") leiht dem Paar insgesamt 830 000 Mark für angebliche Anwalts- und Prozesskosten - gegen Zinsen und vermeintlich traumhafte Gewinnaussichten.

Die Gattin geht so weit, dass sie ihrem Mann 1999 erklärt, auf Geheiß der US-Staatsanwaltschaft für sechs Monate nach New York ziehen zu müssen, um dort "unter strenger Beobachtung" der Ermittler für den Prozess präsent zu sein. Sie dürfe weder Post noch Telefonate empfangen, nur einmal wöchentlich zu Hause anrufen, jeden Sonntag Punkt 11 Uhr. Während Kaufmann, wie er beteuert, die ganze Woche den vermeintlichen Telefonaten aus Übersee entgegenfiebert, ist Alexandra in Wahrheit meistens in Berlin, in der Wohnung ihres neuen Geliebten Hans-Joachim U.

Der Gewohnheitskriminelle aus dem Märkischen verfügt über einen gewissen Bekanntheitsgrad in der West-Berliner Unterwelt - er hat bereits mehrere Freiheitsstrafen hinter sich, aber auch einen Freispruch, nachdem er im August 1989 "aus Notwehr" den Türsteher einer Ku''damm-Disco erschossen hatte.

Die sterbenskranke Alexandra und die Milieu-Figur bilden eine seltsame, emotionale Melange. Eine Mischung aus liebevoller Fürsorge, Schmarotzertum, gemeinsam empfundener Endzeitstimmung und exzessiven Alkoholgelagen.

U. trägt Alexandra, die inzwischen auch noch an einem Wirbelsäulenschaden leidet, zeitweise buchstäblich auf Händen - und verprasst gleichzeitig das, was vom Hagen-Kredit nach den teuren Krebstherapien noch übrig ist.

Der Münchner Steuerberater indes wird misstrauisch. Als Hagen eines Tages Beweise für die amerikanische Millionenklage verlangt, gelingt es Alexandra, den Berliner Rechtsanwalt Lutz Kessel für ihre Zwecke einzuspannen.

Er testiert im März 2000, dass er "keinerlei Zweifel an der Rechtmäßigkeit des US-Prozesses" habe. Hagen erhält zudem die Kopie eines Briefes an Alexandras angeblichen Rechtsanwalt in Washington D.C. - einen gewissen "Dr. Gallert". Niemand will damals bemerkt haben, dass unter der angegebenen Anwaltsadresse ("18th Street NW 1616") lediglich ein Psychiater mit ähnlichem Namen firmiert.

Anfang 2001 zitiert der mittlerweile gänzlich bösgläubige Hagen Günther Kaufmann, der nicht recht zu wissen scheint, wie ihm geschieht, in seine Münchner Kanzlei. Er soll das Grundstück in Portugal an ihn überschreiben - als Entschädigung für das erschwindelte Darlehen.

Doch dann wird Hagen umgebracht.

DAS GESTÄNDNIS

Am Morgen des 8. Februar 2001 lädt die Mordkommission den Schauspieler ins Präsidium. Für die Fahnder ist Kaufmann zum Hauptverdächtigen geworden.

Der Beamte, der ihn vernimmt, setzt auf direkte Konfrontation. "Herr Kaufmann, ich bin überzeugt, dass Sie der Täter sind. Alles deutet auf Sie als Täter hin."

Kaufmann ist schockiert.

Dann wird ihm vorgehalten, dass er kein überprüfbares Alibi habe. Dass er ja möglicherweise nicht töten wollte. Dass ein Geständnis die Strafe mildern könnte.

Dem Beschuldigten bricht der Schweiß aus. Dämmert ihm plötzlich, seine todkranke Frau könne etwas mit der Sache zu tun haben?

Die folgenden Stunden werden zur Quälerei für beide Seiten. Das Verhör eskaliert zu einem psychologischen Spiel, in dem der Vernehmungsbeamte die Rolle des Regisseurs und Kaufmann die des Darstellers spielt. Dann schließlich sagt der Verdächtige: "Sie kriegen jetzt ein Geständnis von jemandem, der es nicht war."

Der wortgewandte 117-Kilo-Mann formt, plötzlich ganz kleinlaut, Sätze wie: "Es war zwar nicht so, aber es könnte so gewesen sein" - und übernimmt, wie einer Regieanweisung folgend, die Schuld am Tod Hartmut Hagens.

Nur in einem Punkt will Kaufmann nicht nachgeben. Er beharrt darauf, dass es den Schadensersatzprozess in Amerika, der längst zum Mittelpunkt, wenn nicht zum letzten Anker in seiner Ehe geworden war, tatsächlich gibt.

Die Ermittler halten Kaufmann vor, wie naiv er sei. Nachdem der Schauspieler aber immer noch beteuert, die Sache müsse stimmen - seine Frau sei schließlich monatelang in New York gewesen -, greift der Staatsanwalt, auf Kaufmanns Drängen hin, schließlich zum Telefon und ruft Alexandra an.

Ihre knappe Antwort, die der Ehemann mithören darf: "Alles ist erlogen."

Für einen kurzen Moment ist es totenstill im Vernehmungszimmer. Bis einer der Polizisten den völlig entgeisterten Kaufmann anschaut und erschrocken sagt: "Mein Gott, das haben Sie ja wirklich geglaubt."

Im Untersuchungsgefängnis München-Stadelheim wird Kaufmann klar, dass es für ihn jetzt kein Zurück mehr gibt. Niemand würde ihm glauben, wenn er sein Geständnis widerriefe.

Und Alexandra?

Kaufmann klammert sich an seiner Liebe zu ihr fest, so wie die schöne, kranke Frau sich an ihr Leben klammert. Ob sie einen Liebhaber neben ihm hat - was macht das jetzt schon für einen Unterschied.

Der Schauspieler verdrängt, kämpft die Eifersucht nieder. Hämmert Alexandras Lügen weg, indem er sich einredet, dass sie ihm nur aus dem Weg gehen wollte, damit er nicht sieht, wie sie verfällt.

Dazu baut sich Kaufmann eine Realität auf, in der noch alles gut, alles normal ist. Eine Welt mit Katzenpostkarten, die ihm Alexandra in den Knast schickt, und Liebesgrüßen in kindlicher Schrift.

Als Alexandra zwei Wochen vor Prozessbeginn stirbt, hat sie weder einen Brief noch irgendein anderes, entlastendes Indiz für Kaufmann hinterlassen.

Sein Antrag auf Teilnahme an der Beerdigung in Berlin wird verweigert. Kaufmann lässt eine Annonce in die Zeitung setzen: "Wenn die letzten Schatten fallen, dann gib mir deine Hand, damit ich den letzten Weg getröstet gehen kann."

DER PROZESS

Nachdem im Schwurgerichtssaal des Landgerichts München I die Hauptverhandlung gegen den Schauspieler eröffnet wird, sieht es bald so aus, als müsste bei der Frage nach Schuld oder Unschuld des Angeklagten lediglich ein Kompromiss ausgehandelt werden.

Am Ende sind alle unzufrieden. Die Selbstbelastung Kaufmanns, erklärt der psychiatrische Gutachter, müsse nicht unbedingt "der Realität entsprechen". Der Leiter der Mordkommission beklagt, dass Kaufmann in seinen Aussagen aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen hin und her gewankt sei. Selbst der Staatsanwalt, der eine lebenslange Strafe, allerdings ohne "besondere Schwere der Schuld", beantragt hat, räumt das Manko des Prozesses ein: "Wir sind gescheitert, wir wissen die ganze Geschichte immer noch nicht." Und Steffen Ufer, einer der damaligen Kaufmann-Verteidiger, trägt vor, er habe noch nie "einen derart selbstzerstörerischen" Mandanten gehabt.

Der freilich kassiert die Quittung: 15 Jahre Gefängnis wegen versuchter räuberischer Erpressung mit Todesfolge hält das Gericht für "tat- und schuldangemessen".

Kaufmann bedankt sich, zwiespältiger geht''s kaum, für den "fairen" Richtspruch. Sein Schlusswort: "Mir ist klar, dass ich in meinem ganzen Leben diese Rolle am allerschlechtesten gespielt habe."

DIE WENDE

Geläutert, resigniert oder nur abgestumpft - erst in der Strafhaft in Berlin scheint Kaufmann seinen inneren Frieden wiedergefunden zu haben. In Tegel, wo er der knasteigenen Theatergruppe Impulse gibt, genießt er Profi-Bonus, bis am 252. Tag seiner Buße sein verhängnisvolles Geständnis Makulatur wird.

Es ist der Abend des 14. August, an dem sich die Kellnerin Sarah H. bei der Berliner Polizeidirektion 2 meldet. Sie habe Angaben zu einem Tötungsdelikt in München zu machen, das sie, auch wegen der Verurteilung eines Unschuldigen, seit langem sehr belaste.

Was beim Schwurgericht offen blieb - jetzt erhält es plötzlich Kontur.

Ihr Lebensgefährte Heinz K., genannt "Kurpi", schildert die Zeugin detailliert, habe in der Nacht zum 1. Februar 2001 mit zwei Bekannten ein Ding gedreht, bei dem ein "Unfall" passiert sei. Dabei gewesen seien ein Wolfgang und ein gewisser Hans-Joachim U. Der habe damals eine Freundin gehabt, die sie aus der Kneipe "Bei Manne" im Ku''damm-Karree kenne. Alexandra Kaufmann, "die Ex von so einem Schauspieler".

DIE TÄTER

Knapp drei Jahre nach Hagens Tod fügen sich plötzlich alte Spuren und neue Erkenntnisse zu einem Mosaik zusammen, das der Mordkommission erstmals ermöglicht, das Tatgeschehen relativ genau zu rekonstruieren.

Demnach hat Alexandra Kaufmann ihren Freund U. beauftragt, bei dem Steuerberater Hagen einzubrechen und alle Dokumente verschwinden zu lassen, die das betrügerische Kreditgeschäft und seine Rechte am Grundstück in Portugal belegen könnten. Auch die Festplatte des Computers sollte gelöscht werden.

Ein klassischer "Bruch", wie ihn U. zunächst plante, schien dann doch zu riskant - wegen der Alarmanlage. Sicherer sei es, den Steuerberater zu überfallen, ihn "ruhig zu stellen" und einen Raubüberfall vorzutäuschen.

Für einen Job dieser Art brauchte der schmächtige U. jedoch rustikale Komplizen. Deshalb heuerte er Wolfgang und seinen Kumpel "Kurpi" an - denen er von einer "todsicheren Sache" mit fetter Beute erzählte.

Das Trio besorgte Masken, Latexhandschuhe, kräftiges Klebeband zum Fesseln und weiße Einweganzüge, um am Tatort Faserspuren zu vermeiden. Telefoniert werden sollte nur im Notfall, mit Hilfe von zwei unregistrierten Prepaid-Karten.

Auf Alexandra Kaufmanns Kommando hin wollen die Männer in der Nacht zum 1. Februar 2001 nach München gefahren sein. Als man im heftigen Schneegestöber endlich Hagens Adresse gefunden habe, habe man das Objekt zunächst "ausbaldowert". Dann sei Hagen in seinem Audi A8 vorgefahren - und plötzlich sei alles sehr schnell gegangen.

Der korpulente Steuerberater habe die Tür geöffnet und beim Anblick des maskierten Rollkommandos sofort um Hilfe geschrien. Mit vereinten Kräften habe man ihn auf den Boden werfen müssen. Dort, so sagt K. später aus, "kam er auf dem Bauch zu liegen". Dann habe er sich mit seinem Oberkörper und mit seinem ganzen Körpergewicht auf ihn draufgelegt. Den Mund hätten sie mit Gewebeband verklebt und die Hände mit einem Audiokabel auf den Rücken gefesselt.

U. habe sich auf die Suche nach dem Safe gemacht, die anderen hastig Beutestücke zusammengetragen. Bei der Rückkehr ins Wohnzimmer sei Hagen bereits tot gewesen. "Kurpi" und Wolfgang hätten entsetzt durcheinander gerufen - "Scheiße, der ist tot" - und "lasst uns abhauen".

Lediglich Hans-Joachim U. sei "cool" geblieben. Die anderen hätten bereits wieder am Auto gewartet, da sei der Anführer noch einmal in die Villa zurückgegangen

und habe offenbar Hagens Fesseln durchgeschnitten, das Klebeband entfernt und die Hose heruntergezogen, um einen Homosexuellen-Mord vorzutäuschen.

Die am Tatort trotz der Schutzkleidung von einem Täter hinterlassenen DNS-Spuren, die bislang niemandem zugeordnet werden konnten, stimmen exakt mit "Kurpis" Erbgut überein. Auch die Aussagen der Männer sind - mit Abstrichen bei U. - weitgehend stimmig: Günther Kaufmann war nicht am Tatort.

DER WIDERRUF

Am 2. September widerruft Kaufmann sein Geständnis. Der Schauspieler, dem das Strafurteil schwankendes Selbstwertgefühl und "geradezu magisch-phantasievolle" Erzählkunst bescheinigt, nennt erstmals der Justiz den Grund seiner Falschaussage: Liebe.

Zur Phantasie kam Kalkül: Die Vernehmer schließlich hätten ihm ja suggeriert, dass statt Mord auch "ein Unfall" in Frage komme: "Die paar Jahre, die es dafür geben würde", habe er geglaubt "schon überstehen" zu können.

Der Rest sind für ihn Glaubensfragen. Das Geld des Steuerberaters, beteuert er, sei ausschließlich an Alexandra gegangen. Sie habe ihm niemals erzählt, was passiert sei: "Sie ist gestorben und hat mich im Gefängnis sitzen gelassen." Das Doppelspiel mit dem Geliebten seiner Frau ("dieser Scheißkerl"); die Tatsache, dass sie ihm "Hunderte liebevoller Briefe" ins Gefängnis geschrieben habe und ihn tatsächlich offenbar, laut U., "lebenslang im Knast verrotten" lassen wollte, sagt er, mache ihn "heute ganz verrückt".

Die Ehrenerklärung in eigener Sache ist Teil eines 59-seitigen Wiederaufnahmeantrags, den der Berliner Rechtsanwalt Robert Unger vorvergangene Woche auf den Rechtsweg brachte. Die Fülle der neuen "Tatsachen und Beweismittel", argumentiert Unger, würden nunmehr einen Freispruch des Verurteilten "überwiegend wahrscheinlich" machen. Ebenfalls sei Kaufmann freizulassen.

DIE WAHRHEIT

Bayerische Fahnder hegen nach wie vor den Verdacht, dass der Ex-Krimi-Star gemeinsam mit der Frau den vermögenden Freund abgezockt habe. Als Indizien für diese These werten sie, dass der Schauspieler ausgerechnet am Tattag vier Stunden mit seiner Frau telefoniert habe und "zeitnah" am Todesort gewesen sei.

Die Telefonate begründet Kaufmann mit der Panik und Hysterie seiner Frau angesichts von Hagens Inkassodrohungen. Seine am Tatort sichergestellten Fingerabdrücke könnten womöglich am Tag danach entstanden sein - oder auch davor: Bis Ende November hinein, acht Wochen vor Hagens Tod, hatte Kaufmann zeitweise in dessen Haus gelebt.

Aber selbst solcherlei Merkwürdigkeiten ändern nichts daran, dass er die Tat, für die er verurteilt ist, nicht begangen hat.

DIE SEIFENOPER

Nur in wenigen Verfahren führte in den vergangenen zehn Jahren eine Wiederaufnahme zur Revidierung des Schuldspruchs. Der Fall Kaufmann, hofft Rechtsanwalt Unger, könne sich nun "als Lehrstück für Beweislehre und Glaubwürdigkeitsbeurteilung" erweisen - auch der Justiz.

Kaufmann, heißt es, warte ab. Er sitzt in seiner Zelle in Berlin-Tegel und schreibt an einem Treatment für eine Seifenoper über seinen eigenen Fall. "Traumschiff"-Produzent Wolfgang Rademann plant längst einen "anständigen 90-Minüter".

Für die Schluss-Szene ist endlich ein Happy End vorgesehen. WOLFGANG BAYER,

SVEN RÖBEL

* Mit Regisseur Rainer Werner Fassbinder bei Dreharbeiten 1970 (o.), mit Burkhard Driest 1982 in dem Film "Querelle - ein Pakt mit dem Teufel" (u. l.), 1994 in der RTL-Serie "Unsere Schule ist die beste". * Mit Steffen Ufer und Nikolaus Köhler, 2002.

DER SPIEGEL 46/2003
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