10.11.2003

BALKANAufstand der Skipetaren

Im Norden Griechenlands bereiten militante Albaner den bewaffneten Kampf vor. Ihr erklärtes Ziel: die Schaffung eines Großalbanien.
Ahmet hat Angst. Immer wieder blickt der Albaner auf der Straße nach Edina in den Rückspiegel, fühlt sich verfolgt. Erst vor wenigen Wochen habe ein Landsmann von ihm einen Unfall gehabt. Er glaube nicht an Zufall.
Das Misstrauen des 27-Jährigen, der als Wirtschaftsstudent in Thessaloniki lebt, ist nicht unbegründet. Denn nebenher geht er einer anderen Tätigkeit nach - die Griechen nennen es "Terrorismus". Der Quasi-Kommilitone, der mit der UÇK im Kosovo gegen die Serben kämpfte und in den mazedonischen Bergen auf die dortigen Regierungstruppen feuerte, ist Mitglied einer albanischen Untergrundbewegung. Ihr Ziel ist es, ein bewaffnetes Widerstandsnetz in Nordgriechenland aufzubauen. Bis zum Frühjahr 2004, noch vor Beginn der Olympischen Spiele, soll das Projekt verwirklicht sein. Dann, sagt Ahmet, seien in jedem ethnisch albanischen Dorf Griechenlands die Männer innerhalb weniger Minuten kampfbereit.
Dass die großalbanischen Architekten nun auch Hellas im Visier haben, ist längst kein Geheimnis mehr. Griechische Medien warnen mittlerweile vor der Gefahr einer Rebellion. Falls das Kosovo unabhängig werde, prophezeite Mazedoniens gemäßigter Ex-Präsident Kiro Gligorov, sei "ein Krieg in der Region" wahrscheinlich.
Das neue Reich der Skipetaren, wie die Albaner sich selbst nennen, war durch die "Liga von Prizren" 1878 erstmals als Ziel formuliert worden. Sie forderte, alle albanischen Gebiete im damaligen Osmanischen Reich zusammenzulegen und ihnen Selbstverwaltung zu gewähren. Der Berliner Kongress jedoch ignorierte dann diesen Wunsch.
Schon Karl May ließ seinen Kara Ben Nemsi in dieser Region herumstreifen. Nach den Balkankriegen 1912/1913 wurden Großteile des Skipetaren-Territoriums Serbien, Griechenland und Bulgarien zugeschlagen.
Die albanische Minderheit in Griechenland, die überwiegend im Grenzgebiet zum heutigen Albanien, der so genannten Çameria, lebt, wird auf rund 500 000 Köpfe geschätzt. Wahrscheinlich sind es aber weit mehr, weil illegale Gastarbeiter über die durchlässigen Grenzen mühelos ins hellenische Nachbarland gelangen. Mehrmals im Jahr lässt Athen sie zu Tausenden in ihre Heimat zurückkarren. Vergebens. Eine Woche später, sagt Außenminister Georgios Papandreou resigniert, "sind sie alle wieder da".
Mittlerweile kommen sie jedoch nicht nur zur Orangen- oder Olivenernte. Jeder Albaner, der sich für ein halbes Jahr am Aufbau des albanischen Widerstands im nordgriechischen Epirus beteilige, sagt Ilir, der aus dem mazedonischen Tetovo stammt, erhalte von einer albanischen Partei in seiner Heimatstadt 15 000 Euro in bar. Saisonarbeiter werden darüber hinaus aufgefordert, sich legal bei den griechischen Behörden registrieren zu lassen und in den Dörfern anzusiedeln.
Doch nicht alle Albaner zeigen sich von der Ideologie eines neuen Nationalstaats begeistert. Von der Hauptstraße nach Edessa zweigt der Weg nach Flamouria ab - einem der zahlreichen albanischen Dörfer, die, eingebettet in eine öde Berglandschaft, vor Wohlstand nur so strotzen: Hier finden sich gepflegte Vorgärten, Palmen, luxuriöse Villen. Fremde allerdings sind hier nicht willkommen. Die Bewohner haben Angst, entsprechende Kontakte könnten von der griechischen Oberhoheit im Land missinterpretiert werden. "Wir wagen nicht einmal in den eigenen vier Wänden Albanisch zu sprechen", sagt ein alter Mann, der auf der Hauptstraße Äpfel verkauft: "Die Griechen haben uns assimiliert, es gibt keine albanischen Schulen, keine Kultureinrichtungen." Aber eine Rebellion? Er wiegt nachdenklich den Kopf: "Dann würden wir alles hier verlieren und verjagt werden." Das sei ein Kampf "David gegen Goliath", schließlich sei Griechenland Nato-Mitglied.
Ilir, der für die Waffenversorgung künftiger Rebellen zuständig ist, wartet auf den Einbruch der Dunkelheit. Dann soll aus dem mazedonischen Debar ein Lkw eintreffen, in dem Waffen versteckt sind. Mit Traktoren und Eselskarren sollen sie in die Berge gebracht werden.
An Sponsoren, erzählt der Albaner mit fünf gefälschten Pässen im Gepäck, mangele es jedenfalls nicht. So wurde im kroatischen Opatija Mitte Juni mit der albanischen Diaspora ein umfangreiches Waffengeschäft vereinbart - der Deal umfasst 2000 Kalaschnikows, mehrere Raketen, 800 Gewehr- und Handgranaten, 12 Panzerfäuste sowie zahlreiche Panzerwesten.
Treibender Motor des großalbanischen Projekts, das schon 1995 bei einem Geheimtreffen der UÇK zum nationalen Ziel erklärt wurde, ist derzeit die "Albanische Nationalarmee" (ANA).
Ihr politischer Kopf, der sich bisher im Internet hinter dem Pseudonym "Alban Vjosa" verbarg, ist der albanische Anwalt Idajet Beqiri, 52, Gründer der Partei der nationalen Einheit in Albanien und dem eigenen Vernehmen nach ein guter Freund von Albaniens Premier Fatos Nano. Als Nanos Vorgänger Sali Berisha in Tirana noch an der Macht war, saßen beide im Gefängnis, Zelle an Zelle.
Seit kurzem sucht die albanische Regierung den "Volksaufhetzer Beqiri" via Interpol. Dies hindert den schwarzhaarigen, leicht gedrungenen Messias eines künftigen Albaner-Großreichs allerdings nicht, offen über seine ehrgeizigen Ziele zu sprechen - und darüber, wie sie erreicht werden sollen. Immerhin hat sich die ANA bislang zu 33 Anschlägen bekannt.
Mit seiner Mini-Armee will der Albaner in die Fußstapfen der ehemaligen Befreiungsarmee des Kosovo, der UÇK, treten. Die internationale Gemeinschaft, fordert Beqiri, solle die ANA als Verhandlungspartner akzeptieren. Falls eine Einigung auf diplomatischem Wege nicht möglich ist, will er den Guerillakrieg ausrufen. Kein Albaner auf dem Balkan, ist Beqiri überzeugt, werde sich dem Kampf verweigern, wenn die Einheit aller Albaner zum Greifen nahe sei.
Das sind wohl nicht nur die Hirngespinste eines Internet-Napoleon. Immer häufiger warnten in den vergangenen Monaten mazedonische Politiker die EU vor einer Destabilisierung durch die Albanische Nationalarmee und deren Radikalisierung zu einer "Balkan-Hamas". Mazedoniens Verteidigungsminister Vlado Buckovski sieht in der Beqiri-Truppe eine Bedrohung des Friedens in der gesamten Region.
Und auch Athen ist beunruhigt. Bei seinem letzten Besuch in Skopje habe ihm der griechische Außenminister Papandreou seine Befürchtungen über einen Aufstand in Hellas mitgeteilt, sagt Mazedoniens Ex-Präsident Gligorov.
Derweil sinkt in Mazedonien die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft beider Völker. Die Entfremdung zwischen Albanern und Slawo-Mazedoniern ist tiefer denn je. Das Sagen haben nun die Radikalen. Seit der Albaner-Politiker Ali Ahmeti, einst Rebellenführer, als Abgeordneter im mazedonischen Parlament "Kompromissbereitschaft" mit der slawischen Bevölkerungsmehrheit zeigt, schwindet seine Popularität zusehends.
Arben Xhaferi, langjähriger Führer der Demokratischen Partei der Albaner (DPA), ist dagegen der Mann der Stunde. Der Albaner, der wegen eines Kehlkopfleidens nur mühsam sprechen kann, sieht sich als Architekt der "Ohrid-Vereinbarung", die der albanischen Bevölkerungsminderheit mehr Rechte garantiert.
Doch das Albaner-Lager ist enttäuscht. Wenn sie bis Ende des Jahres ihre Ziele nicht erreicht hätten, so Xhaferi, schlage die Stunde der ANA - und das bedeute Krieg. Der werde dann allerdings nicht mehr um Menschenrechte geführt, sondern schlicht um Territorium.
In Xhaferis Arbeitszimmer steht unweit der albanischen Fahne mit dem doppelköpfigen Adler eine Miniaturausgabe der amerikanischen Freiheitsstatue. Denn Einheit aller albanisch besiedelten Regionen ist ohne Washingtons Unterstützung undenkbar.
Doch die Albaner sind optimistisch. Einer der aussichtsreichsten US-Präsidentschaftskandidaten, der Demokrat Wesley Clark, besuchte vor kurzem das Kosovo. Er habe den Albanern, so die dortige Führung, zugesichert, sich mit ganzem Herzen für deren Belange stark zu machen - wenn die albanische Lobby im Gegenzug in den USA seine Kandidatur unterstütze.
Dabei ist Amerikas Hilfe bereits in vollem Gange: Geheimdienstberichten zufolge lieferten in Neapel stationierte "Special Forces" den albanischen Guerilleros bereits 2001 neun Container mit Abhör- und Funktechnik. Damit konnten die albanischen Rebellen im Kosovo, in Albanien und Mazedonien ohne Wissen des mazedonischen Geheimdienstes miteinander kommunizieren. Noch immer stehen einige dieser Container im mazedonischen Bergland; mittlerweile dienen sie auch zur Verständigung mit den nordgriechischen Patrioten.
Washingtons militärischer Beistand wird dabei im Wesentlichen über die berüchtigte MPRI (Military Professional Resources Inc.) aus Virginia abgewickelt. Das Privatunternehmen, geleitet vom ehemaligen Stabschef des US-Heeres Carl Vuono, agiert de facto als Privatarmee des Pentagon und Hilfssheriff der CIA.
Tausende pensionierte Militärs organisieren für die MPRI rund um die Welt militärische Ausbildungszentren, liefern Waffen- und Funktechnologie nach Nato-Standard und bieten auch sonst logistische Hilfe an. In Bosnien bildeten die Instrukteure nach Abschluss des Dayton-Friedensvertrags nicht nur die bosnische Armee aus. Sie schickten etwa 300 der fähigsten Mudschahidin, die im Bosnien-Krieg mit Alija Izetbegovics Truppen gegen die Serben kämpften, zur Spezialausbildung in die Türkei. 150 von ihnen waren 2001 auf albanischer Seite in Mazedonien im Einsatz.
Allerdings: Ein möglicher Albaner-Aufstand in Nordgriechenland würde Washington zu einem gefährlichen diplomatischen Seiltanz zwingen. Deshalb wurde der ANA mittlerweile "nahe gelegt", ihre Forderungen gegenüber Athen diplomatisch zu formulieren.
Von Athen, erklärte daraufhin Idajet Beqiri, werde man vorerst nur die Rücksiedlung von 200 000 Albanern verlangen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Zusammenarbeit mit den Hitler-Truppen aus ihrer griechischen Heimat nach Albanien fliehen mussten.
Nachhelfen, sagt Beqiri, werde man dieser berechtigten Forderung zunächst nur mit kleineren "Provokationen". Kalaschnikows und Granaten seien lediglich die eiserne Reserve.
"Aber Sie wissen ja", fügt der Albaner-Führer lächelnd an, "der Appetit kommt bekanntlich beim Essen." RENATE FLOTTAU
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 46/2003
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