07.03.1951

TÄTOWIERERSchlange auf der Stirn

Peiken-Albert (56) hat vor allem eine Sorge: ob man ihm Puder und Schminke entziehen wird, wenn er zwei Monate Gefängnis absitzen muß, die ihm das Hamburger Amtsgericht, Abt. 135, zudiktierte.
Peiken-Albert, mit bürgerlichem Namen Albert Heinze, zeigt sich nur intimsten Vertrauten ungeschminkt. Sonst ist sein Gesicht stets mit einer dicken Schicht Paste und darüber gestäubtem ockerfarbenem Puder bedeckt, um die Tätowierungen zu verdecken.
Tätowieren oder "Peiken", wie man am Berliner Alex sagt, ist Albert Heinzes Beruf, Leidenschaft und Verhängnis. Vor dem Kriege peikte Albert Heinze am Alex, in der Münzstraße und wo sich sonst noch Peikbrüder trafen. Nach 1945 richtete er sich in Hamburg eine Tätowierstube ein und bald genoß er einen gewissen Ruf auf der Reeperbahn - unter dem Spitznamen "Onkel Albert". Seinen Tätowierladen finanzierte er mit der KZ-Haftentschädigung. Onkel Albert saß acht Jahre im KZ - acht Jahre hat er angeblich gezittert, daß man ihm eines Tages die Haut über die Ohren ziehen würde, um daraus einen Lampenschirm zu machen.
Seine Haut hat es auf sich. Kein Fleck ist ohne Tätowierung. Vom Scheitel bis zur Sohle. Einschließlich der diskretesten Körperpartien. Ueber Glatze und Gesicht breiten sich, buntfarbig und einander überdeckend, Fahnen, Schmetterlinge, Drachen, Schlangen, Frauenköpfe, Ornamente. Interessant aber wird Onkel Alberts Körper erst unter der Gürtellinie. Und seine Sitzfläche endlich weist Darstellungen von nicht zu übertreffender Obszönität auf.
Dem Vorwurf, homosexuell zu sein, begegnete Onkel Albert vor dem Richter mit dem Hinweis, er sei, wenn auch nicht verheiratet, so doch mal mit einer Kunstgewerblerin verlobt gewesen.
Christian Warlich, St. Paulis "König der Tätowierer" und eine Art Fachgruppenleiter der noch nicht organisierten blauen Kunst, zwinkert aber durch seine dicke Brille: "Warum haben ihm denn die Hamburger Strichjungens einmal seinen Laden zerkloppt, als Albert nicht mehr zahlen konnte?" - Bei der Hamburger Jugendfürsorge liegen mehrere Anzeigen gegen Onkel Albert wegen Verführung Jugendlicher vor.
"König" Warlich ist gegen Onkel Albert, nicht nur moralisch, sondern auch beruflich-technisch: "Gebt euren Körper nicht
in die Hände von Pfuschern!", mahnen seine Reklame-Handzettel, auf denen er offeriert: "Alles, was der männliche Körper ausdrücken soll, steche ich ein: Politik, Erotik, Athletik, Aesthetik, Religion, in sämtlichen Farben, an allen Stellen."
Vor Gericht hörte man es von Christian Warlich anders: "Ein anständiger Tätowierer tätowiert nicht im Gesicht. Und erst recht nicht einen Betrunkenen."
Das nämlich wurde Onkel Albert im Prozeß vorgeworfen. In seiner Tätowierstube in St. Paulis Hein-Hoyer-Straße ging es lustig zu. Junge Leute aller Stämme und Nationen kamen und ließen sich tätowieren. Manchmal machte Onkel Albert es auch umsonst.
So bei dem 21jährigen Carl-Heinz Meier. Der wachte eines Morgens mit benebeltem Kopf in Onkel Alberts Tätowierstube auf und hatte eine faustgroße blaue Rose, um die sich eine Schlange krümmt, auf der Stirn. Dauerhaft eintätowiert. "Ueber den Tod hinaus", wie es in der Tätowierer-Reklame ausgedrückt wird.
Außer diesem Bildnis zeigte Carl-Heinzens Gesicht noch folgende Tätowierungen: ein feingeschwungenes Menjou-Bärtchen, raffiniert verlängerte Augenbrauen und ein Mal auf der rechten Wange.
Onkel Alberts Bekanntschaft mit Carl-Heinz Meier begann im "Leuchtturm" an der Reeperbahn. Bei Musik und reichlich Wein machte Onkel Albert dem noch untätowierten Carl-Heinz und einem gleichaltrigen Jüngling namens Lothar den Vorschlag, gemeinsam auf Tätowier-Tournee zu gehen. Die beiden strammen Bengels sollten dabei mit Onkel Alberts Tätowierkünsten auf dem Körper Reklame laufen. Das übrige wollte Onkel Albert selbst besorgen.
"Wir Endesunterzeichneten lassen uns von Kopf bis zum Fuß tätowieren und gehen mit Herrn Heinze auf die Reise", stand in dem Vertrag, den Onkel Albert vor Gericht zu seiner Entlastung präsentierte. Mit Lothars und Carl-Heinzens Unterschrift.
Es kam nicht so weit. Als Carl-Heinz in Onkel Alberts Stübchen mit dem
Rosendessin auf der Stirn erwachte, überlegte er sich's anders. Und haute ab. Ziel: Fremdenlegion. "Mit Tätowierungen ist man da gleich viel angesehener", soll er gesagt haben.
Doch in Lörrach schnappte ihn die deutsche Polizei. Sieben Vorstrafen hatte Carl-Heinz Meier in seinen 21 Lebensjahren schon hinter sich. Die achte war gerade fällig. Aus dem Untersuchungsgefängnis schrieb Carl-Heinz an Onkel Albert seinen letzten Brief und bat um Geld und Zigaretten. Albert reagierte nicht. Da erstattete Carl-Heinz Anzeige beim Staatsanwalt.
Seine alte Mutter drängte ihn dazu. Als sie ihn im Kittchen besuchte und dabei Schlange, Rose, Bart und Backenmal sah, schrie sie ihn an: "So kommst du mir nicht nach Hause. Der dir das angetan hat, muß büßen." Um sich durch Onkel Albert nicht auch noch die Rückkehr ins Elternhaus zu verscherzen, habe er Peiken-Albert angezeigt, erklärt Carl-Heinz.
Die Anklage lautete auf Körperverletzung und stützt sich auf den StGB-Paragraphen 226 a, der besagt: "Körperverletzung ist auch mit Einwilligung des Verletzten strafbar, wenn dabei die guten Sitten verletzt werden". Das Gericht folgte aber nicht der Anklage, sondern verurteilte Onkel Albert zu zwei Monaten Gefängnis, weil er die Trunkenheit des Carl-Heinz Meier zu einer Körperverletzung ausgenutzt habe. Die Einwilligung sei im Rausch gegeben worden und deshalb ungültig. Onkel Albert hat Berufung eingelegt.
Inzwischen versucht er, sich in Bremen, Pappelstraße 34 b, in einem 40 Quadratmeter großen Keller neu zu etablieren. "König" Warlich hat ihm Material für die Tätowierstube besorgt: einen elektrischen Apparat, Schablonen, Farbe. Für 120 DM. "In Bremen soll er machen, was er will." Die Konkurrenz ist Warlich dann los.
Albert widmete sich in Bremen zunächst der kunstgewerblichen Ausgestaltung von Lampenschirmen aus Kunststoff. Christian Warlich hätte ihm auch
tätowierte Menschenhaut dafür zur Verfügung stellen können. Er hat eine ganze Sammlung davon. Ein Stück stammt von seiner eigenen linken Hand. Warlich macht nicht nur, er entfernt auch Tätowierungen. Sie werden nach einer Sonderbehandlung mit der Haut entfernt. Fast schmerzlos. Die Narben sind ganz unauffällig. Wie - das verrät er nicht.
Er hat schon manchem geholfen. Auch solchen, die ihre Tätowierung nicht zur Zierde, sondern zur Kennzeichnung ihrer Blutgruppe trugen.

DER SPIEGEL 10/1951
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