10.11.2003

MUSIKINDUSTRIENew York, Tokio, Gütersloh

Sony und Bertelsmann wollen ihre Musiksparten fusionieren. Die Künstler reagierten positiv, doch die Kartellwächter müssen noch zustimmen.
Respektvolle Gesten sind in der japanischen Geschäftswelt unerlässlich - das weiß auch Gunther Thielen. Als der Bertelsmann-Chef hörte, dass Nobuyuki Idei für kurze Zeit in New York sein würde, verließ er die Frankfurter Buchmesse, um spontan über den Atlantik zu jetten und sich mit dem Vorstandsvorsitzenden der Sony Corporation zu treffen - für nur eine Stunde in einer Flughafen-Lounge am John F. Kennedy Airport.
Die Geste zeigte Wirkung: Nur sechs Wochen später, in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche, unterzeichneten der Gütersloher Medienkonzern und Sony einen Vorvertrag für die Fusion ihrer Musiksparten Sony Music und BMG, durch die der zweitgrößte Musikkonzern der Welt mit einem Umsatz von rund fünf Milliarden Dollar entstehen würde. Die künftige Sony BMG, an der beide Konzerne je zur Hälfte beteiligt wären, würde ein Viertel des globalen Musikmarktes kontrollieren.
Als Thielen und BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz die geglückten Fusionsverhandlungen nur wenige Stunden später, am vergangenen Donnerstag, verkündeten, waren beide sichtlich erleichtert. "Ich werde erst einmal drei Tage durchschlafen", sagte Schmidt-Holtz, der die Marathonverhandlungen "auf neutralem Boden" im schicken New Yorker Hotel Peninsula meist unter vier Augen mit Sony-Music-Chef Andrew Lack geführt hatte - unter großem Zeitdruck. Denn die weltweit von fünf großen Konzernen dominierte Musikbranche steht unter Konsolidierungszwang.
Drastisch schrumpfende Umsätze haben die Plattenfirmen in den vergangenen Jahren immer wieder in die Verlustzone geführt. Umstrukturierungen und massiver Personalabbau konnten den Trend jedoch nicht stoppen - in diesem Jahr verlor der unter digitaler Piraterie und dem kostenlosen Herunterladen von Musik aus dem Internet leidende Musikmarkt erneut 22 Prozent. "Alleine kann in dieser Branche heute niemand mehr überleben", betont Thielen.
Deswegen verhandelten nicht nur Sony und BMG, sondern auch gleichzeitig die beiden Musikriesen Warner Music und EMI über einen Zusammenschluss - nachdem die BMG zuvor fast sechs Monate ergebnislos mit Warner Music gesprochen hatte. Wer zuerst einen Partner präsentiert, hat die besten Chancen, denn es gilt als sicher, dass die Kartellwächter nur eine Fusion in der Branche genehmigen werden.
So waren es auch nicht die Medien, die als Erste von dem "Letter of Intent" zwischen BMG und Sony erfuhren, sondern die Kartellämter. In den USA wurde das Fusionsvorhaben bereits formal eingereicht, bestätigt Schmidt-Holtz. Die Brüsseler Kartellbehörden dagegen wurden zunächst informell benachrichtigt, da für einen offiziellen Genehmigungsantrag ein komplett abgeschlossener Vertrag vorliegen muss. Die neue Allianz Tokio-Gütersloh dürfte ihren Konkurrenten damit nun einen deutlichen Schritt voraus sein.
Als wenig wahrscheinlich gilt jetzt, dass auch Warner Music und EMI eine Fusion versuchen werden. Stattdessen, so heißt es in Verhandlungskreisen, tendiere die Warner-Music-Mutter TimeWarner dazu, die Gespräche mit einer Investorengruppe um den ehemaligen Universal-Chef Edgar Bronfman und den neuen ProSiebenSat.1-Chef Haim Saban zu intensivieren, weil damit das Kartellrisiko entfällt.
Zwar ist auch der Zusammenschluss von Sony und BMG noch nicht offiziell abgeschlossen, Schmidt-Holtz spricht jedoch von einem "weitgehend ausverhandelten Vertrag, der bereits alle wichtigen Aspekte berücksichtigt". Die beiden Konzerne rechnen mit Integrations- und Restrukturierungskosten von rund 400 Millionen Euro. Die entstehenden Synergien sollen dann jedoch zu jährlichen Einsparungen von 300 Millionen Euro führen.
Allerdings einigten sich die Konzerne auch gleich über Ausstiegsoptionen: Sollte die Fusion nach einigen Jahren als gescheitert gelten, ist etwa ein Börsengang oder ein gegenseitiges Herauskaufen vorgesehen.
Bewertungsgrundlage für das Joint Venture, das nur das Tonträgergeschäft, nicht aber CD-Presswerke und Musikverlage beinhaltet, ist der Umsatz, nicht der Gewinn: Dort werden Sony und BMG, so die Berechnung der beiden Unternehmen, am Ende dieses Jahres nur rund 20 Millionen Euro auseinander liegen. Damit sollte von Beginn an gesichert sein, dass der Zusammenschluss nicht an Bewertungsfragen scheitert.
Vorstandsvorsitzender des neuen Unternehmens wird Sony-Music-Chef Andrew Lack, Schmidt-Holtz soll als Chairman jedoch eine aktive Rolle übernehmen und sich um die reibungslose Integration der Unternehmen kümmern. Vizechef wird der bisherige BMG-Vize Michael Smellie, Finanzvorstand der Sony-Mann Kevin Kelleher.
Für die nächsten zwei Monate steht nun zunächst eine ausführliche Unter-nehmensbewertung an, da sich die Verhandlungspartner wegen des Zeitdrucks nicht mit komplizierten Details wie Pensionsfonds oder Künstlerverträgen befassen wollten.
Mit den Künstlern selbst aber wurde bereits über den Zusammenschluss gesprochen - dazu zählen etwa Pink, Britney Spears und Alicia Keys bei BMG oder Jennifer Lopez, Shakira und Bruce Springsteen bei Sony. "Die Reaktionen sind sehr positiv", sagt Schmidt-Holtz. "Außerdem können wir nur mit einer so breit aufgestellten Firma Gewähr leisten, dass es auch künftig ein vielfältiges lokales Repertoire gibt und keine Reduktion auf anglo-amerikanischen Pop-Mainstream." THOMAS SCHULZ
Von Thomas Schulz

DER SPIEGEL 46/2003
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