14.03.1951

KRIPORevolver-Harry für Bonn

Sportmütze und karierten Mantel ließ Schwedens 49jähriger Sherlock Holmes, "Överdirektör" der Staatlichen kriminaltechnischen Anstalt, Harry Söderman, in seiner Stockholmer Privatwohnung, Riddargatan 72, zurück, als er sich für ein halbes Jahr nach Deutschland abmeldete.
Aber einige seiner selbstverfaßten handsignierten Fachbücher nahm er im stattlichen Kabinenkoffer mit nach Bonn. Bundesinnenminister Dr. Robert Lehr hat den vierkantigen skandinavischen Kriminalexperten hergebeten, da die Hochkommissare dem vom Bundestag beschlossenen Gesetz zur Errichtung eines Bundeskriminalamtes zustimmten.
Das Gesetz fußt auf Grundgesetz-Artikel 73, nach dem "die Zusammenarbeit des Bundes und der Länder in der Kriminalpolizei, die Einrichtung eines Bundeskriminalpolizeiamtes sowie die internationale Verbrechensbekämpfung" zur ausschließlichen Gesetzgebung des Bundes gehört.
Vor vierzehn Tagen kam das Gesetz unbeanstandet vom Petersberg zurück. Geheimrat Dr. Max Hagemann, seit Monaten mit den organisatorischen Vorarbeiten beschäftigt, hat den Aufbau einer neuen zentralen Dienststelle zur Bekämpfung der zunehmenden Kriminalität in der Bundesrepublik fix und fertig - auf dem Papier. Den Kern dafür soll das Kriminalpolizeiamt für die britische Zone in Hamburg stellen. Mit 284 Kriminalpolizisten will Dr. Hagemann die Kripoarbeit über die Landesgrenzen hinweg koordinieren: "Verbrecher sind keine Föderalisten".
Dr. Hagemann, von Haus aus Verwaltungsjurist und Kriminalwissenschafler, ist immerhin noch einer der wenigen alten deutschen Fachmänner, die nach 1945 in verantwortlicher Position wieder an die Verbrecher herangelassen wurden. Aber offensichtlich hält ihn Kanonen-Lehr nicht stark genug, um trotz aller langwierigen Vorbereitungen mit dem Kripo-Neubau auf breitem Bundesfundament fertig zu werden. Schwede Söderman mußte her. Lehr richtete ihm in Zimmer 337 im Bundesinnenministerium ein Sonderbüro ein und stellte ihn den nach Bonn zitierten Länder-Kripo-Chefs als seinen persönlichen Berater vor.
Mit Zyankali und Veronal. Die Elite der bewährten deutschen kriminalisten geht indessen stempeln oder lebt von kleinen Wartegeldern. Arthur Nebes Mitarbeiter kennen den Schweden aus seiner früheren Tätigkeit in der Berliner Zentrale der Internationalen Kriminalpolizei-Kommission (IKPK) und schätzen ihn als Spezialisten auf manchen Gebieten loyal. "Aber was er kann, hat er doch erst gelernt, als er bei uns in die Schule ging ..."
Schreibt der frühere Leiter des Erkennungsdienstes im Reichskriminalpolizeiamt: "Die ständigen Besuche ausländischer Fachleute ließen immer wieder deutlich genug erkennen, daß diese Einrichtungen einmalig waren. Das zeigte allein das Gästebuch der Reichserkennungsdienst-Zentrale,
in dem sich die Polizeichefs aller Länder der Welt eingetragen hatten - vom Chef der Polizeischule in Kairo angefangen bis zum Prinzen aus Siam, vom Detektiv aus Chikago bis zum Chef der spanischen Kriminalpolizei."
Schweden entsandte den Polizeipräsidenten Gillis Kleberg aus Norrköping, Spanien den Innenminister Serrano Suner, England Sir Percy Silitoe, jetzigen Chef der englischen Atomwächter, kurzum: Minister und Polizeispezialisten europäischer und außereuropäischer Länder studierten die Einrichtungen des Berliner Polizei-Instituts und des Reichskriminalpolizeiamtes.
Auch Harry Söderman studierte in Deutschland - zunächst Chemie. Er lernte Zyankali oder Veronal in den Eingeweiden von Selbstmördern zu analysieren. Später - schon Professor der Kriminologie in Stockholm - vertrat er sein Land bei der IKPK in Berlin.
Revolver - Harry und Kanonen - Lehr. Schweden mit seinen 6,2 Millionen Einwohnern und weiten Landstrichen ist in krimineller Hinsicht ein glückliches Land. Seit dem Ivar-Kreuger-Skandal hat es keine kriminalistische Sensation mehr gegeben. Was so durchschnittlich in den Nachtlokalen an der Kungsgatan, dem amerikanisch anmutenden Boulevard von Stockholm passiert - das bißchen Kavaliersvergehen - konnte Harry Söderman auf längere Sicht nicht fesseln. Mit 30 Jahren fuhr Allround-Söderman nach New York und baute dem FBI das staatliche Polizeilabor auf.
Dann nach Frankreich, wo er in Lyon promovierte mit einer Dissertation über die Identifizierung der Geschosse von Handfeuerwaffen. Söderman ist selber hervorragender Pistolenschütze und wird deshalb in Gangkreisen "Revolver-Harry" genannt.
Vielleicht hat Kanonen-Lehr deshalb den Revolver-Harry im Flugzeug aus Stockholm für ein halbes Jahr als Instrukteur des Bundespolizei-Amtes herübergerufen, meint man in Dr. Hagemanns Vorbereitungsbüro. Und spielt dabei auf analoge Vorschläge während der Remilitarisierungsdebatte an: da wurden auch
neutrale ausländische Offiziere als Instrukteure vorgeschlagen.
Im Ernst aber glaubt man doch mehr, daß der Wink für Söderman vom Petersberg kam, oder daß Kanonen-Lehr über den Kanzler instruiert. worden ist, sich einen Schweden kommen zu lassen. Das Engagement von Söderman bei der amerikanischen Bundespolizei (1932) mag ihn McCloy noch heute sympathisch erscheinen lassen - es wird aber in Bonn auch noch von einem neuen Engagement des findigen Schweden geflüstert. Das hängt wiederum mit dessen eigentlichem kriminalistischen Spezialgebiet zusammen - Geschicklichkeit im Umgang mit kurzen aber auch mit langen Feuerwaffen:
Danach soll Söderman im Auftrag des Petersberges einer internationalen Waffenschmugglerorganisation vom Schlage Basil Zaharoffs auf die Spur kommen. Von amerikanischer Seite wird behauptet, daß ein Teil des für die Atlantik-Pakt-Staaten bestimmten amerikanischen Waffenkontingentes nicht die aufrüstungsbeflissenen Länder erreicht, sondern in die Sowjetunion oder in die Volksdemokratien verschoben wird. Dabei assistieren angeblich Schweden. Ungarn, Engländer und Deutsche. Die Köpfe der Waffenschmuggler werden in Stockholm und Frankfurt a. M. vermutet. Revolver-Harry verrät nicht,
* ob er sich ein Halbjahr in Westdeutschland aufhalten will um Waffenschmuggelspuren zu suchen,
* ob er sich in seinem Amt in Stockholm, Bergsgatan 48, schon mit dieser Schmuggelaffäre befaßte oder
* ob der Aufbau einer westdeutschen Bundeskripo, die endlich die buntscheckige Stadtkreis- und Länderkripo koordiniert, seine einzige Aufgabe ist.
Skandinavisches Zwischenspiel. Fest steht nur, daß Söderman sich früher schon einmal sehr intensiv mit der Schmuggelbranche befaßt hat, aber nicht abwehrmäßig, sondern aktiv - von 1943 bis 1945. Damals wurden auf schwedischem Boden norwegische Soldaten und Störtrupps ausgebildet. Schweden stellte für die Ausbildung Offiziere, Kriminalbeamte, Unterkünfte, Waffen, Munition und Sabotagematerial zur Verfügung. Ausbildungsleitung: Harry Söderman. Er sorgte dafür, daß der größte Teil dieses Materials völkerrechtlich illegal, mit halbem Wissen der schwedischen Behörden - nach Norwegen eingeschmuggelt wurde.
Söderman schreibt darüber selbst in seinem 1945 in Stockholm erschienenen Buch "Skandinaviskt Mellanspel" (Skandinavisches Zwischenspiel): "Die unterschlagenen Munitions- und Sprengstoffmengen wurden ... nach Stockholm gebracht und von dort nach Norwegen - meistens per Eisenbahn - geschickt.*) Wir hatten eine ziemlich gute Kenntnis davon, wie dieser Verkehr vor sich ging, aber er war auf eine so fein berechnete Art mit dem von unserer Regierung zugelassenen Kurierverkehr zusammengemischt, daß er äußerst schwer zu kontrollieren war ..."
1944 wurde im Aelgberg-Lager (Mittelschweden), das bis dahin der militärischen Ausbildung eines Bataillons der sogenannten norwegischen Polizeibrigade gedient hatte, ein Ausbildungslager für "gewisse exekutive Verbände" der Norweger eingerichtet. Söderman: "Das waren die Stoßtrupps und Saboteure der Heimatfront, die im Waffengebrauch und in Sabotage
ausgebildet werden sollten. Es war uns völlig gleichgültig, ob die Männer für Stalin oder für König Haakon leben und sterben wollten."
Auf Weisung von Söderman brachte der Beamte des "Staatlichen kriminaltechnischen Instituts" in Stockholm, Johan Sundin, "eigenhändig" mehrere Lastwagen voll Waffen und Sabotagemitteln, die aus der Sammlung der von Söderman geleiteten Anstalt stammten, nach Aelgberg. Schwedische Beamte und ihr "Överdirektör" unterrichteten dort die norwegischen Minenleger, "in der Kunst, Sprengkörper und Brandbomben herzustellen, Fahrzeuge und Flugzeuge einsatzunfähig zu machen und die richtigen Eisenbahntransporte hochgehen zu lassen, auch dann, wenn Leerzüge dem wichtigsten Transport vorausfuhren ..."
So haben die Widerständler, darunter zahlreiche Kommunisten vom Schlage des heutigen SED-Zentral-Komitee-Mitgliedes Kurt Viehweg, der damals über Dänemark nach Schweden emigriert war, bei dem eben in Bonn importierten Organisator der Bundeskripo manches gelernt, was Harry Söderman und seinen schwedischen Kriminalisten heute die Jagd auf kommunistische Waffenschmuggler und Atomspione nicht gerade erleichtert.
In Heydrichs Gunst. Trotz Waffenschmuggels hielt Söderman - auch Makler zwischen Nachrichtendiensten im Norden - während der deutschen Besetzung Norwegens guten Kontakt mit dem dortigen Befehlshaber der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, SS-Oberführer Fehlis. Als der Zusammenbruch der deutschen Norwegenfront bevorstand, bat Fehlis Söderman um einen Besuch in Oslo, um Vereinbarungen zu treffen über
* die Abwicklung der Polizeigefangenenlager in Norwegen, und
* die Ueberführung der Angehörigen der deutschen Sicherheitspolizei und des SD auf schwedisches Territorium.
Dann trafen plötzlich Meldungen über bereits eingeleitete Kapitulationsverhandlungen ein. Söderman brauchte sich nicht
mehr zu engagieren. Aber Fehlis bat ihn um eine andere, ihm sehr am Herzen liegende persönliche Gefälligkeit: Asyl für seine norwegische Freundin mit Säugling in Schweden. Söderman sagte Ja und übernahm einen größeren Betrag Schwedenkronen, um den Lebensunterhalt der Norwegerin und ihres SS-Sprößlings zu sichern.
Abends brachte dann der Fahrer des SS-Oberführers, Iredi, Mutter und Kind an die norwegisch-schwedische Grenze, wo Söderman bereits wartete, um die beiden nach Stockholm zu bringen. Fehlis aber beging doppelt-gemoppelten Selbstmord: er schluckte eine Giftampulle und erschoß sich.
Södermans politische und menschliche Beziehungen hinterließen auch noch andere sehr entgegengesetzte Spuren. Noch heute pflegt er freundschaftlichen Verkehr mit früheren Angehörigen der Adjutantur Reinhard Heydrichs. (In seinen Memoiren zählt Söderman nur Arthur Nebe, der noch im Januar 1945 wegen Beteiligung an der Konspiration vom 20. Juli 1944 erschossen wurde, zu seinen früheren Vertrauten. Mit ihm und Helldorf will er bereits 1942 in einer Dachkammer der Nebe-Villa in Berlin-Wannsee konspiriert haben.)
Heydrich gestattete ihm, das kriminalwissenschaftliche Institut im Reichskriminalpolizeiamt gründlich zu studieren.
Das RKPA unterhielt ein einzigartiges kriminaltechnisches Institut, das alle kriminaltechnischen Untersuchungen (Geschosse, Schußwaffen, Gifte, Sprengstoffe, Blut-, Haar- und sonstige Untersuchungen) durchführte. Dieses KTI bildete technisch besonders begabte Beamte aus und besetzte mit ihnen Sonderreferate der Außenstellen.
Was Söderman nun hier und im KTI und auch sonst im RKPA kennenlernte, übertrug er später auf sein Stockholmer Institut. "Das soll er uns jetzt wohl wieder nach Bonn zurückexportieren", meckern seine Lehrmeister, die heute kaltgestellten früheren Oberbeamten.
Kaltgestellt, zwangspensioniert oder auf Wartegeld gesetzt wurden zehn Kriminaldirektoren, 27 Regierungs- und Kriminalräte, 36 Kriminalräte und eine große Anzahl von Kriminalkommissaren. Die meisten politisch unbelastet (Entnazifizierungsgruppe 5). Mit Heydrich und der SS hatten sie weniger zu tun als Harry Söderman. Trotz hoher Qualifikation wurden sie nach 45 nicht wieder in die Kripo berufen, weil sie Angleichungsdienstgrade angenommen und nicht den Dienst quittiert hatten.
Da hieß dann eben der Kriminaldirektor Nicht-Pg. Dr. Zirpins vom Polizei-Institut Berlin-Charlottenburg, der 1933 wegen seiner speziellen Fähigkeiten aus dem Weimarer Kripoapparat übernommen worden war, ab 1939 SS-Hauptsturmführer honoris causa.
Sammelt Pilze. Erst nach Jahren wurde den Besatzern klar, daß sie sich geirrt hatten, als sie 1945 die SS-angeglichenen deutschen Kriminalisten mit der Gestapo und dem SD zusammenwarfen und hinter Internierungs-Stacheldraht schickten. Vom Gesetz betroffen waren nur wenige, die im Krieg ein Kommando beim SD gehabt hatten.
Die Elite der alten Sherlock Holmes aus dem RKPA wurde rehabilitiert, aber in der Mehrzahl bis jetzt noch nicht wieder eingestellt, so daß die Liste der früher maßgeblichen deutschen Kriminalen heute etwa so aussieht:
* Ministerialrat a. D. Werner, ehemaliger Amtsgerichtsrat und Staatsanwalt, vier Jahre Leiter der Badener Kripo und
acht Jahre Deutschlands zweithöchster Kripochef, Organisator der RKPA. Heute Anwaltsangestellter.
* Oberregierungs- und Kriminalrat a. D. Dr. Zirpins, letzter Kripoleiter Hamburgs, Lehrbeauftragter für Kriminologie und Kriminalistik an der Universität Prag, Referent für die gesamte Kriposchulung, Herausgeber von Lehrbüchern, Mitglied der IKPK. Heute Sachverständiger für Wirtschaftskriminalistik.
* Oberregierungs- und Kriminalrat a. D. Lobbes, unter Reichskriminaldirektor Nebe Chef der Exekutive des RKPA. Heute Angestellter der US-Besatzer.
* Regierungs- und Kriminaldirektor a. D. Schraepel, Braunschweiger Kripochef vor 33, letzter Personalchef der Reichskripo, schwer kriegsversehrt. Heute erwerbslos.
* Regierungs- und Kriminalrat a. D. Helmuth Müller, seit 1930 Erkennungsdienstchef im preußischen LKPA, Leiter der Reichserkennungsdienstzentrale im RKPA, letzter Kripochef von Königsberg. Heute erwerbslos.
* Regierungs- und Kriminalrat a. D. Dr.-Ing. Schade, Chef des Schußwaffen-Erkennungsdienstes im RKPA, Experte für Urkundenuntersuchungen und Kriminaltechnik. Heute Kripomeister in Schleswig.
* Kriminaldirektor a. D. Moritz, bedeutendster Praktiker des Berliner Polizeipräsidiums. Heute erwerbslos.
* Oberregierungs- und Kriminalrat a. D. Braschwitz, Kripoleiter Karlsruhe, Fahndungsfachmann. Heute erwerbslos, sammelt Pilze.
* Regierungs- und Kriminalrätin a. D. Wieking, Organisatorin und Chefin der weiblichen Kriminalpolizei. Nach fünfjähriger russischer Internierung erwerbslos.
* Kriminalrätin a. D. Gönne. Heute Volksschullehrerin.
Mit den erfahrenen Kriminalisten wurde auch das bewährte deutsche System der Kripoleitstellen und Kripostellen außer Kurs gesetzt. Diese Stellen bildeten ein engmaschiges Meldenetz, durch das selten ein Verbrecher entschlüpfte. Kriminalfälle,
die nicht nur das Gebiet der Leitstelle interessierten, wurden an das RKPA in Berlin weitergemeldet, das alle Hinweise auf den vermuteten Täter koordinierte und das Signalement vervollständigte, bis der Täter gefaßt war.
Sofort nach Berlin gemeldet wurden auch alle im Reich aufgefundenen und unbekannten Toten. Berlin konnte Minuten nach Eingang einer solchen Totenmeldung z. B. erklären, daß ein an der Donau angeschwemmter unbekannter Toter ein aus Hamburg vermißt Gemeldeter war.
Die aus langjährigen Erfahrungen entstandenen zentralen Einrichtungen, einschließlich Meldenetz, müssen für die Bundesrepublik wieder neu geschaffen werden. Der Fundus, der noch bei einigen örtlichen kriminalämtern liegt, muß für das gesamte Bundesgebiet nutzbar gemacht werden.
Selbst kriminell geworden. Mit der Bildung eines zentralen Bundeskriminalamtes tut eine Reform an Haupt und Gliedern not. In den wenigsten Fällen sind die gegenwärtigen kripochefs alte Kripoleute, sondern allenfalls frühere untere Kripodienstgrade. Die Masse der Kriminalen setzt sich aus kurz ausgebildeten Polizisten zusammen, die bis 1945 nicht zur Polizei gehörten (nach englischem Befehl durften die 1945 eingestellten Polizisten weder aktive Unteroffiziere noch aktive Offiziere der Wehrmacht gewesen sein.)
Selbst der Leiter des Zonen-Kriminalamtes in Hamburg, Voß, hatte bis 1945 nichts mit Kriminalistik zu tun - er war Schupo-Offizier. Die praktische Arbeit beim Zonen-Kriminalamt leitet ein junger Kriminalkommissar, der sich immerhin während des Krieges in einem Berliner Morddezernat kriminalistisches Elementarwissen erworben hat.
Wie unzulänglich die personelle Auswahl allgemein getroffen wurde, zeigten die vielen Abgänge bei der Kripo in den letzten Jahren. Vielfach gingen Kripobeamte ins Gefängnis ab - so in Düsseldorf und Frankfurt, weil sie sich von Schiebern und Schwarzhändlern hatten korrumpieren lassen.
In Trier konnte sogar ein wegen Unterschlagung gesuchter Krimineller Kripochef werden. Er tarnte sich als Herr von Wreden, während er im Fahndungsblatt unter seinem wirklichen Namen Wackwitz kriminalpolizeilich gesucht wurde. Im schleswig-holsteinischen Oldenburg wurden Kripoangehörige von der Bevölkerung bei Einbrüchen entdeckt.
In Braunschweig, wo seit 45 bereits drei Kripochefs wegen Unfähigkeit abgesetzt wurden, ist jetzt auch der vierte, Kriminalrat Hildebrandt, suspendiert worden. Gleichzeitig wurde der Leiter der Fahndungsabteilung, Heinrich Weingärtner, verhaftet, weil er sich mit Ost-Agenten eingelassen hafte.
*) * Bonn darf einen Außenminister ernennen, aber den Verkehr mit den Alliierten regeln die Hohen Kommissare. * Diplomatische Vertretungen dürfen eingerichtet werden, aber weder in den Hauptstädten der drei Westalliierten noch in denen der Ostalliierten. * Bundes- und Landesgesetze bedürfen nicht mehr der jedesmaligen alliierten Zustimmung, können aber jederzeit durch ein Veto aufgehoben werden. * Die einzige ins Auge fallende Aenderung ist der Verzicht des Petersberges auf die Kontrolle innerdeutscher wirtschaftlicher Maßnahmen, des Außenhandels und des Devisenverkehrs.
*) Von den Westmächten kamen später auch Tornister-Funk- und Telefongeräte, Bei der Kapitulation verfügten die norwegischen Polizeitruppen über 644 Lkw., 108 Pkw., 293 Kräder, die ebenfalls in Schweden ausgebildeten dänischen Polizeitruppen über 439 Lkw., 149 Pkw. und 320 Kräder.

DER SPIEGEL 11/1951
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