02.05.1951

VERMISSTEN-SUCHE

Menschliche Bedürfnisse

Noch nicht einmal seinen Patienten erzählt der Koblenzer Chirurg Dr. med. Helmuth Wagner freiwillig die Geschichte von den geheimnisvollen Totenlisten, die er, unsichtbar für Lagerwachen und Kommissare, aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland schmuggelte.

"Viele Organisationen haben sich schon mit Nachforschungen über Vermißte und Verurteilte befaßt und alle arbeiten für sich weiter", meint Helmuth Wagner. "Wer einmal Angaben gemacht hat, wird laufend von den verschiedensten Stellen mit Fragen bestürmt. Aus all dem entsteht der Eindruck, daß es an einer Systematik und Einheitlichkeit fehlt und daß auch die 1950er Registrierung keine Klärung gebracht hat."

Hinter einem prallgefüllten Ordner mit Auskunftswünschen von Hinterbliebenen sagt er: "Würde ich meine Adresse nicht überall verschweigen, könnte ich ab morgen, statt zu operieren, nur noch Briefe schreiben." Zu viele Landser sah Helmuth Wagner sterben.

Als der Krieg am 8. Mai 1945 auch für die Heeres-Pioniere auf der Halbinsel Hela vorbei war, mußte Stabsarzt Dr. Wagner, damals 32, eine halbe Stunde südwestlich Baranowitschi das neue Kriegsgefangenenlager Lesnaja aufbauen helfen. Zweieinhalbtausend deutsche Kriegsgefangene hausten ab Oktober 1945 in Lesnaja. Wenn einer von ihnen starb, schloß Dr. Wagner ihm gewöhnlich die Augen. Kein einziger Todesfall entging ihm, der Arzt im Lagerlazarett war.

Am 8. August 1946 wurde der Gefreite Heinrich Martin aus Mannheim-Friedrichsfeld von seinen Kameraden zu Grabe getragen. Er war der 127. Tote von Lesnaja. Als Martins Frau viel später und auf Umwegen davon erfuhr, bemühte sie sich - wie damals viele Angehörige von in Rußland verstorbenen Kriegsgefangenen - um eine amtliche Todeserklärung. Aber von sowjetischer Seite schwieg man sich aus, und deutschen Gefangenen, die Nachrichten über verstorbene Kameraden aus dem Lager zu bringen versuchten, drohte ein Spionageverfahren mit sofortigem Abtransport oder Todesurteil.

Lagerarzt Dr. Wagner hatte eine Idee: Er nähte einen doppelten Boden in den mittleren Fingerling eines Heimkehrer-Handschuhs, legte einen Papierfetzen mit einer eidesstattlichen Erklärung über Martins Tod hinein und verklebte alles sorgfältig mit Gummilösung. Aber der Deutschland-Heimkehrer reiste ohne Handschuh ab. Die Sache war ihm zu gefährlich. Und Dr. Wagner mußte nach neuen Auswegen sinnen.

Abends, wenn in den Krankensälen das Licht ausging, saß er nun monatelang heimlich über Formeln und Reagenzgläsern und experimentierte an seinem neuen Plan herum: "Man müßte unsichtbar schreiben können." Niemand durfte

davon wissen, denn zu viele Landser waren schon zu Verrätern geworden.

Eines Nachts fand Wagner heraus, daß mit einer wässerigen Tannin-Lösung unsichtbar auf Papier gezogene Striche nach besonderer chemischer Behandlung plötzlich schwarz anlaufen. Tannin, einen Gerbstoff zur Behandlung von Haut- und Schleimhauterkrankungen, gab es genug im Lazarett. Es galt nur, die richtige Konzentration zu finden, der auch Kälte, Schmutz und rauhe Hände nichts anhaben konnten.

In der Nacht zum 16. März 1948 rauhte Wagner das Umschlagpapier eines Päckchens russischen Tabaks im Wasserbad auf, ließ es trocknen, tauchte eine gereinigte Füllhalterfeder in eine 1,5 prozentige farblose Tanninlösung und schrieb damit auf der Innenseite des Tabakpapiers unsichtbar an seine Frau:

"Ich hoffe bald nach Hause zu kommen. Jedoch weiß niemand hier, ob er jemals entlassen wird ... Laß von den folgenden Worten beim Roten Kreuz eine Abschrift anfertigen und übermittle sie weiter ... es gibt keinen anderen Weg, der Frau diese Nachricht zuzustellen, die sie für ihre Unterstützung braucht."

Und dann: "An Frau Rosel Martin, Mannheim-Friedrichsfeld. Ich erkläre eidesstattlich, daß der Kriegsgefangene Heinrich Martin am 8. August 1946 in russischer Kriegsgefangenschaft an Ruhr gestorben ist. Nach meiner Rückkehr kann ich diese Erklärung durch Eid bekräftigen. Dr. Wagner." Nach dem Abtrocknen faltete er das Papier zweimal zusammen und steckte es einem Heimkehrer in die Hosentasche. Als Toilettenpapier.

Erst Monate später verriet der Heimkehrer-Bote aus der Sowjet-Union Frau Lieselotte Wagner in Koblenz die Entwickler-Formel: "Das Papier vorsichtig mit einer einprozentigen Eisenchlorid-Lösung betupfen!" Es klappte. Jedes Wort war zu lesen. Und Frau Martin in Mannheim hatte ihre eidesstattliche Erklärung.

Jetzt ließ Dr. Wagner nicht mehr locker. Bei jedem Toten notierte er sich genau Namen, Vornamen, Dienstgrad, Geburtsjahr, Todestag, Todesursache und schließlich auch den Vatersnamen. Und als Ende 1948 von einer Auflösung des Lagers Lesnaja gemunkelt wurde, setzte er eine neue Tannin-Lösung an.

Diesmal nahm er ein Stück Packpapier von einem Paket, 30 mal 50 cm groß, als Briefbogen. Die eine Seite des Bogens faßte 78, die andere 85 Landsernamen, das war Lesnajas komplette Totenliste bis Dezember 1947.

Ein heimkehrender Student aus Köln-Ehrenfeld steckte sich das schmutzige, dreimal gefaltete Stück Papier für menschliche Bedürfnisse in die Jackentasche. Nur die Auflösungsformel bekam er nicht mehr mit. So lag der Bogen Packpapier in Köln, bis Dr. Helmuth Wagner im Januar 1950 nach dreizehnmonatiger Wanderschaft durch russische Lager seiner Familie in Koblenz in die Arme fiel.

Diesmal mischte er selbst die Eisenchlorid-Lösung. Und als er mit der Flüssigkeit über das Papier fuhr, tauchte aus dem schmutzigen Braun in tiefschwarzen Lettern seine Totenliste aus Lesnaja auf. Nur vier Namen, die er beim unsichtbaren Aufzeichnen ineinandergeschrieben hatte, waren nicht mehr zu entziffern.

Die Suchdienstzentrale München reichte eine beglaubigte Abschrift der Liste an die "Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht" nach Berlin. Im Spätherbst 1950 endlich erhielten die Familien der Toten von Lesnaja den amtlichen Todesbescheid.

Die vier ineinandergeschriebenen Namen auf der Liste bleiben indessen weiter ein Geheimnis des braunen Papierbogens. Dr. Wagner bat die Koblenzer Kriminalpolizei, ihm mit optischen und chemischen Kripo-Mitteln bei der Entschlüsselung dieser vier Namen zu helfen. "Da Zivilpersonen solche Anträge nicht stellen können", wurde er wieder fortgeschickt. Und auch das Bundesjustizministerium hat ihm die Liste im alten Zustand zurückgegeben.


DER SPIEGEL 18/1951
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