24.01.1951

KIRCHEN-KUNSTIm Keller

Ich beneide den Pastor, der vor diesem Altar predigen darf. Er wird es leicht haben." Der Altar, den Niedersachsens Landesbischof D. Dr. Hanns Lilje bei diesen Worten im Sinn und vor Augen hatte, stand im Keller der Lübecker Oberrealschule Zum Dom.
Weiland Ministerpräsident Theodor Tantzen-Oldenburg hatte einen Landsmann, den in Celle lebenden Maler Erich Klahn, zu dem Flügelaltar angeregt. "Für die Dorfkirche meines Heimatortes Abbehausen", sagte Tantzen. Er starb bald darauf. Er konnte nicht ahnen, daß der Altar im Für- und-Wider-Streit der Meinungen ein Diskussionsfall werden würde.
Oldenburgs Landesbischof D. Dr. Stählin übernahm das Projekt treuhänderisch. Klahn war schon an die Entwurfsarbeit gegangen, in Celle, wandte sich aber, als sein Helfer ihn im Stich gelassen hatte, nach Lübeck. Dort hatte er am längsten gewirkt. Dort hatte man ihm 1942 den Geibelpreis verliehen und eine Ehrenwohnung eingeräumt. Dort hatte er in Heinrich Dose, Kunsterzieher, Bildhauer und Zeichenlehrer
an der Oberrealschule Zum Dom, einen seit zwanzig Jahren treuergebenen Freund.
So entstand das Künstler-Team Klahn-Dose. Zusammen mit einem Gesellen schufen sie in zweijähriger Arbeit, von Juli 48 bis Juli 50, den Flügelaltar, im Atelier der "Lübecker Meisterwerkstätten".
"Es ist ein echtes Gemeinschaftswerk entstanden", schreibt Prof. Dr. Lothar Schreyer, Hamburg, in der bei Rathgens-Lübeck erscheinenden Kunstzeitschrift "Der Wagen", "aus gemeinschaftlicher geistiger Haltung auf das gemeinschaftliche Ziel hin, dem Kult der Kirche mit ... Ehrfurcht und Demut zu dienen."
"1,50 m hoch, im geöffneten Zustand 3,20 m breit, ein wuchtiges, monumentales Denkmal moderner Schnitzkunst und Malerei", beschreibt der katholische Professor das zwölf Zentner schwere Werk. "In geschlossenem Zustand ein dunkler Block Eichenholz, dessen Türen zwei Engelsfiguren gleichsam behüten."
Schlägt man die Flügel auf, so zeigen sich zunächst wieder vier Eichenholzreliefs (babylonische Sprachverwirrung, Gericht über Adam und Eva, Jüngstes Gericht, Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel). Im Innersten - es ist, "als breche das Licht, auf das man schon lange gewartet hat, aus Panzertüren hervor" - drei Bilder: die Geburt Christi, die Auferstehung, im Mittelpunkt das Abendmahl.
Konsul Boie, Lübecker Industrieller, kunstsinniger Idealist, Klahn und Dose durch lange Freundschaft verbunden, sprang, als nach dem DM-Geburtstag das Geld knapp wurde, mit einem kleinen Vermögen ein und bewahrte so das Werk vor der Aufgabe. Kostenpunkt des Altars: 40 000 DM.
Als Klahn-Dose im Oberrealschul-Keller ihre Arbeit der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht hatten - an die 2000 Besucher kamen - , warteten sie auf den Abtransport
nach Oldenburg. Bischof Stählin mit Vorkaufsrecht wollte den Altar gleich mitnehmen. Doch fehlte es nun an einem kirchlichen Platz, ihn aufzustellen. Denn Abbehausen war fallen gelassen worden, und einem neu vorgeschlagenen Platz, einem neugotischen Kirchenbau im Oldenburgischen, widersprachen Klahn und Dose.
So blieb es einstweilen beim Keller, und es entspann sich, nachdem die Laien ihre Freude an der Betrachtung des Werkes gehabt hatten, die Diskussion für und wider den Altar, im gedruckten und geschriebenen Wort, von Mann zu Mann, sachlich und persönlich. Bis zur Verunglimpfung.
Kritiker zweifelten nicht nur die religiöse Glaubwürdigkeit des Altars an, sondern auch seinen künstlerischen Wert. Bildhauer Dose (auch für seinen Freund Klahn), der Lübecker Denkmalsrat, die Museumsverwaltung, Kirchenvertreter, Vertreter der Stadt und der Kultusverwaltung, setzten sich zusammen, um sich auseinanderzusetzen.
Dem Generalthema "Gibt es eine neue christliche Kirchenkunst?" wurde sehr bald schon das zweite gleichgeschaltet: "Haben Kunsthistoriker das Recht, Kunstschaffen der Gegenwart kritischen Betrachtungen zu unterziehen im Sinne der Beeinflussung allgemeiner Meinung?"
Dose bestritt letzteres ganz entschieden. Er wollte nichts wissen von der Einmischung der Kunsthistoriker in die Gegenwart:
"Bis allenfalls 1850 sind sie lebensberechtigt, wagen sie sich weiter vor, müssen sie eins auf den Kopf haben. Unseren Altar mit Begriffen zu messen, die in vergangenen Stilepochen Gültigkeit hatten, ist absurd, ihm mit ästhetischen Maximen die Luft zu nehmen, Kindesmord. - Nicht für ein Museum oder eine Kunstausstellung haben wir diesen Altar geschaffen, sondern für eine Dorfkirche."
Man ging mit Krach auseinander, die Plänkelei glomm unterirdisch weiter. Besonders mit dem Denkmalsrat, da inzwischen erwogen war, den Altar (probeweise) in dem im Renovierungszustand befindlichen Dom aufzustellen. Der Rat ist für Ausgestaltung und Veränderungen innerhalb der Kirchen Lübecks zuständig.
"Es ist alles persönlich", sagt Dose zu der sich verschärfenden Fehde. "Es sind die 'kleinen Heises', die hier Sturm laufen."
Prof. Dr. Carl Georg Heise, ehemals Lübecker Museumsdirektor, heute Direktor der Kunsthalle in Hamburg, hatte Dose einst protegiert. "Ich fühlte aber einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen unseren Auffassungen und distanzierte mich deshalb von ihm", sagt Dose.
An Prof. Heise wandte sich Landeskonservator Dr. Hirschberg-Kiel, als er vom Denkmalsrat wegen eines offiziellen Gutachtens über den Altar bemüht wurde. Professor Heise äußerte sich in einem privaten Schreiben an den Landeskonservator unter Vorbehalt, da er den Altar nur von Fotografien her kenne. In einem Brief an Dose: "Wenn ich offiziell um meine Meinung befragt werde, so fühle ich die Verantwortung, offen auszusprechen - ", nämlich daß die Malerei von Klahn "wenig bedeutend" und das ganze Werk "ohne religiösen Gehalt" sei.
Maler Klahn, wieder in Celle, vernimmt das Rumoren in Lübeck, greift endlich zur ungewohnten Feder und schreibt zwei Tage lang an einem Brief. Es wird ein sich mit Vehemenz entladendes Gewitter. Es entlädt sich - drei Tage vor der Aufstellung des Altars im Dom - über Lübecks Museumsdirektor Dr. Gräbke, ehemaligen Heise - Assistenten. Acht Seiten lang, mit einem Vorwort und einigen plattdeutschen
Wendungen wie: "'T schürt sik veel in' Bette af!" (Er scheuert sich viel im Bett ab.)
Wie Dr. Gräbke seine Ablehnung des Altars begründet habe, das erscheine ihm, schreibt Klahn, "milde und freundlich ausgedrückt, als so dürftig", daß er und Freund Dose sich "fast schämten". Und auch sonst schreibt Klahn sich einiges von der Leber.
Diesen explosiven Brief läßt der Dr. Gräbke 70mal vervielfältigen und bringt ihn so dem Kreise derer, die es angeht, zur Kenntnis. "Ich habe Klahn nichts getan", sagt er. "Meine Zuständigkeit im Denkmalsrat ist nur beratender Natur, ich habe dort keine Stimme."
Drei Tage stand der Altar im Dom. Wieder kamen viele Besucher, Laien und Experten. Dann erschien das Gutachten von Dr. Wolfgang Schöne, o. Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg.
Diese "Bemerkungen" gründen sich, wie vorausgeschickt wird, "auf eine genaue eigene Betrachtung des Altares selbst ... auf einen voraufgegangenen mehrwöchigen gründlichen Umgang mit ihm an Hand der vortrefflichen zur Verfügung stehenden Fotografien", und sie seien geschrieben "einzig aus Gründen des Gewissens".
Prof. Dr. Schöne stellt zusammenfassend fest: "Der Altar ist. als Kunstwerk nicht nur mittelmäßig, sondern minderwertig ... Die Evangelische Kirche wäre nicht gut beraten, wenn sie sich zur Aufstellung des Altars in einer ihrer Kirchen entschlösse."
Dagegen ein Mann der Kirche, Oberkirchenrat Goebel, Mitglied der Lübecker Kirchenleitung "Wir empfinden diesen Altar aus dem Zentrum der christlichen Anschauung heraus erlebt. Es ist unserer Meinung nach ein ehrlicher, sauberer Versuch
aus dem Innern, christliche Verkündigung mit den Mitteln unserer Zeit neu darzustellen ... Die Kirche wurde angesprochen. Sie muß antworten darauf mit Verständnis und Ermunterung."
Landesbischof Stählin hatte, schon bevor er eine Abschrift der "Bemerkungen" Professor Schönes erhielt, an Heinrich Dose geschrieben: "Ohne unser Zutun haben sich einige Kunsthistoriker sehr heftig mit diesem Gegenstand befaßt." Es seien Argumente gegen das Werk angeführt, denen man sich nicht verschließen könne.
Der Denkmalsrat hat Lübecks Kirchen für den Altar gesperrt. Die Laien sind vor den Experten ins Hintertreffen geraten. Auseinandergenommen liegt der Altar im Keller der Oberrealschule Zum Dom.

DER SPIEGEL 4/1951
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