10.01.1951

HELGOLANDWir weichen der Gewalt

Jetzt kann der Pinneberger Landrat Schinkel vor den evakuierten Helgoländern in seinem Kreis den Zeigefinger heben: "Seht Ihr woll, ick heww Euch dat gliek geseggt - man mut Verhandlungen nich stören ..."
Zu dieser Erkenntnis sind nun auch die Helgolandstürmer stud. soz. Georg von Hatzfeld und stud theol. René Leudesdorff gekommen, nachdem sie sich vierzehn Tage und Nächte lang gegen die Benutzung der Insel als alliierte Bombenzielscheibe aufgelehnt hatten - bis der Zollkreuzer "Eileen" sie zurückholte.
Da knurrte Landrat Schinkel wie vor drei Wochen, als ihn die Helgolandstürmer vergeblich um finanzielle Unterstützung baten, noch einmal durch die Zahnlücke: "Soo'n dummen Jungenstreich".
Dieser Streich hat aber wennigstens soviel genutzt, daß am 3. Januar ein Regierungssprecher in London erklärte, die Insel Helgoland werde nach Abschluß der britischen und amerikanischen Bombardierungen wieder an Deutschland zurückgegeben. Beziehungsweise die Reste.
Bei Cuxhavens First-Class-Hotelier Jacobsen ist es wieder etwas ruhiger geworden. In seinem roten Backsteinbau hinter dem Deich war es über eine Woche lang zugegangen wie in einem Meldekopf. Hinter Groggläsern wurden die neuesten Lageberichte vom Demonstranten-Kriegsschauplatz Helgoland durchgehechelt.
Mit solchen Folgen hatten die beiden Heidelberger Studenten Georg von Hatzfeld (21, 1. Semester) und René Leudesdorff (22, 9. Semester) nicht gerechnet, als sie Ende 1950 während einer ASTA-Diskussion über Westdeutschlands Wiederbewaffnung in geistigen Kontakt kamen Beide waren dagegen. "Weil man uns immer noch Unrecht tut", sagte der krasse Fuchs Hatzfeld. "Siehe Helgoland Dort wird deutscher Boden noch bombardiert,
und andererseits sollen wir schon wieder mitschießen."
Die Tat begann am Montag vor Weihnachten. Die beiden Studenten trampten nach Hamburg. René Leudesdorff mit 1,50 DM in der Tasche, Georg von Hatzfeld hatte nicht viel mehr.
Der nach Pinneberg verschlagene Vorsitzende der inselevakuierten Helgoländer-Gemeinschaft "Halluner Moats" Hans Peter Rickmers gab den beiden für Cuxhaven einen Tip: "Haltet Euch an meinen Bruder!" Bruder Otto, von Beruf Schiffsausrüster ließ für Mittwoch vor Weihnachten Kapitän Schulz seinen Krabbenfang-Kutter "Paula" seeklar machen.
Von Hatzfeld notierte:
"20. Dezember. Vor uns liegt Helgoland. Wir fahren mit Kurs auf Südspitze. Wollen den noch teilweise brauchbaren U-Bootshafen anlaufen. Aber dort liegt ja bereits ein Schiff. Fischer Schulz kennt es. Die Royal Eileen vom englischen Frontiers-Control-Service. Abhauen? Nicht möglich. Also einlaufen.
Die Eileen hat deutsche Besatzung und deutschen Kapitän. Der will von uns wissen, was wir hier wollen. Notlüge: Wir sind Journalisten und kommen, um die Insel zu besichtigen. Von Demonstrieren wird nichts erwähnt.
Wir sind nicht die einzigen Besichtiger. Die Royal Eileen hat englische Offiziere herübergefahren. Einen General und einen Stabsoffizier. Die kommen inzwischen zurück.
Herzklopfen. - Gut gegangen. "It would be wise to leave the island", meint der General. Ab Einbruch der Dunkelheit bestände Bombardierungsgefahr.
20. Dezember, 15.30 Uhr: Engländer abgefahren. Suchen uns Eisenstange aus Trümmern und richten sie als Flaggenmast auf. Alle drei Fahnen werden gesetzt. Die Europafahne weht über Helgoland. Zum ersten Male nach Kriegsende auch die Bundesflagge Deutschlands. Und die Fahne von Helgoland.
20. Dezember, abends: "Paula" ist abgefahren. René und ich sind allein. Haben uns im alten Flakturm eingerichtet. Was so einrichten heißt. Der Turm hat zehn Stockwerke. Drei unter und sieben über der Erde. Sitzen im dritten Stock, also parterre Dort liegt Heu, und ein Tisch ist da, ebenfalls zwei Bänke. Wird anscheinend von Fischern als Seenotquartier manchmal benutzt.
Im übrigen ist es hundekalt. Drei Decken haben wir mit.
21. Dezember, vormittags: Wir sind kraft unseres eigenen Wahnsinns hier.
21. Dezember, nachmittags: Auf dem Friedhof sieht es grauenvoll aus. Es ist kein Wahnsinn, daß wir hierhergefahren sind.
22. Dezember: Wir sind zu einer kurzen Unterbrechung aufs Festland zurückgegangen.
23. Dezember in Hamburg. Chartern Kutter für Nacht von Sonntag auf Montag.
24. Dezember mittags wieder in Cuxhaven. Erfahren, daß Engländer verfügt haben, Studenten sollen frei ausgehen, aber die Beihilfe leistenden Fischer sollen zur Verantwortung gezogen werden. Verstecken uns, um Aktion nicht zu gefährden. Fischer Schulz ist trotz allem bereit, uns Montag wieder überzusetzen. Auf seiner "Paula" versteckt, verbringen René und ich den Heiligen Abend.
25. Dezember: Schulzens "Paula" kann nicht auslaufen.
27. Dezember: Um 4 Uhr zweiter Start. Der Zoll macht wohlwollend die Augen zu. Als Vertreter der "Halluner Moats" fahren Lührs und Hans Richartz mit uns. Lührs kennt sich auf der Insel gut aus. Wir organisieren einen Ofen aus den Trümmern.
Woher Kohlen nehmen? Lührs meint, unter den Trümmern seines Hauses müßten im Keller noch Kohlen liegen. Untersuchung. Stimmt. Kohlen und Briketts. Aber der Ofen qualmt.
René steht kurz vor einer waschechten Bindehautentzündung. Wir entdecken Autoofen mit Benzinfeuerung. Den klemmen wir uns reihum zwischen die Knie.
28. Dezember: Demonstrieren kann verdammt langweilig sein.
29. Dezember: Hubertus Prinz zu Löwenstein kommt."
Prinz zu Löwenstein kam mit einem Haufen Journalisten. Inselstürmer Georg von Hatzfeld ist sein Privatsekretär, und niemand vermag einwandfrei zu klären, warum der Chef erst kam, als das Erfolgsbarometer der Aktion beständig auf Schönwetter stand. Der Prinz: "Ich habe erst aus dem Blätterwald von der ganzen Sache erfahren."
Auch sein Bruder, der in England lebende Prinz Leopold zu Löwenstein, Schwiegersohn des Verlegers Victor Gollancz, konnte dem "Daily Telegraph" nicht erklären, warum sein Bruder sich an die Spitze der Aktion gestellt habe: "Er ist ein Romantiker, der in jede Situation eine stark dramatische Note bringt."
Der Name Löwenstein war immerhin attraktiv. In westdeutschen Zeitungen hatte der Prinz aus seiner Meinung keinen Hehl gemacht: "Wenn die Engländer weiterhin Helgoland bombardieren, wird die britische Insel bald von Stalin bombardiert werden." Einen Artikel in der "Sonntagspost" überschrieb der "Reichs-Prinz": "Die fortgesetzten Verbrechen an Helgoland."
An den ihm persönlich bekannten Unterhausabgeordneten Professor Savory wandte sich Löwenstein brieflich nach London. Aber Savory war schon entflammt. "Mein teurer Vater hat heftig dagegen protestiert", sagte der Professor in der Unterhausdebatte am 28. 7. 1950, "daß Helgoland 1890 von uns an die Deutschen weggetauscht wurde. Mein Vater erklärte damals, eine Uebergabe Helgolands an Deutschland sei ebenso verrückt wie eine Uebergabe Gibraltars an Spanien oder Maltas an Italien. Aber
die dauernde Bombardierung ist ein Bruch des Völkerrechts."
Das war dieselbe Debatte, in der Lord Malcolm Douglas Hamilton erklärte: "Ich habe eine Reihe von Jahren bei der RAF gedient, und ich kann mir diesen Wehrmachtteil nicht so phantasielos oder unfähig vorstellen, daß er kein anderes geeignetes Ziel zu finden weiß. Scharhörn und Trischen, unbewohnte Eilande vor der Nordwestküste Deutschlands, könnten diesem Zweck nutzbar gemacht werden. Dies ist ein Fall, wo die britische Regierung ein wenig Großmut zeigen könnte."
Aber die Konservativen waren gegen Großmut. In ihrem Namen bat Martin Lindsay die Labour-Regierung, "mit den besiegten Deutschen streng zu verfahren, selbst wenn es sich um eine schlimme Sache handelt". Dies war Juli 1950.
Nun demonstrierte Prinz Hubertus. In Cuxhavens Deichstraße suchte er einen Kutter und für sein in 44 Lebensjahren halbglatzig gereiftes Haupt eine Wollmütze.
Kutter waren nicht leicht zu beschaffen. Die findigen Fischer verlangten 200 DM für einen kleinen, 600 DM für einen großen. "Weil das Risiko so groß ist." Nicht so sehr wegen der Engländer. Aber wenn Personen an Bord befördert würden, zahle keine Versicherung bei einem eventuellen Schiffsverlust etwas aus.
Auch Prinz Hubertus kleiner Kutter kostete 200 DM, aber Sport-Artikler Pinow, der ihn besorgte, wollte 100 DM für die gute Sache stiften. Er mußte auch die restlichen 100 DM noch drauflegen. Der bargeldlose Prinz gab ihm einen Scheck und ernannte ihn zum Nachwuchschef der Aktion Helgoland. Auf Helgoland hockte sich Prinz Hubertus mit Lederjacke und weißer Schreibmaschine in den Flakturm zu den beiden Studenten.
Von Hatzfeld notierte:
"30. Dezember: Bereiten großes Neujahrsfeuer vor. Holzstoß wird zusammengetragen. Heute erwarten wir Besuch. Aber kein Schiff ist zu erspähen. Wir singen aus der Dreigroschenoper mit kleiner Textänderung: 'Und kein Schiff liegt im Hafen.'
Silvesterfeuer brennt lichterloh. Gedanken schwelen bedenklich, ob nicht Gefahr besteht, daß die Aktion ins Nationalistische abgleiten könnte.
1. Januar: Haben Radiogerät bekommen und aufgebaut. Wir hören im Nachrichtendienst von der geplanten Aktion gegen uns.
2. Januar: Invasorenversammlung. Beratung, was tun wir, wenn ...
Ich bin für Verbarrikadieren. Die Mehrheit ist dagegen. Man meint, das sähe nach Indianerspiel aus. Ich werde überstimmt.
3. Januar: Die Gewalt läuft in Gestalt des Zollkreuzers Eileen ein. 'Wenn erneut Bomben fallen, sind wir sofort wieder auf der Insel', kündigen wir an."
Zwei englische Offiziere verlasen den Demonstranten die Verordnung 224, die am 29. Dezember das Betreten der Insel unter Strafe stellte. - Ablehnung. "Wir wollen einen schriftlichen Befehl für uns speziell haben."
Major Messenger entschied sich, zum Federhalter zu greifen: "Ich, Major Arthur Messenger, Senior der Public Safety-Aemter Schleswig-Holstein, Lübeck, ordne hiermit an, daß alle augenblicklich auf der Insel Helgoland befindlichen Personen die Insel unverzüglich zu räumen haben." Darauf Prinz Hubertus: "Wir weichen der Gewalt."
In Kiel hatte Landeskommissar Reginald Luce einen Tag lang vergeblich versucht, das Gesetz seines High Commissioner an den deutschen Mann zu bringen. Es war ihm nicht möglich. Denn der für zuständig gehaltene Innenminister Dr. Dr. Paul Pagel feierte seinen Geburtstag und ließ sich
davon auch nicht abbringen. "Morgen", sagte er und fügte gleich hinzu: "Ich bin aber gar nicht zuständig."
Als Innenminister habe er kein Weisungsrecht an die Polizei, da ein entsprechendes Landesgesetz derzeit von der Besatzungsmacht abgelehnt worden sei. Die Besatzer müßten sich also schon direkt an die Polizei wenden. Die habe allerdings weder seetüchtige Boote, noch könne er einsehen, daß sie eingreifen müsse. "Die Helgolandfrage ist nämlich gar nicht eine deutsche, sondern eine europäische Angelegenheit." Zu guter Letzt mußten dann doch 15 Polizisten mit, die allerdings nur demonstrativ grüßend in Erscheinung traten.
Der BHE als einzige Partei begann noch am Abend der Rückkehr nach Cuxhaven den politischen Rahm abzuschöpfen. Kreisvorsitzender Dr. Gerhard Böhm hatte seinen großen Tag. Im Nottheater-Saal in Cuxhavens Bleicke-Schule trommelte er rund 1000 zusammen zwecks Protestkundgebung.
Nur Hubertus Prinz zu Löwenstein harmoniert nicht mehr so recht mit seinem Privat-Sekretär Georg von Hatzfeld und dessen Freund René Leudesdorff.
Der Prinz kündigte Helgoland-Versammlungen "in 37 Gemeinden und Kreisen" an. Das deckt sich genau mit der Zahl der Unterorganisationen seiner streng nationalen "Deutschen Aktion", deren dunkelblauer Wimpel mit weißem Ottonen-Reichsadler ihm selbst auf der Insel ständig aus der Tasche fiel.
Die beiden Ur-Initiatoren wollen aber, daß die "Aktion Helgoland" eine freie Studenten-Aktion bleibt.

DER SPIEGEL 2/1951
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