14.03.1951

SKIFLUGSlalom durch die Luft

Warum schwangen sich vernünftige Männer aus der Luke der Oberstdorfer Riesenschanze, um mit 120 km/h in die Luft zu springen und nach 130 Metern Flug mit dem Geräusch eines niederprasselnden Eisblocks zu landen?
Heini Klopfer, der für Idee und Ausführung der Schanze verantwortlich ist, zuckt mit den Schultern: "Es ist eben das schöne Gefühl des Fliegens. Und dazu kommt natürlich die Freude an der erreichten Meterzahl." Meter-Ehrgeiz gibt auch Schwedens Evert Karlsson zu: "Vor allem kam ich nach Oberstdorf, um einmal über 100 Meter zu springen." Weitere Gründe: der abgedroschene "Rausch der Geschwindigkeit" und ein "gewisses wollüstiges Gefühl", das einige Sportler empfunden haben wollen.
Sie empfinden aber auch Angst, zumindest kurz vor dem Sprung, beim Blick vom Turm in den 161 Meter tiefer liegenden Auslauf. Der deutsche Ex-Meister Toni Brutscher murmelte nach einem Sturz: "I hab koan Schneid nimmer." Er sprang ohne Schneid und stand 119 Meter. Oesterreichs Sepp Bradl packte im Vorjahr sogar solch eine "sakrische Angst", daß er zwei Tage pausierte.
Nach einem Sturz ist es besonders schlimm. Sepp Weiler: "Seit meinem Sturz in Reichenhall (wobei er eine schwere Gehirnerschütterung erlitt) habe ich ein gewisses Angstgefühl, vor allem kurz vor dem Aufsprung."
Als er am Abschlußsonntag der Oberstdorfer Flugwoche trotzdem 128 Meter geschafft hatte, erklärte er das vorherige Abfallen seiner Leistungen deutlicher: "Ich hatte und habe Sorgen. Ich weiß nicht, was aus mir wird. Die Hochleite (ein von ihm geführtes Gasthaus) habe ich abgegeben. Ich wollte in Oberstdorf bauen. Ich weiß noch lange nicht, ob es klappt. Ich habe 5000 DM Abfindung für die Hochleite bekommen. Die sind jetzt zu Ende. Ein fremder Geldmann will mir die Mittel für einen großen Hotelbau geben. Aber es geht nicht vorwärts."
Definierte Unterschiede. Völlig angst- und sorgenfrei schienen nur zwei Teilnehmer: "Der neue deutsche Sprunglaufmeister Sepp Kleisl (22) und Finnlands Tauno Luiro standen ohne jede Hemmung auf dem Turm", meinte Dr. Ernst Bader, der Vizevorsitzende des Deutschen Skiverbandes (DSV). Tauno ist so hemmungslos, daß er dem Publikum während des Fluges mit den vorgestreckten Händen zuwinkte*). Er sagt: "Mir ist es ganz egal, ob ich auf einer großen oder kleinen Schanze springe." Sven Pettersson (Schweden) stimmt ihm ungerührt zu: "Ich sehe überhaupt keinen Unterschied zwischen Springen und Fliegen."
Die Experten sind anderer Ansicht. Ihrer fünf standen an der Schanze, um der neuen Sportart "Skifliegen" die wissenschaftlichen
Grundlagen zu geben. Dr. Grunow und seine Kissinger Wetterdienstleute gaben jedesmal Alarm, wenn Windmeßballon und Rauchraketen idealen Gegenwind (um 2 m/sec) anzeigten. Skiflugwissenschaftler Dr.-Ing. Robert Straumann aus Waldshut bei Basel definierte den von Pettersson bestrittenen Unterschied: "Der Skispringer unterliegt den Gesetzen der Ballistik (Wurflehre). Die erreichte Meterweite ist - abgesehen von kleinen Korrekturen während des Sprunges durch den Springer - eine Sache der Ablaufgeschwindigkeit und des Absprungs. Unsere Messungen in Oberstdorf dagegen ergaben einwandfrei, daß der Skiflieger den Gesetzen der Aerodynamik unterliegt. Seine eigentliche Arbeit beginnt erst, wenn er vom Schanzentisch runter ist, auf dem Luftkissen liegt und dort fliegt, d. h. also Gegenwind und Aufwind durch Körperhaltung maximal ausnutzt."
Tragende Momente. Aerodynamisch wirkt ein Skiflieger so ähnlich wie ein Doppeldecker. Bei der großen Geschwindigkeit, mit der ein Flieger abläuft, bilden sich über den breiten Sprungskiern und über seinem Rücken sogartige Luftwirbel, die ihn nach oben saugen, wie das auch bei einer Flugzeug-Tragfläche geschieht.
Zweites tragendes Moment ist der Aufwind. Genau genommen wirken in ihm zwei Strömungen zusammen: die normale Windströmung, die den Hang hinan weht (Hangwind) und der senkrechte Aufwindstrom (Thermik), der über erwärmter Erde entsteht.
Um eine möglichst starke Thermik zu bekommen, legte Heini Klopfer seine Flugschanze entgegen aller Tradition nicht auf einen schneesicheren Nordhügel, sondern auf einen sonnenbestrahlten Südost-Abhang.
Bei einem Luiro-Sprung am Schlußsonntag versagten die Windströmungen. Eine Böe ließ den Finnen bei 115 Metern herabplumpsen. Mit 100 km/h rutschte er auf dem Hosenboden in den Auslauf. "Wird das heiß", zischte er und rieb sich den betroffenen Körperteil.
Dreifach durchgeführte Geschwindigkeitsmessungen ergaben überraschend, daß Skifliegen ein Sport der kleinen Leute ist. Eidgenosse und Ex-Weltmeister Fritz Tschannen, 1,79 Meter groß, 84 Kilogramm schwer, hat zwar beim Absprung mehr Wucht und im Flug eine größere Auftriebsfläche als der schmächtig-drahtige Tauno Luiro (1,61 m, 58 kg), der dieses Handicap aber durch seinen geringen Luftwiderstand mehr als ausgleicht.
Beide hatten laut Meßteam etwa die gleichen Geschwindigkeiten: beim Absprung 113 km/h, auf dem Höhepunkt der Flugkurve 90 km/h, beim Aufsprung 120 km/h. (Den absoluten Skigeschwindigkeitsweltrekord erreichte Ceno Colo mit Stromlinienverkleidung auf der Marmolata-Bahn bei 151 km/h.) Außerdem glaubt keiner der Experten, daß "Bulle" Tschannen den Luiro-Aufsprung bei der 139-Meter-Marke (der Aufsprungdruck beträgt bei dieser Weite etwa 100 kg plus Eigengewicht) durchgestanden hätte.
Der Gehirntrust revidiert. Der Gehirntrust des Internationalen Skiverbandes (FIS, Fédération Internationale de Ski) revidierte seine vorjährig geübte Kritik an dem Oberstdorfer Unternehmen. Damals nannte Dr. Straumann Klopfers Werk eine "Stückelarbeit". Auf DSV-Druck hin widerrief er diese Ansicht wenig später. Und nach Luiros Weltrekord schloß er Klopfer tiefbewegt in seine Arme: "Heini, Deine Schanze ist wunderbar!"
Auch die reife Skepsis von FIS-Sprungwart Sigmund Ruud, 44 (der selbst 1934
auf der Großschanze Planica/Jugoslawien einen 95-Meter-Rekord aufstellte) legte sich, als er dem Birgsautal einen zweitägigen Ueberraschungsbesuch abgestattet hatte. "Es ist die herrlichste Anlage der Welt", komplimentierte er Klopfer, um später einzuschränken: "Mir steht beim Skifliegen immer noch die Sensation etwas zu sehr im Vordergrund". Dann fiel ihm ein, daß auch seine Sprünge einst Sensationen hervorriefen, und er meinte zu Straumann: "Ich glaube doch, daß die FIS das Skifliegen irgendwie in die Hand nehmen müßte" ... "um es zu kontrollieren", pflichtete ihm Ski - Experte Feldmann (Schweiz) bei.
Bisher hat die FIS ihre Hand weit weg vom Skifliegen gehalten. Die Oberstdorfer Anlage war für sie ein illegales Gerüst, denn nach ihren Bestimmungen sind nur Schanzen mit einem kritischen Maximalpunkt bei 80 Metern zugelassen. (Der kritische Punkt einer Schanze kann ohne Risiko nicht übersprungen werden, wovor das FIS-Reglement ausdrücklich warnt.) In Oberstdorf liegt der kritische Punkt bei 120 Metern.
Die Streitsache "Stil" hat Tauno Luiro liquidiert. Heftig hatten sich die Fachleute gezankt, ob Eidgenosse Däschers Flugart (Hände am Oberschenkel) oder die von Dan Netzell (Arme nach vorn gestreckt) die günstigere und formvollendete sei. Däscher mußte vorzeitig verletzt nach Hause fahren, Netzell wurde von einer Angina geplagt und Luiro flog ohne merkliche Stilrücksichten. Die Arme bewegte er um eine Mittellage, einen konventionellen, breiten V-Winkel. Immerhin staunte Rund: "Luiro ist das Sprunggenie." Trotzdem bleibt Dr. Straumann dabei, daß er die Däscher-Haltung bereits 1926 im Göttinger Windkanal als die beste und stabilste errechnet hat.
Eine Mordsidee. Auch wollte Straumann die Flugwoche 1951 ursprünglich nicht nach Weiten, sondern nach einem von ihm errechneten Verhältnissystem Geschwindigkeit zu Weite werten. Siegen sollte nicht der weiteste Flug, sondern der Flieger, der mit der geringsten Fluggeschwindigkeit die relativ größte Weite erreicht. "Denn der kann dann wirklich fliegen". Meßuhrenschäden durchkreuzten sein Vorhaben. Doch ist er zusammen mit Klopfer fest entschlossen, diese Wertung im nächsten Jahr, zumindest inoffiziell, durchzuführen.
Die beiden glauben ohnehin, daß mit dem Luiro-Rekord die Oberstdorfer Anlage bis auf einen Bruchteil ausgeflogen wurde. Auch der Finne gibt zu: "Wenn ich wieder mal in Oberstdorf springe, ich hoffe nächstes Jahr, und merke im Flug, daß ich hinter der 140-Meter-Marke landen werde, gehe ich schon vorher herunter, weil den Aufschlagdruck kein Mensch mehr aushalten kann."
Mit diesem absichtlichen Heruntergehen würde der Finne bereits das machen, was sich Straumann von einer zukünftigen Flugkonkurrenz erträumt. Seine Vision: "Der Springer lernt auf Flugschanzen bei diesen Geschwindigkeiten, mit der Luft als tragendem Medium zu spielen anstatt wie früher mit ihr zu kämpfen. Er wird den Flug in allen seinen Phasen so beherrschen lernen, daß er irgendwo an einer vorgeschriebenen Stelle wird landen können. Ich sehe die Möglichkeit von Zielkonkurrenzen, bei denen Landungspunkte in Form von Zielscheiben oder Zielvierecken vorgeschrieben sind. Ich sehe aber auch die Möglichkeit einer Art Flugslalom, bei der eine vorgeschriebene markierte Schlangenlinie durchflogen werden muß."
Lacht Heini Klopfer: "Ist ja eine Mordsidee; ich weiß bloß nicht, wie er in der Luft die Slalomlinie markieren will".
*) Der Lappländer Luiro (von Sportjournalisten "Drops" benannt) war so übermütig, weil er in Oberstdorf die bisher beste Zeit seiner 19 Jahre erlebte. Nachdem er am Freitag den 139-Meter-Weltrekord aufgestellt hatte, tanzte er um 23.48 Uhr im Nachtlokal "Chateau bleu" mit der platinblonden Sportjournalistin Dr. Isolde Sieben den ersten Tanz seines Lebens, einen Walzer. (Seine Partnerin kommentierte: "Ich muß sagen, er hat ein tolles Gefühl für Rhythmus".) Erst morgens um 3.58 Uhr kam er ins Bett. Im Samstag gähnte Tauno auf der Schanze: "Ich bin ja so müde", und zerbrach prompt bei einem 137-Meter-Sturz seine Bretter.

DER SPIEGEL 11/1951
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