13.06.1951

BASS / JAZZ

Oscar zupft besser

Das Cello hat sich den Jazz erobert, den echten, den authentischen Jazz. Das ist neu. Celli gab es bisher allenfalls in der kommerzialisierten Jazz- und Sweetmusik.

Jetzt hat der Bassist Oscar Pettiford das Cello in die Jazzmusik eingeführt. Die Fachleute diesseits und jenseits des Atlantik werten es als ein Ereignis in der Geschichte des Jazz.

Oscar spielt sein Cello nicht so, wie man es normalerweise spielt. Er spielt es "pizzikato". Er streicht nicht, sondern er zupft. So wie er noch vor kurzem seinen Baß gezupft hat.

Das Cello soll nicht den Baß ersetzen. Deshalb verwendet Oscar in seinem Ensemble Cello und Baß zusammen. Der Kontrast zwischen dem gezupften Baß und dem gleichermaßen gezupften Cello ist wieder einmal das, was man seit Jahren in der Jazzmusik sucht: ein "new sound", ein neuer Klang.

Cellist Oscar Pettiford gilt als einer der besten Bassisten der Jazzmusik. Er wurde zum Star der Jazzfamilie Pettiford, obwohl er zuerst, neben Klavier und Schlagzeug, auch Medizin studierte, bevor er zum Baß fand.

Oscar hatte dreizehn Geschwister, die sich alle musikalisch produzierten, die Pettiford-band war eine ausgesprochene Attraktion. Vater Harry Pettiford dirigierte vom Schlagzeug aus. Mutter Leontine saß am Klavier. Elf von den dreizehn Kindern verteilten sich auf die übrigen Instrumente. Sieben waren Mädchen.

Das bedeutete den Untergang der band schon im Augenblick ihrer Entstehung, die sieben wurden nacheinander weggeheiratet. Was übrig blieb, war so kümmerlich, daß sich Pettifords Familien-band nicht mehr rentierte.

Da drei Mädchen Saxophon bliesen, ging der Saxophonsatz zuerst in die Brüche.

Leontine, die älteste, war das wichtigste Mitglied des Orchesters. Sie blies Alt-, Tenor- und Sopransaxophon und außerdem noch Klarinette. Marjorie stand ihr nicht nach. Statt des Tenors spielte sie Baritonsaxophon, im übrigen die gleichen Instrumente wie Leontine und außerdem noch Flöte.

Eines Tages bekam Vater Pettiford Schwierigkeiten mit seinem Baßspieler, dem einzigen Musiker, der nicht zur Familie gehörte. Weil gerade niemand anderes zu finden war, sollte es der kleine Oscar einmal mit dem großen Kontrabaß versuchen. Er konnte bisher schon das Klavier traktieren und ein bißchen das Schlagzeug bearbeiten. Also würde es schon gehen. Ein alter Baß fand sich zufällig in einer Ecke des Lokals, in dem man gerade spielte.

Oscars Vater brauchte nur 25 Dollar dafür zu zahlen, der Baß hatte eben einen Autounfall mitgemacht. Heute, wo Oscar ein berühmter Mann ist, sagt er, daß er niemals in seinem Leben so virtuos spielen mußte wie damals auf dem zusammengefahrenen Baß.

Er nahm straff gespannte Schnüre an Stelle von Saiten. Saiten waren damals schwer zu bekommen. Sie kosteten mehr, als sich Pettifords Familien-band leisten konnte.

Man spielte damals im Staate Georgia. Dort gibt es ein Gesetz, daß Kinder, die älter als zwölf Jahre sind, ihren Eltern fortlaufen dürfen. Oscar, 14 Jahre, machte sich das zunutze. Seine Finger, mitgenommen von Schnüren und schlechten Saiten, bestanden fast nur noch aus Knochen, er konnte nicht mehr.

Oscar wollte Medizin studieren, um sich selbst zu heilen. Lange ging es ihm nicht gut. In Savannah mußte der Vierzehnjährige als Gepäckträger sein Geld verdienen. Dort erfuhr er, daß sein Vater einen Teil seines Daumes verloren hatte. Für einen Schlagzeuger bedeutet das das Ende.

Oscar kehrte schnurstracks zurück, um zu helfen. Er ging wieder zur Schule und spielte Baß mit dem Rest von Pettifords Familien-band. Sie bestand jetzt aus dem Trompete-blasenden Bruder Alonso, Schwester Marjorie, der Mutter am Klavier, dem

Vater, der nur noch mit einer Hand Schlagzeug spielen konnte, und dem kleinen Oscar am Baß.

Und dann heiratete Marjorie. Die Pettifords wußten nicht mehr, was sie tun sollten. Sie hatten nicht mit Oscar gerechnet.

Oscar spielte in seiner Freizeit im "Boogie-Woogie-Club" der Minnesota-University. Eines Tages lud sich der Club-Erste den Chef des Symphonieorchesters aus dem benachbarten Minneapolis ein. Das war niemand Geringeres als der berühmte Dirigent Dimitri Mitropoulos. Die Jungens schrieben eine eigene Komposition für den großen Dirigenten: "Beat me, Dimitri".

Das Stück hat inzwischen Musikgeschichte gemacht. Jahre später spielte es Oscar Pettiford am Broadway. Er nannte es jetzt "For bass faces only". Dizzie Gillespie hörte es, war begeistert und schrieb darüber den "One bass hit", das berühmte "Jazzconcerto für Baß und Bebop-Orchester". Oscar hat nie einen Pfennig dafür bekommen.

Aber Dimitri Mitropoulos war schon damals begeistert. Nicht von dem Stück. "Das ist schrecklich", sagte er. Aber von dem Bassisten, der in Minnesotas "Boogie-Woogie-Club" spielte.

Ein paar Tage, nachdem Maestro Mitropoulos beim Minnesota-Boogie-Woogie-Club zu Gast gewesen war, fuhr Oscar nach Minneapolis, um den großen Dirigenten zu besuchen. Dabei traf er einen anderen Orchesterchef: Jazzorchesterleiter Charlie Barnet (siehe SPIEGEL Nr. 6/51). Oscar spielte ihm vor und war engagiert.

Nun hatte Charlie Barnet in seinem Orchester bereits einen Bassisten. Es war ein sehr bekannter Mann: Chubby Jackson. Jetzt sollte Chubby entlassen werden, weil Charlie Barnet ihn nicht leiden mochte. Aber Oscar trat seinen Dienst mit einer fertigen Partitur in der Tasche an: einem "Double Bass Concerto", einem Jazzkonzert für Orchester und doppelt bebesetzten Baß.

Der berühmte Chubby Jackson und der damals unbekannte Oscar Pettiford zupften ihre Bässe um die Wette. Fachleute meinten sofort: Oscar zupft besser. Das klang damals wie ein Sakrileg.

Oscars Karriere begann. Roy Eldridge, der große Trompeter, holte ihn sich zuerst

Dann spielte er auf New Yorks Jazzstraße, der 52nd Street, in dem ersten Bebop-Ensemble, das dort zu hören war. Zwei Jahre später, 1944, gewann er den Baßplatz Nr. 1 in der alljährlichen Rundfrage der großen amerikanischen Zeitschriften nach den besten Musikern des Jahres.

Oscar hat danach unter fast allen großen Orchesterleitern des Jazz gespielt. Sein berühmtestes Engagement war das bei Duke Ellington. Der Duke hat immer eine besondere Vorliebe für den Baß gezeigt. Die Geschichte des Basses in der Jazzmusik ist nicht zu denken ohne Duke Ellington.

Mit Oscar Pettiford machte Ellington eine seiner berühmtesten Baß-Schallplatten. Es war wieder eine Art Doppelkonzert: für Klarinette und Baß. Das Stück hieß "Air conditioned jungle". "Air conditioning" nennt man in Amerika die automatische Kühlluftzufuhr. Oscar Pettifords Klarinetten-Baß-Duo ist also ein "Urwald mit automatischer Kühlluftzufuhr".

Aber Oscar hat es nie lange im gleichen Orchester ausgehalten. Der junge Wendell Marshall wurde sein Nachfolger bei Duke Ellington. Auch für ihn machte der Duke ein Klarinetten-Baß-Duo, das er "Liebesgespräch" nannte: Die weibliche Stimme der Klarinette unterhält sich mit dem männlichen Baß.

Inzwischen sorgte Oscar eifrig weiter für "Kühlluftzufuhr" im Jazz. Er wurde einer der wichtigsten Musiker des neuesten Jazz-Stils: Des Cool-Jazz, des "kühlen" Jazz (siehe SPIEGEL Nr. 15/51).

Oscar ist einer der wenigen Musiker des modernen Jazz, der auch von den Anhängern der alten Jazzstile anerkannt wird. Das gibt es selten, denn der Krieg zwischen den Freunden des alten und denen des neuen Jazz ist so erbittert wie der zwischen Neutönern und Romantikern in der sogenannten "seriösen" Musik.

Oscar weiß: "Es gibt nicht viele Bassisten heute, die nicht irgendetwas von mir gelernt hätten ..." Auch andere Musiker haben von ihm gelernt. Im Be-bop-Stil wird das Thema, über das die Musiker improvisieren, zuerst im Unisono, im Einklang, vorgestellt. Die verschiedenen Musiker spielen im Oktavenabstand die gleiche Melodie, bevor sie zu improvisieren beginnen.

Das hat Oscar vor vielen Jahren dem Be-bop-König Dizzie Gillespie vorgeschlagen, als die beiden einmal ein paar Nächte lang in New Yorks Negerviertel Harlem zusammenspielten. Es ist seitdem eines der wichtigsten Stilelemente des modernen Jazz geworden.

Größer noch als der musikalische ist vielleicht der menschliche Einfluß Oscar Pettifords. Aehnlich wie Robert Schumann hat er eine Art musikalischer "Haus- und Lebensregeln", allerdings für den Jazz, aufgestellt. Hier ist eine Auswahl davon: "Lege all deine Liebe in dein Instrument. Wähle deine Umgebung sorgfältig, sofern sie sich auf Musik bezieht. Paß auf dein Verhalten auf, auf deine Art zu leben. Die falsche Umgebung ist so tödlich wie der Tod."

Wenn Oscar spielt, ist er so intensiv bei der Sache, daß man auf manchen seiner Platten ein Röcheln bemerkt, wenn man genau hinhört. Ein paar Mal ist er vor Erregung nach dem Spielen umgefallen. "Wenn ich sterbe, will ich musikmachend sterben", meint er.

Jetzt also hat er aufs Cello umgeschaltet, vielleicht schon aus Gesundheitsgründen. Das Cello ist nicht so anstrengend wie der Baß. Hofft Oscar: "Ich werde wohl noch eine Weile zupfen können."


DER SPIEGEL 24/1951
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 24/1951
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BASS / JAZZ:
Oscar zupft besser