07.02.1951

PUBERTÄT / ERZIEHUNG

Wie naiv die Eltern sind

Mädchen kamen auch. Die Ramsauer Buben hatten ihnen gesteckt, daß es im "Jörgenhäusl" etwas zu erleben gab. Im "Jörgenhäusl", das vom Holzarbeiter Josef Landthaler, 43, ledig, bewohnt war, trafen sich die Kinder fast ein Jahr lang, anfangs nur zum Kartenspielen.

Da sei der einfache, unbeholfene Landthaler dem Treiben dieser Kinder zum Opfer gefallen, plädierte jetzt Verteidiger Dr. Brummeisl vor Traunsteins Landgericht. Als Sohn der Berge saß der Holzfäller auf der Anklagebank: in Trachtenjoppe, Krachlederner und Genagelten.

Die Anklage warf ihm vor, bei den Besuchen der Acht- bis Fünfzehnjährigen anzügliche und aufreizende Reden geführt zu haben. Dann sei es zu schweren Unzuchthandlungen zwischen ihm und zehn Kindern gekommen. Schließlich habe er die Jungen aufgefordert, mit den Mädchen Geschlechtsverkehr zu treiben und seine Schlafkammer dafür zur Verfügung gestellt.

Landgerichtsrat Dr. Schmidt verkündete (unter Zubilligung mildernder Umstände) die Strafe für den 43jährigen Landthaler: Zwei Jahre und sechs Monate Gefängnis.

Nur dem Zufall und einer Münchner Mutter, die ihr Kind im Ramsauer Urlaub besuchte, ist es zu verdanken, daß die Umtriebe des Holzarbeiters entdeckt wurden. Das Kind erzählte vom "Jörgenhäusl", wo es durch einheimische Kinder Eingang gefunden hatte. Die Münchnerin erstattete Anzeige bei der Landpolizei.

Im Dorf selbst war an diesen regelmäßigen "Jörgenhäusl"-Besuchen ein Jahr lang niemand etwas aufgefallen. Keines der einheimischen Kinder hatte zu Hause etwas erzählt. Die Eltern waren ahnungslos.

Die Mädchen "spielten Fräulein". Professor Hans Luxemburger, Pädagoge und Jugendpsychologe und Leiter des Münchner Stadtjugendamtes, urteilte aus jahrelanger Erfahrung: "Es ist erstaunlich, wie naiv die Eltern oft noch sind". Und Hans Mayer, Vorsitzender der Bayerischen Jugendhilfe, ergänzte nach seinen sexual-pädagogischen Vorträgen in Bayerns Städten:

"Vielfach scheinen Väter und Mütter überhaupt nicht zu wissen, daß ihre Kinder auch ein Geschlechtsleben haben. Wenn ich ihnen dann sage, daß die sexuelle Aufklärung des Kindes schon im dritten Lebensjahr beginnen muß, sind sie verblüfft."

Auf sechs Seiten "Dringende Bittschrift" an Münchens Stadtrat prophezeit Mayers Jugendhilfe: "Der beispiellose Jugendnotstand unserer Zeit, den man im allgemeinen als eine zeitbedingte Nachkriegserscheinung bezeichnet, beginnt, eine ausgesprochene Zerfallserscheinung zu werden." Dazu zitierte Mayer Statistiken. Darunter:

* Alle 5 Minuten geschieht in Westdeutschland ein Sittlichkeitsverbrechen an Jugendlichen.

Diese Zahl wird vom K 5 - Amtmann Haberl, Chef der Münchner Sittenpolizei, anschaulich ergänzt: "Die Sittlichkeitsverbrechen an Jugendlichen (§ 176, 3 StGB) sind im ersten Halbjahr 1950 in München auf 148 angestiegen. Vor einem Jahr waren es nur 75 Delikte für den gleichen Zeitraum. Dabei kommen kaum 50 Prozent dieser Vergehen vor den Richter, 20 Prozent werden nicht einmal den Eltern der betroffenen Kinder bekannt".

Details zu solchen Zahlen sammelt Oberinspektor Andreas Altnöder, Leiter der Abteilung "Ermittlungsdienst und Gerichtshilfe" im Münchner Jugendamt, in seinem roten Aktendeckel: "Sexualvergehen".

Zwei symptomatische Fälle:

* Weibliche Beamte der Kriminalpolizei hoben in München-Neuhausen einen Ruinenschlupfwinkel aus, in dem sich fünfzehn neun- bis zwölfjährige Jungen und Mädchen regelmäßig zum "Spiel" zusammenfanden. Beobachtungen und Ermittlungen ergaben, daß die Kinder in der verfallenen Ruine wochenlang "sexuelle Orgien" gefeiert hatten.

* In einem alten Möbelwagen in München-Laim hatte ein Zwölfjähriger ein regelrechtes Bordell für Kinder eingerichtet. Sieben- bis fünfzehnjährige Mädchen "spielten Fräulein". Als Eintrittsgeld mußten die Jungen 50 Pfennig zahlen. Hatten sie kein Geld, so konnten sie ihre Schulbücher als Pfand zurücklassen. Der zwölfjährige "Manager" erklärte, er habe solche Dinge unter den Erwachsenen im Flüchtlingslager gesehen.

Das gibt es nicht nur in den Großstädten. Institutsdirektor Hermann Weiskopf, ehemaliger Münchner Leiter eines Heims für schwer erziehbare Kinder, erfuhr bei seinen Aufklärungsvorträgen in Oberfranken:

* Nur durch Zufall sind in einem Städtchen von 2000 Einwohnern 29 Fälle von Sittlichkeitsdelikten zwischen Kindern von sechs bis vierzehn Jahren aufgedeckt worden. In 23 dieser Fälle ist ein elfjähriges Mädchen zwei Jahre lang


verwickelt gewesen, ohne daß Eltern und Erzieher auch nur die geringste Ahnung davon hatten.

Sexuelle Erlebnisse im Rockerl. In Rott am Inn, einer 2600-Seelen-Gemeinde zwischen Wasserburg und Rosenheim (370 Schulkinder) gab der Schreiner Josef Veit zu Protokoll:

"Im vorigen Jahr habe ich gehört, daß die Schulkinder in das Rockerl (Waldstück bei Rott) gehen und dort Gockeln und Pisse (etwa: Räuber und Gendarm) spielen. Durch weitere Nachforschungen habe ich erfahren, daß in der Hauptsache der Schüler Adolf Zosseder daran beteiligt ist. Meine Tochter erzählte mir, daß sie von der Lehrerin mit noch anderen Kindern in das Rockerl geschickt wurde, um Schneeglöckchen zu holen. Unter anderem erzählte meine Tochter, daß sich die Schulbuben und -mädel im Rockerl nackt ausziehen und Fangermandl spielen."

Ortspfarrer Gruber arrangierte angesichts solcher ungeahnten Vorgänge im Gasthaus zur Post eine Elternversammlung. Dabei bekräftigte Lehrer Tribus die Aussagen des Schreiners Veit durch Verlesung eines "Liebesbriefes", den ein neunjähriges Mädchen einem Gleichaltrigen geschrieben hatte. Inhalt: Die Schilderung gemeinsamer sexueller Erlebnisse im Rockerl.

Schließlich machte Kommissar Strasser, Chef des Landpolizeipostens Rott, an seine Bezirksinspektion in Wasserburg einen Bericht über die "moralische und sittliche Verwahrlosung eines Teiles der Jugendlichen und Kinder in Rott am Inn":

"Die Elternvereinigung und die Seelsorger führen den Verfall der Jugend teilweise auf die Erziehung im Dritten Reich zurück, soweit dies die ältere Jugend betrifft. Die größte Schuld aber dürften der heutige Film, die Schund- und Schmutzliteratur und zum größten Teil auch die Leichtfertigkeit der Eltern tragen".

Auf diese sexual-pädagogische Analyse des Kommissars begaben sich Oberkommissar Bodner und Kommissarin Bary von der Kriminalabteilung des Oberbayerischen Landpolizeipräsidiums nach Rott. Sie ermittelten bald, daß insgesamt etwa 100 Kinder von dieser Rockerl-Geschichte wußten oder sogar daran beteiligt waren. Von kaum zehnjährigen Mädchen mußte nach ihren Erzählungen angenommen werden, daß sie mit vier oder fünf Buben Geschlechtsverkehr gehabt hatten. Aussagen und Andeutungen fünfjähriger Buben ergaben, daß ältere Mädchen sie hatten verführen wollen.

Dazu sagte Hausfrau Katharina Krieg vor der Polizei: "Schon vor längerer Zeit sah Frau Aschauer, die in unserem Haus wohnt, wie die fünfjährige Zosseder Christa und der vierjährige Weichselbauer Heinz einen Geschlechtsverkehr

auszuüben versuchten. Heinz, der davon nichts verstand, wurde von der Christa angelernt ... Gerüchtweise verlautet, daß die Kinder der Familie Zosseder unter sich regelrechten Geschlechtsverkehr ausüben. Die Familie Zosseder wohnt im gleichen Haus wie wir. Die Verhältnisse dort sind mit Worten nicht zu beschreiben. Die Kinder sind in sittlicher Hinsicht vollkommen verdorben."

Als die Münchner Polizeibeamten ihren Schlußbericht beim Kreisjugendamt Wasserburg ablieferten, wurde für vier Zosseder-Kinder

Fürsorgeerziehung verfügt, auch für Heinz und Christa.

Insgesamt haben die Zosseders neun Kinder. Diese Zahl stand zu Vater Zosseders Möglichkeiten als pensionierter Eisenbahner in einem aussichtslosen Verhältnis. Resultat: Zwei überfüllte Zimmer, in denen selbst die Grundzüge häuslicher Ordnung vor der Masse kapituliert haben.

Noch vor einiger Zeit mußten die Eltern mit drei Kindern gemeinsam im Ehebett schlafen. Tochter Wilhelmine, Jahrgang 1930, ist bereits Mutter zweier unehelicher Kinder. Auch sie mußte bis vor einiger Zeit zusammen mit einem siebzehnjährigen und einem zehnjährigen Bruder schlafen. Auch ein Sprößling der zweiten Zosseder-Tochter (Jahrgang 32) bahnt sich im häuslichen Durcheinander den Weg ins Leben. Diese Umstände halten Mutter Zosseder nicht von der Frage ab: "Warum schicken sie gerade meine Kinder in die Fürsorge? Die anderen waren noch viel schlimmer."

Immerhin: Seit Zosseders vor der Polizei genannt wurden und jene Verfügung des Kreisjugendamtes durchgeführt wurde, konnten in Rott derartige Vorkommnisse nicht mehr gemeldet werden.

Früher Pubertätsbeginn. Oberkommissar Bodner ist jedoch überzeugt, daß Rott kein Einzelfall ist: "Allein in unserem Bezirk (Oberbayern ohne Städte) gibt es mindestens sieben Orte, wo in den letzten Monaten Aehnliches, wenn nicht noch Krasseres geschehen ist."

Dieses Urteil wiegt schwer, denn Bayerns Landpolizisten legen vor jeder Aeußerung in punkto "Jugendverwahrlosung" eine bemerkenswerte Pause ein. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht. Die Enthüllungen über den Fall Rott haben ihnen fast nur Vorwürfe eingebracht. Vorwürfe von Behörden, von entrüsteten Zeitungslesern, sogar von Eltern: Wozu müßten solche Dinge auch noch bekanntwerden, es sei schlimm genug, daß sie passierten!

Vogel-Strauß-Reaktionen dieser Art bringen Professor Luxemburger zu der Auffassung: "Die Erziehungsform muß nicht bei den Jugendlichen einsetzen, sondern bei den Erziehern selbst."

"Die Eltern erkennen nicht, daß die sexuelle Entwicklung des Kindes heute früher beginnt", meint Luxemburger. "Noch vor Jahren trat die Geschlechtsreife bei den Mädchen zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr ein. Heute haben sie ihre erste Menstruation bereits mit 11 oder 12 Jahren. Eine spätere Entwicklung ist pathologisch."

Die Aerzte sind sich darüber einig, daß diese Verschiebung der Pubertätsgrenze nichts mit dem Krieg zu tun hat und nicht nur auf Deutschland beschränkt ist. Diese Verschiebung laufe mit einer anderen biologischen Veränderung parallel: Der Wachstumsbeschleunigung.


Das Durchschnittsmaß des Menschen ist in Deutschland, Schweden, Holland, den USA und anderen Ländern in den letzten 75 Jahren um 6 bis 7 cm gewachsen. In der Schweiz sogar um 9 cm. Dort sollten im vorigen Jahr zehn junge Männer für einen historischen Festzug in Ritterrüstungen steigen, die aus dem Museum stammten. Der kleinste dieser zehn Männer paßte aber nur mit Stauchungen in die größte Rüstung.

Den Münchner Stadtrat hat die Wachstumsbeschleunigung 75 000 DM im letzten Jahre gekostet. Diese Summe mußte zur Beschaffung neuer Schulbänke bereitgestellt werden. Die alten Bänke waren zu klein geworden, die Kinder saßen nicht mehr bequem darin und hätten Rückgratverkrümmung bekommen können.

Der Lichtreiz auf die Haut. Ernster als diese äußeren Schwierigkeiten seien aber die seelischen Störungen, die durch die Wachstumsbeschleunigung hervorgerufen würden. Die Zunahme der Körpergröße in früher Kindheit verursache einen früheren Pubertätsbeginn. Und damit neuartige Schwierigkeiten für die Erzieher.

Die Kinderärzte berichten übereinstimmend, daß in den zwei Jahrzehnten zwischen 1905 und 1925 der Beginn des Reifeprozesses um knapp zwei Jahre vorverlegt wurde. Eine Beschleunigung ihres Ablaufs sei damit nicht verbunden.

Seit der Leipziger Stadtmedizinalrat Koch vor etwa 20 Jahren erste grundlegende Untersuchungen über die frühere Reifezeit des Kindes und über Wachstumbeschleunigung begann, wurden verschiedene Theorien über die Ursache dieser Veränderung angeführt:

* Biologisch orientierte Forscher sehen darin ein Wärmeproblem. So Gerichtsarzt Dr. Masel, Justizpalast München: "Der Lichtreiz auf die Haut hat sich in den letzten Jahren verstärkt." Das heißt einfach, der Mensch sei heutzutage leichter gekleidet als früher. Vom Säuglingsalter an wird jede Gelegenheit genutzt, dem Körper Sonne zukommen zu lassen.

* In der Ernährung wurde gleichzeitig die Bedeutung der Vitamine erkannt. Sie wirken in Zusammenhang mit den Hormonen, die die Entwicklung des Organismus regulieren. Die Hormone wieder bewirken die Pubertät.

* Die Quintessenz der dritten Theorie ist, daß die Gesamtheit der Reize, die das Stadtleben ausmachen, die Wachstumsbeschleunigung bewirkt, so die ständig großen Erregungen, die Wandlungen der Ernährungssitten, moderne Hygiene, der häufig willkürliche Wechsel zwischen Arbeit und Entspannung, Ruhe und Erregung.

In diese Verschiebung der biologischen Grenzen platzte der Krieg. Mit seinem Ende waren:

* 5S Millionen Jugendliche in Deutschland ohne Heim,

* 4,7 Millionen aus dem Osten vertrieben,

* 1R Millionen Kinder vaterlos,

* R Million Kinder ohne Eltern.

Der Bremer Schulrat Dr. Kurz untersuchte die Lebensbedingungen seiner Schüler. Ergebnis:

* bei 20 Prozent der Kinder hatte der Vater den Beruf verloren,

* bei 25 Prozent war der Berufswechsel mit sozialem Abstieg verbunden,

* 40 Prozent der Kinder hatten keine eigene Schlafstelle.

Das neunte Schuljahr. Der Heidelberger Professor Kranz untersuchte, was aus den Kindern wird, die nicht im Elternhaus, sondern bei fremden Leuten aufwuchsen. Er fand:

Der Wechsel des Erziehungsmilieus stört die Einheitlichkeit der Erziehung. Immer

wieder muß sich das Kind einer neuen Umgebung anpassen. Nicht selten sind die Kinder Streitobjekte verschiedener Parteien. Das Ergebnis dieses Pendeldaseins sei entweder Verwirrung und Unsicherheit - oder aber künstliche Selbstwerterhöhung durch raffiniertes Ausnutzen der Parteien und der verschiedenen eigenen Erfolgschancen. Hier liege der Ursprung mancher Lügenhaftigkeit, Verstellung, Unechtheit, Widersetzlichkeit, die ein ganzes Leben als Belastung bleiben können.

Was an gesetzlichen Handhaben von Staats wegen zur Verfügung steht, tritt erst in Erscheinung, wenn der unterste Pegelstand der Erziehung unterschritten ist und die Fürsorge einsetzt: Das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz vom 14. 2. 24 sieht das Eingreifen der städtischen Jugendämter vor, wenn die Familie versagt. Die Jugendämter verfügen Schutzaufsicht, unterstützen durch ihre Beratung die Vormundschaftsgerichte und ordnen Fürsorgeerziehung an.

Die Vergehen Jugendlicher werden zunächst mit Erziehungsmaßnahmen geahndet: mit der Erteilung von Geboten und Verboten, durch die Anordnung von Schutzaufsicht und Fürsorgeerziehung. Außerdem werden Zuchtmittel angewendet, beispielsweise Jugendarrest, der bis zu 3-4 Wochen verhängt werden kann.

Die Sozialfürsorger sind sich einig, daß derartige Maßnahmen heute unzulänglich sind. Sie fordern den Bau von Heimen und Unterkunftsstätten. Bayerns neuer Arbeitsminister Oechsle will in gewerbearmen Bezirken Ausbildungsstätten mit Wohnheimen für Jugendliche errichten. Das neunte Schuljahr soll als berufliches Vorbereitungsjahr eingeführt werden. In Bayern sind allein 85 000 Jugendliche noch immer ohne Lehrstelle.

In dieser Zahl sieht Bayerns Landpolizei einen der Gründe für den hohen Anteil Jugendlicher an der Kriminalität. Die letzten Zahlen darüber sind vom November verfügbar: Insgesamt wurden in Bayern (ohne Städte) 1315 Verbrechen von Jugendlichen begangen. Damit betrug der Anteil der Jugendlichen an den gesamten Novemberverbrechen 6,87 Prozent. Bei einzelnen Fällen lag ihre Beteiligung höher: Sittlichkeitsdelikte 16,5 Prozent; Notzucht 11,1 Prozent.

Nervosität aus Sexualneugier. Sozialfürsorger, Aerzte und Pädagogen sind sich im Prinzip einig, daß gegen jede Verwahrlosung heutigen Ausmaßes nachträgliche Maßnahmen wirkungslos sind. Nur vorbeugend könnte man die Erziehungsprobleme lösen, plädieren sie.

Professor Luxemburger hat seit Herbst 1947 fast 1000 Fälle in seinem Sprechzimmer in Münchens Paul-Heyse-Straße 20 bearbeitet. Seine Erziehungsberatung gilt bei vielen Experten als die gründlichste Art der Sexualpädagogik. Aus 586 (von 1000) völlig geklärten Fällen zog der Professor folgende Schlüsse:

* Das Hauptkonfliktalter ist die Vorpubertätszeit und die erste Periode der Pubertät.

* Diese Konflikte liegen beim Knaben vorwiegend auf seelisch-erlebnismäßigem, bei den Mädchen vorwiegend auf körperlich-medizinischem Gebiet.

* Die Knaben kommen hauptsächlich im ersten Schulalter (6-10 Jahre) und nach der Schulentlassung zur Erziehungsberatung. Erst sind es mehr wachstumsmäßig-ärztliche Fälle, später mehr seelische.

* Die Mädchen kommen hauptsächlich im zweiten Schulalter (11-15 Jahre).

* Der Betreuung sind besonders die infantilistischen Kinder bedürftig. Sie machen fast 30 Prozent aller Fälle aus.

* Im Durchschnitt darf mit 86 Prozent Erfolgen gerechnet werden.

* Bei Mädchen ist ein voller Erfolg wahrscheinlicher als bei Knaben.

Welche besonderen Probleme nun die Frühentwicklung in der Erziehungsberatung offenbar macht, das berichtete Dr. Dr. Wilhelm Bitter einem Düsseldorfer Kongreß in seinem Referat über "Die Psychologie des Sexuallebens des Kindes". Er hält es für möglich, daß nach falscher oder im falschen Zeitpunkt durchgeführter Aufklärung Störungen bis zur charakterlichen Fehlentwicklung auftreten können.

Als "Aufklärungs-Ersatz". Neben der Nervosität aus Sexualneugier, aus Qual mit dem Problem - für die Aufklärung Befreiung bedeutet, träten Verträumtheit, Verlogenheit und Stehlsucht als häufige weitere Symptome mangelnder Aufklärung: Das Kind empfindet instinktiv die Verlogenheit falscher Aufklärung - es lügt auch. Oder es "nimmt" sich, was ihm nach seinem Empfinden vorenthalten wird. Nur wählt es den primitiven Ausweg - es stiehlt. Die unruhige, zwanghafte Fragerei im Kindesalter sei ebenfalls oft als Verlangen nach Aufklärung aufzufassen. Das Bedürfnis nach der Antwort verschiebe sich auf alle möglichen Gebiete.

Wesentlich sei die Einhaltung desjenigen Maßes an Tatsachenvermittlung, das der Reife des Kindes entspricht. Bei zu weitgehender Aufklärung gerate das Kind mit dem unverarbeiteten Wissen in Gefahr, unter den Altersgenossen eine Rolle spielen zu wollen: Ueberheblichkeit und Machtentfaltung werden zur Versuchung. Nur durch rechtzeitige Aufklärung werde verhindert, daß statt der Eltern gewissenlose Erwachsene, Erzählungen anderer Kinder oder Kombinationen auf Grund von Beobachtungen als "Aufklärungs-Ersatz" wirken.

Meint Gerichtsarzt Dr. Masel, München: "Die Eltern haben es in der Hand, äußere oder seelische Störungen abzubauen, die manchen Jugendlichen den Weg zum anderen Geschlecht versperren. Solche Störungen ergeben oft eine Verdrängung des sexuellen Komplexes ins Perverse, die häufig Ursache der Sittlichkeitsdelikte Jugendlicher ist, vor allem beim Exhibitionismus."

Und: "Es hängt überhaupt so viel von den Eltern ab. Sie sollten sich etwas mehr Zeit für ihre Kinder nehmen."

[Grafiktext]

DELIKTE INSGESAMT DER ANTEIL JUGENDLICHER AN SITTLICHKEITSDELIKTEN (§173-177)*
19471757 5,4%
19482661 10,4%
1949430213,9%


*Nach Ermittlungend bayr. Landespolizei

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 6/1951
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