07.03.1951

KOMMUNISTENDie Füße verwechselt

In Münchens Tagungslokal "Großküche" Rosenheimer Straße, wo vom 2. bis 4. März der KPD - Parteitag stattfinden sollte, wurden Stalin-, Lenin-, Pieck- und Reimann-Bilder wieder von den Wänden genommen und rote Fahnen eingerollt. Der Parteitag wurde abgeblasen. Statt des politischen Gelages, für die das SED-Zentralkomitee mit 57 Parteitagsthesen bereits das Rezept geliefert hatte, müssen die KP-Genossen erst noch ein handfestes Parteigericht löffeln, nach These 52: "Die Hauptaufgabe ist, die Partei rein zu halten."
Binnen zehn Tagen wurden die fünf kommunistischen Landesführer Leibbrand (Württemberg-Baden), Acker (Württemberg-Hohenzollern), Oskar Müller (Hessen), Prinz (Hamburg) und Holländer (Niedersachsen) abgesetzt. Sie wurden als Sektierer und Opportunisten verstoßen, weil sie nicht befehlsgemäß die taktischen Schwenkungen ausführten, die SED-Generalsekretär Walter Ulbricht für seine politische Frühjahrsoffensive gegen Bonn braucht.
Wie schlecht Max Reimanns Stabshelfer spurten, wird in Ulbrichts 57 Thesen am Beispiel der Genossen Hermann Nuding (vor einigen Monaten noch Mitglied des KP-Zentralvorstandes in Düsseldorf) und seines Nachfolgers auf dem Stuttgarte Befehlsstand, Robert Leibbrand, demon striert.
Pazifist Nuding, nach 1933 Emigrant in Frankreich und Belgien, hatte es abgelehnt, im Falle eines Krieges in der Roten Armee gegen die "amerikanischen Interventen" zu kämpfen, weil er gegen jeden Krieg sei.
Ulbricht brach jetzt den Stab über diesem konsequenten Friedensfreund: "Solche Behauptungen sind eine Wiederholung der Gestapo-Version aus den Jahren 1942/44, die damals unter den deutschen Kommunisten in Frankreich und anderen europäischen Ländern verbreitet wurde und darauf zielte, die Initiative der Kommunisten im Kampf für die Befreiung der Werktätigen zu ersticken."
Nachfolger Robert Leibbrand störte durch "sektiererische Bemerkungen" Ulbrichts Nationale-Front-Kreise. Während das Zentralkomitee FDJler nach Helgoland dirigierte, um sie als junge patriotische Helden zu feiern, bemerkte Leibbrand in Stuttgart vor Funktionären mit Genugtuung: "Ich habe das Wort 'deutscher Patriot' noch nie in den Mund genommen."
Wie die Führung, so die unteren Einheiten: "Als die örtlichen Leitungen des Partei am Staffelsee aufgefordert wurden, die Bauern und Fischer wegen der Errichtung eines amerikanischen Truppenübungsplatzes zu mobilisieren, lehnten die Genossen ab und erklärten, es geschehe den Anwohnern gerade recht Denn die von ihnen gewählten Parteie hätten ja die Verstärkung der amerikanischen Besatzungstruppen verlangt." (KP-Zentralorgan "Freies Volk" am 26. Februar.)
Die störrischen westdeutschen Altkommunisten verwechselten auch sonst bei dem Eiertanz nach den Synkopen aus Berlin-Ost die Füße, weil sie oft nicht wissen, ob eine ZK-Weisung von morgens noch abends Gültigkeit hat. Während KP-Chef-Reimann-Stellvertreter Kurt Müller im vergangenen Jahr in Hannover von einem Kommando des ostzonalen Staatssicherheitsdienstes abgeholt und in den Kerker gesteckt wurde, weil er zu sehr mit den Sozialdemokraten geliebäugelt hatte, werden jetzt zahlreiche altkommunistische Spitzenfunktionäre als Sektierer gestäupt, weil sie sich nicht mit sozialdemokratischen Gewerkschaftlern gegen die "Adenauer-Clique" verbünden wollen.
Der KP-Parteitag - mit neuen Spitzenfunktionären - soll erst dann stattfinden, wenn alle Opportunisten, Sektierer, Trotzkisten, Objektivisten und Tito-Agenten aus den Parteihäusern gefegt und durch wendige Befehlsempfänger ersetzt worden sind.
Ulbricht gab dafür das Rezept: "Junge Parteimitglieder auf die Kommandostellen". "Patriotische" Jungkommunisten aus der Ostzone sollen zur Verstärkung eingeschleust werden, um die von Ulbricht dirigierte Nationale Front so weit auszudehnen, daß sie von Max Reimann bis zu Kapitänleutnant und Kreuzer-Emden-Kommandant a. D. Helmut von Mücke reicht, der jetzt unzufriedene ehemalige Offiziere und Berufssoldaten für eine neue Tarnorganisation "Soldatengruppen" sammelt. Ein Offiziers-Ost-West-Treffen ist anberaumt. Es soll an Bord eines Schiffes der ostzonalen See-Vopo auf der Ostsee stattfinden.
Das ist nach Walter Ulbricht kein Opportunismus, sondern höhere stalinistische Strategie.

DER SPIEGEL 10/1951
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