24.01.1951

GOEBBELS-NACHLASSDer Stenograf muß es wissen

Als Mme. Lea Lucht, geb. v. Dicoel mit Lippenrot à la Kurfürstendamm zum erstenmal über den Marktplatz des dithmarscher Landstädtchens Meldorf ging, riefen ihr die Kinder unflätige Worte nach. Madame färbte darauf die Lippen noch auffälliger, bis sich die Meldorfer an ihren Anblick gewöhnt hatten. Für Konzessionen ist sie nicht zu haben, denn sie ist die Tochter eines belgischen Generals.
Die "sweet seventeen", das Backfischalter, hatte sie eben hinter sich, als im östlichen Nachbarland Hitler zur Macht kam. Sie konnte sich der magischen Anziehungskraft seiner über die Grenzen Deutschlands ausstrahlenden Idee ebensowenig entziehen wie ihr Landsmann Léon Degrelle und verschrieb sich dem Nationalsozialismus mit zarter Haut und seidenglänzenden dunklen Haaren.
Haut und Haare, die den deutschen Propaganda-Oberleutnant Herbert Lucht vielleicht noch mehr als die gemeinsame Weltanschauung bewogen, der schönen Brüsselerin die Hand zum Lebensbund auf NS-europäischer Grundlage zu reichen. Im deutsch-besetzten Paris exerzierte man Goebbels''sche Sprachregelungen, bis die alliierte Invasion dem ordre nouveau ein Ende bereitete.
In Meldorfs Breitem Weg Nr. 2, mitten in der holsteinischen Marsch, endete der fluchtartige Rückmarsch des kollaborierenden Propaganda-Ehepaares. Doch Madame änderte sich nicht. Sie schminkte weder Gesicht noch Gesinnung ab.
Heute lebt sie mit ihrem Mann wieder im Pariser Stil. Als Inhaber der gut gehenden Exportfirma Cominbel können sie in Düsseldorf ein großes Haus führen. Madame macht im schwarz-seidenen Abendkleid (drei rote Rosen am Ausschnitt) die Honneurs.
Dauergast und Freund des Hauses ist ein Maurergeselle. Bis zum 1. Mai 1945 war er geschäftsführender Staatssekretär des Reichspropagandaministeriums: Dr. Werner Naumann (40). Zusammen mit Bormann entkam er in der darauffolgenden Nacht aus der brennenden Reichskanzlei, erlernte in Süddeutschland unter falschem Namen das Maurerhandwerk, bestand die Gesellenprüfung mit "sehr gut", verdiente als am demokratischen Aufbau beteiligter Illegaler den Lebensunterhalt für seine siebenköpfige Familie und tauchte, nach vorsichtigem Ausfahren des Sehrohrs, vor nicht langer Zeit wieder auf. Seitdem läuft er wieder mit voller Ueberwasserfahrt. Kurs: geläuterter Nationalsozialismus.
Nicht minder bewegt war die Nachkapitulations-Existenz des letzten Goebbels-Adjutanten Günter Schwägermann. In München versuchte er illegal, demokratischen Boden unter die Füße zu bekommen.
Fast wäre es gelungen, hätte man nicht die zweitbeste Freundin der Ex-Adjutanten-Gattin in das Geheimnis eingeweiht. Die hatte einen Ami zum Freund. Der war beim CIC.
Eines Tages, als Schwägermanns mit ihrer zweitbesten Freundin beim Kaffee saßen, erschien der Ami-Freund und beendete die Kaffeetafel durch Verhaftung. Die Freundin geleitete das Ehepaar im Jeep bis ans Gefängnistor.
Auge aus, Schädel ein. Schwägermann wanderte durch ein halbes Dutzend Gefängnisse und Internierungslager. In Oberursel kam er wegen Aussageverweigerung in Sonderbehandlung und Einzelhaft. An der Ostfront hatte ihm der Iwan mit dem Gewehrkolben ein Auge aus- und die Schädeldecke eingeschlagen. Das erschwerte ihm die Haft.
Unter den zahlreichen unfreiwilligen Bekanntschaften, die er während dieser Zeit machte, befand sich auch Nürnberg-Richter Musmanno, US-Amerikaner italienischer Herkunft. Musmanno schlug aus seinem
dienstlichen Umgang mit Kriegsverbrechern schriftstellerisches Kapital und jagte mit dem Finale-Berlin-Thriller "In zehn Tagen kommt der Tod" seinen Lesern NS-Rückerinnerungsschauer über die demokratisierten Rücken.
Der letzte Goebbels-Adjutant hat miterlebt, wie sein Chef am Abend des 1. Mai 1945 gegen 19 Uhr im Bunker der Reichskanzlei bekanntmachte, daß er nunmehr den längst geplanten und sorgfältig vorbereiteten Selbstmord vorzunehmen gedenke:
Hitler und Eva Braun sind bereits seit dem voraufgegangenen Tage tot, ihre verkohlten Ueberreste in einem flachen Bombentrichter im Garten der Reichskanzlei verscharrt. Die Generale Burgdorf und Krebs haben 24 Stunden später Selbstmord begangen. Die sechs Goebbels-Kinder haben von einem SS-Arzt Injektionen bekommen und sind in ihren Betten sanft hinübergeschlummert.
Schwägermann hat seinem Chef die Bitte abschlagen müssen, ihn und seine Frau zu beerdigen. Er will nichts Unmögliches versprechen. Das Artillerie- und Granatwerferfeuer, das auf dem Reichskanzleikomplex liegt, hat trommelfeuerartigen Charakter angenommen.
Schon Tage vorher, als Schwägermann die 250 Meter von der Reichskanzlei zur verlassenen Goebbels-Wohnung neben der amerikanischen Botschaft am Brandenburger Tor hinübergerobbt war, um aus der ministeriellen Schreibtischschublade die Pistole Kal. 6,35 zu holen, mit der (und mit keiner anderen) sich Goebbels erschießen wollte, war das eine Art Himmelfahrtskommando gewesen.
Jetzt aber ist an eine langwierige Beerdigungszeremonie gar nicht zu denken. Das sieht Goebbels ein und erklärt sich mit einer Leichenverbrennung einverstanden.
Die Beschaffung des dafür notwendigen Benzins ist schwierig. Trotzdem gelingt es dem Kraftfahrer des Ministers, SS-Obersturmführer Rach, sechs Kanister zu je zwanzig Liter zu besorgen.
Inzwischen hat Goebbels seinen Raum im unteren Stockwerk des Bunkers (den früher Hitlers Leibarzt Prof. Morell bewohnte) verlassen, um sich von Schwägermann zu verabschieden. Er schenkt ihm zum Abschied ein mit handschriftlicher Widmung Hitlers versehenes Führerbild, das bis dahin auf dem Minister-Schreibtisch gestanden hat.
Dann zieht er sich mit bedächtiger Sorgfalt wie vor jedem Ausgang an. Er legt das dunkelblaue, hell gepunktete, dreieckig gefaltete Tuch um den Hals, läßt sich in den hellen Trenchcoat helfen, knöpft ihn zu, schließt die Schnalle des Gürtels, streift die gelben Lederhandschuhe über die Hände, bis jeder einzelne Finger glatt gestrichen ist, setzt den hellgrauen Borsalino auf, zieht die Krempe vorne herunter und reicht seiner Frau den Arm.
Sie hat bereits die Ampulle mit Blausäure im Mund, er die geladene Pistole in der Manteltasche. Langsam gehen sie dem Bunkerausgang zu, schreiten die Treppen der beiden Stockwerke empor. Schwägermann und Rach folgen bis zum Treppenabsatz, die Benzinkanister zu ihrer Verbrennung in den Händen.
Nach wenigen Augenblicken, als Schwägermann einen einzelnen Schuß in dem Orkan der Einschläge vernommen zu haben glaubt, keuchen sie, die schweren Kanister schleppend, die Bunkertreppen empor. Wenige Schritte vor dem Eingang sehen sie die Leichen des Minister-Ehepaares liegen. Eilig übergießen sie die Toten mit Benzin, das von Schwägermann entzündet wird. Die verkohlten Reste werden später von den Russen gefunden und identifiziert.
Grusel-Szene. Zwei Kanister sind übriggeblieben. Sie werden, als sich die letzten drei Insassen des Bunkers zum Ausbruch fertiggemacht haben, über einem Stoß Geheimakten und Generalstabskarten entleert, die in Räumen und Gängen des Bunkers wild verstreut lagen.
Schwägermann entflammte den benzinfeuchten Papierberg. Das war unbedacht. Durch die schnelle Verbrennung des im Bunker vorhandenen Sauerstoffes entstand ein so vehementer Luftsog, daß die viele Zentner schwere Stahltür des Bunkers krachend zuschlug. Die Grusel-Szene aus dem "Metropolis"-Film schien sich mit feurigem Vorzeichen zu wiederholen.
In ihrer Todesangst warfen sich die drei vereint gegen die Tür. Nur die letzte Kraft brachte Erfolg, die Tür öffnete sich.
Während sein Minister sich das Leben nimmt, hat der SS-Brigadeführer und geschäftsführende Staatssekretär im Promi (jener wieder aufgetauchte Maurergeselle) Dr. Werner Naumann, den letzten Appell des von ihm befehligten Volkssturmbataillons "Wilhelmsplatz" abgehalten, das zum größten Teil aus Angehörigen des Propagandaministeriums besteht.
Er hat ihnen den Tod des Ministers mitgeteilt und sie ihres Eides entbunden. Wer sich an einem gewaltsamen Ausbruchsversuch beteiligen wolle, solle sich melden. 92 heben die Hand. Die übrigen wollen versuchen, den Russen auf andere Weise zu entkommen.
Hans Fritzsche verlangt eine ordnungsgemäße Kapitulation. Nur so könnten die rund 300 Frauen, nicht rechtzeitig evakuierte Angestellte der verschiedenen Ministerien, vor einem schrecklichen Los bewahrt werden.
Naumann stellt anheim. Fritzsche verhandelt später tatsächlich mit Shukow, unterschreibt die Kapitulationsurkunde und erreicht, daß seinen 300 weiblichen Schutzbefohlenen zunächst nichts zustößt. Er kann nicht verhindern, daß sie später einzeln und in kleinen Gruppen von den Russen abgeholt werden. Einige sind lebend nach Deutschland zurückgekehrt.
Fritzsche selbst tritt die Reise zur Lubjanka an. Freiheit und Leben rettet ihm die Vorladung vor das Nürnberger Militär-Tribunal, wo er, der Ministerialdirektor, an Stelle des toten Ministers Goebbels und des untergetauchten Staatssekretärs Dr. Naumann als Repräsentant der NS-Propaganda angeklagt, später dann freigesprochen und nicht wieder in die Lubjanka zurückgebracht wird. Er lebt heute in einer stillen Ruinenstraße in Mülheim (Ruhr).
Nur wenigen Ausbrechern gelingt es, aus Berlin zu entweichen. Eine Gruppe, bei der sich Bormann, Naumann und Schwägermann befinden, wählt angesichts der Aussichtslosigkeit des Versuches, die Weidendammer Brücke zu passieren, einen anderen Weg: am Südufer der Spree entlang bis zu der Fußgängerbrücke, die bei der Albrechtstraße die Spree überquert und gleichzeitig als Zugang zum Hochbahnhof Friedrichstraße dient. Auf den Hochbahngleisen gelangt die Gruppe zum Lehrter Bahnhof. Dort liegt Granatfeuer.
Bormann trennt sich von der Gruppe. Er kehrt um. Allein geht er die Gleise zurück. Richtung Osten. Naumann und Schwägermann schlagen sich in nordwestlicher Richtung durch. Sie erreichen den Westen und tauchen unter.
In Uelzen erscheint wenig später auch Kraftfahrer Rach, der sich selbständig aus Berlin gerettet hat. Gegen Ende 1945 wird er zum letzten Male auf dem Wege nach Bremen getroffen. Seitdem fehlt jede Spur von ihm.
Auf der Führer - Maschine. Als im Frühjahr 1948 der amerikanische Journalist Louis P. Lochner, langjähriger Europa-Chefkorrespondent der United Press, Ururenkel einer Nürnberger Bürgerfamilie, zunächst in den USA und danach in der gesamten Weltpresse Auszüge aus den geheimen Tagebuchaufzeichnungen Dr. Goebbels veröffentlicht, erhebt sich unter den Ueberlebenden vom Wilhelmsplatz ein großes Rätselraten: Wie ist Lochner an die Blätter gekommen?
Die Erklärung, die er gibt, klingt so abenteuerlich, daß ein Teil der Presse dekretiert: Fälschung! Betrug!
Lochner erklärt die Geschichte so: Nach der Einnahme des Reichskanzleikomplexes durch die Russen habe man auf dem Hof des Promi am Wilhelmsplatz einen Berg durchfeuchteter und angekohlter Akten gefunden, die offenbar von der beabsichtigten Vernichtungs-Aktion nicht erfaßt worden seien. Irgend jemand habe sie zu einem Altmaterialienhändler gebracht.
Der wieder entdeckte in dem Posten eine geringe Menge besonders hochwertigen Papiers: dicken, weißen, wassergezeichneten Karton. Sorgfältig sortierte er die Bogen aus. Was darauf stand, interessierte ihn nicht. Er handelte mit materiellen Werten, und zwar mit Werten sehr geringer Natur. So gab er den Packen aussortierten Papiers, der später Millionen erbringen sollte, zu einem Spottpreis ab und rieb sich dabei noch die Hände über das gute Geschäft.
Nicht der Originalität seiner Gedanken also, sondern der Qualität des Papiers ist es zuzuschreiben, daß die Aufzeichnungen des Ministers durch Lochner der Nachwelt überliefert wurden.
Ueber verschiedene Mittelsmänner gelangten die Bogen schließlich in Lochners Hände, der sie als die Original-Tagebuch-Aufzeichnungen des Dr. Goebbels identifizierte und veröffentlichte.
Diese Geschichte der Tagebuchauffindung klang zu phantastisch, um geglaubt zu werden. Die Goebbels kannten aber, zweifelten kaum an der Echtheit. Sie wußten genau, daß die Tagebücher auf eben jenem speziellen Papier mit der unverkennbaren großtypigen "Führer-Maschine" geschrieben waren, deren sich Goebbels ebenso wie Hitler - beide waren kurzsichtig, im Privatgelaß Brillenträger, aber zum öffentlichen Brilletragen zu eitel - der besseren Lesbarkeit wegen bediente.
Die Mitarbeiter des Ministers erkannten selbst unter den durch die Art der Aufzeichnung (unkorrigiertes Diktat) bedingten Unebenheiten den Stil und die Terminologie ihres Meisters wieder.
Sie wußten allerdings auch, daß Goebbels in der letzten Phase des Krieges den Befehl gegeben hatte, seine Tagebuchmanuskripte (rund 16 000 Blatt) zu mikrofotografieren, wußten, daß dies geschehen war und daß lange im Kamin eines bestimmten Raumes im Promi ein lustiges Feuer gebrannt hatte, in dem sich die kopierten Tagebuchblätter in blauen Dunst auflösten. Wie also sollte Lochner in den Besitz von Original-Blättern gelangt sein? Und wo waren die Mikrofotos geblieben?
Diese Fragen konnte nur ein Mann beantworten: Regierungsrat Otte, Stenograf im Ministerium.
Er war das Musterexemplar eines Stenografen. Goebbels - Referent v. Oven, der nach mehrjährigem Untergrund als Bauernknecht seinen echten Namen wieder annahm, schildert den Regierungsrat Otte ausführlich in seinem Buch "Mit Goebbels bis zum Ende": ... von hervorragender rezipierender Intelligenz, mit phänomenalem Gedächtnis begabt, in stenografisches Spezialistentum vergraben und verschwiegen. Ihm diktierte Goebbels seine Reden und Aufsätze, ihm diktierte er auch sein Tagebuch, ihm übertrug er die Verwahrung seiner Aufzeichnungen und später das Kopieren und Verbrennen der Originale.
Welche Goldgrube. Goebbels maß diesen Aufzeichnungen außergewöhnlichen Wert bei. In Ovens Buch heißt es:
"Viel Zeit nehmen die Eintragungen in seine Tagebücher in Anspruch, die er mit peinlicher Genauigkeit und erschöpfender Gründlichkeit führt. Auf seinem Notizblock vermerkt er sorgfältig jedes Ereignis,
jeden Vorgang, den er am Abend in seinen Tagebuchaufzeichnungen behandeln will.
"Die täglichen Niederschriften sind unterteilt in A) Persönliches, B) Dienstliches, C) Politik und Krieg.
"Er sagte dazu: ''Ich bin ja in der glücklichen Lage, seit dem Jahre 1920 genauestens Tagebuch geführt zu haben, in allen privaten und vor allem auch politischen Einzelheiten. In diesen fast ein Vierteljahrhundert umfassenden Tagebüchern ist ein getreues Bild der Entwicklung unserer ganzen, vom Nationalsozialismus bestimmten Epoche enthalten, wie es in dieser Getreulichkeit wahrscheinlich nicht einmal der Führer besitzt. Welche Goldgrube! ... Amann wußte schon, warum er mir für das Veröffentlichungsrecht meiner Tagebücher unbesehen die Pauschalsumme von 2,5 Millionen Mark bot. Aber ich wußte ebenso gut, warum ich dieses Angebot ablehnte''."
"Diese Tagebuchaufzeichnungen", heißt es weiter in dem Ovenschen Buch, "gehören zum Geheimsten vom Geheimen, was der Minister besitzt ... Ohne Zweifel stehen in diesen Büchern sämtliche Intima unserer obersten Führung verzeichnet und gewiß auch allerlei Gedanken, die ihr Verfasser wohl selbst dem Führer nicht bedenkenlos mitteilen würde.
"Seine handschriftlichen Aufzeichnungen, die später vernichtet werden, diktiert der Minister dem Geheimsekretär (gemeint: Otte), der die sich zu dicken Folianten häufenden Schreibmaschinenblätter ... verwahrt. Da die Tagebücher im Lauf der Jahre einen gewaltigen Umfang angenommen haben, plant der Minister, von jedem einzelnen Blatt Mikro-Kopien anfertigen zu lassen ..."
Ende 1944 wurde dieser Plan verwirklicht. Mit Hilfe einer Laborantin verrichtete Otte die Vertrauens-Arbeit. Je 50 Blatt des Originals wurden fotografiert und ergaben ein winziges Negativ von nur wenigen Zentimetern im Quadrat, insgesamt also 320 Negativblättchen. Positive wurden nicht angefertigt. Anfang April 1945 wurde die Negativ-Sammlung unter tiefster Geheimhaltung aus dem Ministerium fortgeschafft.
Ob es also Original-Tagebuchblätter gab, die nach dieser Zeit gefunden und von Lochner veröffentlicht werden konnten, vermochte nur Otte zu sagen. Der aber war verschollen. Am 22. April 1945 wurde er zum letztenmal im Propagandaministerium in Berlin gesehen. An diesem Tag schlossen die Russen den Ring um Berlin. Das Regierungsviertel lag unter direktem Beschuß. An der Schönhauser Allee waren die Russen durchgebrochen. Das Tohuwabohu der letzten zehn Tage begann. Wie sollte der unsoldatische Stenograf Otte ihm lebend entronnen sein?
Meier meldet sich. Doch kürzlich meldete sich ein anderer, der das Rätsel der Tagebücher lösen zu können glaubte: der letzte Chef vom Dienst im berüchtigten Zimmer 24 des Promi, das bei jedem Berliner Journalisten ähnliche Gefühle weckte wie die Kompanieschreibstube beim Rekruten.
Seinen nicht eben ungewöhnlichen Namen Meier verband er mit dem gleichfalls populären Taufnamen Hans. Zum Unterschied von anderen meinungsbildenden Hans Meiers wurde er in Berliner Journalistenkreisen kurz "Loch-Meier" genannt, wegen einer tiefen, kreisrunden, von einer Operation herrührenden Narbe mitten auf der Stirn.
Loch-Meier hatte seinen Dienst bis zum letzten Tag versehen, beteiligte sich dann in der Nacht vom 1. zum 2. Mai an dem Ausbruchsversuch und geriet in russische Gefangenschaft, aus der er erst jetzt zurückkehrte. Einem alten Kollegen teilte er Beobachtungen aus den letzten Tagen des Promi mit, die diesen Kollegen aufhorchen ließen: den Kollegen Hans Georg Kemnitzer, Ehrenzeichenträger und persönlichen Goebbels-Bekannten seit 1925.
Der glaubte nicht an die Echtheit der von Lochner veröffentlichten Tagebücher. Während er in der Sauna der Berliner Rheinstraße seinen Bademeisterpflichten nachging, erhitzten sich seine Gedanken an der Möglichkeit, Lochner als Schwindler zu entlarven, um seinen Minister posthum zu rechtfertigen.
Nun erzählte ihm Loch-Meier, er habe kurz vor dem Ende im Keller des Ministeriums dem Luftschutz-Arbeitsraum des Staatssekretärs Dr. Naumann einen unerlaubten Besuch abgestattet. Dort habe es wüst ausgesehen. Koffer und Behälter hätten dort gestanden. (Maurergeselle Naumann nach seinem Wiederauftauchen: "Luftschutzgepäck von allen möglichen Leuten").
Meier untersuchte sie. Einen Zivilanzug, von dem er annahm, daß der Staatssekretär ihn entbehren könne, ließ er mitgehen. Als er eine weitere Offizierskiste öffnete, stürzte ihm eine Papierflut entgegen: Akten. Und Loch-Meier will sich heute genau entsinnen, daß es jene großtypig beschriebenen, dicken, weißen Bogen waren, die später als Original-Tagebuchblätter deklariert wurden.
Die habe sich Naumann aneignen wollen, schlußfolgert Kemnitzer. Loch-Meier gibt ihm recht, denn er entsinnt sich einer weiteren interessanten Einzelheit:
Fräulein v. Arnim, Sekretärin der Goebbels-Adjutantur, habe ihm vertraulich erzählt, ihr seien von Naumann Auszüge aus den Goebbels-Tagebüchern diktiert worden, angeblich um die Memoiren vor der Vernichtung zu bewahren, die Goebbels angesichts des baldigen Endes beabsichtigt habe.
Ende naht. Für Kemnitzer ist der Fall ganz klar: Ende naht, Goebbels will Tagebücher mit in Ewigkeit nehmen, Naumann will im Diesseits bleiben und es sich mit dem Erlös der Tagebücher verschönen. Doch Ende naht zu schnell, Dokumenten-Kiste paßt nicht ins Sturmgepäck, Russen finden sie, Altmaterialhändler - Lochner - Weltpresse. Die glaubt an Echtheit und weiß gar nicht, daß sie auf Naumannsche Fälschung hereingefallen ist. Doch aus der Sauna in der Rheinstraße bahnt sich das Licht der Wahrheit seinen Weg.
So Bademeister Kemnitzer.
Seine Indizien baut er auf dem Fundament der Ansicht auf, daß Goebbels'' Feder, deren Brillanz selbst von erbitterten Feinden wie François-Poncet anerkannt wird, niemals so platte, teils nicht einmal grammatikalisch einwandfreie Sätze produziert haben würde, wie Lochner sie als Original - Goebbels-Tagebücher veröffentlichte.
Dazu Pressereferent v. Oven: "An seinen Leitartikeln arbeitete und feilte Goebbels tagelang. Seine Tagebuchnotizen diktierte er in rasendem Tempo herunter. Sie waren beileibe nicht in dieser Form zur Veröffentlichung bestimmt, sondern sollten nur das Rohmaterial einer späteren sorgfältigen Ueberarbeitung abgeben."
Noch wesentlicher scheint Kemnitzers Einwand, daß sich die von Lochner veröffentlichten Tagebücher vielfach in den Niederungen der NS-Kleineleute-Propaganda bewegen. Wenn sie nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen sind, muß das bei einem Mann erstaunen, dem noch niemand seine Intelligenz bestritten hat.
Auch dafür findet Goebbels-Adlatus v. Oven eine Erklärung: Goebbels habe das politische Tagesgeschehen mit fotografischer Treue so wiedergegeben, wie es sich in seiner eigenen Propaganda darstellte. Bis zu einem gewissen Grade habe er die Beweiskraft dieser Fotos nicht nur anderen, sondern auch sich selbst suggeriert und bewußt auf die Anfertigung desillusionierender Röntgenbilder verzichtet.
Jedenfalls hält Oven stilistische Unebenheiten, ja gelegentliche gedankliche Platitüden nicht für einen Beweis für die Unechtheit der von Lochner veröffentlichten Tagebücher.
Kronzeugin v. Arnim kann sich zu Kemnitzers Kombinationen nicht äußern. Sie ist - eine der bedauernswerten 300 - in russischer Gefangenschaft an Hungerödemen gestorben.
Aber ihr Chef, Adjutant Schwägermann, glaubt nicht an Meiers Erzählung. Die Sekretärin sei ein Muster an Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit gewesen. Wenn sie tatsächlich die Naumann''schen Falsifikate geschrieben hätte, würde sie niemals zu Meier darüber gesprochen haben.
Dr. Naumann tippte sich lachend gegen die Stirn: "Blödsinn." Weder er noch Fräulein v. Arnim hätten damals Zeit gehabt, auch nur einen geringen Teil der 16 000 Blätter abzuschreiben oder gar umzudiktieren.
Außerdem hätte er es ja viel einfacher haben können: die Mikro-Negative waren bereits in Arbeit. Wenn jemand zu diesem unschätzbaren Wertobjekt Zutritt hatte, dann war er es, der engste, der einzige intime Vertraute des Ministers.
Ein Punkt bleibt in Naumanns Darstellung unklar: Wo kam die Kiste mit den Tagebuchblättern her, die Loch-Meier in Naumanns Arbeitszimmer entdeckt haben will? Seine Erklärung, es müsse sich um vielleicht versehentlich angefertigte Zweitschriften handeln, die irgendwie Ottes Sorgfalt entgangen seien, kann nicht überzeugen. Diesen letzten Stein im Mauerwerk der Indizien liefert ein Nachkapitulations-Steinträger (Bauhilfsarbeiter): der verschwundene Stenograf.
Kopf intakt geblieben. Am 22. April 1945 war er entgegen allen Vermutungen doch noch mit unvermuteter Geistesgegenwart aus der sich eben schließenden Heldenfalle Berlin entronnen und bei Verwandten untergeschlüpft.
Er meldete sich beim Arbeitsamt als Bauhilfsarbeiter. Viereinhalb Jahre hat er als Steinträger gearbeitet. Obwohl Otte keinen falschen Namen annahm, ließen ihn Nürnberg-Richter und Spruchkammerherren unbehelligt. Sie hätten mit seinen Zeugenaussagen Bände füllen können.
Otte war''s recht, denn Frau und zwei Kinder lebten damals noch im polnisch besetzten Schlesien. Als sie nach vorübergehender Verhaftung und Mißhandlung wieder zu ihm stießen, als der Nürnberger Prozeß beendet, der automatische Arrest wirkungslos geworden und die Bundesrepublik konsolidiert war, lockerte er das selbstauferlegte Schweigegebot über seine Vergangenheit.
Beim ersten Stenografen-Wettbewerb erreichte er 380 Silben in der Minute. Früher hatte er zwar über 400 geschrieben, aber 380 wirkten immer noch sensationell, zumal bei einem Mann, dessen Hände vom jahrelangen Ziegelschleppen schwielig und ungelenk geworden waren (Otte: "Stenografieren ist eben nicht Hand-, sondern Kopfarbeit. Und der ist - unberufen - intakt geblieben").
Man begann sich um den stenografierenden Steinträger zu bemühen. Die junge deutsche Demokratie mit elf Länderparlamenten und zwei Bundeskammern konnte ihren Stoßbedarf an qualifizierten Parlamentsstenografen kaum befriedigen. Auch der Osten meldete sich mit verlockenden Angeboten. Otte arbeitete zum erstenmal wieder als Verhandlungsstenograf.
Kemnitzers Tagebuch-Theorie hält er für absurd. Naumann hätte damals weiß Gott andere Sorgen gehabt, als Tagebücher abzuschreiben. Die Kisten mit den Originalblättern seien jedoch zweifellos vorhanden gewesen.
"Aber Sie selbst haben doch die Originale verbrannt und wissen genau, daß nicht ein einziges Blatt den Flammen entging", wird ihm entgegnet.
"Keineswegs", antwortet er, "verbrannt habe ich nur die Zweitschrift."
Die Originale wurden auf Anordnung von Goebbels in sechs stählerne Offizierskisten verpackt und in den Bunker der Reichskanzlei geschafft. Dort lagen sie unter doppeltem Verschluß. Obergruppenführer Schaub persönlich mußte jedesmal auf seinen im ersten Weltkrieg ramponierten Füßen in das unterste Bunkergeschoß humpeln, wenn jemand an die Kisten heranwollte.
Um sie nun bei der im Ernstfall u. U. gebotenen Eile leichter vernichten zu können, habe man vermutlich - so lautet Ottes Erklärung - zunächst eine einzelne Kiste aus dem Reichskanzlei-Bunker zurück in den Wilhelmsplatz-Keller geschafft.
Die sich überstürzenden Ereignisse hätten dann wahrscheinlich den Transport des Restes und die Vernichtung aller unmöglich gemacht, so daß sie von Meier entdeckt werden und ihre angekohlten, durchfeuchteten Ueberreste in Lochners Hände gelangen konnten.
Der Kreis schließt sich. An der Echtheit der von Lochner entdeckten Dokumente*) scheint kein Zweifel mehr erlaubt. "Was natürlich nicht ausschließt, daß Lochner als versierter Journalist durch geschickte Korrekturen tendenzverändernde Effekte erzielt hat", kommentiert Dr. Naumann.
Wer sich mit voller Gewißheit die Authentizität irgendwelcher Goebbels-Tagebuch - Veröffentlichungen bestätigen lassen will, muß sich (nach Naumann) allerdings an Moskau wenden. Denn den Russen fielen nicht nur mit größter Wahrscheinlichkeit die restlichen fünf Kisten mit den Originalen in die Hände, sondern auch der komplette Satz Mikrofotos. Versiegelt und feuerfest verschlossen hatte Goebbels sie seinem Staatssekretär übergeben, mit dem Auftrag, sie an einen sicheren Ort zu bringen.
"Ich kam einfach nicht dazu", sagt Naumann. "Die Kiste ist, wie sie war, in der Reichskanzlei stehen geblieben."
Wenn also an den Goebbels-Tagebüchern bisher 1,5 Millionen DM verdient sein sollen (um die Lochner noch mit dem US-Staat zu kämpfen hat, der sie als ihm verfallendes Feindvermögen für sich beansprucht), dann sind das nur Brosamen vom Tisch des Herrn im Kreml. Der Rest dürfte dort auf Eis liegen.
*) Deutsche Ausgabe erschienen im Atlantis-Verlag, Freiburg. Ladenpreis 16,80 DM.

DER SPIEGEL 4/1951
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