13.06.1951

LANDSBERGMr. Brit ist eingetroffen

Fünf von den sieben Witwen der in Landsberg gehängten Rotjacken sind mit ihren eingesargten Toten im Leichenauto in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Auch Elisabeth Naumann und Eleonore Pohl hätten von der Genehmigung zur Leichenüberführung gerne Gebrauch gemacht. Elisabeth Naumann konnte aber die Transportkosten nicht aufbringen, und Frau Pohl hatte in Halfing am Chiemsee für den toten SS-Obergruppenführer Oswald Pohl, dem die Verwaltung aller Konzentrationslager unterstanden hat, keine Begräbnisstätte gefunden.
Halfings Gemeinderat hatte Frau Pohl unmißverständlich wissen lassen, eine Beisetzung des in der Haft zum Katholizismus übergetretenen Kriegsverbrechers Pohl komme auf dem Gottesacker der Gemeinde nicht in Frage. Ein Gemeinderatsmitglied fügte hinzu, von ihm aus könne Pohls Leiche auf den Misthaufen geworfen werden. Oswald Pohl mußte deshalb auf dem Landsberger "Friedhof der Namenlosen" neben dem SS-Brigadeführer Erich Naumann - der Massentötung von Juden, Zigeunern und anderen "unerwünschten Elementen" für schuldig befunden - als Nummer 250 bestattet werden.
Auch Frau Margot Braune hätte fast im letzten Augenblick den Leichentransport nach Oeslau bei Coburg umdisponieren müssen. Ein Telefonanruf aus Oeslau meldete, der Gemeinderat sei zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten und habe sich erst nach langer Debatte entschlossen, dem Kriegsverbrecher Dr. Werner Braune (wie Neumann der Massentötung für schuldig befunden) ein Grab auf dem Gemeindefriedhof zuzubilligen.
Die Wahl des Platzes wollte man sich selbst vorbehalten. Die Beisetzung in einem
Familiengrab wurde nicht genehmigt. Bei dieser Gemeinderatssitzung, hieß es, sei vor allem bedenkenvoll diskutiert worden, welche nachteiligen Folgen ein zustimmender Gemeinderatsbeschluß im Falle eines Einmarsches der Russen haben könnte.
Das Leben, das den Männern 1947 durch das Nürnberger Militärtribunal abgesprochen wurde und das nach grauenvollem Hin und Her am 7. Juni unter dem Landsberger Galgen endete, muß für die hinterlassenen Frauen weitergehen.
Maria Schallermair, Frau des KZ-Wachmannes Georg Schallermair (des Mordes an KZ-Insassen für schuldig befunden) wurde fünfmal nach Landsberg gerufen, um zum letztenmal Abschied von ihrem Manne zu nehmen. Die sechs anderen Frauen reisten damals mit Totenhemden, Leichentüchern, Blumen und einige sogar mit Särgen nach Landsberg. Am 13. Februar war den Frauen im Wartezimmer der Festung Landsberg verkündet worden, die nun folgenden drei Stunden mit ihren Männern würden die letzten sein. Es sei aber auch möglich, daß am nächsten Tage noch einmal eine Besuchsstunde genehmigt würde.
Damals befand sich das Gefängnis in Alarmzustand. Die Tore waren außer den üblichen Verschlußsicherungen von innen mit drei schweren Eisenketten gesichert. Bei den Wachmannschaften, zum Teil polnischen DPs, herrschte eine Atmosphäre nervöser Ueberreiztheit. Um Mitternacht erfuhren die Frauen, daß der Henker, Mr. Brit, eingetroffen sei. Die bei Hinrichtungen übliche technische Abwicklungsmaschinerie lief auf vollen Touren.
Am nächsten Morgen kommt die Nachricht, den Todeskandidaten seien ihre paar Habseligkeiten, ihre Briefe, ihre Wäsche abgenommen worden, sie seien also für den Galgen präpariert. Noch einmal wird den Frauen eine letzte einstündige Begegnung mit den Männern gewährt. Aber keine Umarmung, kein letzter Händedruck. Die Eheleute trennt ein Gitter. Jedes Wort wird von Wachsoldaten mitgehört, jede Bewegung beobachtet. Auf dem Rückweg zum Hotel, am Arm der Prinzessin Helene Elisabeth von Isenburg, der "Mutter der Landsberger", sehen die Frauen, daß die Gräber auf dem Landsberger Gefängnisfriedhof bereits ausgeschaufelt sind. Den Rotjacken wird um Mitternacht eröffnet, daß die Hinrichtung in 24 Stunden vollstreckt werden wird.
Drei Stunden später kommt ein Posten in die Todeszellen und verkündet den in Washington verfügten Hinrichtungsstop: Rotjacken-Verteidiger Mr. Magee hat einen Vollstreckungsaufschub zunächst für vierzehn Tage und dann für einen weiteren Monat erreicht.
Was die Rotjacken und ihre Frauen am 14. und 15. Februar durchgemacht haben, wiederholte sich in nahezu gleichem Ablauf am 24. und 25. Mai.
Hatte im Februar noch eine Hoffnung bestanden, in letzter Minute eine Begnadigung durch die höchsten amerikanischen Instanzen zu erreichen, so schien jetzt nach Ablehnung aller Anträge durch den Supreme Court jede weitere Hoffnung sinnlos.
An diesem Maiabend sitzen die Frauen in Landsbergs Bahnhofsgaststätte zusammen, um ihren Männern, mit denen sie eben noch lebendig Gespräche geführt haben, die Todesanzeigen zu formulieren, um Särge zu bestellen und mit den Gärtnereien wegen des Blumenschmucks zu verhandeln. Als dann eine Stunde vor dem angesetzten Hinrichtungstermin der neue Exekutivstop verkündet wird, scheint es allen undenkbar, daß sich die zweimal durchlebten Qualen noch ein drittes Mal wiederholen könnten. Die für den Sargschmuck
vorgesehenen Blumen werden dankbar der Prinzessin Isenburg, die sich monatelang um die Gefangenen und um ihre Frauen gekümmert hat, überreicht.
Am 4. Juni fahren vor den Wohnungen der Frauen amerikanische Militärpolizisten vor und fordern die Frauen auf, sofort zum letzten Besuch ihrer Männer nach Landsberg zu kommen. Wer wolle, könne gleich mitfahren. Die Rotjacken merken die dritte Vorbereitung zu ihrer Hinrichtung durch eine neue Verlegung aus ihren Zellen in den Todeskeller. Aber die Frauen der Rotjacken rechnen in der Nacht vom 6. auf 7. Juni kaum noch mit der Hinrichtung ihrer Männer. Aus den USA war am 26. Mai die Uebersendung der 610 280 für die Begnadigung der Landsberger gesammelten Originalunterschriften telegrafisch angefordert worden. In 11 Luftpostpaketen erhielt sie postwendend Mr. Magee, der für die 7 Landsberger bestellte amerikanische Verteidiger. Magee dankte telegraphisch und berichtete über die Vorlage der Petition im Weißen Haus.
Dann lief in Landsberg das Gerücht um, der Nordwestdeutsche Rundfunk habe in den Frühnachrichten einen erneuten Hinrichtungsstop gemeldet. Eine Rückfrage ergab, daß in Washington der Supreme Court um 19 Uhr zusammengetreten sei, um noch einmal über die von Mr. Magee vorgelegten Anträge zu entscheiden. Zudem habe McCloy vom amerikanischen Außenamt genaue geheime politische Instruktionen erhalten. Darauf war Pohl-Verteidiger Mr. Wiehl voller Zuversicht; in dieser Nacht werde es keinesfalls zur Hinrichtung kommen.
Erfahrungsgemäß wäre nun um 23 Uhr mit der Verkündung eines neuen Hinrichtungsstops zu rechnen gewesen. Als die Landsberger Kirchenuhr jedoch die Mitternachtstunde ansagte, war die Nachricht noch immer nicht eingetroffen. Wenn vor dem Bahnhofshotel, in dem die sieben Frauen in einem Zimmer schweigend zusammensaßen, ein Wagen vorfuhr, starrte sich alles erwartungsvoll an. Es waren aber immer nur die Jeeps der amerikanischen Alarmeinheiten.
Um 3 Uhr nachts wird Prinzessin Isenburg herausgebeten. Pfarrer Ermann, der evangelische Gefängnisgeistliche, wünsche sie zu sprechen. Als es heißt, der Pfarrer wünsche jede Frau einzeln zu sprechen, gibt es keinen Zweifel mehr. Die Hinrichtungen sind vollzogen worden.

DER SPIEGEL 24/1951
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