21.03.1951

BILDER / COMICSOpium der Kinderstube

Meisterboxer Joe Palooka widerfuhr es, daß er verheiratet wurde. Ham Fisher hatte es so beschlossen.
Ham Fisher ist einer der führenden Zeichner von comics, jenen Bildergeschichten, die streifenweise (comic strips) dem
Amerikaner Butter auf der täglichen Zeitungslektüre und für 10 Cents heftweise (comic books) geistiges Kaugummi sind. Und Joe Palooka ist der Heros in Hams comics, ein Champion, der alles hinter sich läßt, was je durch die Seile kletterte.
Daß Joe nicht wirklich existiert, hinderte nicht, daß er zu seiner Hochzeit Geschenke aus ganz Amerika erhielt. Tausende von Lesern glauben an seine Leibhaftigkeit und warten darauf, daß er einmal in ihrem Städtchen boxen wird.
Angesichts dieser und ähnlicher Wirkungen der comics erscheint es nicht erstaunlich, daß die psychologische Kriegsführung sich ihrer bedient: Rund fünf Millionen comic books haben die amerikanischen Propagandastellen bisher in Ostasien verteilt, um damit die kommunistische Ideologie zu bekämpfen.
Der erste Versuch in Vietnam war so erfolgreich, daß eine Bilderbuchoffensive großen Stils gegen Rotchina eingeleitet wurde. US-Bilderbücher, zu Tausenden vom Brückenkopf Hongkong her eingeschmuggelt, erzählen in einfachen Zeichnungen, wie die Kommunisten zuerst als Freunde der Bauern kamen, aber bald diktatorische Vollmachten an sich rissen.
Bei den Analphabetenmassen scheint die comic-Technik überzeugend zu wirken. Die chinesischen Kommunisten hatten selbst während des Bürgerkrieges in wirksamen Holzschnittbildern für ihre Sache geworben.
In Korea werden die comics jetzt in wachsendem Tempo über den feindlichen Linien abgeworfen. Sie fordern die Gegner in Bildsprache auf, sich ihrer Kommissare zu entledigen.
Ueber diese neue Ausbreitung der comics sind die comic-Gegner in den Vereinigten Staaten nicht glücklich. Führende Aerzte, Pädagogen, Psychologen, Publizisten haben die Bilderbuchmode verdammt. So schrieb Dr. Frederic Wertham, Chef der Lafargue Klinik in New York: "Meine klinischen Studien haben mich überzeugt, daß durch die comics der Brunnen
spontaner Kinderphantasie vergiftet wird."
Der Doktor glaubt, daß die Bildbücher weitgehend für das Anschwellen der Jugendverwahrlosung in den Vereinigten Staaten verantwortlich zu machen seien. Buchkritiker John Mason Brown nennt die comics "Das Opium der Kinderstube". Gilbert Seldes geht noch weiter. Dieser Historiker aller Formen von Volksunterhaltung ist überzeugt, daß die Bilderbücher auf die Dauer das amerikanische Volk verdummen werden. Denn nicht nur die Minderjährigen, sondern auch die Erwachsenen würden mehr und mehr comic-süchtig.
Dies scheint auch die Meinung eines führenden Herstellers von "comic books" zu sein. Der Direktor der "Fox Features Syndicate", das in der Herausgabe von sadistischen, erotisch angehauchten comics spezialisiert ist, erklärte in einer Versammlung von comic book-Verlegern: "Es gibt mehr Dummköpfe als richtige normale Menschen - wußten Sie das nicht?"
Kaum eine amerikanische Zeitung kann, wie etwa die "New York Times", darauf verzichten, ihren Lesern die Bildfortsetzungsgeschichten Tag für Tag und außerdem noch in einer bunten Sonntagsbeilage vorzusetzen. Die comic - Sucht ist so groß, daß während eines Zeitungsstreiks, den um ihre täglichen comics zitternden New Yorkern die Fortsetzungen am Radio beschrieben und vorgelesen wurden.
Zu den prominentesten "comic"-Zeichnern gehören außer Ham Fisher mit seinem Joe Palooka: Chester Gould mit seinem Meisterdetektiv Dick Tracy. Dick hat eine märchenhafte zackige Nase und wird von den Männern bevorzugt.
Milton Caniff, Schöpfer der strips "Terry and the Pirates". Er zeichnet jetzt die Abenteuer eines amerikanischen Tausendsassas namens Steve Canyon. Chic Young, dessen fruchtbarer Feder der haarsträubend frisierte Dagwood nebst gelockter Gattin Blondie, Kindern und Hunden entspringen. Als Zeichner des "durchschnittlichen amerikanischen Ehepaares" Blondie und Dagwood macht er jährlich 300 000 Dollars.
All Cap, Erfinder des strip Li'l Abner, der einzige Zeichner von großem Format. Er macht sich über die amerikanischen Eigenarten und Unsitten unbarmherzig lustig, sogar über die comic-Sucht.
Bick Yager, dessen Buck Rogers das Vorbild einer ganzen Generation maschinenbewaffneter
"Uebermenschen" in der Welt der comics wurde.
Dazu kommen Hunderte von schlecht bezahlten kleinen Zeichnern und Autoren, die den Massenbedarf befriedigen müssen. Ihre Schmökergeschichten vom "blonden Phantom", der "menschlichen Fackel", dem "Fledermaus - Mann", den "Herren der Todesstrahlen", der "nackten Marsgöttin" sind in den Augen der comic-book-Gegner für den amerikanischen Volksgeschmack, was der Wurm für den Apfel ist.
In mehreren US-Städten, z. B. in Detroit, war der Verkauf von comic books als entsittlichend untersagt, bis 14 comicbook-Verleger 1948 eine Art freiwilligen Codex annahmen. Danach sind in comics verboten:
* Sexuell Aufreizendes
* Glorifizierung von Verbrechen
* Szenen sadistischer Marterei
* obszöne Szenen
* Verherrlichung von Scheidungen
* religiöse oder Rassenhetze.
Die restlichen sechzehn Verleger halten sich nicht an den Code und haben den anderen allmählich einen guten Teil ihres Geschäfts weggenommen. Um konkurrieren zu können, haben die weniger skrupellosen Herausgeber nach und nach wieder rohesten Geschmackstendenzen nachgegeben. Selbst in comic book-Versionen von Klassikern wie "König Lear" und Dickens-Romanen werden mit Vorliebe Szenen gezeichnet, in denen gefoltert und getötet wird.
So allgemein ist die comic book-Lesegewohnheit geworden, daß sogar politische Wahlpropaganda sich mehr und mehr der comic books bedient. James Roosevelt warb mit einer rührenden Bilderbuchbiographie bei der letzten Gouverneurswahl in Kalifornien um Wahlstimmen. Die Gewerkschaften hämmerten auf dieselbe Weise gegen Senator Taft bei der letzten Wahl im Staate Ohio.
Sie setzten einen kümmerlich aussehenden Taft als Titel auf ihr comic book. Drinnen erscheinen "Wallstreet - Geldsäcke" mit dicker Zigarre und Doppelkinn und geben zu verstehen, daß Taft ihr Mann ist.
Das Nationalkomitee der Demokraten dagegen zeigt auf seinem comik book einen sehr edel gezeichneten Truman. Und die Bilder zeigen eindrucksvolle Situationen aus der "packenden Geschichte des 33. Präsidenten".
Die Unternehmerverbände gaben ein in Millionen verbreitetes Büchlein zur Verteidigung des kapitalistischen Systems unter dem Titel "We hit the Jackpot" ("Wir machen den Haupttreffer") heraus. Die Elektrofirma Westinghouse verteilt comic books frei an Schulen. In ihnen werden physikalische Grundprinzipien erklärt.
Auch in Deutschland werden comics amerikanischer Produktion vertrieben. Nachdem die zunächst führende "Blondie" an Beliebtheit eingebüßt hat, ist es jetzt vor allen Dingen der Detektiv Rip Corby, dessen Abenteuer streifenweise bevorzugt werden. In Cowboy Cisco ist ihm ein starker Konkurrent erwachsen. Von Rip Corby sind auch zwei deutsche comic books erschienen. Und ausverkauft.
Der Mann, der zuerst comic-Bücher herausgab, ist Harry I. Wildenberg, Zigarrenhändler, später Verkaufsmanager einer Farbdruckfirma, heute im schönen Florida zurückgezogen lebend.
Mr. Wildenberg sagt von sich: "Ich habe die Lesegewohnheiten einer Generation geändert." Seine Idee: die bis 1932 nur in Zeitungsfortsetzungen erscheinenden comic
strips in billigen Büchern zusammenzufassen.
Das erste comic book wurde von den Tankstationen der Firma "Gulf Oils" gratis verteilt. Drei Millionen Exemplare gingen weg im Nu. Die Seifenfirma Procter and Gamble war Wildenbergs nächster Kunde. Auch ihre comic books kamen zu phantastischer Popularität. Ueber fünf Millionen Kunden schickten Bons ein, um Gratisbilderbücher zu bekommen.
Wildenberg war der Ansicht, daß ein nach comic-Büchern hungerndes Publikum auch gerne 10 Cents für die neue Lieblingslektüre ausgeben würde. Die Rechnung war richtig. An jeder Ausgabe verdiente seine Firma "Eastern Color Printing" dreißigtausend Dollar.
Andere Verlage rochen das neue Geschäft. Die Bilderbuchflut stieg von Jahr zu Jahr. Durch Gratisverteilung an die Streitkräfte während des zweiten Weltkrieges wurden Millionen junger Amerikaner an die neue Lesediät gewöhnt.
Wildenberg selbst ist längst nicht mehr im Geschäft. Wenn es nach ihm ginge, sollten alle comic books vernichtet werden. "Anfangs dachte ich nicht darüber nach, welche sozialen Folgen die Sache haben würde", erklärt er. "Ein Geschäftsmann denkt selten weiter als bis zu seinen Profiten."

DER SPIEGEL 12/1951
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