18.04.1951

AUTOMOBILE

Angriff abgeschlagen

Mit einem einzigen Blick kann man aus der Außenhandelsstatistik 1950 ablesen, daß am 19. die Eröffnung der Frankfurter Autoschau - es ist die erste repräsentative Ausstellung seit der 39er am Berliner Funkturm - mehr im Zeichen des ausländischen Interesses am deutschen Angebot als des deutschen Interesses am ausländischen Angebot stehen wird: Der Wert der deutschen Pkw.-Ausfuhr 1950 übersteigt den Wert der Einfuhr um annähernd das Zehnfache. Und der Anteil ausländischer Fabrikate an den Neuzulassungen in Deutschland 1950 beträgt 5,2 Prozent.

Die Sorge der deutschen Automobil-Industrie vor bedrohlichem Druck ausländischer Konkurrenzprodukte - im Kreis der fachlich Halbgebildeten galt lange Zeit der kleine Renault geradezu als Kinderschreck für den Volkswagen - ist fürs erste überwunden.

Als Erhard die Liberalisierung des deutschen Außenhandels proklamierte, bat die deutsche Automobilindustrie, wenigstens

die Personenwagen auf die Sperrliste zu setzen, was denn auch, mit geringfügigen Ausnahmen, geschah. Man könnte es sich leisten, Auto-erzeugende Nachbarländer durch Einfuhrsperre für Automobile zu verstimmen, weil der deutsche Autoexport seinen Markt vorwiegend in den Ländern sucht, die selbst keine Auto-Industrie besitzen.

Zwei Motive lagen dieser Bitte zugrunde:

* einmal die Tatsache, daß die deutschen Personenwagen noch nicht wieder Vorkriegsqualität erreicht hatten,

* zum andern die auch heute - trotz Torquai - noch bestehende Tatsache, daß der deutsche Zolltarif für Kraftfahrzeuge nach Gewicht berechnet wird und die erhöhten Nachkriegspreise nicht berücksichtigt, der Einfuhr ausländischer Fahrzeuge also Tor und Tür öffnet; umgekehrt hingegen haben die meisten Automobil-erzeugenden Länder für Kraftfahrzeuge den Wertzoll eingeführt, wodurch die deutschen Produkte im Handicap waren.

Immerhin, die ersten ausländischen Fahrzeuge kamen ins Bundesgebiet - da Last- und Lieferwagen liberalisiert waren, zunächst auf dem Umwege des sogenannten Kombiwagens, jenes Zwittergebildes zwischen Personen- und Kleinlieferwagen.

Teilweise passierten die ausländischen Fahrzeuge die Grenze als Lieferwagen und bekamen erst in Deutschland neue Rücksitze, um sich auf diese Weise rasch zum echten Personenwagen zu wandeln.

Eine Ausnahmestellung nahm von Anfang an Fiat ein. Schon vor dem Kriege hatte die deutsche Fiat-Gesellschaft als "NSU-Fiat" firmierende Fahrzeuge in Heilbronn montiert. Wesentliche Bestandteile waren dabei deutschen Ursprungs.

Da außerdem die Fiat-Automobile von jeher in Deutschland einen, wenn auch nicht sehr großen, so doch sehr konstanten Marktanteil hatten, erhielt Fiat sehr früh Einfuhrlizenzen für Teile, nachdem bis dahin schon recht beachtliche Stückzahlen kompletter Fahrzeuge für den Verkauf an Besatzungsangehörige eingeführt worden waren.

Es blieb nicht bei Fiat. Auch Renault begann, sich für den deutschen Markt zu interessieren. Und es ist unbestritten, daß der possierliche Renault sogar auf starkes Interesse stieß. Die vor dem Kriege gegründete deutsche Renault-Gesellschaft

gründete sich in Baden-Baden neu, baute einen ausgedehnten deutschen Händler- und Kundendienst auf - und kämpfte um Einfuhrlizenz. Anfangs mit erträglichem, neuerdings wieder mit negativem Erfolg.

Immerhin wurden im Jahre 1950 rund 1700 Renault-Automobile im Bundesgebiet zugelassen. Es wären mit Sicherheit mehr geworden, wären die Einfuhrlizenzen erteilt worden. Das deutsche Interesse an ausländischen Kraftfahrzeugen konzentriert sich sehr erheblich auf die Kleinstwagen unter 1 Liter (vergleiche Tabellen).

Die Bereitschaft, bundesdeutsche Lizenzen zu geben, erlahmte jedoch sehr schnell, als sich herausstellte, daß Frankreich seinerseits keineswegs geneigt war, deutschen Wagen seine Grenzen zu öffnen, obwohl deutsche Wagen, insbesondere Volkswagen, allein schon wegen der langen Lieferfristen der französischen Automobil-Industrie in Frankreich einen aufnahmebereiten Markt gefunden hätten.

Auch englische Wagen warben plötzlich um deutsche Käufer, vor allem Standard, der sich sowohl als Kombiwagen als auch als Limousine durchzusetzen vermochte. Daneben Hilman, Morris und im bescheidenen Maße auch Austin - ohne sonderlichen Erfolg.

Abgesehen vom Standard Vanguard, der preislich und leistungsmäßig hervorragende Bedingungen bot, ging der Anreiz, englische Personenwagen zu kaufen, sehr rasch verloren, nachdem die ersten Käufer eine bittere Erfahrung machen mußten: die weit verstreuten Kundendienst-Stützpunkte und der schleppende Nachschub von Ersatzteilen machte auch einen billig angeschafften Wagen im Endeffekt sehr rasch zu einem teuren Fahrzeug.

Bleiben Skoda und Tatra, zwei Fahrzeuge aus der Tschechoslowakei, die dank der staatlich gelenkten Außenhandelspolitik ihres Ursprungslandes besonders

preisgünstig auf den europäischen Märkten erschienen und z. B. in Belgien und Holland auch beachtliche Verkaufserfolge erzielten. Aber während der Tatra auf alte Freunde stieß, vermochte sich der Skoda deutschen Konkurrenten gegenüber nicht durchzusetzen. Die Stückzahlen, mit denen er im Bundesgebiet verkauft wurde, sind unerheblich.

Die großen amerikanischen Fahrzeuge fahren in Deutschland außer Konkurrenz, da es in Deutschland außer auf dem Gebrauchtwagenmarkt bis heute noch keinen großen, luxuriösen, den Amerikanern gleichwertigen Reisewagen gibt, wie ihn

einst Horch, Daimler-Benz oder Maybach gebaut haben.

Am Vorabend der ersten Internationalen Automobilschau im Bundesgebiet kann die deutsche Automobilindustrie den Angriff der ausländischen Konkurrenz auf den deutschen Markt als abgeschlagen ansehen.

Durch eine wieder auf Vorkriegsstand gebrachte Qualität, hat sie ein Finish erreicht, das die ausländischen Fahrzeuge teilweise sogar übertrifft.

Kundendienst und Ersatzteil-Organisation sind zu einem überzeugenden Argument geworden, das sich käuferpsychologisch sogar gegen höhere Leistung und größeren Komfort durchzusetzen vermochte: Das in der Auslandswerbung raffinierte Volkswagenwerk führt in der Schweiz seit Monaten einen Werbefeldzug, in dem ausschließlich auf Kundendienst- und Reparatur-Festpreise hingewiesen wird - eine Einrichtung, die von keiner ausländischen Konkurrenzmarke mit gleicher Konsequenz gepflegt wird.

Die Teil-Liquidation der Handelsliberalisierung und die Sperre der Einfuhr von Luxusgütern drängt für den Augenblick die ausländische Konkurrenz sogar stärker zurück, als es dem Interessenten am Inlandsmarkt lieb sein kann. Denn die Belebung, die der deutsche Automobilbau in den letzten Jahren erfuhr, wird wesentlich auf drohende oder vorhandene Konkurrenz ausländischer Fahrzeuge zurückgeführt.

Mit Details - wie Polsterung, Innenausstattung, Heizung, Scheibendefrostern usw. - hätten sich die deutschen Hersteller nicht so viel Mühe zu geben brauchen, wenn solcher Komfort nicht während des Dornröschen-Schlafs der deutschen Konkurrenz vom 1. September 1939 bis zum 20. Juli 1948 im Ausland alltäglich geworden wäre.

Daß dagegen die Preise der Ausländer trotz der geringen Gewichtszölle des deutschen Zolltarifs nicht dazu gezwungen haben, die Preise der deutschen Personenwagen wesentlich zu senken - dieses Faktum ist für die Preispolitik der deutschen Autoindustrie eine kräftige Stütze gewesen. Und daran wird sich auch wenig ändern, solange Automobile in Europa Mangelware sind und der ausländische Markt eher längere Lieferfristen hat als der deutsche.

<0Kasten0>

In Westdeutschland wurden 1950 zugelassen:

Fiat 500 C (Italien) ... 3123

Renault 4 CV (Frankreich) ... 1760

Standard-Vanguard 2 Ltr. (Engl.) ... 405

Fiat 1,1 und 1,4 Ltr. (Italien) ... 355

Citroen 1,9 Ltr. (Frankreich) ... 336

Simca 1,2 Ltr. " ... 279

Panhard-Dyna " ... 150

Chrysler 4,1 u. 5,2 Ltr. (Amerika) ... 121

Chevrolet 3,5 Ltr. (Amerika) ... 118

Studebaker 2,8 u. 4 Ltr. ... 109

Skoda 1,1 Ltr. (Tschechoslow.) ... 101

Tatraplan 2 Ltr. (Tschechoslow.) ... 88

Ford-Vedette 2,2 Ltr. (Frankreich) ... 79

Ford V 8 u. 6 Zylinder (USA) ... 70

Citroen 2,9 Ltr. (Frankreich) ... 57

Buick 4,3 Ltr. (USA) ... 50

Sonstige ... 407

7608

</0Kasten0>

<0Kasten0>

Deutsche Pkw-Einfuhr

1950 26,2 Mill. DM

Deutsche Pkw-Ausfuhr

1950 233,9 Mill. DM Außenhandel mit Personenkraftwagen

LandAusfuhr nach DeutschlandEinfuhr aus Deutschland
Italien3 485 Stück42 Stück
Frankreich2 680 "1039 "
USA650 "343 "
England574 "2 "
Sonstige *)9 "61 147 "

*) Hauptabnehmer Deutschlands: Belgien, Niederlande, Schweden, Schweiz, Südafrika, Brasilien, Dänemark, Österreich

Anteil ausländischer Fabrikate an den in Deutschland 1950 erstmalig zugelassenen Pkw

GrößenklasseGesamtzulassungdavon AusländerProzent-Anteil
Pkw bis 1 Ltr.10 3595 11249,2 %
Pkw 1-1,5 Ltr.101 5748390,8 %
Pkw 1,5-2 Ltr.25 8954361,7 %
Pkw 2-2,5 Ltr.6 6985047,5 %
Pkw üb. 2,5 Ltr.72071799,6 %
Gesamt:145 2467 6085,2 %

Den ersten deutschen Dreiliter-Wagen der Nachkriegszeit wird Mercedes-Benz auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt zeigen: Der Mercedes 300 (Bild rechts) hat einen sechszylindrigen Dreiliter-Motor, der 115 PS und eine gestoppte Spitze von 155 km/h garantiert, Treibstoffverbrauch 13,8 Ltr. Auf der Grundlage des 170 S aufgebaut, jedoch in vieler Hinsicht technisch komplettiert, ist der neue Mercedes 220 (Bild links). Der sechszylindrige, ebenfalls obengesteuerte 2,2-Ltr.-Motor garantiert 80 PS und 137 km/h Endgeschwindigkeit (170 S: 4 Zylinder, 52 PS, 120 km/h Spitze). Die Typen 170 V, 170 D und 170 S werden weitergebaut.

</0Kasten0>


DER SPIEGEL 16/1951
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 16/1951
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOMOBILE:
Angriff abgeschlagen