14.02.1951

SCHLESWIG-HOLSTEINDas geht gegen Sie

Schleswig-Holsteins reitender Ministerpräsident Walter Bartram hatte Pech beim letzten Turnier. Als er in der Hamburger Ernst-Merck-Halle repräsentativ für Schleswig-Holstein startete, ging er auf Stute "Original Holsatia" im scharfen Tempo über die Hürden, konnte sich aber nicht placieren. "Holsatia" verweigerte ein Hindernis und streifte zwei weitere ab.
Weniger forsch wäre Walter Bartram vielleicht besser zum Ziel gelangt. Das sagen seine CDU-Parteifreunde auch von Bartrams innenpolitischem Hürdenspringen, dem ein baldiges Ende bevorsteht, wenn sich Schleswig - Holsteins Christenführer, 2. Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion Carl Schröter, durchsetzt.
Schröter, partei-intern der "Landesfürst" genannt, war schon im vergangenen Juli gegen Bartrams Nominierung für den Präsidentenstuhl, als die Spitzen des bürgerlichen Wahlblocks (CDU, FDP, DP) mit Waldemar Krafts listigen BHE-Vertretern im Honoratioren-Hotel "Kieler Kaufmann" über eine Regierungsehe verhandelten.
Da hatte BHE-Chef Waldemar Kraft u. a. die Alternativforderung gestellt: wenn wir gemeinsam in die Regierung steigen, dann aber unter keinem stark profilierten Berufspolitiker als Regierungschef. CDU-Doppeldoktor Paul Pagel, heute Innenminister in Kiel, war ihm noch zu kräftig profiliert. Zu Dr. Walter Bartram, dem CDU-Kreisvorsitzenden und Kraftfutterfabrikanten in Neumünster, dagegen sagte Waldemar Kraft: "Ja".
Bartram war landespolitisch bis dahin nie in Erscheinung getreten, parlamentarisch unvorbelastet, wirtschaftlich unabhängig und im übrigen eine gute Figur auf Reitturnieren als international anerkannter Klassereiter mit weißem Schal und Filmstar-Lächeln.
CDU-Landesfürst Carl Schröter imponierten diese Qualitäten nicht. Er vermißte bei Bartram die Routine und Wendigkeit, mit der er selber ausgefuchste Oppositionelle hineinlegt. Das kann Bartram
nicht. Routinier Schröter warnte weiter, als er nach der unentschiedenen "Kieler-Kaufmann"-Sitzung wieder auf Reisen ging, mit einem Protesttelegramm von unterwegs. Vergebens: Klassereiter Bartram machte das Rennen.
Seitdem zog Carl Schröter mokant die Unterlippe hoch, wenn er wegen der Mißgriffe des schleswig - holsteinischen Ministerpräsidenten gefragt wurde, wann mit dem Rücktritt seines CDU-Parteifreundes Dr. Bartram zu rechnen sei: "Herr Bartram ist ein noch sehr junger Politiker. Na ja, man muß ihm noch etwas Anlaufzeit zubilligen." Jetzt sagt Schröter ganz offen: Bartram muß weg.
Ministerpräsident Bartram war mehrfach ungeschickt angelaufen, obwohl verhinderter Regierungs-Chef Innenminister Pagel assistierte. Bei Stegreif - Reden im Landtag gab es erste Pannen. Aber auf dem 4. CDU-Landesparteitag im vergangenen Dezember legte er um so lauter los, fast zu laut für die benachbarten Dänen. Bartram rieb ihnen ihre millionenschwere Kulturoffensive so undiplomatisch unter die Nase, daß Dänemarks Außenminister Ole Björn Kraft verschnupfte. Die Deutschen in Nord-Schleswig müssen es fühlen.
Auch bei US-Hochkommissar McCloy eckte Dr. Bartram mit einer intuitiven, unprogrammäßigen Rede an. Als John McCloy in Kiel vor den Studenten sprach, muckten nicht nur Studenten-Hitzköpfe wegen Landsberg und Helgoland auf, auch Ministerpräsident Bartram schlug allzu kräftig auf denselben Keil. Wegen der Späne meldete er sich dann 14 Tage später, sanftem Drängen folgend, bei McCloy zum inoffiziellen Entschuldigungsbesuch.
Die Wünsche seiner Parteifreunde erfüllte Bartram nur zögernd und unvollständig. Dagegen löste er sein in der Regierungserklärung gegebenes Versprechen prompt ein: die notwendigen drastischen Einsparungen bei den Ministergehältern zu beginnen. Das wurde ihm von einigen Kabinettsmitgliedern aber längst nicht so hoch angerechnet wie von den Wählern, denen er es versprochen hatte.
Diese Mißstimmung benutzte Routinier Carl Schröter für seine persönliche Intervention. Seit Januar 1946 hält der 14-sprachige Studienrat a. D. die Spitze der schleswig-holsteinischen Christen. Vier Landesparteitage wählten ihn alljährlich wieder zum Landesfürsten.
Bis zur Wahl zum stellvertretenden Fraktionsführer in Bonn lief Schröters Nachkriegskarriere wie auf Kugellagern. Dann aber schmorten die Achsen fest. Zum erhofften Delegationsführerstart beim Europa-Rat in Straßburg rollten sie nicht mehr an. Vorher hatten sie schon mal blockiert: als Kanzler Adenauer auf Suche nach einem außenpolitischen Berater seinen engeren Parteifreund Herbert Blankenhorn dem Kieler Linguisten Schröter vorzog. Schließlich blieb nicht einmal ein konsularischer Auftrag für ihn übrig.
"Nun versucht Schröter einen neuen Start in Schleswig-Holstein", schmunzelt man im Kieler FDP-Hauptquartier. "Wenn man nicht Zweiter in Rom werden kann, muß man eben Erster in Gallien werden." So auffallend aktiv Schröter sich jetzt in die Landespolitik einmischt, so auffallend zurückhaltend war er noch vor einem halben Jahr.
Es war damals recht still um den klugen Debattenredner geworden, nachdem ihm die sozialdemokratischen Mitglieder eines parlamentarischen Untersuchungs-Ausschusses in Kiel bescheinigt hatten, "die Gesetze des politischen Anstandes und der politischen Sauberkeit ernstlich verletzt" zu haben. Carl Schröter habe als Lizenzträger der CDU-Zeitung "Kieler Nachrichten" mit Hilfe seiner politischen Stellung versucht, den ehemaligen NS-belasteten Verleger Dr. Heinrich um seinen Gesellschaftsanteil zu prellen.
Diese SPD-Bombe detonierte wohlüberlegt gerade vor der Landtagswahl im Juli. Ihre Splitter setzten Schröter noch wochenlang matt. So kam die Verlegenheits-Ministerpräsidentschaft Bartram zustande. Heute ist die "Kieler Nachrichten"-Affäre begraben. Durch außergerichtlichen Vergleich sollen die strittigen Besitzverhältnisse der Zeitung geklärt werden.
Seitdem läßt sich Schröter wieder häufiger von seiner Tochter und Chauffeuse nach Kiel fahren, "um meine Hand wieder ordnend in die Landespolitik eingreifen zu lassen". Er glaubt jetzt den Weg zu hohen und höchsten Aemtern in seinem Heimatland frei. Eine Regierungsumbildung sei unbedingt notwendig, zumal sowohl Ministerpräsident Bartram wie andere Kabinettsmitglieder in Bonn "nicht immer sehr gut aufgefallen sind" (Schröter).
Bei diesen Bemühungen war sich Schröters ordnende Hand nicht zu fein, bei der SPD-Prominenz vorzufühlen, ob sie an einer großen Koalitionsbildung interessiert sei. Vor der Landtagswahl im Juli 1950 war alter Stresemann-Demokrat Schröter noch stärkster Feind einer großen Koalition. Damals suchte er einen möglichst weiten Ruck nach rechts. Der Wahlblock CDU/FDP-DP müsse zum Grundstein eines homogenen rechten Bürgerblocks werden.
Vor einigen Wochen grub derselbe Schröter einen Verhandlungsstollen zur SPD-Opposition, an deren Spitze Bartrams Vorgänger Ministerpräsident a. D. Bruno Diekmann steht. Ob er denn Diekmann zurückholen und seinen eigenen Parteigänger Bartram aus dem Sattel stoßen wolle, fragten Schröters Mitchristen. Darauf Schröter: "Besprochen wurde nur, daß Diekmann die Möglichkeit für den Eventualfall nicht verschütten will."
Diese Besprechungen gingen so vor sich: In den ersten Januartagen traf sich im exklusiven Klub des "Kieler Kaufmann" Schleswig-Holsteins politische Prominenz zum Souper: Ministerpräsident Dr. Bartram (CDU), Innenminister Dr. Dr. Pagel (CDU), die CDU - Vorstandsmitglieder Schröter und Koch, Landwirtschaftsminister Wittenburg (DP), Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident Kraft (BHE). Die SPD war durch Ministerpräsident a. D. Diekmann und Finanzminister a. D. Professor Gülich vertreten. Die wahlblock-verbündete FDP war nicht eingeladen.
Bald nach dem Essen, als sich Zigarrenrauch über den Köpfen der Landespolitiker kringelte, zog sich Nichtraucher CDU-Schröter mit SPD-Diekmann zum internen Gespräch zurück.
Da nahm DP-Wittenburg seinen Präsidenten Bartram am Arm: "Das geht gegen Sie!" Bartram verließ zuerst den "Kieler Kaufmann", DP-Wittenburg und BHE-Kraft folgten bald; blieben nur noch die Spitzen der CDU und SPD.
Aus dieser Fronde kann aber ohne weitere Vasallen kaum eine neue Regierungskoalition erwachsen. Denn die Mehrheit von CDU-SPD (zusammen 35 Mandate) gegenüber den übrigen Fraktionen im Landtag (34 Sitze) steht auf einer Stimme, abgesehen davon, daß Schröter nicht ohne weiteres alle 16 CDU-Landtagsabgeordneten auf seiner Seite hat.
Um den amtierenden Ministerpräsidenten durch Schröter oder Diekmann zu ersetzen, müßten bei einer so schwachen Koalition alle CDU-Abgeordneten dafür stimmen. Das erwartet selbst Schröter nicht mehr. Deshalb sollen möglichst auch noch Waldemar Krafts 15 BHE-Landtagsabgeordnete für die neue Schröter-Konzeption gewonnen werden. Das unruhige Flüchtlingselement, gefährlich in der Opposition, würde damit wieder mit in die Verantwortung gedrängt und neutralisiert.
Im eigenen CDU-Lager stieß Schröters taktischer Ruck nach links auf heftigen Widerstand, besonders im Lauenburger Land. Dort trommelte jetzt CDU-Kreisvorsitzender Gustav Drews gemeinsam
mit dem FDP-Landtagsabgeordneten Rechtsanwalt Dr. Friedrich Rohloff, DP-Funktionär Hans Dreher aus Stormarn und fünf weiteren Rechtsparteilern die Gründung der "Deutschen Sammlungsbewegung" aus.
Aus der losen Ehe CDU/FDP/DP will Drews eine neue Partei rechts-sammlerischen Charakters bilden. Das war einmal Schröters Konzeption.

DER SPIEGEL 7/1951
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