24.01.1951

VEREINIGUNGDie Lieb' zum Vaterland

Die ablehnenden Erklärungen des Bundeskanzlers zum Grotewohl-Brief sind unlogisch", formulierte Hartmann Freiherr von Richthofen, Legationsrat a. D., trotz hohen Alters (72) aktives Vorstandsmitglied der "Gesellschaft für die Wiedervereinigung Deutschlands", zentraler Sitz Westberlin.
Richthofen und seine Freunde Reichsminister a. D. Dr. Hermes und Botschafter a. D. Rudolf Nadolny, ebenfalls ergraute Führungsköpfe der Wiedervereinigungsgesellschaft, glauben: "Es sind die Russen, die eine Klärung in Deutschland wünschen und denen an der Wiederherstellung eines leidlichen Verhältnisses - Nichtangriffspakt - mit einem möglichst zentralisierten deutschen Einheitsstaat liegt".
Noch vor einigen Wochen signalisierte v. Richthofen als vorgeschobener Beobachter der Gesellschaft aus der politischen Frontstadt Westberlin nach Westdeutschland: "Gerade weil die Sowjets Grotewohl zu seinem Brief veranlaßt haben und diese russischen Annäherungsversuche dem SED-Politbüro nicht in den Kram passen, sollte alles getan werden, um mit unseren Nachbarn in ein zunächst unverbindliches Gespräch zu kommen."
Man müsse die Voraussetzungen besprechen, unter denen die Ausschreibung einer Wahl zu einer gesamtdeutschen verfassunggebenden Nationalversammlung möglich sei. "Dem steht der diktatorische Charakter der Ostregierung heute ebensowenig entgegen, wie es bei den Volkskommissaren diktatorisch-revolutionären Ursprungs 1918 der Fall war" (v. Richthofen).
Wegen solcher versöhnlerischer Tendenzen, die der britische Oberkommissar
Sir Ivone Kirkpatrick in Hamburg als gefährliche Fehlspekulation rügte, haben die Vorstandsmitglieder der Gesellschaft zur Wiedervereinigung die verschiedensten Angriffe hören müssen. Vor allem Rudolf Nadolny*).
Er ist unter den Gründern der Gesellschaft mit 77 Jahren der Aelteste. "Graue Eminenz des Kreml" und "Agent für Karlshorst" schimpften ihn seine Gegner.
Dafür aber sind die Gedanken hinter der Stirn des knittrigen Slawengesichtes viel zu eigenwillig. 1934 quittierte er, verärgert über Hitlers falsche Einschätzung der Ostprobleme, seinen Moskauer Diplomaten-Posten. Bei einer späteren Aussprache mit Hitler entsetzte sich Staatssekretär Otto Meißner, weil Nadolny die Anrede "Herr Reichskanzler" anstatt "Mein Führer" gebrauchte und sich leicht verneigte, anstatt die Rechte zum deutschen Gruß zu heben.
Auch in der Stunde des Russen-Einmarsches blieb Nadolny angesichts der GPU-Pistolen so eigensinnig wie immer. Er weigerte sich, auf den Lkw. zu steigen, der ihn zum GPU-Stabsquartier abholen sollte: "Ein Botschafter fährt nicht in Lastkraftwagen. Wenn Sie mich holen wollen, dann müssen Sie schon einen Personenkraftwagen schicken". Der Kommissar ließ fluchend zwei Rotarmisten zur Bewachung des widerborstigen Alten zurück, um einen Pkw. zu holen.
Nadolny, Sohn einer seit 500 Jahren in Ostpreußen ansässigen Gutsbesitzer-Familie, ist so konservativ, wie nur ein Bismarck - Schüler und ostelbischer Deutschnationaler sein kann. Er lebt 1951 noch aus der Tradition und in den Erinnerungen seines gut-bürgerlichen Elternhauses, seiner vaterländischen Studenten-Verbindung und der Bismarckschen Diplomatenschule.
Zwischen der Fülle von Familienbildern und Erinnerungsfotos (mit Widmung) von Königen, Staatspräsidenten, Ministern und Botschafter-Kollegen liegt unter Glas das "Farbenlied des Vereins Deutscher Studenten" von Rudolf Nadolny:
"... Bei Becherklang und Burschenlust da hielt ich wacker stand, doch höher schwellte noch die Brust die Lieb'' zum Vaterland...
"Und läuft auch meine Uhr einst ab und holt mich ab der Tod, so leget mir ins kühle Grab die Farben schwarz-weiß-rot."
Nadolnys häufigste Lektüre sind Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen".
Freilich sähe er die Russen heute am liebsten in Rußland und sich selbst wieder auf seiner brandenburgischen 20-Morgen-Klitsche Katharinenhof bei Gransee. "Es ist aber die Aufgabe der Diplomatie, die Tür zum Nachbarn so lange wie möglich offen zu halten. Vor allem, wenn der Nachbar so bedeutend und stark ist wie die Sowjet-Union.
1945 folgte Nadolny einer Einladung nach Karlshorst. Polit-Oberst SMA-Informationschef Tulpanow forderte Nadolny auf, den Vorsitz der Gesellschaft zum Studium der Sowjet-Kultur zu übernehmen. Nadolny lehnte ab. Es sei keine gute Idee, den Deutschen nach den mit den Russen gemachten Erfahrungen mit solchen Propaganda-Mitteln zu kommen.
Schließlich legte der eigenwillige alte Herr auch seine Präsidentschaft beim Deutschen Roten Kreuz nieder und übersiedelte
im Blockade-Winter 1948/49 von Berlin zu seinen Kindern nach Westdeutschland. Die letzten Verbindungen nach Karlshorst waren längst abgerissen.
Schon vorher hatte Nadolny von allen Seiten Feuer bekommen. Seine Gespräche im "Godesberger Kreis" mit Reichsminister Andreas Hermes*), mit von Richthofen, mit dem zweiten CSU-Vorsitzenden Botschafter a. D. von Prittwitz und Gaffron, mit Professor Hellpach-Heidelberg, Oberdirektor Pünder, Ernst Lemmer, Probst Grüber und anderen Altdemokraten der wilhelminischen und Weimarer Aera wurden vor allem von seiten der SPD als "unerwünschte Einmischung in die Diskussion der Einheit Deutschlands" bezeichnet.
Vor eineinhalb Jahren leitartikelte Nadolny in Ernst Lemmers Berliner "Kurier" seine Kopfschütteln-erregende Erkenntnis, daß es mit dem Potsdamer Abkommen gar nicht so schlecht sei. Es ermögliche, die Regierung eines einheitlichen Deutschland zu bilden und lasse eine deutsche Außenpolitik zu.
Da tauchten Gerüchte auf, Nadolny erhalte seine Anweisungen aus Moskau, empfange Kuriere aus Karlshorst und korrespondiere mit DDR-Außenminister Dertinger, um sich als Erzieher des diplomatischen DDR-Nachwuchses und für andere Aemter anzubieten. Das glaubte auch der SPIEGEL, zumal eidesstattliche Erklärungen diese Gerüchte zu erhärten schienen.
Nadolnys eindeutiger politischer Kurs macht jedoch seine Gegenerklärung glaubhafter:
er habe seit Ende 1947 weder persönlich noch durch Mittelsleute oder Korrespondenz Kontakt zu den Sowjets oder zu Mitgliedern der DDR-Regierung gehabt. "Leider, denn ich wäre den Russen gewiß ein besserer Berater gewesen als Herr Ulbricht".
Die Russen haben sich seither ebensowenig von Rudolf Nadolny beraten lassen wie Kanzler Adenauer, trotz Nachbarschaft in Rhöndorf. Nadolnys Villa liegt der des Kanzlers fast vis-à-vis.
Nadolny: "In Bonn hinterm Rhein tut man so, als ob die Welt am Eisernen Vorhang zu Ende wäre. Deutschland ist der Sowjet-Union dichter benachbart als beispielsweise Italien, das immerhin eine eigene diplomatische Verbindung zum Kreml unterhält und seine Politik dort - wenn auch in enger Fühlung mit den Westmächten - selbst erläutert".
Nadolny ist der festen Ueberzeugung, daß eine geschickte und energische deutsche Politik die Einheit eines unabhängigen, demokratischen Deutschlands mit den Grenzen vom 31. Dezember 1937 erreichen könnte. "Die Oder-Neiße-Linie ist für uns völlig undiskutabel. Ebenso allerdings die Abtrennung des Saargebietes und der von Holland und Belgien annektierten Gebiete. Wir müssen auf die Einhaltung der in der Atlantik-Charta festgelegten alliierten Abmachungen bestehen".
*) Nadolny, geboren in Groß-Stürlack (Ostpreußen) am 12. Juli 1873, wurde 1919 der erste Kabinettschef des Reichspräsidenten Ebert, 1920 Gesandter in Stockholm, 1924 Botschafter in der Türkei, 1932 Führer der deutschen Abordnung auf der Genfer Abrüstungskonferenz, 1933-34 deutscher Botschafter in Moskau.
*) Dr. Hermes war 1945 erster Vorsitzender der CDU in der Ostzone. Da er sich mit den Praktiken der Bodenreform nicht einverstanden erklärte, mußte er von seinem Vorstandsposten zurücktreten. Trotz dieses Gegensatzes plädiert er heute, nach Uebersiedlung nach Westdeutschland, für den Ausgleich zwischen Ost und West.

DER SPIEGEL 4/1951
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