10.01.1951

BEI DER UFA MACHTE MAN DAS SO ...

KINO - DAS GROSSE TRAUMGESCHÄFT

18. Fortsetzung

Vor 1933 war es der Ufa gelungen, ihre Kulturfilm-Abteilung zur besten der Welt überhaupt zu machen. 90 Prozent aller Kulturfilme in der Welt waren unter dem Ufa-Rhombus gedreht. Besonders Amerika, das sonst gar nichts von deutschen Filmen wissen wollte, riß sich um Kulturfilme der Ufa. Solche tollen Naturfilme hatte man am Broadway noch nicht gesehen, wie etwa "Mungo, der Schlangentöter", in dem die indische Katze die gefährlichste Schlange, die Brillenschlange, zum Kampf stellt und sie - in Zeitlupe gezeigt - hinter dem Kopf packt und würgt. Große Spezialbauten waren in Babelsberg entstanden, um auch in die letzten Geheimnisse der Natur mit dem Film eindringen zu können.

"Ufa-Gems" (etwa: Edelsteine) oder "Ufa-Oddities" (etwa: Leckerbissen) wurden die Ufa-Streifen in den englisch sprechenden Ländern genannt. In Frankreich hießen sie "films de niveau".

Für seine Verdienste um den deutschen Kulturfilm wurde Ludwig Klitzsch Ehrendoktor der Universität Halle.

In der Film-Handelsbilanz jener Jahre stand den Importkosten von 5 Millionen Mark für ausländische Filme ein Exporterlös von 30 Millionen Mark gegenüber. Die Ufa rappelte sich beharrlich empor. Darum wurde in den ersten Jahren nach der Hugenbergschen Machtübernahme im Ufa-Haus kein Gewinn abgeschöpft. Erst als das Unternehmen genügend gegen Krisen gesichert schien, verteilte man in drei aufeinander folgenden Jahren Dividende: 6, 4 und 2 Prozent. Das waren die Gelder, die durch die Spitzenfilme der Ufa eingeheimst wurden. Die Hauptschlager hielten sich wochenlang in den Erstaufführungstheatern.

Man macht der Ufa der Hugenberg-Klitzsch-Aera heute den Vorwurf, sie habe Spielfilme drehen lassen, die eindeutig die Stimmung des Volkes für eine nationale Revolution vorbereiten sollten. Dann werden als Beispiele genannt: "Das Flötenkonzert von Sanssouci", "Yorck", "FP 1 antwortet nicht" und "Morgenrot".

Das waren gewiß Filme, die man mit dem Prädikat "national" belegen kann. "Aber sie waren nicht nationalistisch!" betont heute Erich Pommer. Er hatte an den genannten Filmen keinen Anteil, ihm als dem Emigranten von 1933 kann man ein objektives Urteil zutrauen. Und Pommer fügt hinzu: "In welchem Land wurden denn keine nationalen Filme gedreht?"

Auch war es nicht etwa die Ufa allein, die hier ein Konjunktur-Geschäft machen wollte. Da entstanden bei anderen Firmen Streifen, die noch nicht einmal das Hauptgewicht auf die Zeichnung menschlichen Schicksals legten, wie dies etwa in "Morgenrot" der Fall war.

Es war vor allem ein ganz besonderes Verdienst der sorgsamen und klugen Ufa-Dramaturgie, daß kaum ein nennenswerter Versager unter den Ufa-Filmen vor 1933 war. Das finanzielle Risiko hatte sich beträchtlich erhöht. Die Durchschnittsausgaben für einen langen Spielfilm waren von 465 000 RM in der Saison 1928/29 auf 579 000 RM 1929/30 gestiegen. Soviel machte die tönende Leinwand aus. Der Ufa gelang es allerdings, bei scharfer Kalkulation die Durchschnittskosten ihrer Filme bald auf 450 000 RM zu senken.

So konnte die Ufa die Jahre einer für Deutschland beispiellosen Krise glatt und sogar noch gestärkt überstehen. Die wachsende Arbeitslosigkeit, die Bankkräche, der steil absinkende Lebensstandard der deutschen Bevölkerung ließen die Filmtheater leerer werden. Bald mußten zahlreiche Kinos ihre Pleite bekennen. Produktions- und Verleihfirmen folgten.

Um den unabhängigen Kinos entgegenzukommen, senkte die Ufa trotz steigender Produktionskosten vorübergehend sogar die Leihmieten, die im Durchschnitt dieser Jahre 40 Prozent betrugen. Aber der Rückgang der Einnahmen der Theater ließ sich nicht aufhalten, er belief sich auf 30 und mehr Prozent.

Gesprächsfetzen. Die Nationalsozialisten hatten früh erkannt, wie groß der Wert des Films als Beeinflussungsmittel der Masse ist. Schon 1930 hatte die NSDAP auf Anregung des Berliner Gauleiters Joseph Goebbels eine eigene Filmabteilung gegründet. Ihr Leiter war ein gewisser Arnold Raether, der gut durch die NS-Jahre und die Entnazifizierung kam. In den Wahlschlachten des Jahres 1932 setzten die Braunhemden allein 182 Kopien ihres - noch stummen - Werbefilms "Hitlers Flug über Deutschland" ein.

Was Hitler 1933 vom Film als Propagandamittel hielt, ist durch Gesprächsfetzen überliefert, die aus seiner Unterhaltung mit der Schauspielerin Toni van Eyck stammen. Hitler hatte Toni van Eyck in dem sexualwissenschaftlichen Aufklärungsspielfilm "Gefahren der Liebe" angestaunt. 1933 saßen die beiden zusammen. Hitler bekannte: "Gewiß, ich will den Film auf der einen Seite voll und ganz als Propagandamittel ausnützen, aber so, daß jeder Besucher weiß: heute gehe ich in einen politischen Film. Genau so wie er im Sportpalast auch nicht Politik und Kunst gemischt zu hören bekommt. Mir ist es zum Ekel, wenn unter dem Vorwand der Kunst Politik getrieben wird. Entweder Kunst oder Politik!"

"Dr. Goebbels Minister." Hitlers Ekel müßte demnach 12 Jahre gedauert haben. Denn sein Film- und Propaganda-Spezialist Goebbels war entschieden anderer Meinung als er. Goebbels war für richtig dosierte Mischung von Politik und Kunst. Die Erfolge seiner Filmausrichtung gaben seiner These recht.

Goebbels mußte 1933 in der Führung der NSDAP all seine Redekunst aufbieten, um sich und seine Ansichten durchzusetzen.

Für ihn war es eine unmögliche Fehlentscheidung, daß der Film, dieses wichtige Instrument der Propaganda, im Reichskabinett vom 30. Januar 1933 dem unfähigen Oberlehrer Rust unterstellt worden war. Goebbels bohrte. Schließlich hatte er sich durch die Hintertür in Hitlers Kabinett eingebohrt.

Am 13. März 1933 meldete die täglich erscheinende Fachzeitung "Film-Kurier" mit Schlagzeile: "Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda ist grundsätzlich beschlossen - Dr. Goebbels Minister." Die bürgerlichen Minister im Koalitionskabinett hatten einmal mehr vor dem gefürchteten Revoluzzer Hitler gekuscht und sich einverstanden erklärt, den bisherigen Reichspropaganda-Leiter der NSDAP als neuen Minister an ihrem Tisch aufzunehmen. Dr. Walter Funk wurde Reichspressechef und Staatssekretär im Ministerium.

Joseph Goebbels handelte schnell. Noch am Tage seiner Ernennung bezog er das Prinz-Friedrich-Leopold-Palais am Wilhelmsplatz, gleich gegenüber der Reichskanzlei. Am 15. 3. 33 hatte er bereits den theoretischen Aufbau seines Ministeriums abgeschlossen. Fünf Abteilungen sollte es haben: Rundfunk, Presse, Aktive Propaganda, Film, Theater und Volkserziehung.

Am 16. 3. 33 bereits ließ er die Tagespresse in seinem Palais antreten. Einer seiner ersten Sätze: "Die Regierung will sich in weit größerem Maße als ihre Vorgänger um den Film kümmern, vor allem auch um seinen künstlerischen und geistigen Gehalt."

Der Nationalsozialist sehe den Film als Instrument zur Beeinflussung der Massen. Daher werde im Filmwesen künftig der staatliche Einfluß geltend gemacht werden. Auch an eine eigenstaatliche Produktion sei gedacht. "Aber an eine Verstaatlichung des deutschen Films ist kein Gedanke. Das sind nur Gerüchtäußerungen nicht autorisierter Personen!"

Aber da kamen kurz nacheinander aus verschiedenen Ländern Deutschlands beunruhigende Nachrichten. Ein Mann reiste von Landesverband zu Landesverband und hetzte gegen den Reichsverband des deutschen Films. Der Mann hieß Adolf Engl, alter NS-Kämpfer aus Bayern.

Engl, Münchner Theaterbesitzer, später Vorsitzender des Aufsichtsrates der Syndikatfilm, ab Februar 1932 offizieller Berater der Filmbeschaffungsstelle der NSDAP und Leiter der Gaufilmstelle Süd, hatte sich durch seinen Bockbiereifer eine führende Rolle im Filmverbandsleben ergattert.

In jedem Verband berief er Kundgebungen ein und machte Theaterbesitzer und Verleiher kopfscheu und sturmreif. Kaum einer wagte sich den "spontanen Resolutionen" zu widersetzen.

Die Resolutionen richteten sich gegen die Spitzenorganisation des Films. Die Spio hatte kurz vor dem 30. 1. 33 einen Plan ausgearbeitet, der - mit zum Teil unpopulären Eingriffen in die Privatwirtschaft - die deutsche Filmwirtschaft aus dem Konkursschlamassel retten sollte.

Engl sagte in Düsseldorf wie Frankfurt die gleichen Sätze: "Der Spio-Plan ist der Versailler Vertrag des deutschen Lichtspielwesens!" Das zog. Der Versailler Vertrag war ja ein nationaler Schandfleck.

Es dauerte nicht lange, bis die von Engl verführten Filmleute merkten, daß Goebbels ihnen Erlasse "zur Rettung des deutschen

Films" diktierte, die mit dem Spio-Plan entfernt verwandt, nur viel scharfer waren.

Eigentlich konnte es bei den Männern des deutschen Films keinen Zweifel mehr geben, wie der künftige Filmkurs lautete, als der neue Obermeister des Films am 28. 3. 33 im Kaiserhof sprach: "Die Kunst ist frei, und die Kunst soll frei bleiben ..." - hörbares Aufatmen im Kaiserhof - "... allerdings muß sie sich an bestimmte Normen gewöhnen!"

Als erster wurde der französische Film "Hölzerne Kreuze" mit einem "Widerruf der Zulassung" bedacht. Das war ein pazifistischer Film von Grabenkämpfen und sinnlosem Tod im Granatfeuer. So ging es weiter. Allein am 14. April 1933 wurde die Zulassung von 22 deutschen Filmen widerrufen, die der Goebbelschen Norm nicht entsprachen. Für den Export wurden sie weiter zugelassen. Denn Devisen konnten die Nazis gebrauchen, auch, wenn sie durch Juden eingebracht wurden.

Schnell verschwanden aus den deutschen Filmtheatern die Bilder von Elisabeth Bergner, Gitta Alpar, Fritz Kortner, Siegfried Arno und anderen. Die Emigration einer ganzen Legion der besten Kräfte des deutschen Films war die Folge. Das bedeutete einen Substanzverlust, den der deutsche Film nie wieder ausgleichen konnte. Ueber Nacht rückte unerfahrener Nachwuchs in die frei gewordenen Stellen.

Das Ausland revanchierte sich schnell für das Verbot vieler seiner Filme: zahlreiche ausländische Gesellschaften zogen ihr Kapital aus dem deutschen Film zurück. In vielen Ländern wurde zum Boykott der deutschen Filme aufgerufen. Erfolgreich. Die Auslandseinnahmen der deutschen Filmkonzerne sanken rapide ab. Von 25 bis 30 Millionen Mark jährlich auf 4 bis 5 Millionen Mark. In der Saison 1932/33 wurden noch 40 Prozent der Herstellungskosten der deutschen Filme aus dem Ausland gedeckt. 1934/35 waren es nur noch 12 bis 15 Prozent der Herstellungskosten, die durch Auslandseinnahmen gedeckt wurden, 1936/37 nur 6 bis 7 Prozent.

Der Fall Pommer. Doch war Goebbels in seiner antisemitischen Wut nicht so verbohrt, daß er Chancen außer acht ließ, wo er mit Hilfe eines Juden vielleicht eine lange aufgesparte Rache ausüben könnte. Seine alte Rache gegen den Scherl-Ufa-Gewaltigen Ludwig Klitzsch. Klitzsch hatte gegen Goebbels einmal eine einstweilige Verfügung durchgesetzt, die dem Gauleiter von Berlin bei Strafe den Gebrauch einiger Blüten aus dem nationalsozialistischen Schimpfjargon gegenüber dem Scherl-Verlag untersagte. Goebbels hatte diese Verfügung sehr gewurmt. Wie er überhaupt ein Mensch war, der persönliche Niederlagen nur schwer verwinden konnte.

Der Ufa-Chef fürchtete mit Recht die Revanchegelüste des Joseph Goebbels. Die Ufa-Leitung war aber außerdem in dem Irrtum befangen, den Hugenberg und seine ganze deutschnationale Führung bis zu Hugenbergs Austritt*) aus dem Hitler-Kabinett pflegten: Das nationalsozialistische Regime sei nur der Uebergang zum Sieg einer großen völkischen Sammlungsbewegung, selbstverständlich unter der Führung des großen Patrioten Alfred Hugenberg.

Also, folgerte die Ufa, mußte man die Interimsherrschaft der Radikalen überstehen. Das bedeutete: möglichst nicht anecken, nicht durch irgendwelche unerwünschten Maßnahmen auffallen. Es wurde leise getreten. So kam es auch zum "Fall Pommer".

Erich Pommer zu verlieren, bedeutete für die Ufa, ihren fähigsten Produzenten einzubüßen. Pommer hatte der Ufa Millionen Mark gebracht. Unter ihm waren "Madame Dubarry", "Die Nibelungen". "Metropolis", "Liebeswalzer", "Der Kongreß tanzt" zu Welterfolgen geworden. Aber Pommer war - den Programmpunkten der NSDAP entsprechend - unerwünscht.

Noch einmal versuchte die Ufa. beim Promi einen neuen Vertrag für Pommer durchzupauken. Aber Arnold Raether, der inzwischen die Treppe mit braunem Elan hinaufgefallen war, stänkerte. Schnell ließ die Ufa Pommer zur Fox abreisen.

Doch neben dieser offiziellen Version gibt es eine interessante Variante, über Erich Pommers 1933-Abschied von Deutschland. Sie lautet:

Goebbels haßte die Ufa und versuchte ihr zu schaden, wo er nur konnte. Als sich die Ufa von dem exponierten Pommer löste, witterte Goebbels eine neue Chance. Er verhandelte mit der amerikanischen Fox-Film, mit der Pommer inzwischen einen Vertrag als europäischer Produktionschef geschlossen hatte. Goebbels wollte erreichen, daß die Fox das Schwergewicht der geplanten europäischen Produktion in Berlin verankern sollte. Für diesen Fall sicherte der Promi-Chef erhebliche Reichsmittel für die Produktion der Fox zu. Der Leiter der neuen amerikanischen Fremdsprachen-Produktion, die sich automatisch zu einer großen Konkurrenz für die Ufa entwickeln würde, sollte auf Goebbels'' Wunsch Erich Pommer heißen.

Mehrmals tauchten beim packenden Pommer Ministerialbeamte als Goebbels-Boten auf, um ihn zu überreden. Pommer lehnte ab. Die Fox lehnte ab. Goebbels mußte andere Wege suchen, um die Ufa kaputt zu machen.

Soweit die inoffizielle Lesart. Pommer, heute mit neuen Plänen in der Münchner Filmstadt Geiselgasteig, schweigt zu dieser Version. Wie meist, ironisch lächelnd.

Dem Geist der Zeit zuwiderlaufen. Die Maßnahmen zur Gleichschaltung der deutschen Filmwirtschaft folgten schnell aufeinander:

Die Filmkredit-Bank G.m.b.H. wurde mit 6 Millionen RM Kapital gegründet. Sie hatte die Aufgabe, alle Filmvorhaben zu finanzieren.

Am 14. Juli 1933 verkündete ein Gesetz die Errichtung der "vorläufigen Filmkammer".

Am 16. Februar 1934 kam ein neues Lichtspielgesetz, das den "Reichsfilmdramaturgen" einbrachte, ein Amt, das die Aufgabe hatte (§ 2, 5), "rechtzeitig zu verhindern, daß Stoffe behandelt werden, die dem Geist der Zeit zuwiderlaufen".

Der Reichsfilmdramaturg brachte es im Laufe der nächsten 1000 Jahre zu einer traurigen Berühmtheit. Für die zirka 110

Filme, die die deutsche Filmindustrie pro Friedensjahr herausbrachte, wurden jährlich durchschnittlich 450 bis 480 Exposés geschrieben. Das heißt, daß von 4 bis 5 Filmideen nur eine dem Papierkorb-Schicksal entging.

Generaldirektor Ludwig Klitzschens Haltung war die typisch deutsche "Haltung" dieser Zeit: Mitmachen. Und Schlimmeres verhüten, solange man es vor seinem Gewissen verantworten konnte. Bei Klitzsch lag freilich auch die Verantwortung für über 5000 Angestellte der Ufa Sie hätten ihre Existenz verloren, wenn ihr Chef offen gegen den Goebbels-Kurs opponiert hätte.

1933 machte sich die Ufa erst einmal Liebkind bei ihrem zuständigen Minister. Sie drehte "Hitlerjunge Quex". Als der politische Tendenzstoff der Ufa "von oben nahegelegt" wurde, meinte man, nicht kneifen zu können. Der Regisseur des HJ-Films (nach K. A. Schenzinger), Hans Steinhoff, der 1939 "Robert Koch" drehte und 1941 "Ohm Krüger", lebt heute unter falschem Namen in der Schweiz. Er fürchtet noch immer Bestrafung wegen seines anti-englischen "Ohm Krüger".

"Quex" bedeutete das Ende einer ruhmvollen Ufa-Epoche. Wenn bis dahin kaufmännische Erwägungen und künstlerisches Gewissen das Gesicht der Ufa bestimmt hatten, so vegetierte sie jetzt auf schmalem Grat zwischen den hartnäckigen Forderungen des Propaganda-Ministeriums und der Portion Anständigkeit, die die Ufa-Herren in der Brust trugen. Aber sie mußten einen nach dem anderen entlassen, dessen Nase Goebbels nicht gefiel: Szomlo, Dr. Kahlenberger, Zeisler, Schlesinger Klitzsch klebte Pflaster mit großzügigen Abfindungen.

Das Produktionsprogramm der Ufa mußte jährlich beim Promi eingereicht werden. Kam es zurück, waren viele Stoffe gestrichen. Aber dafür standen handschriftlich neue Themen darunter, von Goebbels eingeschrieben.

Goebbels stiftete den Nationalen Filmpreis, der ab 1934 jährlich am 1. Mai verliehen werden sollte. Ihn holte sich 1934 die Ufa mit ihrem Fernost-Abenteuerfilm "Flüchtlinge".

Tanzen, seufzen, lieben. Drei neue Stars kreierte die Ufa zwischen 1935 und 1938:

* Marika Rökk

* Zarah Leander

* Lida Baarova.

Marika Rökk tat schon vor 15 Jahren in "Leichte Kavallerie" das, was sie heute noch tut: sie tanzte und sang.

Zarah Leander tat schon vor 13 Jahren in "Zu neuen Ufern" das, was sie heute noch tut: sie orgelte und seufzte.

Lida Baarova tat in jenen Jahren das, was sie heute nicht wieder tun würde: sie liebte und erkaufte sich mit ihrer Liebe Hauptrollen.

Marika Rökk und Zarah Leander zogen 1949/50 stargemäß wieder in die deutschen Ateliers ein. Ihren überlieferten Ruhm ließen sie sich durch Einstufung in die höchste Gagenklasse aufpolieren: pro Film so um 150 000 DM. In dieser einsamen Gagenhöhe tummelt sich beim deutschen Film sonst nur noch Hans Albers.

Auch Lida Baarova versuchte, wieder beim deutschen Film-Geschäft Geld zu holen. Vergeblich. Man nahm ihr ihre propaganda-ministerielle Liaison übel.

Drei Millionen Geräusche. Auch nach 1933 war die Ufa bestrebt, die wissenschaftlichen Grundlagen für Deutschlands viertwichtigsten Wirtschaftszweig zu festigen. 1935 eröffnete Ludwig Klitzsch auf dem Gelände von "Ufabelsberg" die "Lehrschau". Zusammen mit Professor Oswald Lehnich, der damals zwar Präsident der Reichsfilmkammer, aber dennoch ein so anständiger Mann war, daß er schließlich sein Amt niederlegen mußte.

Die "Lehrschau" sollte die Vorstufe zu einer Filmakademie sein, die die Ufa stiften wollte. Bei der Ufa machte man alles, um dem Nachwuchs eine gründliche Ausbildung zukommen zu lassen. In der Lehrschau, deren wissenschaftlicher Leiter Dr. Hans Traub war, konnte man alle Filmmaschinentypen studieren, sah von sämtlichen Ufa-Filmen Dekorations- und Kostümentwürfe, Exposés, Drehbücher, Plakate und Zensurakten, erfuhr alles Wissenswerte über Ateliertechnik. Allein das Geräuscharchiv der Lehrschau besaß 3 Millionen Geräusche, zum Beispiel Pferdegetrappel auf Holz, Asphalt, Kopfsteinen, Sand, Sumpfboden usw.

15 Millionen Defizit. Die sinkenden Auslandseinnahmen des deutschen Films ließen neue Krisengefahr entstehen. Diese Folgen der doktrinären NS-Filmpolitik wurden zunächst durch gesteigerte Inlandseinnahmen ausgeglichen. Aber dennoch blieb das Defizit erheblich.

Das war kein Wunder. Die starken Eingriffe des Propaganda-Ministeriums machten eine Planung auf längere Sicht vollkommen unmöglich. Oft wurde Geld zum Fenster hinausgeworfen, weil das Promi einen eigentlich genehmigten Film mitten in den Dreharbeiten abbrechen oder ihn nach Fertigstellung nicht durch die Zensur ließ.

So waren die Filmkonzerne (mit Ausnahme der Ufa) verschuldet. Und das Defizit wurde von Jahr zu Jahr größer. Die Filmwirtschaft der Saison 1936/37 endete mit einem Defizit, das zwischen 12 und 15 Millionen Reichsmark betragen haben soll. Zahlreiche kleine Firmen liquidierten, andere arbeiteten als Auftragsproduktionen der großen Konzerne weiter. Die Carl-Froelich-Studio-AG. fusionierte entkräftet mit der Ufa. 1935/36 produzierten von 108 Filmen die Ufa 24, die Tobis 41 und die Terra 11 Filme. Diese drei Firmen waren es auch, die am Höhepunkt der neuen deutschen Kinokrise, Ende 1936, überhaupt noch ihre Kameras in den Ateliers laufen ließen.

Da hielt Goebbels die deutsche Filmindustrie für genügend zermürbt. Sein Tag war da. Amtlich erklärte man: "Das jährliche Defizit der deutschen Filmwirtschaft kann nur durch eine Konzentration aller Kräfte vermieden werden."

Goebbels wußte, diese "Konzentration aller Kräfte" würde ein harter Strauß werden. Denn die Filmleute waren auch mit allen Wassern gewaschen. So suchte er nach einem Mann, der die Verhandlungen mit Sachkenntnis und zäher Nüchternheit führen konnte. Er brauchte nicht lange zu suchen. Er fand ihn bald. Er fand Max Winkler.

Der 13. Nothelfer. Dr. h. c. Max Winkler diente als Finanzgenie Stresemann wie Otto Braun, Brüning wie Hitler. Er dient auch heute bereits wieder als inoffizieller Berater Bonner Persönlichkeiten.

Der Lehrerssohn Winkler fing als mittlerer Postbeamter an. Dann wurde er Stadtverordneter und Bürgermeister von Graudenz. "Der Bürgermeister" blieb sein Spitzname. Als demokratischer Abgeordneter zog er in den Reichstag der Republik ein.

Reichskanzler Marx nannte ihn den "13. Nothelfer". 8,6 Millionen Mark Wahlgelder sammelte Winkler, als es darum ging, Hindenburgs Wiederwahl zum Reichspräsidenten gegen Hitler und Thälmann durchzukämpfen. 19 Reichskanzler benutzten Winkler als ihren Treuhänder. Der 20. Kanzler hieß Hitler.

Winkler saß, von der Oeffentlichkeit nicht registriert, in seinen Büroräumen in Berlin, Brückenallee 2. Seine "Cautio Treuhandgesellschaft m. b. H.", gegründet 1929, arbeitete mit einem Gesellschaftskapital von 70 000 RM als Teuhänderin für das Reichsfinanzministerium und für das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. "Gegenstand des Unternehmens ist die Anlage und Verwaltung von Vermögen Dritter und der Betrieb aller damit zusammenhängenden Geschäfte", stand im Handelsregister.

Im Reichsauftrag kaufte er die Zeitungsunternehmen Broschek, Ullstein, Mosse, Madsack. Winkler kaufte großzügig. Die Gelder waren reichlich da. So bezahlte er reichlich. Aber die bürgerliche Presse, die alle Verbotswellen überschwommen hatte, ließ ihre Unabhängigkeit untergehen. Mehr wollte das Reich ja auch nicht.

Es dauerte nach der von Goebbels angekündigten Film-Konzentration nicht lange, bis Winkler seinen ersten großen Filmcoup landete. Er kaufte die Internationale Tobis einschließlich aller ihrer Töchter, also auch der deutschen Tobis, für

ganze 3,6 Millionen Gulden. Da erschien Winkler den Nazis als großartiges Devisen-Spargenie. Und selbst die 3,6 Millionen Gulden bezahlte er nicht. "Die habe ich abgestottert mit Filmlizenzen!"

Er kaufte eine Filmgesellschaft nach der anderen auf Reichskosten. So auch die Terra, die sich nach Reorganisation durch Winkler schnell erholte und nach 18 Monaten bereits 2 Millionen RM Gewinn buchen konnte.

"Ich habe alle Filmgesellschaften sehr vornehm abgefunden", erklärt Winkler heute zur Gleichschaltung des deutschen Films.

Nach der Kapitulation setzten ihn die Briten für 13 Monate hinter Bad Nenndorfer Gitter. Als sie seine Geschäftsführung untersucht und keinerlei Inkorrektheit festgestellt hatten, zeigten sie sich sehr erstaunt. Verdutzt fragte der Untersuchungsoffizier: "Warum haben Sie die Besitzer der Prager Filmindustrie mit einer Million überbezahlt?"

Der Silberfuchs stöhnt. Ueber den Verkauf der Ufa-Mehrheit an das Deutsche Reich gibt es heute zwei Versionen. Wenn man den Informationen von Max Winkler folgen will, befand sich die Ufa damals wie alle ihre Konkurrenzfirmen in finanzieller Bedrängnis. Wirtschaftsminister Funk habe ihn eines Tages angerufen: "Kommen Sie schnell mal her. Herr Klitzsch ist wieder bei mir vorgefahren. Er will mit Ihnen verhandeln."

Wenn man den Informationen von Ufa-Leuten folgen will, kann von einer wirtschaftlichen Krise bei der Ufa 1936/37 nicht die Rede sein.

Nein, der Grund liege woanders. Goebbels wollte, koste was es wolle, die traditionsreiche Ufa vollständig unter seine Fuchtel bringen.

Zahlreiche Ufa-Filme mußten wegen jüdischer Regisseure oder Darsteller zurückgezogen werden. Wieder und wieder verlangte Goebbels von Klitzsch die Entlassung aller jüdischen Ufa-Angestellten. Wieder und wieder lehnte Klitzsch ab, beugte sich meist nur nach ausdrücklichem Befehl seinem Minister.

Ende 1936 verlangte Goebbels kategorisch, daß der Ufa-Produktionschef (und Nicht-Pg.) Ernst Hugo Correll seinen Posten niederlegen sollte, weil er sein. Goebbels'', Vertrauen nicht besitze. Klitzsch blieb ungerührt. Er könne Correll nicht entbehren.

Goebbels meinte auch plötzlich (März 1937), der Aufsichtsrat der Ufa müsse sofort entlassen und nach seinen Wünschen neugebildet werden. Klitzsch ließ ihm antworten, die Ufa sei bekanntlich eine Privatfirma. Und deswegen sei eine Abberufung und Neuernennung des Aufsichtsrates nur durch eine ordentliche Gesellschafter-Versammlung möglich.

"Das halte ich nicht durch", stöhnte der "Silberfuchs" Hugenberg (nach "der 42-cm-Mörser" und "die Spinne" 3. Spitzname des kaltgestellten Deutsch-Nationalen). Er wußte, auch seine wirtschaftliche Position wackelte. Goebbels wollte möglichst beide fetten Hugenberg-Happen: Scherl-Verlag und Ufa.

Auf Scherl waren zur selben Zeit heftige Angriffe der NS-Parteipresse gerichtet. Aber Scherl war Hugenberg wichtiger. (Denn Scherl brachte mehr Geld.) Da waren der "Allgemeine Wegweiser" und "Berlin hört und sieht" mit anständigen Auflagen. Da waren der "Berliner Lokal-Anzeiger" mit 300 000 Auflage und die "Nachtausgabe".

(Schluß folgt.)

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*) Klitzsch: Hugenberg sei Juni 33 zurückgetreten, um das Kabinett und damit das Ermächtigungsgesetz zu Fall zu bringen, dessen Gültigkeit auf die Amtsdauer des Kabinetts Hitler beschränkt gewesen sei.

DER SPIEGEL 2/1951
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DER SPIEGEL 2/1951
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