14.02.1951

PRODUKTION / TheaterEine Sache, die heraus mußte

Das Stück ist ein bißchen verrückt, ich geb es zu." Verleger Walter Kahnert ließ sich so über "Heimkehr" aus, dramatische Dichtung von Ilse Langner.
Kahnerts Herbig-Verlag hatte das sinnlich-übersinnliche Berlin-Drama fast allen großen und mittleren Intendanten Deutschlands angeboten. Und wortlos zurückbekommen.
Kahnert: "Wenn ein Theater nicht experimentieren will, gut, das verstehe ich als Geschäftsmann. Aber wenn schon Experimente, dann bitte nicht nur mit Ausländern. Solange man Eliot spielt, kann man auch die Langner spielen."
Die Langner läßt viele Tote auf die Bühne kommen. Aber den Einwand, dieses Bühnenaspektes seien die deutschen Zuschauer vielleicht überdrüssig, tut Kahnert, dessen herbig-Verlag durch die deutsche Ausgabe von Norman Mailers
"Die Nackten und die Toten" finanziell sehr gekräftigt wurde, freundlich ab: "Kann man ja herausstreichen."
Frau Langner, 51, Studienratstochter aus Sprottau in Schlesien, Industriellengattin in Berlin, stattlich, elegant, energisch, bekennt, Rußland habe sie zur Dramatikerin gemacht. (Sie bereiste es 1928 für den Scherl-Verlag.) Und zur Epikerin sei sie 1933 in China geworden*).
Die Bühnenautorin Langner gesteht: "Die Heimkehr ist mein Schicksalsthema". 1928 wurde in Berlin ihr erstes - schlesisch klingendes - Stück aufgeführt: "Frau Emma kämpft im Hinterland." Da läßt die tüchtige Heldin der Kriegsjahre sich nicht vom heimkehrenden Mann in die Küche zurückweisen.
Mit "Die Heilige aus USA", einem bei Max Reinhardt gespielten Stück um Mary Baker-Eddy, die Gründerin der Christian Science, eckte Ilse Langner an. Vertreter der Christian Science fanden, daß die unseriöse Darstellung ihre Sekte beleidige. Beinahe hätte es einen Prozeß gegeben.
Auch der Antike wandte Ilse Langner ihre dramatische Schaffenslust zu, in den beiden immerhin gedruckten Dramen "Klytämnestra" und "Iphigenie kehrt heim". Bis zum Exzeß fruchtbar wurde die Bühnenautorin Langner aber erst so recht in der letzten Zeit.
1949 produzierte sie sieben Dramen in drei Monaten. Die beiden ersten Stücke brauchten je drei Tage, ohne die Nächte. Eines von ihnen, "Petit Pompon", pendelt zwischen dem Paris von 1900 und dem Berlin der Bombenzeit surrealistisch hin und her. Es folgten "Heimkehr" und vier andere Stücke, immer neue Bilder der zerstörten Stadt und der verelendeten Menschen.
Hierauf ging die Autorin aufs Land. Während der vierzehn Tage Arbeit an "Heimkehr" war sie mehrfach ohnmächtig geworden.
Heimkehrt in diesem Stück das Ehepaar Müller, 1946 nach Berlin. Helene kommt aus Hessen, wo sie den Bombenkrieg überstand, Helmut aus Rußland. Die Gatten, treu, doch ohne Nachricht voneinander,
suchen und verfehlen einander zwischen den Berliner Trümmern das ganze Stück lang.
Vernünftige und geistig wirre Trümmerfrauen, halberwachsene und mütterliche Straßenmädchen, verstümmelte und verwaiste Kinder, trauernde und aufatmende Witwen, kranke Heimkehrer und verwundete Ausländer säumen die Irrwege der Müllers.
Das Rollenverzeichnis ist unterteilt in "Lebende" und "Tote". Unter diesen ist ein Fräulein ohne Kopf. Regieanweisung: "Sie trägt einen Pariser Federhut auf einem Stock wie eine Laterne neben sich."
In den Ruinen übriggebliebene Steinfiguren, Karyatiden, reden mit. Eine "Birke mit goldenen Blättern" erscheint im Wartesaal, der eine "Walstatt schlafender Leiber" ist. Die Toten im Massengrab greifen ein, hocken zwischen den Trümmern und wollen über die Lebenden wachen.
Ein Engel - "im silbrigen Fliegerdreß" - , der die Toten fortführen soll, schließt einen Pakt mit ihnen: Wenn Helene Müller ihre Prüfungen bestehen, wenn ihr Mut größer sein wird als die Mühsal, dann wollen die Toten dem Engel folgen.
Helene, die "durch den Schlund der Leiden Getriebene", und Helmut finden sich zum Schluß, bei Abrißarbeiten, neben dem gerade einstürzenden Rest ihres einstigen Hauses. Zwischen den Lebenden hindurchziehend, verlassen die Toten die Stadt.
Dieses Stück, das sich in Deutschland als Bumerang-Manuskript erwies, schickte Walter Kahnert auch Erwin Piscator, der einst Berlins heißester Regisseur war und heute sein "episches Theater" in seiner New Yorker "Dramatic Workshop" exerziert. Und Piscator griff zu.
"Das ist ohne Schielen nach Film-, Fernseh- und Radiotantiemen geschrieben. Eine Sache, die heraus mußte." Im März soll Premiere in New York sein. Wenn auch nicht gerade am Broadway.
Damit kommt Autorin Langner seit langem wieder auf die Bühne. Zwanzig Jahre hat sie es geschafft, nicht gespielt zu werden, ohne indessen aufzuhören, Dramatikerin zu sein. Als sie z. B. nach dem Kriege den Gatten nach Paris begleitete, las sie dort nicht nur an der Sorbonne aus ihrem Gedichtband "Zwischen den Trümmern" vor. Es fielen ihr dort auch glattweg drei Dramen ein.
*) Darunter war als Welterfolg "Affäre Dreyfuß", das Stück um Alfred Dreyfuß, den jüdischen Hauptmann im französischen Generalstab, der das unschuldige Opfer einer nationalistisch-antisemitischen Clique wurde. Es wurde in Deutschland und in Amerika verfilmt.
*) Ihre Novelle "Das Gionsfest" erschien 1934, ihr Roman "Die purpurne Stadt" 1937 im S. Fischer Verlag.

DER SPIEGEL 7/1951
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