24.01.1951

FILM / KERIMAReed sucht die Erhabene

(s. Titel)
Die Frau steht so im Buch: "Sie war, als wäre sie aus den schwarzen Dünsten des Himmels und den düsteren Strahlen schwachen Sonnenscheins gemacht." Und: "In ihren Augen waren das Erstaunen und die Trostlosigkeit eines Tieres, das nur Leiden kennt, der unvollständigen Seele, die den Schmerz kennt, nicht aber die Hoffnung."
So schrieb Joseph Conrad (1857-1924), der meerbefahrene, seelenkundige Pole, der heute zu den geschätztesten fünf oder sechs klassischen Romanschriftstellern Englands zählt, von Aissa, dem Mädchen in seinem "An Outcast of the Islands" (Titel der deutschen Uebersetzung: "Der Verdammte der Inseln"). So mußte die Frau aussehen, die Carol Reed zu finden wünschte.
Regisseur Reed, Stolz des Hauses Korda, Paradepferd in Englands Filmstall, hatte nach dem "Dritten Mann" zuerst vorgehabt, mit seinem nächsten Film in eine benachbarte Kerbe zu hauen: Nach Nachkriegs-Wien (dumpf, elond und hohl wie ein kariöser Zahn) Nachkriegs-Deutschland.
Autor Graham Greene, der Drehbuch-Kompagnon im allerwärts belorbeerten "Dritter-Mann"-Team (und auch bei "Fallen Idol", "Kleines Herz in Not"), ging nach Deutschland, um sich für Reed inspirieren zu lassen. Die Inspiration kam nicht.
Reed erinnerte sich seines Lieblingswunsches, den 56 Jahre alten Conrad-Roman, Mischung von Südseeromantik, Seelen-Einsamkeit und Unverstehen zwischen Weiß und Farbig, zu verfilmen, Alexander Korda sagte ja.
Carol Reed ging auf die Suche nach zweierlei: dem geeigneten Ort für Außenaufnahmen und der Darstellerin Aissas, eines arabisch-malaischen Mischlings von dunkel drohender verheißungsvoll lockender
Schönheit. Dazu reiste er um die halbe Welt, bis nach Borneo.
Conrads Roman spielt irgendwo in Insulinde, Willems, Ausreißer aus Holland, hat Gelder unterschlagen. Bevor er sie zurückgezahlt hat, wird er entlarvt. Der Mann des Erfolgs, der Familie und Untergebene tyrannisierte, sieht seine Welt zusammenbrechen. Er fühlt sich als Paria, als Verbannter der Inseln.
Kapitän Lingard, Engländer, sein einstiger Protektor, von den Malaien Rajah Laut, Herrscher der Meere, genannt, kommt ihm zu Hilfe. Er bringt Willems nach dem unzugänglichen Sambir.
Dort trifft Willems Aissa, Tochter des blinden und ausgedienten Piraten Omar, der schwach und verlassen in einer Hütte lebt. Willems, der sich bis dahin um Weiber nicht gekümmert hat, verfällt Aissas wildem Reiz. Um ihretwillen macht er bei den Intrigen gegen Lingard und den von ihm kontrollierten Eingeborenenfürsten Patalolo mit, er verrät seine Rasse, er verliert sich selbst.
Als Omar den verhaßten Willems erdolchen will, wirft sich Aissa auf Omar, tötet ihn fast. Am Schluß versucht Willems, dem Geschöpf des Urwaldes zu entkommen. Sie knallt ihn nieder.
Reed gehört zu den Leuten, die darauf schwören, daß zu einem guten Film zu allererst eine lebendige Story gehört, geschrieben von einem "Dichter des Optischen": "Mit einer schlechten Geschichte ist man geschlagen, schon bevor man begonnen hat. Eine gute Geschichte kann am Boden zerstört werden, aber nichts - weder Besetzung noch Regie und Schnitt - kann ein schlechtes Buch retten." Darum mag Reed die "technicals" nicht, die Drehbuchroutiniers.
Für die Regie, geht Reeds These weiter, gibt es keine Gesetze - außer einem, das am Anfang steht und aus dem alles andere folgt, "so wie die Nacht dem Tag": die in ausdauernder gemeinsamer Arbeit vom Regisseur und Autor klar und genau erkannte Grundstimmung der Story in das bewegte Bild zu fassen.
"Es gibt kein Glück in diesem Geschäft", sagte Reed einmal von seiner Arbeit als Regisseur, als ein Mann, der nicht einfach Filme macht. "Wenn man eine Story hat, dann beginnt wieder Arbeit, Panik und Angst."
Im Fall "Verdammter der Inseln" gehörte es zu Reeds Arbeit und Sorge, für die Gestalt der Aissa eine Frau zu finden, die es begreiflich macht, daß ein Mann um ihretwillen sich verrät und aufgibt. Eine - nach Joseph Conrad - verführerische, strahlende und wiederum düstere, abweisende Frau, "wie die Seele des Landes mit seinen geheimnisvollen Wäldern".
Keiner der verfügbaren Stars paßte. Um die Geschichte glaubhaft zu machen, brauchte man eine Atombombe von Frau, dachte sich Reed.
Er flog nach Singapore und machte schon in Aegypten Station, um nach seiner Aissa Ausschau zu halten. Vergeblich.
In Singapore meldeten sich Hunderte - Tänzerinnen, Fotomodelle, Schönheitsköniginnen - , aber keine entsprach Reeds Wünschen. In einem Café glaubte er die Richtige gefunden zu haben. Sie wollte nicht. Ein Streifzug durch Singapores Malaien-Stadtteil Jalang Eunos blieb auch erfolglos, die Mädchen dort waren malerisch, aber sie wurden schon vor der Foto-Kamera scheu. Auf Borneo klappte es ebensowenig.
Durch Freunde hörte Reed endlich von der 22jährigen Kerima, Tochter eines schwerreichen Arabers in Algier. Sie begeisterte Reed. Fast ein Jahr hatte die Suche gedauert.
Kerima ist wie Aissa ein Mischling. Durch ihre französische Mutter stammt sie von Caran d'Ache, einem Pariser Karikaturisten des 19. Jahrhunderts, ab. Sie selbst zeichnet gern Karikaturen, hat Medizin studiert, ihren Vater auf Weltreisen begleitet, fährt Ski, reitet ohne Sattel, badet nackt.
Es werde ihr nicht schwerfallen, die schöne Wilde zu spielen, glaubt sie. Kerima - der Name (Ton auf der ersten Silbe) bedeutet "die Erhabene" - ist von sich selbst überzeugt. Mit ihren blitzenden Augen, ihrer olivenfarbenen Haut, der düsteren Pracht ihrer Brauen, ihren langen schwarzen Haaren entspricht sie der Beschreibung Conrads.
Ihr Vater hat übrigens etwas vom Stolz des alten Omar. Es freut ihn gar nicht, daß seine Tochter sich spärlich bekleidet der ganzen Welt, Gläubigen und Ungläubigen, zeigen wird. Ihm zuliebe wird der Familienname Kerimas verheimlicht.
Die Verständigung machte zuerst Schwierigkeiten. Carol Reed spricht nicht französisch, sie französisch, aber nicht englisch. "Carol Reed ließ den ganzen Dialog des Films ins Französische übersetzen, damit ich mich besser hineinfühlte", sagte Kerima bei ihrer Durchreise durch London.
"Er sagt, daß ich schon zehnmal so gut englisch spreche wie Aissa, und außerdem gibt es für mich wenig Dialog. Obwohl er nicht französisch spricht, verstehe ich ihn perfekt. Und er erklärt alles so sorgfältig. Ich fühle, was er will."
Jetzt, seit November, drehen sie im Urwald bei Colombo bei schwer erträglicher feuchter Hitze. Wegen Korea hat Reed seinen Plan aufgegeben, die Außenaufnahmen auf Borneo zu machen. Stattdessen
hat Vincent Korda, Sir Alexanders Bruder, unweit der Hauptstadt von Ceylon in einer Lagune auf Brettern Sambir konstruiert. Es ist nur per Kanu zu erreichen.
Zu den 27 Personen dort gehören alte Mitarbeiter Reeds. Trevor Howard, der englische Offizier im "Dritten Mann", spielt den Willems, Sir Ralph Richardson, der Kammerdiener im Film "Kleines Herz in Not", den Kapitän Lingard.
"The Outcast of the Islands" wird etwa eine Viertelmillion Pfund, an die drei Millionen DM, kosten. Ein Teil davon fällt als Honorar an Joseph Conrads zwei Söhne. Wieviel Kerima bekommt, ist Geheimnis.
Für sie steht auch mehr auf dem Spiel als ein einzelnes Honorar. Korda hat sie gleich für sieben Jahre engagiert. Der Vertrag hat nur einen Haken: Wenn sie als Aissa versagt, wird aus den sieben Jahren nichts.

DER SPIEGEL 4/1951
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