04.04.1951

HEXEREIBis das Blut kommt

Bauer Hannes Bading aus Barum soll wegen seines gemeingefährlichen Hexenwahns vor das Landgericht in Lüneburg. Zwei neuerliche Anzeigen haben es ratsam erscheinen lassen.
Im ersten Fall hatte Bauer Bading den 15jährigen Sohn des Schmieds und Posthalters Wilhelm Michels mit einem Stock malträtiert, im zweiten dem Posthalter selber eine Schaufel auf dem Kopf zerschmettert. Posthalter Michels trug eine schwere Gehirnerschütterung davon.
Bevor Lüneburgs Staatsanwalt Gürttler Kenntnis von diesen beiden Vorfällen hatte, war er nahe daran, den "Fall Bading" als Bagatelle abzubiegen und dem Amtsgericht zur zivilen Behandlung zu unterschieben. Nun aber kommt es doch zu dem ersten Lüneburger Hexenprozeß des Jahres 1951.
Bis zum Herbst 1950 etwa hatte Johannes Bading als durchaus normal gegolten. Rechtschaffen betrieb er seine Wirtschaft (250 Morgen Land, 5 Kühe, 5 Stück Jungvieh, 2 Pferde) im 382-Seelen-Heidenest Barum, zwei Spaziergänge nördlich von Lüneburg. Zusammen mit seiner Frau und
seiner drallen, pausbäckigen, aber dennoch unbemannten 33jährigen Tochter Irma.
Plötzlich aber spukte es um die Badings herum. Nächtlicherweile wird, so sagt Bading, Giftgas in Wohnhaus und Stallung "gepustet". Wahrscheinlich mit einer Obstbaumspritze oder einem Feuerlöscher. Ein Pferd stirbt, ein zweites wird krank.
Hannes Bading geht nicht mehr schlafen. Er läßt das Licht an. Die ganze Nacht. In Wachablösung mit Tochter Irma kauert er unterm Holunderbusch, um den "Hexens" aufzulauern.
Bauer Bading ist davon überzeugt, daß ihm als Hexen und Hexeriche übel mitspielen:
* Die Nachbarjungen Werner (22), Paul (19) und Günther (16) Meyer. Bading behauptet, sie beim "Giftpusten" beobachtet zu haben, mitternächtlich aus Meyers Aborthäuschen heraus, und erstattet bei der Staatsanwaltschaft Lüneburg Anzeige gegen die Meyer-Jungen. Die Folgen ihres Tuns gab er zu Protokoll:
"Eine blaue Wolke in der Schlafstube. Geruch nach Salmiak und verbranntem Gummi. Es brennt im Gesicht. Am Tage nicht die geringste Spur."
* Arztsohn Georg Schulz aus Brietlingen, der die Giftpulvermasse liefere.
* Dorfschullehrer Wassermeyer, 51, seit 1924 in Barum. Bading-Tochter Irma behauptet, Wassermeyer habe in der Dämmerung dem Bading-Vieh "etwas ins. Maul gespritzt". Auch die Blattspitzen auf dem Rübenacker seien "wie verbrannt" gewesen. (Wassermeyer hatte in Wahrheit bei Badings Weide Enten geschossen.)
* Tierarzt Dr. Wehling aus Bardowick, der bei Badings krankem Pferd nicht Hexerei, sondern Kolik festgestellt hatte.
* Schmied und Posthalter Wilhelm Michels nebst Sohn, die denn auch von Bading verdroschen worden sind und ihm den Prozeß einbringen werden.
Die ganze Giftgeschichte kam zuerst vor Schiedsmann Adolf Kramer in Brietlingen.
Der zog seine Hamsterbacken in Falten: "Geht mir weg mit dem Kram!" Und zu Bading: "Ich bringe dich dahin, wo du nicht hin willst." In Betracht kamen Irrenhaus oder Gefängnis. Für beides schien es jedoch noch zu früh, weshalb der Generalstaatsanwalt in Celle, gez. Dr. Harms - vor Bekanntwerden der Mißhandlungsfälle - erst einmal den ganzen Barumer Hexenwust niederschlug (am 1. März 1951). Nun kommt er mit allem Drum und Dran doch noch aufs Tapet.
Daß es Hexen sind, die ihm so übel mitspielen, hat dem Hannes Bading die "weise Frau" in Geesthacht gesagt, die er um Rat fragte. Sie empfängt auch "Himmelsbriefe" für ihn, direkt vom lieben Gott. Mit detaillierten Verhaltungsmaßregeln zur Abwehr der nächtlichen Hexerei. Die "weise Frau" in Geesthacht, die von der Lüneburger Kriminalpolizei bisher noch nicht aufgespürt werden konnte, gehört zur Kategorie der Großmanager, Schürer und Förderer des Aberglaubens, die mit dem Hexenwahn von Leuten wie Hannes Bading ihr Geschäft machen.
1950 gab es insgesamt 15 Hexenprozesse in Lüneburg. 15mal erschien personifiziertes Mittelalter in Gestalt von "Spökenkiekern", "weisen Frauen", "Hexenbannern" und sonstigem Kroppzeug des magischen Okkultismus vor den Gerichtsschranken der Heidehauptstadt. (Heide, Marsch oder - in Süddeutschland - auch einsame Bergdörfer mit viel Inzucht waren seit jeher dankbares Betätigungsfeld für diese Scharlatane.)
Darunter beispielsweise im Februar 1950 Heinrich Lange, 45, aus Hötzingen bei Soltau - der "Gröning der Heide", einstiger Zirkusartist bei. Sarrasani. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", sagte er. In insgesamt 300 Fällen hatte er beim Horoskopstellen und Kartenschlagen "überirdische Inspirationen". Seine Heilmethode: "Richtig atmen und - beten, nix wie beten!"
Im Juni stand Martha Illhardt, 33, die rothaarige "Wahrsagerin von Bienenbüttel", vor ihren irdischen Richtern. Beruf: "Graphologin". "Ihr Kind ist beschrien (behext)", hatte sie einer verängstigten Mutter gesagt und ihr eine Frau genannt, die angeblich im Besitz des "Schwarzen Buches" (des "Satansbuches") sei. Bei ihrer Heilpraxis (durch "Magnetismus") im Raume Uelzen, Lüneburg und Dannenberg schob die Illhardt Tagesgewinne bis zu 100 DM in den Busenlatz.
"Und sowas im Jahre 1951", erregt sich Hexenwissenschaftler Johann Kruse, Hamburg-Altona, Pestalozziplatz 2, zum Fall Bading. "Die ganze Schuld an dieser Geschichte hat dieses Weib in Geesthacht. So eine ist imstande, ihre Opfer bis zum Wahnsinn zu treiben."
Volkskundler Kruse, 61, ist seit 30 Jahren in Hexenfragen kompetent. Vor kurzem hat er in Hamburg ein "Archiv zur Erforschung des modernen Hexenwahns" aufgezogen - einziges seiner Art im Bundesbereich.
Eine Hexe kann, so glauben nach Kruses Forschungen die vom Hexenwahn Angekränkelten oder schon Besessenen, alles. Sie kann beispielsweise
* eine Puppe mit Nadeln durchstechen, um damit ein Kind zu töten, dessen Namen sie vorher der Puppe gegeben hat,
* durch Nachahmen des Melkens an einem in die Tür gesteckten Messer verursachen, daß den Kühen auf der Weide die Milch aus den Eutern läuft,
* sich in ein Tier verwandeln, um sich so etwa einem Mann, den sie begehrt, heimlich zu nähern,
* den Leib einer Frau unfruchtbar machen oder ihr den Liebeswillen rauben,
* einen Teppich mit ihrem "bösen Blick" so fixieren, daß er ausfranst.
Als Helfer bei Behexungen erbietet sich der "Hexenbanner" (Hexenbeschwörer). Er empfiehlt beispielsweise, sofern er nicht selbst die Behandlung übernimmt: Man nehme
* zum Erkennen der Hexe einen Kuhfladen und lege ihn auf die Fensterbank in die Sonne; in dem auseinanderlaufenden Fladen zeigt sich alsbald das Gesicht der Hexe;
* zur Bekämpfung der Hexe "Teufelsdreck" (asa foetida = eine Art Gummiharz) und entzünde ihn mit dem neunten Streichholz in einer Pfanne, um damit gegen die Hexe "anzustinken"; ein behextes Kind schlage man so lange, bis das Blut kommt ("Blutzauber"); die Hexe, welche die Schläge fühlt, entweicht mit dem Blut;
* zur Tötung der Hexe ihre Fotografie und tauche sie in siedendes Oel;
* zur Verhinderung der Wiederkehr der toten Hexe in anderer Gestalt beschmutze man ihren Grabstein.
Eine "weise Frau" in Harburg trieb durch ihr "ksch, ksch" die (unsichtbaren) Hexen aus den Haus- und Stalltüren hinaus. An den Türschwellen gab sie ihnen Fußtritte.
Der "Hexenmeister von Büdelsdorf", Christian Piel (1950 verurteilt), erkannte an der Beschaffenheit von Bettfedern (ob sie gekräuselt, gewellt oder zu Kränzchen geformt waren) die Anwesenheit von Hexen. Mit seinem übelriechenden Spezialmittel "Sator" trieb er sie aus. Sein Honorar nach einer Behandlung betrug bis zu 250 Mark.
Der 1950 vom Landgericht in Flensburg wegen Vergehens gegen das Heilpraktikergesetz zu neun Monaten Gefängnis verurteilte Lübecker Werftarbeiter Johannes Löffler schlug einem Hahn den Kopf ab. Mit dem blutenden Tierkörper zog er, Gebete murmelnd, Bannkreise um den Behexten. Lächelnd gestand er vor Gericht: "Ich glaube selbst ja gar nicht an den Hokuspokus."
Ihre "Weisheit" schöpfen die Hexenbanner aus magisch - okkultistischen Büchern, die zu einem großen Teil heute neu aufgelegt sind. Als "Gegenbuch" gegen das "Schwarze Buch" der Hexen (das auf schwarzes Papier gedruckt sein soll, aber noch von niemand gesehen wurde) gelten das "Sechste und siebente Buch Moses, das Geheimnis aller Geheimnisse mit uralten Rezepten gegen Gebrechen bei Mensch und Tier" (1949 neu herausgegeben von einem ungenannten Verlag in Braunschweig, vertrieben durch den Einhorn-Buchversand, Braunschweig, Postfach Nr. 448, Preis 8,50 Deutsche Mark).
Wie Kruse nachweisen kann, geht diese "Bibel der Abergläubischen" in direkter Abkunft auf den "Hexenhammer" der beiden Dominikaner - Professoren Sprenger und Institoris (15. Jahrhundert) zurück. Kruse: "Das wirksamste Gegenmittel gegen Hexenwerk war damals der Scheiterhaufen, heute wird eine Hexe - fortschrittsgemäß - seelisch gefoltert."
Ein Teil dieser sogenannten "Sympathiebücher" tummelt sich im Dschungel einer zweideutigen Sittlichkeit. (Kruse: "Hier wäre ein Schund- und Schmutzgesetz am ehesten angebracht.") In diesen Büchern werden u. a. Frauen Ratschläge erteilt:
* wie man Kinder kriegt,
* wie man die Liebesbereitschaft eines Mannes erhöht,
* wie man einen Mann in sich verliebt machen kann,
* wie ein ungetreuer Gatte wiedergewonnen werden kann (indem man die Rocktasche des Mannes mit Blut von einem jungen Mädchen benetzt; manche "Wundermänner" geben zu diesem Zweck der ratsuchenden Frau gleich eine Rasierklinge mit. Dies ist aber der harmloseste Rat.).
Schuld daran, daß diese "Geheimreligion" so üppig wuchern und ins Kraut schießen kann, sind nach Kruses Ansicht:
* Der Staat, der bisher noch kein Gesetz geschaffen hat, das angebliche "Hexen" vor der Fama schützt, so daß die Richter keine echte Handhabe zu Verurteilungen haben.
* Die Schule, die den Kindern in Märchen und Sagen grausame Hexengeschichten vorsetzt. Auch "Hänsel und Gretel" fällt nach Kruses Ansicht darunter. ("Hier haben wir sogar einen Fall von Kannibalismus.")
* Die Volkskunde, die den Hexenglauben als alten, ehrenwerten Volksglauben hinstellt, ohne gleichzeitig auf die dadurch entstehenden Gefahren hinzuweisen
("Grusel- und Spukgeschichten, durch welche die Kinder geängstigt werden, müssen ausgemerzt werden").
* Die Wissenschaft, die ihre Errungenschaften endlich einmal in populärer Form vorbringen sollte.
Für den Fall des Bauern Hannes Bading, seine kranken Pferde und die blauen Giftwolken im Schlafzimmer hat sich der Posthalter und Schmied Michels aus Barum, der von Bading mit der Schaufel geschlagen worden war, inzwischen eine plausible Erklärung zurechtgelegt: "Bading hat alle Fugen und Ritzen im Stall luftdicht verstopft, damit das Gift nicht herein kann. Da muß ja ein Gaul ersticken. Außerdem steigen die eingeschlossenen Gärstoffe aus dem Stallmist durch die Decke nach oben."

DER SPIEGEL 14/1951
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