21.02.1951

VOLLBLÜTERDös Viech g'fallt mir

Außerdem wird uns eine bevorstehende Aufstellung einer Wehrmacht sicher auch wieder Kavallerie bringen, nachdem diese in Korea ihre Schlagkraft so drastisch bewiesen hat." So agitierte der westfälische Oberlandstallmeister Dr. h. c. (für Verdienste um die Hippologie) Gustav Rau, Vorsitzender des Deutschen Olympia-Komitees für Reiterei, in einem Memorandum für die Erhaltung und Förderung der bayrischen Vollblutpferdezucht auf den Isarland-Gestüten*).
Doch bereits am Tag vor der Verteilung der Rau''schen Mahnworte (unter dem Titel "Sind große Vollblutgestüte Güter der höheren Kultur eines Landes?") hatte sich im bayrischen Haushalts- und Bewilligungsausschuß herausgestellt, daß der neue blau-weiße Landtag mehr für Pferde übrig hat als der verflossene: zunächst 30 000 DM. Diese Summe, vermehrt um je 15 000 DM von der Stadt München und vom Bezirksverband Oberbayern, soll die lahmende süddeutsche Vollblutzucht vorm Gnadenschuß retten.
Die plötzliche Pferdeliebhaberei der bayrischen Abgeordneten entsprang weniger militärisch-kulturellen Ueberlegungen als einer simplen Kopfrechnung: der Zusammenbruch der Isarland-Gestüte (in Leutstetten, Buchhof, Heimathausen und Planegg) würde die Rennen in München-Riem und damit die Einnahmen von 400 000 DM pro Jahr an Wett- und Vergnügungssteuern "ernstlich gefährden".
Darüber hinaus hatte der berlinernde Betreuer der Gestüte Isarland, Prof. Dr. Kurt Schulze, ehemals Generaloberstabsveterinär, vorher vernehmlich geunkt: "Wenn ick die 60 000 Mark nich bekomme, jeht der janze 1950er Jahrgang für een Butterbrot nach dem Westen. Auf Xantos- und Singlspieler-Nachkommen sind sie im Rheinland scharf." Auch der Turf-unkundige Ausschußvorsitzende Dr. Dr. Alois Hundhammer wurde von solchen Argumenten beeindruckt.
KZ für Pferde. So braucht Kurt Schulze (vorläufig zumindest) nicht mehr zu fürchten, daß das Heimathausener Vollblut-Gestüt wieder zu einem "Pferde-KZ" entartet, wie in den Jahren zwischen Kriegsschluß und Währungsreform. Damals ging zusammen mit zahlreichen Fohlen auch der Standardhengst "Wildling" (Sieger im "Braunen Band" von 1941 unter Jockey G. Streit) an Kolik ein, bedingt durch unziemliche Atzung.
Vorsorglich warnte Hippologe Rau vor künftigen Vernachlässigungen der bayrischen Pferdezucht: "Gibt Bayern sein Vollblutgestüt Heimathausen ab, wird es in der Achtung des Auslandes absinken, weil man uns Interesselosigkeit gegen eines der schönsten Kulturgüter vorwerfen wird." Schöpfer dieses schöneren Kulturgutes im Bayernland war der einstmalige Koppelknecht, Hausmeister, Hundewärter, Autobus-Unternehmer und SS-Brigadeführer Christian Weber.
Zu seiner Hinterlassenschaft gehören neben den weitläufigen Gestüten, den
Rennställen in München-Riem und den Ueberbleibseln der "Braunes-Band-GmbH" auch Erinnerungen an respektable Turf-Ereignisse und delektable Rokoko-Gala-Affären auf dem Nymphenburger Kurfürstenschloß.
Mitgliedsnummer 6. Als sich Christian Weber kurz nach Weltkrieg I im Münchner Gasthaus "Zum Blauen Bock" als Hausmeister installiert hatte, ergriff ihn seltsame Sehnsucht nach einem Haufen Geld und strotzendem Vollblut*). Er war willens, unten anzufangen: als Hundewärter in der Münchner Tierärztlichen Hochschule.
Wenig später schon stieg er zum erstenmal in den Pferdehandel ein: beim Verkauf von Schlachtrössern an die Freibank. Seine Voreingenommenheit für Pferde hinderte ihn nicht daran, auf dem Gebiet der Motorisierung Pionierarbeit zu leisten. Er wurde "Autobusunternehmer mit angeschlossener Reparaturwerkstatt". Daraus entwickelte sich eine Bus-Karawane von 20 Wagen und ein schwungvoller Handel mit Kraftfahrzeugbedarf und Treibstoff.
Doch dazu kam es erst lange nachdem Weber vom Werden einer neuen Partei gehört hatte. Im Sternecker-Bräu gehörte er zu den ersten Mitgliedern (als Nr. 6). Erst nach ihm trat Adolf Hitler bei. Die zwei schlossen eine Brüderschaft, die sich auf Hitler überwiegend peinlich auswirkte, als sich niemand mehr um Mitgliedsnummern kümmerte. So 1943, als er von dem trampligen, grobgekörnten Triplexkinn-Besitzer beim Betreten des Luftschutzkellers empfangen wurde: "Ja, Adi, steigst a in''n Keller?"
Kein Geld, aber Macht. 1933 hatte Weber zwar immer noch nicht genug Geld für die Verwirklichung seiner Sehnsucht, aber die Macht, sich dieses Geld zu besorgen. Er ließ sich zum Präsidenten des Kreistages von Oberbayern wählen. Als zweites Amt übernahm der Zweizentner-Ratsherr im Münchner Stadtrat das Wirtschaftsreferat. Dazu gehörten zwei Kassen.
Jetzt konnte er sich die Münchner Rennbahn Riem vornehmen. Sie hing seit Jahren
als ziemlich hoffnungslose Außenseiterin am hinteren Ende der Reihe deutscher Großbahnen. Gesunden konnte sie nur zusammen mit München. Hier begegneten sich die Interessen Webers und des damaligen Oberbürgermeisters Karl Fiehler. Der OB wollte in München den Fremdenverkehr in Bewegung bringen.
Das paßte ausgezeichnet in Webers Riemer Plan und in sein Autobus-Geschäft.
Was man brauchte, war ein gutes Rennprogramm mit internationalen Prüfungen und hohen Geldpreisen. Und vor allem eine starke Trainingszentrale, eine konkurrenzfähige, eigenständig-bayrische Vollblutzucht.
Damals besaß Bayern nur ein Vollblutgestüt, im Besitz des Prinzen Franz von Bayern, mit 20 vereinsamten Vollblütern. Weber pachtete das Anwesen. Dann nahm er Verbindung mit dem Union-Club auf, der damaligen obersten Behörde des deutschen Galoppsports, um durch Bildung eines Fonds die Mittel zum Ankauf entwicklungsfähiger Zucht- und Rennpferde zu beschaffen.
Obwohl der Unteroffizier des ersten Weltkrieges Weber weder politisch noch gesellschaftlich in die blaublütige Versammlung paßte, applaudierte man seinen Plänen und glaubte, über ihn den motorfanatischen, pferdefeindlichen Staatshäuptling am besten von der Notwendigkeit einer Kavallerie überzeugen zu können, die von je der Substanzträger des Rennsports war.
Doch daß Bayern eine neue Konkurrenz werden sollte, mißfiel den Zuchtmonopolisten Nord- und Westdeutschlands heftig. So blieben Webers Kaufversuche stecken. Er begann, sich mit finsteren Plänen zur Sprengung des Union-Clubs zu tragen.
Der "G''scherte" in Berlin. Aber Berlins damaliger Polizeipräsident Graf Helldorf durchschaute seine Ränke. Er brauchte seinen Witz nicht zu überanstrengen, um Weber, den "G''scherten", in Berlin unmöglich zu machen. Dort zirkulierte er unter der Bezeichnung "Allgäuer Pferdeknecht".
Weber kehrte seinen breiten Buckel. Er gründete sich den "Internationalen Kongreß für Vollblutzucht und Galoppsport". Als erste Amtshandlung dekretierte er das Verbot jeglichen Pferdeankaufs vom Ausland. Sich selbst nahm er aus. Er verlegte die Tagungen des Kongresses ins Ausland und hatte bald mit allen namhaften Züchtern Europas Shakehands gemacht und Trinksprüche getauscht.
Aga Khan (der als Rita-Hayworth-Schwiegervater und reichster Mann der Welt eine gewisse Berühmtheit erlangte) war einer seiner besten Geschäftsfreunde. Der umfängliche Inder hatte wie Frankreichs Marcel Boussac und Italiens Frederico Tesio immer gute Pferde zu verkaufen.
Mit dicken Devisenpaketen bepackt, tauchte SS-Brigadeführer Weber mit einem Schwarm von SS - Offizieren und Tierärzten in der englischen Vollblut-Zentrale Newmarket auf.
Neben vielen anderen Gäulen erstand er hier die Stute "Singadula", die spätere Mutter des 1947er Derbysiegers "Singlspieler". "Jessas, jetza g''hört dös Viech mir!" rief Weber damals verdattert, als es ans Bezahlen ging. Er hatte es eigentlich gar nicht kaufen wollen.
Die kapitalkräftigeren Ausländer kränkten seinen Nationalstolz, und deshalb hatte er bei der Vorführung des Pferdes sein Programm als Zeichen des Meistbietens mit trutziger Miene in die Höhe gehalten.
Als Weber hörte, daß es auch in Ungarn gute Rassen gebe, veranstaltete er einen Kongreß in Budapest. Auch die Etikette des Honved-Adels ließ Weber in Fetzen zurück: Als ein ausnehmend schöner Araber-Vollblüter vorgeführt wurde, platzte er heraus: "Jessas, dös Viech g''fallt mir, dös kaaf'' i!" Die Umstehenden fanden ihre Sprache nur auf französisch wieder. Natürlich konnte man dem Vertreter der Neuordnungsmacht Europas ein obligates Geschenk nicht vorenthalten. Der Araberschimmel "Czaky" wurde in Riem Webers Lieblingsgaul.
"Jetza wird''s g''mütli!" Uneingeschüchtert erhob er sich nach Beendigung des Festbanketts im berühmten Budapester Gellert-Hotel geräuschvoll von der Tafel, schleppte sich und seine Begleitung in den Nebenraum und verkündete die Fortsetzung des Festes auf bayrische Art. Er hängte seinen Frack über einen Stuhl, riß steife Hemdbrust und Krawatte ab und brüllte einladend: "Leit! Jetza wird''s g''mütli! Jetza sauf'' ma a Bier!" Seine Tischdame wurde einem neugierig fragenden Ungarn von einem Münchner Tierarzt flüsternd als "die Maarie", die Köchin Hitlers, vorgestellt.
Um mit seinem neuen Pferdebestand im großen Stil zu brillieren, erfand Weber das internationale "Braune Band", für das ein Geldpreis von 100 000 Mark ausgesetzt wurde. Das Rennen wurde Webers großer Racheakt gegen Union-Club und Hoppegarten. Von 1934 bis 1941 kamen die besten Pferde Frankreichs und Italiens nach München, begleitet von illustren Gästen. Europas
Spitzenjockeys, wie Edward Charles Elliott, A. Rabbe und Pietro Cubellini hetzten ihre Gäule über den Riemer Turf. Der französische Meisterjockey J. Rosso wurde von Weber für eine 40 000 - RM-Gage engagiert.
Die Gäste aus Paris und Rom kamen gern, denn Weber wußte sie glänzend zu zerstreuen. Im Park des Nymphenburger Schlosses inszenierte er alljährlich "Die Nacht der Amazonen", mit 2000 Mitwirkenden in Rokoko-Kostümen, mit Tiefstrahlern von 1 200 000 Kerzen Lichtstärke, Tänzen, Reiterspielen, Pantomimen, hellesprühenden Wasserkünsten. Kurfürst Max Emanuel von Bayern, der 1722 zum ersten Male so eine "erlustierende Augenweyde" (wie Zeitgenosse Disel es nannte) veranstaltete, wurde von Weber-inspiriertem Gepränge ausgestochen. Mit majestätischhuldvoller Miene ließ der Turf - Fürst seinen Blick über die Reigen leichtgeschürzter Nymphen und Amazonen, über Perücken und galante Culottenträger
schweifen. Er fühlte sich am Ziel seiner Wünsche.
Im Massengrab verschwunden. Mit der Besetzung Frankreichs begann für die französischen Pferdezüchter eine unangenehme Hochkonjunktur. Weber und Abgesandte der Wehrmacht fuhren über den Rhein, um Pferde zu besorgen. Auch Marcel Boussacs größter Stolz, der Deckhengst "Pharis", damals Frankreichs erfolgreichster Beschäler, ging mit nach Deutschland, zum von Generalfeldmarschall v. Brauchitsch persönlich festgesetzten Höchstpreis von 30 000 Mark.
1941 wurde das letzte Rennen um das "Braune Band" gestartet.
Als die einrückenden Amerikaner in Buchow bei Starnberg Weber erblickten, erschien ihnen seine Leibesfülle stark NS-verdächtig. Sie expedierten ihn nach Ulm. Auf der Ueberführungsfahrt ins Lager Heilbronn schlug der Anhänger des wildfahrenden US-Lastwagens in einer kleinen Ortschaft um und begrub Weber zusammen mit einigen anderen Gefangenen. Mit eingedrücktem Brustkorb lag er am Straßenrand. In Heilbronn wurde am nächsten Tag ein Massengrab ausgehoben. Darin ist auch Weber verschwunden.
Auch sein Leibjockey Rosso lebte nicht viel länger. Nach der Befreiung neideten französische Zivilgefangene dem galoppsportlichen Kollaborateur sein Auto. Als sie sich unter seinem Fenster am Garagentor zu schaffen machten, fielen ein paar Blumentöpfe nach unten. Sie wurden mit gutgezielten Schüssen beantwortet.
Obwohl die Gestütshöfe Isarland je zur Hälfte aus dem Vermögen der Stadt München und des Bezirksverbandes Oberbayern aufgebaut worden waren, hatte man dementsprechende Grundbucheintragungen vergessen. Also galt Isarland für die US-Property Control samt Pferdebestand als des braunen Webers alleiniges Eigentum. Verwalter Lachermaier saß 1945 in Kriegsgefangenschaft, als Property Control dem Grafen Spreti vom Hochschloß Pähl bei Weilheim in Oberbayern herunterbat, damit er ihr bei der Verwaltung des Besitzes helfe. Alle anderen, die wie Lachermaier Aufschluß über die 1940 in Paris gekauften Pferde hätten geben können, waren auf Tauchstation gegangen.
So konnte auch Graf Spreti nicht verhindern, daß 1946/47 insgesamt 132 Pferde, davon 83 nach Frankreich, 32 nach Polen*), 12 in die USA und 5 nach Ungarn, exportiert wurden. Kostenlos.
Auch Beschäler "Pharis" kehrte gut genährt und nicht verhungert, wie die Franzosen behaupteten, in die Heimat zurück, aber nicht bevor er Vater von "Asterblüte" geworden war, die 1949 das Deutsche Derby gewann.
Von den 300 Pferden Isarlands sind heute noch 83 übrig. Bei einer der Landtags - Ausschußsitzung voraufgegangenen Besichtigung fanden sie das gönnerische Gefallen der Landtagsabgeordneten ("Die Leute von der SPD waren begeistert", erinnert sich Hausherr Schulze). Ob dieses Gefallen und jährlich 60 000 DM ausreichen werden, um die geschrumpfte Zucht an den einstigen Stand heranzubringen, daran ist jeder Zweifel erlaubt. Denn Christian Webers Nachfolger besitzen keine zwei Kassen, mit deren Inhalt sie anfangen können, was immer ihnen gerade Spaß macht.
*) Die Erfahrungen amerikanischer G.I.s bekräftigen in der Tat dieses Argument: Am 1. November 1950 wurden Teile der 1. US-Cavalry-Division (die längst motorisiert wurde und ihren Namen nur noch aus Traditionsgründen führt) bei Unsan (Nordkorea) im Morgennebel von berittenen Chinesen unter Trompetengeschmetter überraschend attackiert und in dem bisher blutigsten Gemetzel des Korea-Krieges niedergemacht.
*) Nicht nur auf vier Beinen, wie sich später zeigte. "Aber jung muss''n die Madln sein!", sagte Christian Weber, und so haben oft Münchner Kindl um die süßen 17 auf des nachmaligen Ratsherrn väterlichem Schoß gesessen.
*) Nach Polen mußte auch ein Teil der aus Ostpreußen geretteten Trakehner Pferde verkauft werden, weil keine finanziellen Mittel für ihren Unterhalt zu beschaffen waren. Bonn lehnt die Unterstützung immer noch "mangels vorhandener Mittel" ab. So ist es auch nicht sicher, ob die "Letzten von Trakehnen" in Deutschland gehalten werden können.

DER SPIEGEL 8/1951
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