07.02.1951

KATASTROPHEN / LAWINENIm Hemd durch die Nacht

Die offizielle Lawinenwarnung in den Tiroler Bergen wird weiter aufrechterhalten, solange Dr. Kanitscheider von der Innsbrucker Wetterwarte warnt: "Es wäre unverantwortlich, die Lawinengefahr als nicht mehr akut zu bezeichnen. Der Schnee hat sich zwar etwas gesetzt, aber jetzt haben die Lawinen, nachdem die Wälder umgeknickt sind, freie Bahn. Wenn Tauwetter kommt, kann der Teufel los sein."
In zwei Tagen war über eine Milliarde Tonnen Regen und Schnee auf die 12 645 Tiroler Quadratkilometer gefallen. Das ist das Doppelte des Monatsdurchschnitts. Diese eine Milliarde Tonnen raste dann eine Woche lang in Form von ungezählten Lawinen zu Tal. Volksvermögen im geschätzten Wert von 77 Millionen Schillingen (15,4 Millionen DM) wurde vernichtet Allein in Tirol konnten 42 Verschüttete nur als Tote und sechs überhaupt noch nicht aus den oft 30 Meter hohen Schneehaufen gegraben werden.
Der zahlreichen Menschenopfer wegen hatte der Tiroler Landeshauptmann eine viertägige Landestrauer angeordnet. Nur die Kufsteiner Gastwirte widersetzten sich. Sie wollten zwei angesetzte Tanzvergnügen nicht ausfallen lassen.
Zu den Sachverlusten in Höhe von 77 Millionen Schillingen ergänzt der Fremdenverkehrs-Experte der Tiroler Landesregierung, Oberregierungsrat Dr. Werner Karoly: "Sie können getrost noch 12 Millionen Schillinge dazu rechnen, die der Tiroler Fremdenverkehr dadurch verloren hat, daß auf die ersten Meldungen über die Lawinenunglücke hin zahlreiche Wintersportgäste ausgeblieben sind."
Dr. Karoly ist, darüber hinaus, erregt, daß unzutreffende Meldungen über Ursache, Ausmaße und Folgen der Katastrophe in die Welt gesendet wurden. Eine Agentur-Meldung hatte von "stündlich wachsender Seuchengefahr in Innsbruck"
und von "unpassierbaren Tiroler Straßen" gesprochen. (Dr. Steidel von der Innsbrucker Stadtverwaltung: "Keine Spur von Seuchen") Dr. Karoly fürchtet, daß die Tiroler Fremdenverkehrsindustrie dieser einen Falschmeldung wegen allein acht Millionen Schillinge Verdienstausfall abbuchen muß.
Dieser einen Meldung wegen mußte auch die Portokassen-Dame in Wiens "Oesterreichischer Verkehrswerbung" Ueberstunden machen. 10 000 Luftpostmarken wurden auf 10 000 Umschläge geklebt, in denen 10 000 Kopien von Walther Flaigs Aufsatz "Die Lawinen-Katastrophe in den Alpen" in vier Sprachen in alle Ecken der Welt geflogen werden. Zehntausendmal unterschrieb im Begleitbrief Verkehrswerbungs-Direktor Ortner, daß die Agentur-Meldung der "mühevollen fünfjährigen Aufbauarbeit des österreichischen Fremdenverkehrs sehr geschadet hat."
Auf 66 Schreibmaschinenzeilen erklärt der Bludenzer Lawinenspezialist Flaig, wie es zu dieser "völlig einmaligen Naturkatastrophe" kam, die "in gleicher Art und ähnlichen Ausmaßen in der 2000jährigen Chronik der Lawinen in den Alpen nie verzeichnet ist":
"In weiten Alpengebieten hat es 100. ja zum Teil 120 Stunden lang ununterbrochen geschneit. Lange Zeit hindurch fielen stündlich 12 cm Neuschnee, und dann geschah das Allerschlimmste: Zweimal ging der pausenlose Schneefall in Regen über und erzeugte die gefährlichste Lawinen-Schneelage, die es überhaupt gibt, einen Schneeschlamm von unvorstellbarer Leichtflüssigkeit, Schnelligkeit und Gewicht (1 cbm bis zu 800 kg)."
Sprechen verboten. Walther Flaig ist alter Lawinenfachmann. Er hat mit wissenschaftlichen Methoden festgestellt, daß Lawinen entstehen können durch:
* Wind, der überhängende Schnee- oder Windbretter bildet, die bei Winddruck abbrechen und die Lawine auslösen.
* Sonne. Schon ein aufgeweichtes Schneehäufchen, das von einem Zweig fällt, oder ein schmelzender Eiszapfen kann eine Lawine in Gang bringen.
* Regen oder Föhn. Barometersturz bedeutet fast immer Lawinenzeit.
* Kälte. Sie erzeugt lawinenauslösende Spannungen in den Schneeschichten.
* Erschütterung (Stoß, Druck oder Schall). Schon der leiseste Ton kann bei entsprechender Witterung Großlawinen auslösen. Erfahrene Bergführer verbieten deshalb das Sprechen an lawinengefährdeten Hängen.
Zur Rettung der Tiroler Lawinen-Opfer waren über 2000 Menschen - Gendarmerie, Zollbeamte, Feuerwehren, die Bergwacht und Bergbauern - eine Woche lang ununterbrochen auf den Beinen. Unterstützt von 200 Alpenjägern und 21 Lawinenhunden zogen sie 48 Tote aus den Schneemassen.
Die Gesamtbilanz wurde am 31. Januar vom Tiroler Gendarmeriekommando aufgemacht:
* 42 Tote
* 7 Schwerverletzte
* 6 Vermißte
Zerstört wurden:
* 54 Häuser
* 16 Industriebetriebe
* 13 Stallungen
* 141 Heustadl
* 4 Seilbahnen
* 1 Skilift
* 9 Stromleitungen
Durch niedergerissene Wälder entstand für 35 Millionen Schillinge Schaden.
Die teuerste Lawine: An einem Sonnabend um 14.15 Uhr rollte eine Staublawine gegen die Wand des Magnesit-Werkes Tux im Zillertal. Das Laboratorium wurde geräumt. Um 15.32 Uhr vereinigten sich zwei Staublawinen (600 Meter breit, 25 Meter hoch, 180 Meter lang, Geschwindigkeit 40-50 km/st) und überrannten das Werk. Laboratorium und Materialseilbahn, das Spritzenhaus, zwei Eisenbetonsilos (Durchmesser 8,5 Meter, mit 20 Tonnen Magnesit gefüllt), eine Almhütte und eine Drehofenhalle wurden zerstört. Acht Arbeiter und Angestellte kamen um. Eine dritte Lawine deckte das gesamte Werk zu. Nebel und weitere Lawinengefahr verhinderten sofortige Rettungsaktionen. Erst nach drei Tagen konnten vier Tote geborgen werden. Vier Männer liegen noch immer unter den Schneemassen. Der Schaden wird auf neun Millionen Schillinge geschätzt.
Die dramatischste Lawine: Bauer Adolf Wimpissinger, Frau Maria und die beiden 11- und 12jährigen Söhne Georg und Ferdl wurden nachts in ihrem Berghof auf der Nauz-Alp (1400 Meter) durch das Herandonnern einer Staublawine aus dem Schlaf geschreckt Die Lawine (200 Meter breit, 10 Meter hoch und 500 Meter lang) begrub das Haus unter sich. Familie Wimpissinger wühlte sich mit den Händen aus dem Schnee. Barfuß, im Nachthemd, schleppte sich der 42jährige Wimpissinger durch 10 Meter hohen Pulverschnee, um vom 500 Meter entfernten Nachbarhof Schwemberger Hilfe zu holen.
Die Kinder lebten. Als er nicht zurückkam, machte sich Frau Maria auf den Weg. Ihre beiden Söhne trug sie abwechselnd auf den Armen. Bei jedem Schritt sank sie bis an die Brust in den Schnee.
Mutter Maria wurde erst am folgenden Tag von Suchmannschaften an einer wind- und schneegeschützten Stelle halbtot aufgefunden. Die beiden Kinder lebten. Die Mutter hatte sie mit ihrem Nachthemd zugedeckt und mit ihrer Körperwärme am Leben erhalten.
Vater Wimpissinger wurde erst acht Tage später aufgefunden. Er war bis auf 30 Meter an das Nachbarhaus herangekommen. Sein Körper lag erfroren drei Meter tief im Schnee. Wimpissinger hätte
sowieso keine Hilfe gefunden: Weitere Lawinen hatten auch Nachbarn Engelbert Schwemberger und seinen Hof begraben.
Das Dorf Ischgl wurde während der Katastrophennächte von 18 Lawinen zugedeckt. Das Dorf Spieß wurde von so hohen Schneemassen zugeschüttet, daß ein Schweizer Rettungsflugzeug den Ort drei Tage lange vergeblich suchte.
Bei Nauders wurden Lawinenhütten aus Eisenbeton wie Streichhölzer zerbrochen. Eisenbahnschienen, als Lawinenschutz in den Boden gegraben und bergseitig doppelt verankert, wurden wie im Spiel S-förmig verbogen.
Allein in Tirol wurden 51 Dörfer durch Lawinen beschädigt. Die Strecke des Arlberg-Expreß war vier Tage lang unterbrochen, die Bahn Innsbruck-Mittenwald drei Tage lang verschüttet.
Mit Radar und Hunden. Innsbrucks Wasserwerk konnte nach Lawinenschäden nur mit halber Kraft laufen. Wasserwagen aus München, Linz und Salzburg verteilten Trinkwasser auf der Straße. Taxichauffeure forderten Katastrophenpreise. In den abgeschnittenen Dörfern wurden die Lebensmittel knapp. Der Innsbrucker Stadtteil Mühlau mußte wegen Lawinengefahr teilweise evakuiert werden.
Bei Oberstorf suchten 30 deutsche Bergwachtmänner und sieben Besatzungsamerikaner eine Woche lang mit Radar und Spürhunden nach dem Stuttgarter Rechtsanwalt Rudolf Pender, dessen Tochter und Dipl.-Ing. Arthur Franz.
In Oberbayern waren die Schäden geringer. Dort gingen nur 1500 Festmeter Holz, zwei Heustadl und eine Zollhütte verloren.
Die Schweiz hatte in den Lawinenwochen die höchste Totenzahl. Militärische Ehrenkommandos standen an den Särgen von 33 Männern, 13 Frauen und 29 Kindern.
Die Touristen wurden ständig über Verhalten bei Lawinengefahr belehrt. Für
Skiläufer gibt es drei Regeln, dem Lawinentod zu entgehen:
* Seitliches Wegfahren. (Das setzt eine günstige Anfangsposition voraus.)
* Standsichere Schußfahrt, um schneller als die Lawine zu sein.
* Widerstand leisten, Skier in den Schnee rammen, sich daran festhalten und die Lawine an sich vorbeiströmen lassen.
Bei aussichtsloser Lage ist das erste Gebot: Stöcke weg, Skier ab. Sie wirken wie Anker und saugen den Menschen in die Lawine hinein.
Wer von einer Lawine mitgerissen werde, solle versuchen, sich auf der Oberfläche der Lawine zu halten, empfiehlt Lawinenspezialist Walther Flaig. "Leicht machen wie eine Fliege und oben bleiben, oben bleiben auf den Schollen."
Wie im Schraubstock. Schweizerische Soldaten werden angewiesen, sich in solchen Fällen auf den Rücken zu legen und Schwimmbewegungen mit den Armen und Beinen zu machen, um auf der Lawine "mitzuschwimmen". Viele Touristen sind so schon lebend auf einer Lawine zu Tal "geschwommen".
Bei Trockenschnee und Staublawinen solle man versuchen, das Gesicht, vor allem Nase und Mund, vor dem Eindringen des Schneestaubes zu schützen, lehrt Flaig. "Also Hände vors Gesicht oder Kopf verhüllen. Ist der Staub erst einmal in die Ohren und Augen hineingepreßt worden, ist das Ersticken unausbleiblich."
Beim Verschüttetwerden in Naßschnee könne man sich Atemraum mit den Händen oder dem vorgehaltenen Rucksack schaffen. Verschüttete berichteten, daß sie in der laut schreienden und kreischenden Lawine wie in einem Schraubstock eingeklemmt worden seien. Der Verschüttete wird "wie in Zement" regelrecht eingemauert. Nur selten kann er sich ein paar Zentimeter bewegen. Von Selbstbefreiung keine Rede.
Lawinenexperte Flaig gibt gute Ratschläge: "Geben sie sich nie auf. Die Rettung kann noch nach Tagen erfolgen. Schreien ist zwecklos. Die Schallwellen dringen nie an die Oberfläche, obwohl der Verschüttete die Bergungsleute oft hört und versteht, was sie sprechen."
Der Verschüttete müsse alles tun, um sich Luft zuzuführen. Er solle versuchen, die Schneedecke nach oben zu durchstoßen. Flaig berichtet: "Ein verschütteter Bauer wurde einmal dadurch gerettet, daß es ihm gelang, ein kleines Loch zu bohren, das ihm nicht nur die dringend benötigte Luft verschaffte, sondern auch die Möglichkeit bot, sein Pfeifenrohr hindurchzuschieben. Es wurde gesehen und bald war er ausgegraben."
Während in Zillertal noch immer nach den Verschütteten gesucht wird, addiert Amtsdirektor Hofrat Dr. Stoll im Innsbrucker Landhaus die Spenden: In Tirol bis heute etwa 3,5 Millionen Schillinge (ca. 700 000 DM). Die Regierung hatte mit einer Spende von 500 000 Schillinge. (ca. 100 000 DM) den Anfang gemacht:
"Dann kommen noch 500 000 Schillinge aus ERP-Mitteln und weitere 75 000 von uns", zählt Stoll auf. Tirols Beamte haben zwei Prozent eines Monatsgehalts gespendet. Beim Tiroler Landeshauptmann erschienen zwei kleine Mädchen, die freudestrahlend ihre Sparbüchsen auf seinem Schreibtisch zerschlugen.
Selbst die Besatzungsfranzosen spendeten. Schwärmt M. Bataille im Besatzungshauptquartier: "Und das Schönste war ein anonymer Brief mit 1000 Franc, auf dem nur stand 'Für die Lawinenopfer - von einem französischen Unteroffizier'."

DER SPIEGEL 6/1951
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