30.05.1951

KARIKATUR / PRESSESo lacht das Krokodil

Wo sonst die Spötter sitzen, hocken jetzt in der Ostzone die tierisch-ernsten Klempner des positiven Humors.
Der positive Humor ist eine Erfindung des SED-Kunstideologen Wilhelm Girnus. Er gluckst aus der Tiefe seines stattlichen Leibes, den im Sommer eine kurze weiße Leinenhose schnürt, wenn er über den ersten Produkten der anbefohlenen Witz-Linie brütet. Das sind schale Witzchen wie der von dem etwas rückständigen Volkslehrer und Paulchen, dem gewitzten Aktivisten-Sohn. Lehrer: "Paulchen, sparen schreibt man aber mit kleinem 's'". Paulchen: "Nee, Herr Lehrer, in Vater sein'm Betrieb wird sparen immer groß geschrieben."
Oder Karikaturen wie die in der anspruchsvoll sein sollenden Intellektuellen-Zeitung des ostzonalen Kulturbundes "Sonntag": Eine Westberlinerin bringt ihren Mann zum Arzt. Der hat die Maulsperre. Unterschrift: "Mein Mann war zum erstenmal in Ostberlin und hat die Vorbereitungen zu den Weltfestspielen angesehen. Und jetzt bekommt er vor Staunen den Mund nicht mehr zu."
Es ist schon ein fader Witz mit dem staatlich gelenkten Witz. Zeichner und Satiriker sollen nach einer Anweisung der Kulturabteilung des SED-Zentralsekretariats "nicht mehr witzelnd am Rand des Zeitgeschehens sitzen, sondern ihren Witz aktivieren und ihn zielbewußt zu einer politischen Kraft machen, die in die Gestaltung unseres Lebens eingreift, die zur Entlarvung der Kriegstreiber beiträgt und die den Kampf um den Frieden führen hilft".
Lachen links bedeutet heute nicht mehr in erster Linie Gesellschaftskritik, sondern "positive Herausstellung der Erfolge der Sowjetunion, besonders der sowjetischen Wissenschaftler, der Leistungen des Fünf-Jahres-Planes, unserer Freundschaft mit den Volksdemokratien und unbarmherziger Kampf gegen Schädlinge, den aggressiven USA-Imperialismus und seine deutschen Lakaien".
Alle Arbeiten, die sich nicht auf diesen Leisten schlagen lassen, werden als "formalistisch" abgelehnt. "Die Formung des Unwahren ist genau so formalistisch wie
die Formung um der Form willen, die ebenfalls vom Unrealen ausgeht", sagt Kultur-Girnus dunkel. Unwahr ist für ihn alles, was nicht einwandfrei in den Streifen der sowjetisch-dirigierten Zweckpropaganda paßt.
Große Könner, wie der spröde Pommer George Grosz, Berlins berühmtester Zeichner der Weimarer Zeit, werden als formalistisch abgelehnt. Grosz vor allem, seit der Leipziger Literaturhistoriker Prof. Wieland-Herzfelde zu seiner eigenen Rehabilitierung nach Rückkehr aus der West-Emigration verbreitete, Grosz habe mal drüben in USA im Boheme-Kreis nach Mitternacht gesagt: "Mir schmeckt Rumpsteak auch von den goldenen Tellern des Kapitalismus. Seit ich in Amerika bin, habe ich alle meine Werte verloren."
Tatsächlich ist Grosz, heute 59, in New York ziemlich banal geworden. Von dem alten Grosz aus dem Armenviertel blieb nicht viel übrig. Sein Stift war einmal schärfer, als Menschenaugen sein können. Er enthüllte Habgier der Geschäftemacher, Lüsternheit und Erwerbstrieb der Dirnen, Müdigkeit und Selbstenttäuschung der Bürger, Brutalität und Stumpfheit der Militärs.
Auch Wilhelm Busch wird abgelehnt. Rundschreiben des kulturellen Beirats, Durchlaßventil in Berlin-O für alle Druckgenehmigungen, an alle Verlage: "Es hat keinen Zweck, immer wieder Anträge auf Neuauflagen von Wilhelm Busch zu stellen. Solche Literaturerzeugnisse einer überwundenen Epoche passen nicht mehr in unsere Zeit, da sie die Erziehungstendenzen in der DDR stören."
Die Erziehung beginnt nun bei den Handwerkern des Gebrauchshumors, den Satirikern und Karikaturisten. Manch einer, der bisher für klotziges Ostmark-Honorar seinen Zeichenpinsel fortschrittlich über volkseigenen Karton schwenkte, muß sich jetzt sagen lassen, daß bei ihm die schwarze Tinte formalistisch kleckst.
Kultur-Girnus grollt sogar über Herbert Sandberg, den früheren Herausgeber des
zum Osten desertierten Nachkriegs-Kladderadatsches "Ulenspiegel". Als dann der Ulenspiegel eingeschmolzen wurde, bemühte sich Sandberg um einen First-Class-Job bei der SED-Presse. Er bekam gleich eine Kollektiv-Kritik zu hören: "Glaubt Ihr Zeichner nur nicht, daß ein Eisenhower genügend charakteristisch ist, wenn man ihm eine Ami-Mütze auf den Kopf setzt."
Was charakteristisch ist, sollen die ostdeutschen Karikaturisten von Boris Jefimow und seinem Zeichner-Kollektiv, den "Kukryniksys", lernen. Das sind die positiven Humoristen des einzigen sowjetischen Witzblattes "Krokodil". Jefimow schickte Vorlagen nach Berlin, die das einzige noch in der Ostzone zugelassene Witzblatt "Frischer Wind" pflichtgemäß als Meisterstück sowjetischer Zeichenkunst am 2. April veröffentlichte: einen triefäugigen Adenauer als Zahlkellner mit der Rechnung in der Hand: "Marshall-Hilfe, Besatzungskosten, Wiederbewaffnung, Kanonenfutter."
"Das 'Krokodil' lacht, um zu bessern und zu erziehen. Man kann es einem Kinde und auch einem jungen Mädchen zeigen, ohne Gefahr zu laufen, daß dieses erröten müßte", preist der Moskauer Girnus, Prof. I. S. Swawitsch, die Sauberkeit der zwerchfellähmenden Produkte der vier Kukryniksys. Frauen und Mädchen werden nur als Aktivistinnen dargestellt, frigid, mit gebauschtem roten Tuch über üppigen Ost-Busen, jeder Zoll Gleichberechtigung, und sei es bei der Arbeit auf dem Bau.
Zeichner wie der sex-appeal-schmissige Viktor Friese, der seit Jahren wegen Distrophie an seinen Rollstuhl gefesselt, nur langbeinige, schlanke Mädchen in Toiletten- oder Käsekuchenpose zeichnet, können nun bei Ost-Zeitungen nichts mehr absetzen. Als Altkommunist Lex Ende, der vor einigen Monaten während seiner Parteistrafe im Freitaler Eisenwerk sehr schnell in den Tod flüchtete, noch stiller Chefredakteur des "Frischen Wind" war (verantwortlich zeichnete allerdings wegen des Finanzamtes der witzlose Sauertopf Armin Hauswirth, denn in Hauptfunktion war Lex Ende Chefredakteur des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland"), durfte Friese noch erotische Schwüle in den "Frischen Wind" pusten.
Heute lehnen die Kultur-Ideologen in der Lothringer Straße alles ab, "was die Menschen in unserer Republik von der politischen Zielsetzung ablenkt". So wie die Sowjets ihren spritzigsten Satiriker, Michail Soschtschenko (Autor von "Schlaf schneller, Genosse"), längst abgelehnt haben - "diesen Soschtschenko mit seinen von Zynismus erfüllten Erzählungen, seinen Schmähschriften über die sowjetische Wirklichkeit.
Es hatten sich damals einige Spießbürger in die Redaktionsstuben eingeschlichen, die nun versuchten, in diesem Autor die Spuren eines Talents zu entdecken" (Prof. I. S. Swawitsch).
Nach dieser Lesart waren unter den Pressezeichnern der Ostblätter viele Spießer. Sie fühlten das selbst und machten Schluß. So Erwin Kutz, Hennecke unter den Nachkriegszeichnern Berlins. Hauptjob: Die sowjetamtliche "Tägliche Rundschau" und fast alle in Berlin erscheinenden Ost-Zeitungen. Daneben Seitensprünge zur Westpresse unter Pseudonym.
Der fleißige Kutz lieferte auf Bestellung innerhalb einer Stunde jede Sorte Adenauer, McCloy, Eisenhower und McArthur, Lieblingsfiguren: die Westberliner SPD-Prominenz Türken-Reuter, "Sozialfaschist" Neumann und Gewerkschaftsfeldwebel Scharnowski. Die Karikaturen-Konfektion brachte ihm monatlich mehrere tausend Ostmark ein.
Als auch Kutzens robuster Strich "formalistisch" genannt wurde, blies der Choleriker den gerade von der SED-Parteihochschule
zurückgekommenen "Frischen Wind"-Chef Walter Heynowski mit Stärke 10 an: "Genosse Chefredakteur. Du bist dümmer von Klein-Machnow zurückgekommen, als Du hingegangen bist." Darauf wehte der Ostberliner "Frische Wind" den stürmischen Kutz über die Sektorengrenze ins Westberliner Lokal "Berliner Luft", wo er dann dem Wirt die schmissigsten Dekorationen an die Wand zauberte - für Westgeld. Jetzt berichtet Kutz über seine Seelenwandlung in der Westberliner satirischen Zeitschrift "Tarantel": eine ganze Kutzseite "Wandlung eines Künstlers".
Andere Zeichner, wie Pinguin alias Gerhard Kurth, vor 1945 Starzeichner des Luftwaffen-"Adler", haben schon früher ihre Honorarweide in der Ostzone verlassen. Auch namhafte Alt-Karikaturisten wie Barlog, von Möllendorf und Bradtke, arbeiteten zeitweise für Ost, dann für West. Nachzügler aus dem Osten schmälern ihnen auf den westlichen Weideplätzen die Nahrung.
Sagt Altmeister der Pressezeichner Carl Sturtzkopf, heute München-Obermenzing, früher zusammen mit dem emigrierten Walter Trier im Vorstand des Verbandes der Pressezeichner in Berlin: "Vielen Zeichnern steht das Wasser bis zum Hals. Der Papierpreis steigt, die Verleger wollen sparen. Das war vor 1933 anders. Da konnten allein in den Redaktionen der Reichshauptstadt über 100 Leute vom Zeichenstift leben. "Auch damals waren die Zeichner politisch labil. Da wurden oft über alle Parteidogmen der Blätter, für die sie arbeiteten, hinweg Freundschaften geschlossen, so daß zum Beispiel Vicky (früher 12-Uhr-Blatt, Berlin, heute News Chronicle, London) und ich (früher Berliner Nachtausgabe) heute noch Freunde sind, obwohl wir während des Krieges für sehr verschiedene Firmen gearbeitet haben."
"Böse waren sich nicht einmal Schäfer-Ast (heute Weimar) und der Hauszeichner des 'Völkischen Beobachters', Schweizer-Mjölnir, den Goebbels zum Professor machte. Mjölnir, weiland Reichsbeauftragter für künstlerische Formgebung, deckte Schäfer-Ast kollegial, als er Schwierigkeiten wegen seiner jüdischen Frau bekam."
Grund für diese Solidarität nach Sturtzkopf: "Die Zeichner haben sich im redaktionellen Alltag jeden politischen Ehrgeiz oder Idealismus abgewöhnt. Hauptsache: So gut zeichnen können, daß ich Erfolg habe, gut bezahlt werde und mit meiner Familie so leben kann, wie es nötig ist, um sich frei bewegen zu können. Wir zeichnen also etwa für jeden, der uns gut bezahlt."
Damit diese politische Labilität nicht nur seinen deutschen Kollegen angekreidet wird, hat Sturtzkopf auch hier einen Kronzeugen aus der internationalen Karikaturisten-Elite
parat: "In einer US-Zeitung war während des Krieges ein Dorothy-Thompson-Interview mit dem englischen Zeichner David Low abgedruckt, in dessen Verlauf die Thompson fragte, welcher britischen Partei Low angehöre. Die Antwort des Karikaturisten: Keiner. - Ich bin ein Künstler, sitze am Wegrand und mache meine Glossen über irgendwen."
Im Osten will man von solchen Routiniers nichts mehr wissen. Sie seien allesamt käuflich und deshalb ungeeignet für den sturen Parteistaat. Nach den Volksredakteuren werden jetzt auch Volkskarikaturisten herangebildet. Bester Nachwuchsstar: Erich Schmitt, begabter Absolvent der Berliner Skid-Schule*) für Zeichner.
Außerdem hat er noch eine angeborene Tugend, die seine Protektoren hoffen läßt, daß wenigstens er linientreu ist und bleibt: Schmitt hat eine proletarische Großmutter und war vor 45 von Beruf Schlosser, ehe er in Dönitz' Kriegsmarine Hitlers Kuli und nach dem Kriege Zeichner wurde.

DER SPIEGEL 22/1951
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