14.02.1951

„SIE HABEN ETWAS GUTZUMACHEN“

Ein Tatsachenbericht vom Einsatz der Strafsoldaten
Die letzte Fortsetzung schloß: Aber das dicke Ende kommt: Die Stammannschaften haben davon läuten gehört, die neuen WU-Soldaten haben Wortfetzen davon aufgeschnappt und sagen es den scheu gemiedenen, struppigen Neuankömmlingen vom ersten Ostfronteinsatz der Division 999 weiter: Die 400 werden zur Sühne abgeurteilt werden.
2. Fortsetzung.
Abwehroffiziere beginnen sofort mit den Vernehmungen, aber es wäre vielleicht nützlicher gewesen, die Kollegen von der Geheimen Staatspolizei dafür einzusetzen; die langjährig politisch Vorbestraften lassen sich nicht so leicht erschüttern, und die 1C-Offiziere sind Barmherzige Brüder im Vergleich zu den SS-Kriminalisten der Prinz-Albrecht-Straße oder des Alex. So ist die Parole: "Keiner von uns hat das Ueberlaufen organisiert oder gebilligt, keiner von uns wußte etwas davon" bald unter den Todeskeller-Leuten und den anderen Entwaffneten durch, und es ergeben sich keine neuen Anhaltspunkte, um die entwaffneten Strafsoldaten vor eine greifbare und spezifizierte Anklage zu stellen.
50 Verhöre erbringen bestenfalls die Schuld des Divisionärs, in dessen Bereich die Heuberg-Soldaten zu stark feind-exponiert eingesetzt wurden. Ein Fernschreiben vom OKH stoppt die Schreibmaschinen der Gerichtsoffiziere, und die 1C-Leute fahren wieder von Baumholder ab.
Am nächsten Morgen: Antreten zum Befehlsempfang:
"Die Rädelsführer sind bereits an der Front abgeurteilt worden. Dies waren nur informatorische Vernehmungen."
Und nun erklingt es endlich wieder, das schon zur lieben Gewohnheit gewordene Wort:
"Im übrigen habt Ihr ohnehin allesamt noch etwas gutzumachen. Stillgestanden, weggetreten!"
Erwin Bartz bekommt sogar Urlaub nach Berlin. Denn auch Bewährungssoldaten haben nach Dienstvorschrift, auf dem Papier jedenfalls, Aussicht, wenn auch nicht Anspruch, auf Urlaub. Vierzehn Tage hockt er im Luftschutzkeller, in Kneipen oder Kinos, sucht die alten Gesinnungsgenossen und schnappt auch die theoretische Salonlosung der Berliner Widerständler auf: "Ein Antifaschist hört nicht auf die Lockrufe der Genossen von drüben am Frontlautsprecher, sondern er bleibt in seiner Truppe, klärt auf und bildet militärische Betriebszellen. Ueberlaufen gefährdet nur das Gros der politischen Strafsoldaten. Die Kriminellen gehen immer frei dabei aus."
Mit den "Betriebszellen" freilich geht das nicht so, wie es Berlins zivile Widerstands-Helden in Hinterstuben und Caféhäusern halblaut diskutieren. Man wächst einfach mit der ganzen Truppe in der Todesgefahr zusammen, und wenn nicht immer Ersatz für die Gefallenen und Verwundeten vom Heuberg und neuerdings von Baumholder in solche Truppe nachkäme, so würde sogar der verbesserliche Teil der Kriminellen davon mitgerissen und von der inneren Sicherheit der Religiösen oder Politischen ergriffen und in eine andere Bahn geleitet werden.
Wenn freilich Hans Tepe von der Friedrichsgracht in Alt-Berlin in der Baracke des Lagers von Baumholder das Wort ergreift, so personifiziert sich in ihm die Kraft, die auf der anderen Seite wirkt, am anderen Ende des Strickes zieht und, wenn sie es geschickt macht, den ganzen Zug auf ihre Seite bringt. Hans Tepe war schon in Griechenland eingesetzt und wartet wie die anderen auf neuen Einsatz. Er hat sich drüben einen Namen gemacht, indem er in den Bordellen bei den Dirnen gegen Kommißbrote die Namen und Adressen derjenigen ihrer zivilen Kunden in Erfahrung brachte und weitermeldete, welche Partisanen kannten, beherbergten oder selber dazu gehörten.
Hans Tepe ist also des Führers Soldat in der deutschen Wehrmacht. Aeußerlich als WU-Mann nicht mehr zu erkennen, da er ja längst ausgebildet ist und sogar Fronteinsatz hat. Nach seiner eigenen Schilderung kann er niemals ein natürliches Glied der sogenannten menschlichen Gesellschaft werden. Die Gerichtspsychiater in zahlreichen Verhandlungen gegen den erst 33jährigen All-round-Gewohnheitsverbrecher haben ihn zwar noch immer für seine Taten voll verantwortlich erklärt, zugleich aber haben Sachverständige für Gehirnforschung übereinstimmend erklärt, die Hemmungslosigkeit der Tepeschen Untermenschentriebe hänge mit mangelhaft ausgebildeten "Ganglien-Knoten" zusammen.
Festungsinfanterist Tepe nennt das Ding während seiner belehrenden Vorträge vor Kameraden der Baumholder-Baracke "Kangling-Knoten".
Und dies ist nun ein Prototyp der kriminellen 999er, nicht der durchschnittliche Typus. Denn manch einer, der vor einem Jahrzehnt einmal eine Urkundenfälschung, vielleicht in der Not, begangen hatte, ohne sich als junger Mensch über deren Folgen klar
zu sein, war längst wieder ins bürgerliche Leben zurückgekehrt und durch Charakter und Beruf zum ganz normalen Bürger geworden. Jetzt plötzlich war er wieder mit Verbrechern zusammen und versuchte sich wenigstens an die "Gesinnungsverbrecher" anzuschließen, die keine Verbrecher waren, sondern eben nur Gegner der augenblicklichen Regierungsform.
Anders Hans Tepe, der Mann ohne Kangling-Knoten. Wenn er von einem abgerundeten Erlebnis fünfzehnjähriger Verbrecherlaufbahn erzählte, flammten die gewissen Instinkte bei den geprügelten WU-Soldaten auf, man machte sich einen Jux daraus, die Gräßlichkeiten anzuhören, und die verdrängten sexuellen Komplexe der wie Gefangene Gehaltenen erlösten sich auf die trübseligste theoretische Weise.
Tepe war immer wohlgenährt. In jeder Einheit der 999er war er der Organisator, verstand auch Marschbefehle über Ländergrenzen hinweg zu erlangen und die Einheitsführer durch diskret ausgeführte Aufträge zu immer größerem Entgegenkommen zu bewegen. Er war schlechtweg "der Mann mit dem Sack", dessen Inhalt dann zu einem gewissen und nicht immer dem kleinsten Teile an ihn selber fiel und in Feldpostpaketen, meist aber in Kuriersäcken, an eine bestimmte, von einer getreuen alten Liebe verwaltete eigene Sammelstelle ging.
"Im übrigen", versicherte Tepe offen, "kann ich ja nichts dafür, ich bin nun mal eben so, und wenn mich der Adolf zum Soldaten gemacht hat, dann ist das seine Sache."
Für sein erstes Verbrechen, Beteiligung an einem Einbruch in ein Berliner Radiogeschäft, gab es ein Jahr Gefängnis, die zweite Sache ging unentdeckt aus, die dritte war der Geldschrank im Grunewald: "Da haben wir extra einen Lastwagen gemietet, vier schwere Bohlen vom Wagen zum ersten Stock hinauf an die Hauswand gestellt und den Geldschrank an zwei Stricken runtergelassen."
Einer verpfiff das Ganze. Der hatte zu wenig abbekommen. Hans Tepe kam zum erstenmal ins Zuchthaus. "Chinesen-Willy" in Hamburg, der mit Hilfe von geschälten gekochten Eiern Gummistempel abnahm und auf Pässe eigener Fabrikation praktizierte, besorgte Tepe einen neuen Namen.
Das nächste Verbrechen machte ihn in der Zunft berühmt, es war seine Aufnahmeprüfung für den Charlottenburger Ringverein: Einstieg ins Schlafzimmer, Brieftaschen- und Wertsachenraub, unbemerkter Ausstieg, Festnahme, Vernehmung, den Tisch umgestürzt und den Polizisten mitsamt Pistole zu Boden geschleudert, Sprung durch die Scheibe, Abhangeln an der Dachrinne des hervorspringenden Daches im Polizeirevier am Bahnhof Friedrichstraße, Sprung in den Gemüsekarren, Untertauchen in der Menschenmenge und dreitägiges Versteck in einer mit Aepfeln beladenen Zille auf der Spree.
Auf dem nassen Kahn holte sich der Ringverein-Debütant eine Lungenentzündung und kurierte sie anschließend bei einer alternden Dirne aus. "Alle zwei Tage kam der Ganovenarzt Wolf und sah nach mir. Vom nächsten gedrehten Ding habe ich dann einen Teil der Sore an die Alte abgegeben", schlossen solche Berichte des Soldaten Tepe.
Der Wohltäter Wolf bekam nichts von der Beute. "Der wollte gar nichts", erklärte Tepe, "er war aus irgendeinem Grunde ein Feind der bürgerlichen Gesellschaft geworden und wischte ihr auf diese Weise eins aus. Tagsüber hatte er eine gutgehende Praxis in einer stinkfeinen Gegend."
Unmöglich, Wesen und Erscheinung einer Einheit der Division 999 zu verstehen, ohne einen Tepe dabei aufs Korn zu nehmen. "Mit 19 Jahren stand ich das erste Mal vor Gericht", verkündete er in der Baracke von Baumholder, "mein Vater war oller Frontkämpfer aus dem Weltkrieg und hielt sehr viel vom Kriegerverein. Mein älterer Bruder ist ein todanständiger Mensch, Berufssoldat.
"Der hat mich im KZ besucht. Ich mußte mich extra rasieren und waschen und eine bessere blau-weiße Kluft anziehen. Dann wurde ich meinem Bruder vorgeführt. Der war Feldwebel, drückte mir die Hand und sagte mir, er hätte gehört, KZ-ler bekämen eine Bewährungschance in der Wehrmacht. Ich hatte aber damals schon das Zeichen "BV"*) am Rock, das war jetzt natürlich ''ne Ueberraschung für uns, denn wir dachten ja nie mehr rauszukommen. Als Soldat kann man doch allerhand Dinger drehen."
Die Auffrischung in Baumholder währte nicht lange. Ein fremder Stabsoffizier trat vor die angetretene Kompanie:
"Die bedauerlichen Ereignisse an der Ostfront, denen zufolge Sie entwaffnet wurden, sind auf einen Irrtum fremder Dienststellen zurückzuführen.
"Nachdem die Untersuchung erwiesen hat, daß Sie keine Verbindung zum Feind unterhalten haben, wurde dem Führer Bericht erstattet, und der Führer hat befohlen, daß Sie wieder würdig sind, Waffen zu tragen. Ab sofort wird das XXI. Festungs-Infanterie-Bataillon aufgestellt, dem Sie angehören werden, und in kürzester Zeit kommen Sie zum Einsatz, zur Partisanenbekämpfung.
"Mit aller Deutlichkeit möchte ich sagen: Sollte es wider Erwarten zu irgendwelchen Ueberläufen kommen, so werden wir vor den härtesten Strafen nicht zurückschrecken. Die Wehrmachtsführung wird mit allen Mitteln die Auslieferung der Ueberläufer erzwingen und nicht davor zurückschrecken, auch die restlichen Feinde des deutschen Volkes in diesen Einheiten zu vernichten sowie härteste Maßnahmen gegen die Angehörigen durchzuführen."
Erwin Bartz hat kein Wort vergessen.
Am 30. Juni 1944 verläßt das XXI. Festungsbataillon der Division 999 den Ersatzhaufen Baumholder zum Einsatz in Griechenland. Nach einer Woche nimmt die Kaserne am Stadtrand von Athen die WU-Soldaten auf. An den Wänden, Zäunen und an den orientalisch-pittoresk anmutenden Reklamesäulen hängt, von der Sonne gebleicht, ein weißes Plakat mit roter Schrift:
* "Bekanntmachung
Am Morgen des 27. dieses Monats wurde der Staatssekretär im Arbeitsministerium
vor seinem Hause von mehreren noch unbekannten Personen durch Revolverschüsse getötet. Die bisherigen Feststellungen haben einwandfrei ergeben, daß die Verbrecher aus den Reihen der Kommunisten und ihrer Hintermänner stammen. Diese feige Mordtat gegen ein Mitglied der griechischen Regierung sollte das ganze griechische Volk treffen. Sie zeigt erneut, was Griechenland unter einer Kommunistenherrschaft zu erwarten hätte.
Als Sühnemaßnahme für diese verbrecherische Tat habe ich heute morgen 50 Kommunisten erschießen lassen.
Athen, den 29. Januar 1944
Der Militärbefehlshaber Griechenland."
In deutscher und griechischer Sprache nebeneinander.
Also wieder politische Gegner Hitlers gegen Kommunisten?
Das OKW hat die 999er aus dem roten Regen von Berislaw in die gleichfarbige Traufe geschickt.
In wasserdichter Tropenuniform. Die Einsatzuniform der 999er ist schon von der ersten Welle her, die vom Heuberg 1942 nach Afrika ging, meistens die Tropenuniform.
Die Tropenuniform! Kein Afrika- und Balkan-Soldat mit und ohne Wehrwürde wird sie jemals vergessen, diese textile Mißgeburt der Mottenmajore im OKH. Bereits ihre Verwendung entsprach einer disziplinarischen Bestrafung:
Der Tropenhelm eignete sich in seiner breitausladenden Eleganz hervorragend für Liebhaber in Expeditions-Spielfilmen. Die Landser warfen ihn als lächerlichen Blickfang für den Feind grundsätzlich weg.
Die Schildmütze fand mehr Gnade, sie hatte aber keinen Nackenschutz; die Moskitos zerstachen die Hälse.
Die olivfarbene Feldbluse war eng auf Taille gearbeitet, ein Patent-Konservator für Sonnenglut. Die Alliierten aber kamen mit Ueberfalljacken, luftig und isolierend und mit Halstüchern.
Die Reithosen waren der Gipfel der Weltfremdheit im afrikanischen Sand und im Dodekanes.
Die Bärenstiefel aus Segelleinwand und Leder, sportlich elegant, waren wasserdicht, ansonsten Marterwerkzeuge in der Sonnenhitze.
Die lange Hose endlich war eine Röhre für klimatische Verhältnisse eines preußischen Kasernenhofes. Da sie unten offen war, sprangen die Flöhe lustig an die Knöchel und zerbissen je nach Appetit auch den ganzen Unterschenkel. (Die Luftwaffe trug in den Tropen zwar die gleichen lächerlichen Paraderöckchen in Gelb, hatte aber wenigstens die Ueberfallhosen, die unten geschlossen und außerdem breit und luftig waren.)
Seit Badoglios Reformen in den zwanziger Jahren waren zwar ständig Bilder von den tropentüchtig eingekleideten Eingeborenen-Einheiten des italienischen Heeres durch die Bilderpresse gegangen: Ueberfallhosen, Nackenschutz, leichte Capes, Wüstenschuhzeug für modernes Heer waren jedem Zeitungsleser bekannt, dem OKH offensichtlich weniger.
Die viel zu kleine Feldflasche und das altpreußische Seitengewehr, mit dem man keinen Zeltpflock schnitzen konnte, komplettierten den Unsinn.
Aus der einstigen Rommelschen Spritztour war jetzt das quälende, endlich tödliche Abenteuer geworden, das mit der Besetzung der Aegäischen Inseln unter Hinopferung der Strafsoldaten in den von Hungertyphus und Malaria verseuchten Gebieten jahrelang fortgesetzt wurde.
Auch die kniefreie Hose barg in diesen Breitengraden nur eine tückische Illusion. Moskitostich - der Soldat kratzte sich, ritzte die Haut, Flugsand, Staub und Schweiß hielten die Wunde offen, erhöhten den Juckreiz, der Soldat kratzte sich von neuem, infizierte mit den unsauberen Fingernägeln die immer größer werdende Wunde. Kratz- und Sandekzeme zogen sich in die Schenkelbeugen und Kniekehlen. Die verschwitzte Gürtellinie vereiterte, die Hälse trieben Furunkel, und Marschall Rommels oft üble Laune in Tunesien rührte nicht nur von den ihm verhaßten Offizieren der italienischen Miliz und von der geringen Endchance seines Einsatzes her, sondern oftmals von der Moskitoplage und von seinem vereiterten Hals.
Den Marschallstab ersetzte die Fliegenklatsche, und der warnende Ruf: "Wo isch mei Muckepatsch?!" ließ die Ordonnanzen spritzen, um das Insektenmord- und Zornablenkungswerkzeug des geplagten Marschalls zu beschaffen.
Auch ehemaliger Pharmaziestudent Paul Knoll, Strafsoldat wegen Rasseschande mit seiner jüdischen Verlobten, hinreichend bewiesen durch das Indiz eines gemeinsamen Ausflugs am Samstagnachmittag in den Stadtwald, kapituliert vor den Fliegen und beweist bei seiner Ankunft auf der Insel Rhodos im Dodekanes, daß er als Rasseschänder ein wahrhaft kriminelles Subjekt ist; denn er klaut sofort Chinin und Atebrin aus dem Revierzelt.
Dennoch ist Paul der erste, der auf der Nase liegt und im Fieber seine ganze gefährliche, der Gestapo unbekannt gebliebene Vorgeschichte dahererzählt. Aber es gerät da vieles durcheinander und läßt das Ganze als Fieber-Traum erscheinen. In Wirklichkeit verhielt es sich so mit ihm:
Die Gräfin Janderekowa in Darmstadt hatte einen Kreis junger hessischer und rheinischer Leute, "Individualisten aller Konfessionen und Stände", wie sie es nannte, zusammengebracht, einen Antiverein ohne Statuten oder schriftlichen Verkehr, einen Widerstands-Salon, schlecht getarnt und willkommener Fraß für den SD Da hatte Paul Knoll 1936, längst bevor die Gräfin vor der Gestapo nach England fliehen konnte, das Mädchen kennengelernt, sich verliebt und keine Zeit mehr für die Salonabende übrig gehabt.
Marion Goldschmidt war 22 Jahre alt, eine zierliche, dunkelhaarige, geschickte Person, die eines Tages 1939 zwei türkische Pässe beschaffte und mit Paul über die Grenze wechseln wollte. Als sie beide kurz danach festgenommen wurden, konnten sie die Pässe nicht rasch genug fortwerfen. Assessor Ewert am Landgericht in Frankfurt, heute noch fleißig in gehobener gleicher Funktion, besorgte ihm als Staatsanwalt die höchste übliche Strafe für Rasseschande: Nach achtzehn Monaten Untersuchungshaft kassierte Paul Knoll drei Jahre Zuchthaus, dann drei Jahre Strafdivision 999.
Marion kam nach Dachau und ging in Lublin in die Kalkgrube.
Zwei Monate vor Strafende wurde Paul Knoll von einem Heuberger Kommando im Zuchthaus Zweibrücken abgeholt.
Ausgebildet, wird er zum Einsatz nach Griechenland geschafft. Ueber Saloniki und Piräus, den Hafen von Athen, nach Rhodos, der "Insel der Seligen", wie die Strafsoldaten sie nannten, mit dem Galgenhumor von Leuten, deren Leben nicht viel gilt.
Paul Knoll weiß von der Schule her, daß die Insel eine fast 3000jährige Kultur hat, ferner: daß sie die größte in der Gruppe der südlichen Sporaden ist und daß die Alten sie einst die "Insel der Rosen" nannten.
Aber er kommt nicht dazu, seine Schulkenntnisse in umfassenderer Weise zur Geltung zu bringen. Er liegt ja, kaum ausgeladen, mit einer schweren Malaria auf der Nase.
Die wehrunwürdigen Priester, Privatgelehrten, Journalisten und anderen intellektuellen Defaitisten im Großdeutschen Reiche, die unvorschriftsmäßig pointierte Predigten oder Vorlesungen gehalten, abgedruckt oder mündlich weiterverbreitet hatten und die nun einen grotesken Gegensatz zu den Männern ohne Ganglien-Knoten bildeten, richteten sich innerlich zentimeterweise wieder auf, als sie die antiken Kulturdenkmäler, die malerischen Landstriche und die üppige Flora der Insel erlebten.
Strafsoldaten in Massierung schienen dem OKW nach dem Zusammenbruch der tunesischen Front dort am ungefährlichsten für den Widerstandsgeist des deutschen Volkes gegen eine Welt von Feinden, wo sie auf einsamen Inseln der Mittelmeerfront stationiert waren. Zweck: Sicherung, womöglich auch erste Abwehr etwaiger Landungsversuche der Alliierten.
Am 8. September fiel Badoglio seinem Bundesgenossen-Marschall Kesselring in den Rücken. Zahlenmäßig standen seine Chancen auf Rhodos dabei ausgezeichnet. Sein dortiges Offizierkorps entstammte bewährten Traditionsregimentern der Königlich-Italienischen Armee. Miliz hatte er soweit wie möglich ferngehalten.
Ueber 45 000 italienische Bajonette erhoben sich am 8. September 1943 auf der Insel Rhodos gegen Mussolini. Sie richteten sich gegen
* 6000 deutsche Soldaten,
* die Hälfte davon waren wehrunwürdig.
Nach drei Tagen streckte Badoglios Elite, eine ganze kriegsstarke königstreue Armee von 45 000 unersetzbaren Stützen für
Victor Emanuels wankenden Thron, vor den 6000 deutschen Soldaten erster und letzter Klasse die Waffen. Die 999er hatten nur 120 Gefallene, die Italiener 400.
Als die deutschen Truppen in Griechenland im September 1944 den Rückzug antraten, befahl das OKW, das Truppenkontingent auf der Insel Rhodos zu verringern. Die zu diesem Zeitpunkt auf 14 000 Mann angewachsenen Truppen wurden auf 8000 vermindert.
In dem zurückbleibenden Verband befanden sich die im Zuge der Räumung von den Inseln Scarpanto, Piscopie und Cos abgezogenen Strafsoldaten, die General Wagner unter schweren Angriffen der englischen Luftwaffe auf den letzten Transportkähnen nach Rhodos konzentriert hatte.
Ein Wahnsinnsbefehl ließ die Vorräte an Lebensmitteln und Ausrüstung vorsorglich in die Luft sprengen, um sie nicht dem Feinde in die Hand fallen zu lassen, und 40 000 Fässer Benzin wurden vernichtet.
In späteren OKW-Befehlen tauchte öfter die Insel Rhodos als "äußerster Stützpunkt Europas im Mittelmeer" auf. Zugleich wurde betont, daß jede Verbindung mit dem Festlande nunmehr unterbrochen sei. Strafsoldaten waren in dem Raum des immer enger umschlossenen Restdeutschland selbst sehr unangebracht und im Führerhauptquartier inzwischen militärisch abgestrichen.
Die politisch und kriminell Bestraften, Wehrunwürdigen, Unzuverlässigen, denen man nur auf Sonderbefehl Schulterklappen, Soldbuch und Waffen zu geben pflegte, aber haben ihrem obersten Befehlshaber eine Insel gegenüber siebenfacher Uebermacht erobert und zuverlässig gehalten.
Ab Dezember 1944 wurde der Speisezettel der Wächter des "äußersten Stützpunktes Europas" zusammengestrichen und das Koppel von Woche zu Woche enger geschnallt. Die Brotration sank von 600 Gramm im Oktober 1944 bis auf 350 Gramm im Januar 1945.
In der gleichen Zeit hatte General Wagner das "Soziale Hilfswerk auf der Insel Rhodos" ins Leben gerufen, das die Inselbevölkerung vor dem Hungertode erretten sollte.
Niemand außer dem Kommandant Ost-Aegäis, General Dr. h. c. Wagner, begriff, wozu die Hungerkur der Strafsoldatenbesatzung noch gut war. Die Insel hatte keinerlei militärischen Wert. Eine Landung hätte für die Alliierten einen unnötigen Verschleiß an Menschen, Waffen und Material bedeutet, außerdem völlig unnötige Bindung von Truppenkontingenten. Die Uebergabe, die der Feind, uninteressiert an Wagners Haufen, gar nicht gefordert hatte, hätte das natürliche Ende eines kampflosen Dahinsiechens bedeutet, ein Ende zugleich des Hungers.
Wenn er dem Vorwurf entgehen wollte, Kriegsmaterial den Händen des Feindes überlassen zu haben, hätte niemand den General daran gehindert, Waffen, Munition und Treibstoff in die Luft zu sprengen und erst danach seine nutzlosen Hungerbataillone in englische Gefangenschaft zu schicken.
Indes, dieser Wagner befahl den 999ern am 22. Januar 1945:
"Mit den schwersten Strafen werden Gehorsamsverweigerung und Disziplinlosigkeit bestraft.
Mit dem Tode wird bestraft:
* jedes Vergreifen an Lebensmitteln,
* jede Sabotage an Nahrungsmitteln,
* jeder Diebstahl von Obst und Gemüse von den Feldern und Gärten der Bevölkerung und aus den angelegten Kriegsgärten.
* Feldgendarmerie und Wachen haben Anweisung, auf jeden Dieb zu schießen."
Die Wachen gebrauchten ihre Waffen. Da die Insel unter Standrecht lag, wurden alle Felddiebe, Strafsoldaten wie Italiener und Eingeborene, an Ort und Stelle niedergeschossen.
Floh der Hungerdieb, und wurde man seiner habhaft, so wurde er vor das Kriegsgericht gestellt, aktenkundig zum Tode verurteilt und danach ebenfalls erschossen.
März und April 1945 wurden 1300 Todesurteile vollstreckt, an deutschen Soldaten, italienischen Kawis, Hiwis und Zivilisten, an Italienern, Griechen und Türken. Eine Apfelsine kostete das Leben.
Die Zahl der ohne Urteil erschossenen Deutschen, Italiener und Griechen stieg in den letzten Monaten bis zu 15 täglich an. Auch der Diebstahl eines Kohlkopfes oder eine unbedachte kritische Aeußerung kostet den Kopf.
Der Verpflegungsplan mit tödlichen Tagesrationen gilt für nur fünf Tage in der Woche. Für die zwei übrigen sind 999er-Einheiten "Selbstversorger". Das klingt nicht übel in der Befehlssprache, bedeutet aber das Einsammeln, Zermahlen und Zerkochen von grünen Blättern, genannt "Wildgemüse", und von Asphodelosgras.
Selbst von dem kümmerlichen Minimum an Zuteilungen verschwindet ein Teil, so daß viele WU-Soldaten noch weniger als das Zustehende bekommen und in den Hilfslazaretten zugrunde gehen. "Todesursache Feld-Nephrites" heißt dienstlich der Todesbefund. Wassersucht - Hungertod.
999er Mägen waren strapaziert; während selbst die hungernden Griechen Asphodelos als lebensgefährlich verschmähten, starben wöchentlich nur einige der Strafsoldaten, die allesamt das grüne Gift schluckten, an Vergiftungen. Todesursache: "Durch Genuß der Asphodeloswurzel."
Gegen Ende April 1945 ist das Brot, gebacken aus Eselfutter, Asphodeloswurzel und Häcksel, restlos verbraucht. Generalmajor Dr. h. c. Wagner aber hat Ende März ans OKH gefunkt:
"Unter Ausnutzung des Wildgemüses und der Asphodeloswurzeln ist die Versorgung bis Ende 1945 gesichert."
Von Januar bis Mai wurden allein amtlich 2000 Zivilisten registriert, die den Hungertod erlitten hatten. Wegen der Suche nach der lebensgefährlichen Nahrung auf den Feldern bedurfte es keiner standrechtlichen Erschießungen mehr. Die vor Hunger halb Irrsinnigen fanden vor Schwäche des Nachts nicht mehr nach Hause und starben in irgendeiner Ackerfurche oder im Rinnstein.
Ex-Pharmaziestudent Paul Knoll, der um diese Zeit im Sanitätspark fachgerechten Dienst versah, stahl wieder Medikamente und verschenkte sie an die Bevölkerung. Dafür durfte er sich nach der Kapitulation überall auf der Insel frei bewegen. "Paolo" war gut bekannt. Retten konnte aber auch er niemand.
Sein Chef, Stabsarzt Dr. Korsukewitz, konnte schon mehr ausrichten. Als ein Gefreiter der Stammannschaft vor Kameraden äußerte: "Wenn ich auf einen schießen soll, der Hunger hat und klaut, dann gucke ich weg!" wurde er vor das Kriegsgericht gestellt und wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Korsukewitz ging zum General und bekam den Mann frei. Er brauche ihn als Spezialisten. Und nahm ihn ins Sanitätslager.
Die Leben waren sonst billig. Auf einen mehr oder weniger kam es nicht an. Die unterernährten Körper der Sterbenden, denen Sanitäts-Hilfskraft Paul Knoll, zur Sanitätskompanie 1/999 kommandiert, mangels Fleischpolsters keine Spritzen mehr verabreichen konnte, waren auch nicht mehr imstande, die Nahrung zu verarbeiten. Statt Blut bildeten sie Wasser. Das stieg von den Füßen hoch bis in die Knie, beengte die Adern, schwoll höher und höher an, bis es das Herz zusammenpreßte.
Die Strafsoldaten in den überfüllten Lazaretten wurden auf ihre Weise kaltblütig: ihre Körpertemperaturen lagen zwischen 35 und 36 Grad. Dr. Korsukewitz zählte 40 bis 50 Pulsschläge, die Körper waren nurmehr Skelette.
Die "leichteren Fälle" der Wassersucht, die unter normalen Verhältnissen als schwerste Leiden registriert und zur sofortigen Krankenhausbehandlung bestimmt worden wären, hatten auf Rhodos keine Aussicht auf klinische Behandlung. Aberhunderte lagen in den Revieren der Kompanien und blieben zum Teil auch bis zum Absterben dort.
Bis April 1945 waren offiziell 600 am Hunger verstorbene Deutsche abgebucht, die wegen Widerstands erschossenen Wassersüchtigen nicht mitgerechnet.
Einzelne Einheiten der 999er im malariaverseuchten Süden der Insel hatten zur gleichen Zeit noch zehn Prozent dienstfähige Mannschaften, der Rest siechte dahin.
Die auf 1300 Kalorien abgesunkenen Rationen standen nur noch auf dem Papier. Die in immer stärkerem Maße verfütterten Kohlblätter, dazu Gras, Stroh und Asphodeloswurzel, gaben den von ihnen verlangten Nährgehalt keineswegs her. Jeder Nahrungsmittelchemiker oder Botaniker hätte den General darüber aufklären können, daß wildwachsende Pflanzen dieser Art bei weitem nicht den Nahrungswert gezüchteter Gemüse liefern.
Die Asphodeloswurzel gleicht einer Dahlienknolle und würgt. Die WU-Leute kochten sie acht Stunden lang bei mindest dreimaligem Wasserwechsel, um nur einigermaßen die Giftstoffe herauszutreiben. Es gab Knollen, die auch bei völligem Zerkochen genügend Gift zurückhielten, um Uebelkeit hervorzurufen.
General Wagner beim Appell im Stab:
"Wir werden die Notzeit überbrücken, denn wir haben ein zusätzliches Nahrungsmittel gefunden. Wir haben genügend Asphodelos.
"Damit werden wir Brot backen, damit lassen sich Gemüse-Speisen, Salat, Suppe, ja, selbst Kuchen und ein schöner Pudding herstellen."
Der General war empfindlich für Entgegnungen. In solcher Notzeit angebracht, kämen sie Sabotage und Obstruktionsakten völlig gleich. Man solle "der Truppe" nicht in den Rücken fallen.
Es klang einigermaßen verbindlich. Das war das Gefährliche an dem General. Ein Polterer wäre zuverlässiger gewesen. Bei Wagner schlug der Blitz meistens aus heiterem Himmel ein und vernichtete des Führers Feinde. Das waren alle, die anderer Meinung waren als General Wagner.
Die griechischen Eingeborenen aber verhungerten, ohne die giftige Wurzel angerührt zu haben. Sie schmeckte ihnen noch abscheulicher als der Tod.
Das fiel den Verpflegungsoffizieren auf.
Wagner: "Die Griechen essen die Asphodelos nicht, weil sie einen lächerlichen Aberglauben darüber haben. Noch von der Antike her!"
Der Aberglaube bestand aber lediglich in der Ueberzeugung, daß der Mensch nicht verzehren könne, was das Tier verabscheut. Auf Rhodos fraß kein Tier die Asphodeloswurzel.
General Wagner: "Das ist kein Beweis. Eine Kuh frißt ja schließlich auch keinen italienischen Salat."
Als die Erkrankungen unter den 999ern erschreckend zunahmen, befahl der General, den Prozentsatz an Asphodelos im Rhodosbrot herabzusetzen. Im April 1945 registrierte die Feldbäckerei in Rodi folgendes dienstliche Backrezept für Rhodosbrot:
50 % Haferschrot
30 % Roggenmehl (Type 1700)
10 % eingeweichten Feldzwieback
2 % zermahlenes Stroh
2 % Haferstreu
3 % Asphodelos
Salzersatz: Meerwasser.
Die Strafsoldaten bekamen außer diesem Brot eine Gemüsewassersuppe als Mittagskost.
Am 12. April befahl Wagner den Aerzten:
"Nachdem festgestellt wurde, daß der Genuß der Asphodeloswurzel für die menschliche Gesundheit nicht schädlich ist, erwarte ich, daß ab sofort die Zahl der Erkrankungen an Feldnierenleiden erheblich zurückgeht."
Weder Oberstabsarzt Korsukewitz, noch seine Aerzte, noch sein WU-Sanitätsmann Knoll hatten jemals in ihrem Leben eine Anweisung dieser Art an approbierte Aerzte kennengelernt. Auch "Feldnieren" waren ein medizinisches Novum.
Zur Stärkung der Disziplin hatte der General inzwischen neben einem Konzentrationslager für Griechen und Türken auch eines für WU-Soldaten eingerichtet.
Der Unterschied zu den Konzentrationslägern in Deutschland bestand darin, daß die Inhaftierten hier nicht vergast wurden, sondern ausnahmslos verhungerten. Für diese Toten wurden keine Gräber ausgehoben. Die Skelette wurden im Sand verscharrt und unmittelbar danach von wildernden, hungernden Hunden wieder ans Tageslicht gezogen und zerrissen.
Die Bitte des katholischen Kriegspfarrers, das Soldaten-KZ betreten zu dürfen, lehnte Wagner ab:
"Das ist kein Ort für Sie. Dort sind keine Menschen, dort sind Verbrecher."
In den Einheiten der 999er wurden Arreststrafen währenddessen durch Kürzung der Wochenration auf die Hälfte ersetzt.
Das half die Vorräte sparen. Als die Halbrationierten daraufhin die Ration für den folgenden Tag bereits am Abend verschlangen, kam der fünfzigste oder sechzigste "Freßbefehl":
"Jedermann hat abends beim Durchgang des UvD eine Scheibe Brot vorzuzeigen, sie auf den Tisch zu legen und nicht vor dem nächsten Rundgang des UvD nach dem Wecken zu verzehren."
Das Soldaten-KZ Rhodos stand unter dem Kommando des Hauptfeldwebels Willy Hallberg von der 1. Sturmgeschütz - Kompanie Rhodos. Laut Tagesbefehl vom 30. Januar 1945 wurde der Gefreite Karl Becker aus Dorum/Wesermünde zu dieser Einheit versetzt, setzte sich vom Ersatztruppenteil in Deutschland aus in Marsch und traf, angesichts der immer schwieriger werdenden Transportverhältnisse, erst am 6. März in Calitea auf Rhodos ein.
Der erste Eindruck des Gefreiten Becker, der die von General Wagner zum qualvollen Untergang bestimmten S trafsoldaten und italienischen Kawis bewachen sollte, war der groteske Gegensatz der luxuriösen byzantinisch-hellenischen Thermenbäder aus gleißendem Marmor zu dem Elendsquartier des Soldaten-KZ nebenan.
"Gleich nach dem Wecken am nächsten Morgen sah ich, wie zwei Wachtposten im hochgelegenen Hof des Konzentrationslagers mit Gummiknüppeln, die aus Autoreifen geschnitten waren, auf deutsche und italienische Soldaten-Häftlinge einschlugen. Dabei wirbelten die Knüppel regellos über Köpfe, Hände und Rücken, um die Entkräfteten von der Erde hochzujagen, damit Hallberg sie zur Arbeit einteilen konnte.
Wer sich aus eigener Kraft nicht mehr erheben konnte, wurde noch eine Weile fortgeprügelt und dann mit der Schußwaffe bedroht. Konnte er sich dann wenigstens in Kniestellung erheben, so mußten ihn zwei andere Häftlinge hochreißen und mit zur Arbeitsstelle schleppen. Das KZ war trotz der täglichen Todesfäll e immer voll belegt: Kriegsgerichtsrat Panter in Wagners Residenz Rodi sorgte für Nachschub. Später oder früher ging jeder Calitea-Gefangene den Weg hinter die Friedhofsmauer des Ortes, weil 100 Gramm Rhodosbrot und dreiviertel Liter Wassersuppe pro Tag bei härtester Arbeit und gröbster Mißhandlung zum Zusammenbruch führen mußten.
"Häftling Mondrischewski, der vor Entkräftung versuchte, auf allen vieren zur Arbeit zu kriechen, erzählte mir, daß gerade einige Strafsoldaten, die auch nur noch kriechen konnten, erschossen wurden. Das ging so vor sich:
"Wachtposten: ''Stehen Sie sofort auf!''
"Häftling: ''Es geht nicht mehr.''
"Wachtposten ''Das ist Befehlsverweigerung, ich erschieße Sie.''
"Die Maschinenpistole ratterte, der Fall war erledigt.
"Nach drei Tagen zog ich mit vier anderen Panzerleuten auf KZ-Wache. Die Wache begann damals um 19 Uhr. Gegen 1 Uhr nachts - ich hatte gerade Freiwache - wurden wir plötzlich von Hauptfeldwebel Hallberg alarmiert. Hallberg erschien völlig betrunken und befahl:
''Alle Häftlinge auf dem Hof antreten!''
"Die Posten stürzten in die Unterkünfte, dort ging ein Schreien und Jammern, Schlagen und Schießen los. Plötzlich stand Hallberg neben mir:
''Los, Mensch, setzen Sie sich durch. Sie kennen das noch nicht. Treiben Sie die Halunken hinaus, ohne Rücksicht auf Verluste.''
"Ich rannte in die Unterkunft der Strafsoldaten. Sie lagen auf der bloßen Erde, dicht aneinandergepreßt, um sich gegenseitig zu wärmen. Nur wenige hatten etwas Sägemehl oder mit Blut befleckte Kleidungsstücke von erschossenen oder auf sonstige Weise umgekommenen Opfern unter sich liegen. Eine entsetzliche Atmosphäre von Schweiß und Blut und krankhaften Ausdünstungen füllte die Baracke.
"Ich redete barsch und streng auf die Leute ein, die sich ächzend hochrappelten. Einige kranke italienische Kawi-Häftlinge, die dazwischen lagen, fingen an zu weinen und rangen die Hände: Mamma mia, sono malato!
"Dazwischen Prügel und Flüche der KZ-Posten, die den Mißhandelten die Mündungen der Maschinenpistolen auf die Brust hielten. Ich ließ die Kranken hinausschleppen. Als dann endlich alle draußen standen oder aufrechtgehalten wurden, ging Hallberg die Front der Skelette ab, schrie ihnen weiter seine Drohungen entgegen und versprach, jeden einzelnen bei der nächsten Befehlsverweigerung zu erschießen.
"Da das Abzählen von den Ohnmächtigen nicht mitgemacht wurde, zählte der betrunkene Hallberg die Opfer selber unter neuen Todesdrohungen durch. Dann ließ er den schwankenden Haufen stehen und marschierte in eine andere Unterkunft im Hauptgebäude links vom Eingang.
"Hier standen je zwei Doppelbetten übereinander. Rechts oben lag der Uhrmacher Hans Tischler, Strafsoldat, der in Rhodos zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Er hatte einen Unteroffizier, der Kameradendiebstahl begangen hatte, geohrfeigt. Als 999er hatte WU-Mann Tischler noch Glück, nicht sofort zum Tode verurteilt worden zu sein.
"Der Dieb selbst bekam 14 Tage Arrest.
"Jetzt stand Hauptfeldwebel Hallberg vor Tischler, der mit Fieber krank lag:
''Mit Ihnen mache ich Schluß, Sie sind der größte Lump hier im Lager, Sie haben sich an einem Vorgesetzten vergriffen!''
"Damit schlug er ihm mit dem Pistolenschaft an den Kopf, wankte einige Male vor- und rückwärts, zielte und schlug den Strafsoldaten noch einmal mit dem Pistolenschaft, diesmal ins Gesicht:
''Sie Schwein, antworten Sie, stimmt das?''
''Jawohl, Herr Hauptfeldwebel,'' keuchte Tischler.
''Ich könnte Sie auf der Stelle abschießen!''
''Jawohl, Herr Hauptfeldwebel.''
"Der Hauptfeld schlug noch einmal zu, das Blut rann auf den schmutzigen Strohsack:
''Alle, für die Sie Uhren repariert haben, haben Sie beschissen.''
''Jawohl, Herr Hauptfeldwebel.''
''Und warum, Sie Verbrecher?''
''Ich hatte doch kein Material, Herr Hauptfeldwebel. Herr Hauptfeldwebel, ich habe sieben Kinder daheim."
Soweit der Bericht des Gefreiten Becker.
Frühmorgens wurden die Häftlinge, nachdem sie eine Kelle Muckefuck erhalten hatten, ohne Verpflegung in drei Arbeitsgruppen eingeteilt: "Holzküche", "Asphodelos-Küche", "Wasserträger".
Das Holzfäller-Kommando wurde gern von Stammleuten begleitet, die ihre Kater-Stimmung oder die gähnende Langeweile, die ihnen der täglich grauenhafter werdende Todeskampf des 999er-KZ bereitete, loswerden wollten. Gummiknüppel, Füße und Pistolen halfen ihnen dabei, sich aufzumuntern.
Fortsetzung folgt.
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*) Berufsverbrecher.

DER SPIEGEL 7/1951
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